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Praktikum in Kasachstan

Almaty, Kasachstan. Eine Woche Almaty liegt nun hinter mir. Ein Woche voller neuer Eindrücke. Eine Woche in einem fremden Land. Eine Woche der Orientierung. Das Flugzeug aus Hannover landete in der Nacht zum Montag, den 19. April 2004 nach einem Zwischenstopp in Kasachstans Hauptstadt Astana auf dem internationalen Flughafen von Almaty.
Almaty, Kasachstan. Eine Woche Almaty liegt nun hinter mir. Ein Woche voller neuer Eindrücke. Eine Woche in einem fremden Land. Eine Woche der Orientierung.

Das Flugzeug aus Hannover landete in der Nacht zum Montag, den 19. April 2004 nach einem Zwischenstopp in Kasachstans Hauptstadt Astana auf dem internationalen Flughafen von Almaty. Die Einreise gestaltet sich sehr einfach. Passkontrolle. Das war?s. Der sorgsam ausgefüllte Deklarationszettel spielte keine Rolle. Nachdem ich meine Koffer zusammen hatte ? was kein Problem war, denn in Astana waren fast alle Passagiere ausgestiegen, lediglich sechs mussten nun noch in Almaty auschecken ? betrat ich die Ankunftshalle. In diesem Moment stürzten sich die Taxifahrer auf mich. Nein, ich spreche kein Russisch, nein, ich benötige kein Taxi ? ich werde abgeholt. Nachdem ich mich durch die Taxifahrer gekämpft hatte guckte ich auf die Uhr. Das Flugzeug hatte eine Stunde Verspätung ? und ein Schild mit der Aufschrift Wiebke Brinkmann war nicht in Sicht. Verunsicherung machte sich breit und das ungute Gefühl, sich im Ernstfall ? der da wäre, dass ich nicht abgeholt würde ? nicht verständigen zu können.

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Eine Sekunde später erwiesen sich alle Befürchtungen als überflüssig. Eine junge Frau und ein älterer Mann betreten die Ankunftshalle. In der Hand ein Schild: Wiebke Brinkmann. Schnell verstauten wir die Koffer im betagten Lada und auf ging es durch das nächtliche Almaty. Es regnete in Strömen. Auf den Straßen stand das Wasser. Unser Fahrer wich den Schlaglöchern aus.

Vor acht Stunden hatte ich Deutschland verlassen um mein Praxissemester in Kasachstan anzutreten. Fünf Monate in einem unbekannten Land liegen vor mir. Fünf Monate Auszeit vom Studium des Europäischen Managements an der Fachhochschule Bielefeld. Fünf Monate wird nun die Deutsche Allgemeine Zeitung (DAZ), die Zeitung der Deutschen in Kasachstan, die mit einer Mischung aus deutschen und russischen Artikeln erscheint, mein Arbeitgeber sein.

Über eine Praktikumsbörse war ich Ende des letzten Jahres auf das interessante Praktikum in Zentralasien aufmerksam geworden. Und nachdem ich von Corinna Kühn, der Redakteurin des deutschen Teils, meine Zusage im Postfach hatte, habe ich mir zum ersten Mal ernsthaft Gedanken darüber gemacht in dieses Land, das in Deutschland ein weißer Fleck auf der Landkarte ist, zu gehen.

Warum also gerade Kasachstan? In erster Linie entschied ich mich wegen der interessanten Inhalte des Praktikums für diesen Schritt. Die Beschreibungen im Praktikumsangebot und auch die zahlreichen Mails von Frau Kühn ließen die Vermutung zu, dass mich in Almaty eine Zeit erwartete, in der ich eigenständig arbeiten und meine Ideen in die Redaktion einbringen kann ? sowohl im Bereich Marketing, als auch bei der Betreuung des Internetangebotes und der redaktionellen Arbeit.

Erst in zweiter Linie fiel meine Entscheidung für Kasachstan wegen des Landes. Doch das Interesse für den ersten Punkt zog die Neugierde für den zweiten Punkt nach sich. Ein Praktikum in einem Land, dass sich auch ein Jahrzehnt nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion noch im Umbruch befindet und das wohl in vielerlei Hinsicht nicht mit Deutschland zu vergleichen ist, hatte meine Abenteuerlust geweckt. Fünf Monate in einen Schmelztiegel der Kulturen eintauchen in einem Land, in dem europäische und asiatische Kultureinflüsse aufeinanderprallen und sich vermischen, und dessen Sprache ich noch nicht spreche, das war die Herausforderung, der ich mich stellen wollte. Hinzu kommt ganz klar, dass Kasachstan für einen Westeuropäer ein eher exotisches Ziel für ein Praxissemester ist und so beim Berufseinstieg bestimmt die Aufmerksamkeit des einen oder anderen Personalchefs auf sich ziehen wird.

