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Praxis geht vor

Kornelia Turkiewicz, Katja Stricker
Erst die Arbeit, dann das Studium: Vorpraktika sind für viele Studienfächer Pflicht. Vier bis zwölf Wochen müssen in der Regel "on the job" absolviert werden, bevor es an der Uni losgehen kann - je nach Studiengang und Hochschule. Frühzeitiges Umschauen zahlt sich aus: Wer sich zu spät um ein mehrmonatiges Praktikum bewirbt, verliert leicht ein ganzes Semester.
Die Freude übers bestandene Abitur währte bei Sara Heinen nicht lange. Denn um ihr Wunschstudium "Visuelle Kommunikation" an der Fachhochschule Aachen zum Wintersemester beginnen zu können, musste sie zuerst ein dreimonatiges Vorpraktikum absolvieren. Aus der Traum von der Sommer-Auszeit zwischen Abi und Studienbeginn. Wie der 19-jährigen Kölnerin geht es vielen Abiturienten. Vor allem in Design-, Technik- und Wirtschaftsstudiengängen sind Vorpraktika längst zur Pflichtübung geworden. Zahlreiche Hochschulen quer durch die Nation verlangen von ihren Erstsemestern bereits einschlägige Praxiserfahrung.

Rechtzeitig bewerben
Den frühen Abstecher in die Jobwelt verlangen vor allem Fachhochschulen von ihren Studienanfängern. So schickt die FH Darmstadt all jene, die sich für BWL, Maschinenbau und Journalismus einschreiben, vorab für einige Wochen in Unternehmen. Die FH Hannover tut das Gleiche mit ihren Elektrotechnik-, Maschinenbau- und Design-Studenten. Auch an der FH Münster ist für zwei Drittel aller Studiengänge ein Vorpraktikum erforderlich.
Vier bis zwölf Wochen müssen in der Regel "on the job" absolviert werden, bevor es an der Uni losgehen kann - je nach Studiengang und Hochschule. Frühzeitiges Umschauen zahlt sich aus: Wer sich zu spät um ein mehrmonatiges Praktikum bewirbt, verliert leicht ein ganzes Semester. Und die meisten Unternehmen - wenn sie überhaupt Praktika für Abiturienten anbieten - haben einen Vorlauf von drei bis sechs Monaten.


Auf eigene Faust
Bei der Suche nach einem Praktikumsplatz sind die frisch gebackenen Abiturienten meist auf sich gestellt: "Die FH wollte mich erst sehen, wenn ich mit meinem Praktikumszeugnis antanze", erzählt Sara Heinen. Unterstützung bei der Suche oder Kontakte zu Unternehmen - Fehlanzeige. Sie ist über Vitamin B an das ersehnte Praktikum gekommen: Zufällig kannte ihr Vater den Besitzer einer kleinen Agentur in der Nachbarschaft.
Ohne Berufserfahrung, Referenzen und Kontakte gestaltet sich die Bewerbung meist schwierig. Viele Firmen nehmen Praktikanten überhaupt erst nach einigen Semestern Studium. Aber es gibt auch rühmliche Ausnahmen: Größere Konzerne wie BMW, BASF, Audi und Jungheinrich lassen regelmäßig Abiturienten Praxisluft schnuppern.

Die besten Jobs von allen


Lebenslauf aufpeppen. Wer einen der 150 Vorpraktikumsplätze beim Autokonzern BMW ergattern will, sollte sich mit Anschreiben und Lebenslauf bewerben. "Bei der Auswahl achten wir vor allem auf Hobbys, Schulprojekte, außerschulische Aktivitäten oder darauf, welche Ferienjobs der Schüler bereits gemacht hat", verrät Martina Hatzel von BMW. Im Anschreiben sollten Bewerber kurz erklären, warum sie gerade dort ihr Vorpraktikum absolvieren wollen. Die Praktikanten werden je nach Studienrichtung eingesetzt. Angehende Ingenieurstudenten arbeiten beispielsweise in der Produktion und helfen beim Bau von Autoteilen mit. "Die dürfen bei uns schon richtig mit anpacken", sagt Hatzel. Honoriert werden die Vorpraktikanten mit 360 Euro.
Bafög auch für Praktikanten. Da die meisten Firmen nur eine Aufwandsentschädigung von höchstens einigen hundert Euro an ihre Praktikanten zahlen, macht ein Vorpraktikum in der Umgebung Sinn. So fallen keine Extrakosten für Wohnung und Fahrten an. Eine Finanzspritze gibt es in vielen Fällen auch vom Staat, denn schon während des Vorpraktikums können angehende Studenten Bafög beziehen.
Auch wenn Sara Heinen keinen Pfennig bekommen hat, bereut sie die Praxiszeit nicht: "Ich habe viel gelernt." Ein bisschen bedauert sie, nicht mehr Zeit auf die Suche verwendet zu haben. "Sicher hätte ich in einer größeren Agentur mehr mitbekommen." Doch für die 19-Jährige wird es nicht das letzte Praktikum gewesen sein. Das Studium beginnt ja erst.


In diesen Unternehmen sind Abiturienten willkommen: Die karriere-Liste aus dem Heft als PDF:




Dieser Artikel ist erschienen am 02.09.2005