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Praxis statt Prosa

Chris Löwer
Foto: Patrick Voigt
Die Zahl der Gründerwettbewerbe in Deutschland nimmt weiter zu. Die Frage ist nur: Beschleunigen sie wirklich den Unternehmensstart?
Noch vor ein paar Wochen waren in der ehemaligen Großbäckerei, aus der die Ost-Schrippen für Berlin und Brandenburg kamen, angesagte Clubs wie das ?Cookies“ oder das ?Casino“ zu Hause. Jetzt machen sich im Berliner Multimedia-Zentrum ?Backfabrik.de“ einige Drahtzieher der New Economy breit. Ein passender Ort also, um die 88 erfolgreichsten Konzepte beim Gründerwettbewerb Multimedia 2000 des Bundeswirtschaftsministeriums auszuzeichnen.

Gut zu wissen

Die besten Jobs von allen


Die erfolgreiche Teilnahme an Businessplan-Wettbewerben bringt Öffentlichkeitswirkung, Feedback, Kontakte zu Beratern, Hochschulvertretern, Investoren – und natürlich Geld. Es überrascht nicht, dass die von Junge Karriere befragten Preisträger der wichtigsten Businessplan-Wettbewerbe in Deutschland eine solch positive Bilanz zogen.

Vor allem Publicity und Ansehen verschafft eine Auszeichnung bei einem Wettbewerb. Die kritische Bewertung der Geschäftsidee ist neben dem Knüpfen von Kontakten ein wichtiges Argument für die Teilnahme. Die Gewinnsumme dagegen stuften nur die im Nachhinein als bedeutsam ein, die mehr als 50.000 Mark Prämie erhalten hatten.

Allerdings blieben die Ausrichter der Wettbewerbe nicht ganz von Kritik verschont: Zu oft werde nur die Geschäftsidee, nicht aber die Qualifikation der Gründer bewertet, sagten manche Preisträger. Einige vermissten individuelle und kompetente Beratung, besonders in der Gründungsphase, sowie Kontakte zu wirklich wichtigen Mentoren aus der Praxis. Viele Berater und Investoren wurden dagegen als zu aufdringlich eingestuft.

Von den Veranstaltern wünschten sich einige Preisträger transparentere Bewertungskriterien für neue Teilnehmer und den Schutz vor Ideenklau. Die Jungunternehmer halten aber auch die Einrichtung einer Gründergemeinschaft für sehr wichtig. Sie könnte einen neutralen Informationsaustausch ermöglichen sowie als Job- und Mitunternehmerbörse dienen. Daneben könnten über eine solche Plattform Kooperationen angebahnt werden.

Der vereinzelten Kritik zum Trotz: Die Lust auf die Gründung haben die Wettbewerbe keinem der Befragten verhagelt.
Zumindest optisch kommen die Preisträger dem Bild des erfolgreichen Unternehmers schon sehr nahe: Man trägt Anzug. Bundeswirtschaftsminister Werner Müller schüttelt Hände und macht Mut. Allein im vorigen Jahr hätten die Teilnehmer mehr als 6.000 neue Arbeitsplätze in der IT-Branche geschaffen. ?Das zeigt, dass wir in Deutschland ein ungebrochenes Gründerklima haben“, folgerte Müller. Und: ?Wettbewerbe verleihen der Gründungswelle in Deutschland neue Impulse.“ Wirklich? ?Ja, allein die öffentliche Würdigung der Gründer und der Anstoß zum Networking verbessern das Gründerklima ungemein“, meint Guido Brand. Mit seinem Unternehmen I.motions, einer Agentur für interaktive Werbefilme im Internet, hat der 27-jährige Student beim Wettbewerb einen ersten Preis gewonnen.