An meinem ersten Morgen begrüßt mich Almaty mit Regen. Meine Mitpraktikantin und Mitbewohnerin Anne klärt mich darüber auf, warum sich die Einreise in der vergangenen Nacht so einfach gestaltete. Nach einer kurzen Nacht und einem schnellen Frühstück sitzen wir im Taxi auf dem Weg zum Deutschen Haus. Hier sitzt neben anderen deutschen Organisationen die Assoziation der gesellschaftlichen Vereinigung der Deutschen Kasachstans ?Wiedergeburt?. Die Wiedergeburt ist der Herausgeber der DAZ und mein Gastgeber hier in Kasachstan. Denn für ein Visum für Kasachstan ist immer eine Einladung nötig. Im Deutschen Haus bekomme ich die noch fehlenden Unterlagen für die Registrierung beim Amt für Visa und Ausländerregistrierung. 823 Tenge (das sind ca. 5 ?) kostet der Eintrag in den Pass. Jetzt steht der Erkundung dieses Landes nichts mehr im Weg.

Die ersten Tage komme ich aus dem Staunen nicht heraus. Almaty ist eine Stadt der Gegensätze. Vor der atemberaubenden Bergkulisse des Tienschan treffen sozialistische Plattenbauten auf Stadtviertel mit einstöckiger Bebauung, treffen westliche Nobelmarkenshops auf die Basarkultur Asiens. Die Zeit verspricht spannend zu werden. Nur eines weiß ich schon jetzt: Ich werde so schnell wie möglich Russisch lernen. Denn von diesen Sprachkenntnissen wird mein Praktikum sehr profitieren. Meine Einstellung, dass ich mit Englisch zu Anfang schon zu recht kommen werde, erwies sich als Trugschluss. Jeder Versuch mit Englisch weiterzukommen ist bisher gescheitert, denn auf eine Antwort habe ich bisher vergeblich gewartet.

Links: www.deutsche-allgemeine-zeitung.de
Almaty, Kasachstan. Nach mittlerweile zwei Wochen in Almaty habe ich mich an die Stadt und ihre Eigenheiten schon etwas gewöhnt. Einschließlich des ? für westeuropäische Verhältnisse ? recht eigentümlichen öffentlichen Personennahverkehrs. Denn hier läuft so einiges ganz anders als in Deutschland.

Im Wesentlichen setzt sich das Sortiment von Beförderungsmitteln des Nahverkehrs aus Straßenbahn, Trolleybus, Bus, Maschrutka und Taxi zusammen. Eine fast unüberschaubare Anzahl von Linien befördert die Bewohner der Flächenstadt jeden Tag von A nach B. Angesichts der Undurchsichtigkeit des Systems macht sich der verwöhnte Westeuropäer - wie in jeder großen Stadt - zunächst einmal auf die Suche nach einem Linien-Übersichtsplan. Diese Suche gestaltet sich in Berlin oder London recht einfach: Ein Gang zum nächsten Informationsschalter, den es an jeder größeren Station gibt und schon hält man das begehrte Stück in seinen Händen.

Nicht so in Almaty. Es gibt Gerüchte, die von der Existenz eines solchen Planes berichten ? doch Näheres ist nicht in Erfahrung zu bringen. Auch nach Informationsstellen an Haltestellen sucht man vergebens. Überhaupt scheint Kartenmaterial in Kasachstan Mangelware zu sein. So schnell, wie Stadtpläne und Landkarten geliefert werden, sind sie auch schon wieder vergriffen. Also macht man sich ohne das gewohnte Orientierungsmittel auf den Weg, in der Hoffnung an der Haltestelle einen Fahrplan vorzufinden. Das Ergebnis: Fehlanzeige! Einzig und allein ein kleines, gelbes sehr mitgenommen aussehendes Schild weist die Buslinien aus, die hier abfahren. Darüber hinaus sind auch noch die Ziele angegeben.

Allerdings ist die Frage des ?wohin? für jemanden, der der russischen Sprache und somit der kyrillischen Schrift noch nicht ganz mächtig ist, ein weiteres Rätsel. Schon jetzt beschleicht mich die Vorahnung, dass ich mich hier nicht mal eben von A nach B bewegen werde. Zu Begin werde ich dazu Ewigkeiten brauchen. Mit Stadtplan, Wörterbuch und endloser Geduld mache ich mich daran, die Namen auf den vorbeifahrenden Bussen zu entziffern, auf dem Stadtplan zu finden und die Entscheidung zu treffen, welcher Bus oder welche Maschrutka denn nun der oder die richtige sein könnte.

Eine Maschrutka ist wohl am ehesten vergleichbar mit einem Großraumtaxi. Diese Minibusse fahren auf nicht allzu stark frequentierten Linien und sammeln die Leute nicht nur an Haltestellen ein. Es reicht, die Maschrutka vom Straßenrand her anzuhalten. Ebenso gestaltet sich das Aussteigen. Einfach die gewünschte Straßenkreuzung dem Fahrer zurufen ? schon hält das Großraumtaxi und entlässt seine Insassen.

Wer sich in Almaty mit öffentlichen Verkehrsmitteln auf den Weg macht, sollte sich auf einen engen Körperkontakt mit seinen Mitfahrern einstellen. Egal ob Bus, Maschrutka oder Straßenbahn, es wird so lange gedrängelt, bis auch der letzte Fahrgast drin ist. Bezahlt wird dabei bei der Maschrutka beim Einsteigen beim Fahrer. In den übrigen Verkehrmitteln gibt es noch eine Kassiererin oder einen Kassierer. Egal ob männlich oder weiblich, sie bahnen sich ihren Weg durch die Menge der Fahrgäste und nehmen jedem persönlich das Geld ab. Die Preise pro Fahrt, egal wie weit, bewegen sich zwischen 20 und 35 Tenge, je nach gewähltem Verkehrsmittel.

Falls man doch mal schnell von einem Ende der Stadt zum andern möchte oder muss, ist Taxifahren eine Alternative. Eine zugegeben sehr gewöhnungsbedürftige Angelegenheit, denn hier ist jedes Auto ein Taxi. Man stellt sich einfach mit herausgestrecktem Arm an den Straßenrand (nach Anhaltermanier) und nicht viel später hält ein Auto. Sodann nenne ich dem Fahrer die Straßenecke, zu der ich möchte und den Preis, den ich zu zahlen bereit bin. Die Verhandlungen beginnen bei 150 Tenge, wenn ein Taxifahrer allerdings mehr als 200 Tenge haben will, lässt man ihn besser alleine weiterfahren. Ein freundlich bis mürrisches Nicken kommt vom Fahrersitz zurück, das Geschäft ist abgeschlossen. Ich steige ein.

Taxifahren in Almaty ist eine gute Gelegenheit, um Sozialstudien zu betreiben. Vom schweigsamen Fahrer bis hin zum Geschwätzigen ist alles zu haben. Die ganz Geduldigen haben sich sogar schon darin versucht, mir weitere Brocken der russischen Sprache beizubringen. Nicht unterschätzen sollte man allerdings auch die Tatsache, dass es durchaus Exemplare gibt, die sich in der eigenen Stadt nicht auskennen und den unwissenden Taxinutzer Kilometer vor der angesagten Straßenecke aussetzen. Derjenige, der die Stadt nicht kennt, merkt das erst, wenn er das nächste Straßenschild gefunden hat und sich anhand seines Stadtplanes orientiert hat. Dann ist es für eine Beschwerde zu spät. Der Fahrer ist längst über alle Berge. Dann heißt es laufen. Aber hier in Almaty gehen die Uhren anders und nicht nur bei den öffentlichen Verkehrsmitteln spielt Pünktlichkeit eine untergeordnete Rolle.
Almaty, Kasachstan. Im Office 418 in der Shibek Sholy gleich gegenüber dem grünen Basar befinden sich die Redaktionsräume der Deutschen Allgemeinen Zeitung, die gemeinhin schlicht und einfach nur DAZ genannt wird. Wer hinter dieser Tür ein schick ausgestattetes Büro erwartet, der wird enttäuscht. Die Redaktion, das sind zwei Räume: In jedem stehen drei Rechner und zahlreiche Schränke. In dem einen sind die Bücher untergebracht, in einem anderen befinden sich Aktenordner, ein dritter beherbergt das Zeitschriftenarchiv. Die alten Ausgaben des "Spiegel" und verschiedener russischer Zeitungen sind hier zu finden. Auch wer sich bei der DAZ großartige Recherchemöglichkeiten via Internet oder in einer Auswahl verschiedener deutschsprachiger Wochen- und Tageszeitungen erhoffte, der liegt falsch. Denn bei der Erstellung der Zeitung heißt das Motto "Improvisation ist alles". Keine permanente Verbindung zum Internet, kein DSL und auch kein ISDN - Modemgeschwindigkeit ist angesagt. Jeden Donnerstag wird der "Spiegel" eingeflogen. Für die Praktikanten gibt es jeden Monat eine Guthabenkarte für das Internet mit fünf Stunden Onlinezeit. Da überlegt man sich, was man im Internet recherchieren muss. Mal gerade online gehen und schnell was nach gucken ist da nicht angesagt.

Rund acht feste Mitarbeiter und ein Dutzend Freie füllen die zwölf Seiten der DAZ jede Woche mit Inhalten. Der Stamm der Mitarbeiter setzt sich aus Chefredakteurin Irina Zirentschikowa, Medienassistentin Corinna Kühn, den Schlussredakteuren, Vertriebsmanagerin Shanylsyn Isgalijewa, Lena Schtscherbakowa, einer Layouterin und einem junger Mann, der sich um die EDV und den russischsprachigen Teil der Website kümmert, zusammen. Deutsche Praktikanten sind seit März 2003 ein fester Bestandteil der Redaktionsmannschaft. Die Größe der Redaktion bringt es mit sich, dass hier die Herausgabe einer Zeitung in allen Einzelheiten hautnah erlebt werden kann. Von der Recherche über Satz und Layout und die Aktualisierung der Webseite bis hin zum Marketing: Diese Themen gehen alle etwas an. Jeder arbeitet überall mit - sich nur um seinen eigenen Kram kümmern, das geht hier nicht.