?Eigentlich wollte ich Werbetexter werden“, erzählt der Gründer. ?Der Wettbewerb hat mich aber bestärkt, mich selbstständig zu machen.“ Brand lobt den Zwang, unter Termindruck ein klares Konzept ausarbeiten zu müssen. Für den Noch-Studenten könnte das Angebot an Gründerwettbewerben noch breiter sein: ?Gerade an Hochschulen gibt es da viel zu wenig.“

Masse und Klasse?
Dabei haben sich die Wettbewerbe in den vergangenen drei Jahren wie Startups in Fabriklofts vermehrt. Neben den großen bundesweiten Ausschreibungen wie Startup oder dem Gründerwettbewerb Multimedia gibt es viele regionale und branchenspezifische Angebote. Das Angebot ist unübersichtlich geworden. Immer geht es um Geld- und Sachpreise, Erfahrung, Beratung, Netzwerke und vor allem darum, einen Geschäftsplan zu erstellen, der Geldgeber überzeugt.

Das Fraunhofer Institut für Systemtechnik und Innovationsforschung (ISI) hat sich den Gründerpreis Multimedia herausgepickt und untersucht, was eine Teilnahme bringt. Die Bilanz ist positiv: Es gab innerhalb von drei Jahren mehr als 1.000 Firmengründungen. Damit haben fast alle Wettbewerbsteilnehmer der Jahrgänge 1997 bis 1999 ein Unternehmen gestartet. Dabei sind jährlich zwischen 4.000 und 6.600 neue Jobs geschaffen worden. Und zunehmend würden die Teilnehmer in größeren Kategorien denken und starten.

Besuch von McKinsey
So wie die Abaxx Technology AG. Innerhalb von zwei Jahren ist der Software-Entwickler aus Stuttgart zu einem 249-Mitarbeiter-Unternehmen herangewachsen. Der Vorstandschef und Mitgründer Jürgen Enders hat mit seinem Team immer wieder an Wettbewerben teilgenommen. Und immer erfolgreich. ?Das sind gute Angebote, die vor allem eines bringen: Publicity“, bilanziert Enders. Abaxx hat im ersten vollen Geschäftsjahr 30 Millionen Mark Umsatz gemacht, mit Kunden wie Dresdner Bank und Deutsche Bahn. Die musste das Team aber schon selbst akquirieren. ?Die Siege in den Wettbewerben haben uns keinen einzigen Kunden gebracht“, sagt Enders. Dafür kam die Unternehmensberatung McKinsey ins Haus. Die ?hervorragende Beratung“ war der Lohn für den dritten Platz im Wettbewerb Startup 2000.

Wo Licht ist, ist auch Schatten
Doch die Publicity hat für Udo Enste von Leikon, einem Aachener Beratungsunternehmen in der Automatisierungs- und Verfahrenstechnik, auch Schattenseiten. ?Selbst wenn die Ausrichter sich verpflichtet haben, nichts an Dritte weiterzugeben, besteht die Gefahr, dass doch mal etwas in die Hände von Nachahmern gerät“, glaubt Enste. ?Aufdringliche Venture-Capital-Geber und Berater“ ließen den Preisträger beim Businessplan-Wettbewerb des Verbands Neues Unternehmertum Köln-Bonn-Aachen (NUK) skeptisch werden. ?Ich würde nicht ausschließen wollen, dass beim lockeren Zusammensitzen Unbedarfte von Vertretern großer Unternehmen über den Tisch gezogen werden“, mutmaßt Enste.

NUK-Sprecherin Karin Hülss hält diese Vorbehalte für unbegründet. Unter anderem, weil die Ideen im Auswahlverfahren anonymisiert bewertet würden. Später könnten Teilnehmer im Businessplan besonders vertrauliche Stellen kennzeichnen. Hülss: ?Die Angst der Gründer kann ich gut verstehen, aber sie ist aus meiner Sicht unbegründet.“ Dennoch rät Leikon-Chef Enste völligen Neulingen, ihre heißen Ideen wie einen Schatz zu hüten.

Ein Bier auf den Erfolg
So ein Neuling war auch Martin Eschenbrenner, als er am Businessplan-Wettbewerb Berlin-Brandenburg teilnahm. Mit Erfolg: Kürzlich belegte der Brauingenieur den dritten Platz. Mittlerweile steht seine erste Brauanlage. Er plant, im Direktvertrieb ?Eschenbräu“ auf den Berliner Markt zu bringen. Ein würziges Gesöff, das er nach alter Tradition brauen will.