Die Schwerpunkte der DAZ sind die Aktivitäten der deutschen Volksgruppe und der deutschen Organisationen in Kasachstan, die deutsch-kasachischen Beziehungen und das Leben der Aussiedler in Deutschland. Jeden Dienstag wird das deutsche Layout erstellt, donnerstags folgt dann der Satz des russischen Teils. Zum Ende der Woche werden sämtliche Artikel der Printausgabe auf die Webseite übertragen. Anschließend wird ein Newsletter erstellt, der in erster Linie an deutsche Leser versandt wird. Er verweist auf interessante Artikel auf der Website sowie auf kulturelle Veranstaltungen in Deutschland, den zentralasiatischen Staaten und Russland. Der Inhalt der Zeitung setzt sich aus Terminen, Pressemeldungen und selbst recherchierten Themen zusammen. Typische Termine, die entweder die Redakteure selbst oder die freien Autoren übernehmen, sind Ereignisse innerhalb der deutschen Minderheit. Darüber hinaus werden auch Veranstaltungen besucht, die sich mit der deutschen Sprache beschäftigen, so zum Beispiel die Diplomvergabe an der Deutsch-Kasachischen Universität, Sprachkurse im Goethe-Institut oder Veranstaltungen, die von der Deutschen Botschaft Almaty unterstützt werden.

Eine Erweiterung der Leserschaft der DAZ ist für das Überleben der Zeitung sehr wichtig. Umso mehr, da durch die Ausreise vieler Deutschstämmiger die traditionelle Zielgruppe immer weiter schrumpft. Darum ist die Gruppe der Deutschlerner eine wichtige Zielgruppe. Im Rahmen der guten Zusammenarbeit mit dem DAAD oder der Deutsch-Kasachischen Universität konnte das Logo der DAZ beispielsweise auf deren Informationsbroschüren oder Postern platziert werden, und so wiederum die Studenten, die sich ohnehin für die deutsche Sprache interessieren, zu werben. Um neue Kunden zu gewinnen gibt es immer wieder Marketingaktionen. So startet im Juni auf der Internetseite die Versteigerung eines Nationalelf-Trikots mit Original-Unterschriften der Spieler. Durch diese Aktion erhofft sich die Redaktion weitere Leser für die DAZ zu begeistern und die Zeitung bekannter zu machen.

Im Januar 2003 hat die DAZ ein frischeres Layout bekommen, um die jüngere Generation und die Sprachlerner unter den Leser besser ansprechen zu können. Die Seiten sind nun gemischtsprachig gestaltet und zum einfacheren Verständnis mit Vokabelhilfen versehen. Die DAZ ist eine staatlich finanzierte Minderheitenzeitung, die sich jedes Jahr im Rahmen einer Ausschreibung des Ministeriums für Kultur, Information und gesellschaftliches Einvernehmen der Republik Kasachstans um die Geldmittel bemühen muss. Sie ist zur Hälfte in staatlichem Besitz, die andere Hälfte gehört dem Rat der Deutschen. Aufgrund der staatlichen Finanzierung muss der Tätigkeit des Präsidenten, des Parlaments und der Staatspolitik auf den Seiten der Zeitung genügend Platz eingeräumt werden. Abgesehen von der staatlichen Förderung wird die DAZ zurzeit von verschiedenen Institutionen und Organisationen unterstützt: Der Bund der Vertriebenen finanziert die Abonnements und den Versand von 179 Zeitungen in die Begegnungsstätten in Russland, den baltischen Staaten, der Ukraine, Weißrussland, Kirgisien, Usbekistan, Moldawien, Aserbaidschan und Georgien; das Institut für Auslandsbeziehungen ermöglicht die Medienassistenz und greift mitunter auch den Praktikanten aus Deutschland mit einem Zuschuss unter die Arme.
Almaty, Kasachstan. Es ist wirklich schwer zu glauben, dass ich nun schon seit vier Wochen hier in Almaty bin. Die Zeit scheint wirklich zu rasen, die Tage fliegen vorbei und so vergeht Woche um Woche. Nun ist auch endlich der Sommer in Almaty angekommen. Temperaturen um die 30 Grad locken die Almatiner auf die Straße. Die Stadt blüht auf. An jeder Ecke sprießen Cafés und Biergärten wie Pilze aus dem Boden. Hier werden noch schnell die Stangen für einen Sonnenschutz zusammen geschweißt, dort werden eilig die letzten Pflastersteine verlegt und ein paar Häuser weiter räumt ein Gastwirt seine neu gekauften Stühle vor die Tür. Offensichtlich ist er noch nicht dazu gekommen die Plastikfolie zu entfernen. Die zahlreichen Springbrunnen sprühen ihr kühles Nass von morgens bis abends in den Himmel und durch die Kanäle rechts und links der Prachtstraßen fließt den ganzen Tag über Wasser.

Das sommerliche Almaty lädt dazu ein, die Stadt per Pedes zu erkunden. So streife ich nach getaner Arbeit durch die Straßen. Im Schatten der Bäume merkt man die Temperaturen nicht. Überall entdeckt man kleine oder größere Parks. Auch sie erwachen mit den steigenden Temperaturen aus ihrem Winterschlaf. Die Almatiner nehmen ihre grünen Oasen wieder in Besitz und das im wahrsten Sinne des Wortes: Es ist nicht einfach, eine leere Bank zu finden. In jedem Park stehen Gefrier- und Kühltruhen - dahinter die Händler. Sie verkaufen Eis und kalte Getränke. Auch geröstete Sonnenblumenkerne sind in kleinen Tüten erhältlich. Man unterhält sich, lacht, singt und trinkt Bier oder Kwasz. Die Kinder spielen zwischen den Hecken und Sträuchern.

Sonnencreme steht nun ganz oben auf meinem Einkaufszettel. Denn die Intensität der Sonne auf einer Höhe von rund 1100 Metern ist schon um Einiges stärker als daheim. Ehe man sich versieht - und es genügen schon ein paar Minuten - hat man einen Sonnenbrand. Mein Blick fällt immer wieder auf die Berge. Je nachdem zu welcher Tageszeit oder von welcher Straßenecke man guckt zeigen sie sich in einem anderen Licht. Ein atemberaubender Anblick.
Almaty, Kasachstan. Wer nach Almaty kommt, möchte nicht nur in der Stadt versauern - man möchte Ausflüge machen, die Umgebung erkunden und erleben, wie Kasachstan außerhalb der größten Stadt des Landes tickt. Kaum habe ich mich also hier eingelebt, zieht es mich auch schon wieder raus aufs Land. Ich möchte das ursprüngliche, das wilde Kasachstan der Nomaden und der berittenen Hirten sehen und kennen lernen.

Da das zentralasiatische Land nicht gerade über eine herausragende Infrastruktur verfügt und jeder Reiseführer von Touren auf eigene Faust abrät, vor allen Dingen, wenn man selbst seinen Russischkenntnissen nicht über den Weg traut, führt mich der erste Weg in ein Reisebüro. Für kleines Geld kann man hier schon so manche "Expedition" in die nähere Umgebung der Stadt buchen. Rund 1000 Tenge kostet so ein Tagesausflug - das bedeutet, man ist mit etwas mehr als fünf Euro dabei.

Und so geht es am nächsten Wochenende nach Tamgaly-Tass. Hier, an ein paar Felsen am Fluss Ile, sollen aus dem 16. Jahrhundert stammende Buddhazeichnungen zu sehen sein. Der Geländebus zuckelt in gemächlichem Tempo über die mit Schlaglöchern gepflasterte Autobahn. Die Passagiere schaukeln rhythmisch mit. Von hinten bohrt sich das Gestänge des Sitzes in den Rücken, vorne wissen die Knie nicht, wohin. Am Fenster ziehen die unterschiedlichsten Landschaften an uns vorbei. Grüne Wiesen mit Pappelbäumen gehen langsam in eine rotbunte Steppenlandschaft über. Nach gut anderthalb Stunden in Richtung Landesinnere erreichen wir unser Ziel. Die letzten Kilometer des Weges führen uns über eine Sandpiste mitten durch die Steppe. Und dann liegt er vor uns: Der Ile. Auf der linken Seite des Flusses erheben sich schroffe Felsen. Unser Reiseführer bittet uns auszusteigen. Nach ein paar Metern finden wir uns auch schon vor den Zeichnungen wieder, welche buddhistische Mönche hier bei einer Reise ins Landesinnere hinterlassen haben. Bei der grandiosen Aussicht auf das Flusstal, die mich in ihren Bann zieht, werden diese Zeichnungen, über die der Führer einen halbstündigen Vortrag auf Russisch hält, von dem ich nur Bruchstücke verstehe, zur Nebensache.

Dieser Trip hat die Abenteuerlust geweckt. Der erste Weg in der nächsten Woche führte somit wieder in das besagte Reisebüro. Dieses Mal komme ich mit einem Voucher für einen Tagesausflug in den Canyon Scharyn wieder in die Redaktion zurück. Diese Fahrt dauert schon vier Stunden. Der Weg führt den ausgemusterten deutschen Reisebus entlang der Bergkette des Tien Schan. Wir passieren zahlreiche kleine Dörfer und auf der Landstraße kommen dem Bus unzählige Eselskarren und Reiter entgegen. Unbeeindruckt lassen sie uns passieren - sie sind den Anblick der Karawane von Reisebussen, die sich in der Saison von Mai bis September jedes Wochenende in Richtung Canyon bewegt, gewohnt.

Am Canyon, rund 240 Kilometer von Almaty entfernt, angekommen, glitzern schon in der Ferne die Dächer der bereits dort geparkten Busse, mitten in der Steppe, abseits jeglicher Zivilisation. Ein bizarres Bild. Der Weg in den Canyon hinab ist belebt wie eine Ameisenstraße. Tausende Ausflügler suchen nach einem freien Picknickplatz am Fluss. Wären die roten Felsen ringsum nicht so einmalig schön, würde ich dieses Gewusel mit Sicherheit als störend empfinden. Aber ich bin so damit beschäftigt, die Eindrücke in mich auszusaugen, dass ich die Menschenmassen gar nicht wahrnehme. Mit Sicherheit würden die Gebildes dieses Canyons auch einem Vergleich mit dem Grand Canyon standhalten. Einfach atemberaubend. Oben auf den Felsen stehen mutige Kletterer und winken ins Tal hinab.