Für den 29-Jährigen sind es weniger die 5.000 Mark Preisgeld, die den Wettbewerb für ihn wertvoll machen, als vielmehr das Know-how. ?Gerade die Seminare zu Steuerrecht, Marketing, Organisation und der Erstellung eines Finanzplans waren wichtig. Ohne die hätte ich es wahrscheinlich gar nicht geschafft.“

Andreas Hilker dagegen hat seine Geschäftstätigkeit bis heute nicht aufgenommen. Sein Unternehmen Inag sollte eine Maschine zur Unkrautbekämpfung in der Landwirtschaft herstellen, die per Laserscanner Unkraut von Nutzpflanzen unterscheidet. Bei ?Promotion 1999“, der ersten Auflage des Gründerwettbewerbs der Wolfsburg AG, belegte er damit den dritten Platz.

Hilker sagt: ?Der Wettbewerb hat die Gründung verzögert.“ Zwar seien die Betreuer kompetent gewesen. Aber sie hätten den Neuling derart mit gesamtwirtschaftlichen Fakten für den Businessplan vollgepumpt, dass nach langer Arbeit ein überfrachtetes, wenig überzeugendes Exemplar dabei herausgekommen sei.

?Ein Business Angel hat mir in letzter Sekunde beim Entschlacken geholfen“, erinnert sich Hilker. Und die Nachbetreuung sei gleich null gewesen. ?Selbst konkrete Zusagen über Hilfen bei der Konstruktion und anderem sind im Sande verlaufen“, sagt Hilker. ?Das war nicht böser Wille, die Organisatoren waren schlicht überfordert.“

Beratung statt Bares
Sinniger als hohe Preisgelder für die Sieger sei eine kleine Anfinanzierung für alle Teilnehmer. Diese müsste an erste praktische Schritten gekoppelt werden. ?So könnte besser beurteilt werden, ob Idee und Gründer eine Zukunft haben“, meint Hilker.

Und recht bald sollte jedem Teilnehmer ein Mentor aus der Wirtschaft zur Seite stehen. Hilker: ?Bei einem solchen Verfahren der kleinen Schritte käme es darauf an, Praxis statt Prosa sprechen zu lassen.“

Auch Jürgen Enders von Abaxx fände es günstiger, statt Preisgeldern qualifizierte Beratung auszuloben. ?Mit den Preisgeldern kann man eh nur den Betriebsausflug finanzieren“, überspitzt Enders. Meist gehe das Geld an Gründer, die es nicht nötig hätten. ?So lockt man keinen aus dem Hinterzimmer“, ist er überzeugt.

Den Gründern der Berliner Publity AG, Jens Oenicke und Franz-Philippe Przybyl, stößt ohnehin die Art auf, wie die Gewinner bestimmt werden. Mit ihrer Idee für eine Internet-Plattform, auf der Privatanleger Neuemissionen von Aktien ordern können, siegten sie in den ersten beiden Runden des Businessplan-Wettbewerbs Berlin-Brandenburg. Nur nicht in der letzten.

?Da geht es um die Ausgewogenheit der Gewinner und nicht unbedingt um die Qualität der Arbeit. Das ist wie bei der Filmförderung: Hauptsache, alle politischen, religiösen und geschlechtlichen Gruppen sind vertreten.“ Dennoch: In Sachen Networking, Finanzier finden und Öffentlichkeit kann der junge Geschäftsführer eine Teilnahme nur empfehlen.

Auch Jürgen Enders macht weiter. Der Wettbewerbs-Marathonmann von Abaxx steht nicht nur vor dem Börsengang, sondern auch dem x-ten Gang vor die Jury: ?Klar werden wir wieder da teilnehmen, wo es noch geht. Die Unterlagen für den Entrepreneur des Jahres 2001 sind schon fertig.“

Internet: www.jungekarriere.com/gruenderwettbewerbe
Dieser Artikel ist erschienen am 22.06.2001