Wenn wir zuhause einen Ausflug machen, dann achten wir auf das richtige Schuhwerk, haben einen gut gepackten Rucksack dabei, dessen Inhalt alle möglichen eintretenden Situationen abdeckt. Das ist hier nicht so. Die Almatiner und auch die anderen Kasachstaner machen sich mit normalem Stadtschuhwerk und ebensolcher Kleidung auf den Weg in den Canyon oder an den Fluss Ile. In der Hand Plastiktüten, die unter der Last der Verpflegung beinahe reißen. Mit den Tüten in der Hand machen sie sich dann an den Abstieg in den Canyon oder an den Aufstieg auf die Felsen. Ohne Seil oder doppelten Boden mit Schuhen ohne Profil. Ich spüre einen Hauch von kasachischer Wildnis.
Almaty, Kasachstan. Auch mit den Toiletten ist das hier so eine Sache. Und es ist für den sauberkeitsverwöhnten Deutschen wirklich nicht einfach, sich den hiesigen Verhältnissen anzupassen. Denn selbst das dreckigste Klo in Deutschland ist immer noch sauberer als das durchschnittliche Örtchen in Kasasachstan. Also kein Land für Hygienefanatiker. Denn selbst Sagrotantücher können hier nichts mehr richten. Nase zu und durch heißt die Devise. Vor allen Dingen, wenn die Temperaturen steigen

Hier gibt es drei Arten von Toiletten: das Plumsklo, die normale Toilette in Bürogebäuden und so machem Restaurant und die - nach deutschen Standards - normale, saubere Toilette, die auch über eine Brille verfügt. Letztere ist ein seltener Fall und nur an Orten, wie zum Beispiel dem Deutschen Haus oder teuren Restaurants zu finden, Darum muss sie an dieser Stelle nicht weiter erwähnt werden. Also zurück zu den ersten beiden Erscheinungen

Fangen wir mit der für unsere Verhältnisse schon einigermaßen normalen Toilette an. So eine befindet sich zum Beispiel in unserem Bürogebäude. Große Entgeisterung machte sich bei mir breit, als ich das erste Mal diese Toilette aufsuchte. Wohlgemerkt in einem Businessgebäude, in dem man - auf jeden Fall in Deutschland - ein Mindestmaß an Hygiene erwarten kann. Anne, meine Mitpraktikantin, hatte mich ja schon gewarnt. Aber ich wollte nicht auf sie hören und musste es unbedingt auf eigene Faust ausprobieren. Also machte ich mich mit Toilettenpapier und Seife bewaffnet (diese Utensilien bewaren wir in einem Schrank in der Redaktion auf) auf den Weg. Wäre es nicht so dringend gewesen, ich hätte diesen Ort sofort wieder verlassen! Der Reiseführer hat schon Recht, wenn er darauf hinweist, dass man, wenn man auf Toilette gehen will, ein bisschen Pufferzeit einplanen sollte, um sich im Ernstfall noch etwas anderes suchen zu können. Aber das ging nun nicht mehr. Offensichtlich war die Spülung gerade ausser Betrieb - die Toilette schien aber dennoch fleißig genutzt worden zu sein. Verstopft war der Keramiktopf noch nicht, denn hier wird das benutzte Klopapier nicht in die Toilette, sondern in den daneben stehenden offenen Papierkorb geworfen. Aber er sah ziemlich dreckig aus. So konnte ich hier nicht auf Toilette gehen. Mein Blick fiel auf einen Eimer im Vorraum. Den schnappte ich mir, ließ schnell Wasser ein und versuchte den Toilettentopf so in einen einigermaßen ansehnlichen Zustand zu versetzen. Genauere Gedanken durfte man sich zwar auch nach der Reinigungsaktion nicht machen. Auch ein tiefes Einatmen versuchte ich weiterhin zu vermeiden.

Aprospros Gestank. Das dieser Geruch noch nicht das Schlimmste sein sollte, was mich in Sachen Toiletten hier in Kasachstan erwarten sollte, bemerkte ich dann während der Ausflüge nach Tamgaly oder Sharyn. Die hier auf dem Land angeboteten Plumsklos verbreiteten ihren Duft schon Meter gegen den Wind. Da war an ein auf Toilette gehen schon nicht mehr zu denken. Im Gegensatz zu den in Deutschland bekannten Plumsklos gibt es hier in Kasachstan keinen sogenannten "Donnerbalken". Hier hockt man sich ganz einfach über das Loch. Eine sehr gewöhnungsbedürftige Art und Weise, sein Geschäft zu erledigen. Vor allen Dingen, weil, wenn es mehrere "Toiletten" gibt, sich diese ohne Abtrennung nebeneinander befinden. Auch Türen vor den Toiletten kennt man hier nur in Ausnahmefällen. Ganz ehrlich - bisher kann ich mich mit diesen "Plumsklos" und ihrer Geselligkeit noch nicht wirklich anfreunden. Also suche ich mir, wenn es eben geht, einen Busch. Da stinkt es auch nicht so.
Almaty, Kasachstan. Die Temperaturen hier in Zentralasien klettern weiter. Zur Zeit werden die teilweise unerträglich heißen Tage noch von verregneten kälteren Tagen abgelöst. Das ist wirklich eine Abkühlung. Vor allen Dingen, wenn die staubige Luft zu stehen scheint, kein Lüftchen geht und es auch in der Wohnung nicht viel kälter ist als draußen. An einem der kälteren Tage in der vorletzten Woche war Almaty der Schauplatz eines eher seltenen Ereignisses. Es kommt nicht oft vor, dass ein ausländischer Popstar einen Tourneeabstecher nach Zentralasien macht. Vor allen Dingen kommt es noch seltener vor, dass dieser Popstar dann auf Medeo, dem großen Eisstadion in den Bergen oberhalb der Stadt, auftritt. Am 25. Mai war es dennoch soweit. Tarkan gab sich die Ehre. Jener türkische Sänger, der 1999 mit "Simarik" einen europäischen Sommerhit landete. Eine Woche vorher: Überall in der Stadt sind Studentinnen auf Promotiontour. Unermüdlich machen sie die Passanten auf die zahlreichen Kartenvorverkaufsstellen in der ganzen Stadt aufmerksam. Über den verkehrsreichen Straßen flattert ein Banner mit dem Konterfei des Sängers im Wind. 5000 Tenge soll das Ticket für das außergewöhnliche Ereignis kosten. Meine Mitpraktikantin und ich beschlossen, dass uns der Spaß keine 30 Euro wert sei. Unsere Redakteurin für den deutschen Teil der DAZ kam dann auf eine andere Idee. Wir könnten dennoch nach Medeo fahren und dann das Geschehen im Stadion vom Staudamm aus bei einem Picknick beobachten.

So machten wir uns an dem Tag des Events auf den Weg nach Medeo. Schon vor dem "Hotel Kasachstan" in der Stadt herrschte eine Art Ausnahmezustand. Eine Querstraße war gesperrt. Hier standen zahlreiche Busse, alle mit der Aufschrift "TARKAN, MEDEO" in Reih und Glied. Im Fünf-Minutentakt löste sich ein Bus nach dem anderen aus der Reihe. Sie fuhren an der Haltestelle gegenüber dem Hotel vor, luden die wartenden Konzertbesucher und "Picknicker", wie uns, ein. 250 Tenge kostete das Ticket für Hin- und Rückfahrt. Kaum waren alle Plätze im Bus besetzt, machte sich dieser auf den Weg gen Medeo. Er reihte sich in den Stau in Richtung Berge ein. Denn es ging nichts mehr. Stop'n'Go hieß die Devise. Nachdem wir die letzten Häuser der Stadt hinter uns gelassen hatten, wurde die Straße zu einer Einbahnstraße. Die Autos, die versuchten, gegen diese Blechlawine den Hügel hinunter zu kommen, hatten das Nachsehen. Dabei darf man sich die Einbahnstraßenbewegung nicht geordnet vorstellen. Auch hier fuhren die Autos so, wie man es von der Stadt her gewohnt ist. Kreuz und quer wo gerade Platz war. Vom Bus aus sah das sehr interessant aus. So wie die Autos den Berg hinauf gefahren kamen, parkten sie auch vor dem Stadion. Keine geordnete Parkplatzsuche wie zu Hause. Selbst die Parkplatzwärter überwachten nur das Chaos ohne Anstalten hier etwas in geordnete Bahnen leiten zu wollen.

Unser Bus bahnte sich den Weg zwischen den Autos hindurch vor den Stadioneingang. Zusammen mit vielen anderen Menschen bewegten wir uns nun in Richtung Stadion. Ich war der Meinung, es müssten Tausende sein, denn das Gedränge vor dem Stadion war beachtlich. Bewaffnet mit unserem Picknickrucksack liefen wir an einem mit Tarkanpostern gepflasterten Bulli vorbei. Tarkan-Tickets für 1000 Tenge, rief ein Mann in die Menge. 1000 Tenge ? das ließen wir uns nicht zwei Mal sagen. Für diesen Preis wollten wir den türkischen Popstar aus nächster Nähe sehen. Von der Sicherheitskontrolle vor dem Stadion hatten wir nichts zu befürchten. Einer Kontrolle unserer Taschen entgingen wir mit einem bestimmten "Sorry?". Mit einem freundlichen Grinsen und der Feststellung, "Ach, Sie sind Ausländer" wurden wir ohne weiteres durch gewunken. Voller Erwartung erklommen wir die letzten Stufen zum Eisring. Hier oben machte sich eine fast gähnende Leere breit. Das hatten wir angesichts der Menschenmassen, die sich mit uns auf den Weg nach Medeo gemacht hatten nicht erwartet.

Die Uhr zeigte nun halb neun. Das Konzert sollte um acht beginnen. Als das Konzert um 22 Uhr dann endlich begann, waren nicht wirklich mehr Menschen im Ring. Etwa ein Viertel der Fläche vor der Bühne war mit Menschen gefüllt, als ein etwas lustlos wirkender Tarkan die Bühne betrat. "It's a little cold here", doch so sehr er sich auch anstrengte, er bekam es nicht hin, die Kasachstaner in Bewegung zu versetzen. Steif und stumm lauschten sie dem dunkelhaarigen Mann. Nach etwas über einer Stunde war das Konzert vorbei und Tarkan machte sich zunächst auf den Weg in die Stadt zurück, um dann am nächsten Tag nach Aserbaidschan zu fliegen und anschließend seine Tournee mit sechs Konzerten in Deutschland fortzusetzen. Die Zugabe in Medeo musste er selbst ankündigen, denn keiner der Konzertbesucher forderte sie.

Nach dem Ende des Konzertes gingen die Menschen vielmehr sehr ruhig und gesittet zurück zu den Bussen und Autos, um sich dann mit einer Engelsgeduld in überfüllten Bussen wieder in Richtung Stadt zu bewegen. In Anbetracht der Autos, die nun überall starteten, war der Weg zum Bus zurück nicht ganz ungefährlich. Auf jeden Fall war dieser Konzertbesuch ein Erlebnis, das im Anschluss hier in Almaty einen wahrhaften Tarkanboom hervorrief. Auf dem nationalen Musiksender liefen in der folgenden Woche Tarkanvideos rauf und runter. Ich habe leider nicht raus finden können, was Tarkan gerade nach Almaty getrieben hat. Denn wenn eine Tournee in der Schweiz startet und in Deutschland fortgesetzt wird, liegt Zentralasien nicht so wirklich auf dem Weg ?
Almaty, Kasachstan. Die Kasachen sind schon ein merkwürdig ruhiges Volk. Da singen auf einer Bühne die Länge, oder mindestens die Breite eines ganzen Stadions von ihnen entfernt auf einer winzigen Bühne bekannte kasachstanische und russische Künstler und diese Menschen sitzen ruhig auf den Stadionsitzen. Sie singen nicht mit, sie tanzen nicht, vereinzelt wippt da mal ein Fuß ? aber sonst? Sie sitzen hier und haben einfach nur für das Rumsitzen 300 Tenge Eintritt bezahlt! Nun gut, das mit dem Tanzen ist auf der engen und etwas altersschwachen Tribüne des Zentralstadions auch nicht gerade einfach und anzuraten. Der einzige Raum im Stadion, wo es gehen würde, wäre der Rasen. Doch das Spielfeld der Sportstätte ist weiträumig und auf jedem Meter mit einem Soldaten abgesichert. Selbst für uns als Mitarbeiter der Deutschen Allgemeinen Zeitung ist da kein Rankommen an die Künstler, die im Rahmen der Feierlichkeiten des Russischen Jahres in Kasachstan auftreten. Und das, obwohl uns ? sprich der DAZ - von ganz oben angeordnet wurde, dass über die Veranstaltungen zum Russischen Jahr in Kasachstan in der nächsten Ausgabe der DAZ mindestens vier Artikel, zwei auf Russisch und zwei auf Deutsch zu erscheinen haben. Anders werden die Gelder aus den Minderheitentöpfen, aus denen die DAZ ja bezahlt wird, gestrichen. Diese Anordnung kam per Fax zwei Tage vor den Festlichkeiten.

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Nach und nach schweben ein Dutzend Fallschirmspringer in unterschiedlichsten Formationen ins Stadion. Und auch das Feuerwerk konnte sich sehen lassen. Aber das alles vermochte uns nicht auf unsere Stadionsitze zu fesseln. Doch das war nur ein Erlebnis in einer ganz normalen Redaktionswoche hier am Ende der Welt.Montag: Am Wochenende beginnt die Fußball Europameisterschaft in Portugal. Da unsere jüngeren Leser gerne mehr Sportberichterstattung in der Zeitung hätten, wir aber keine entsprechende Sportseite haben, erklärten wir in dieser Woche das anstehende Turnier zum ?Thema der Woche?. Zumal die Redaktion auch noch ein signiertes Nationalelf Trikot von 2003 im Schrank hat, das nun in diesem Rahmen bei Ebay versteigert werden soll. Das Thema Fußball soll eine Seite füllen, also sind 10.000 Zeichen dazu zu schreiben. Ich habe noch nicht mal damit angefangen. Also wird es höchste Zeit, wenn ich bis Redaktionsschluss am morgigen Dienstag um 15 Uhr damit fertig sein will.Dienstag: Da der Montag mal wieder viel zu kurz war, beginnt der Dienstagmorgen arbeitsam. Ich bin mit meinen Artikeln zur Europameisterschaft noch nicht zufrieden. Sowohl der Bericht über ?Rudis Jungs? als auch ?Portugal? werden noch einmal umgeschrieben. Und sind dennoch bis zur magischen Uhrzeit fertig. Wobei es hier nicht ganz so eng gesehen wird. Wenn ein Artikel nicht fertig ist, ist er eben nicht fertig. Dann bekommt ihn unser Schlussredakteur, Herr Hildebrand, eben einmal nicht zu sehen und wir lesen selbst Korrektur und bauen ihn anschließend ins Layout ein. Denn am Dienstag geht alles Schlag auf Schlag: Erst liest der Schlussredakteur die deutschen Texte, dann baut sie unsere russische Layouterin in die aktuelle Zeitung ein. So kommt es, dass die Dienstagabende in der Redaktion schon mal etwas länger werden. So auch in dieser Woche: Gegen acht verlassen wir (Anne, meine Mitpraktikantin und ich) die Redaktion, um uns zu Fuß auf den Weg zum Kino im Supermarkt ?Silkway City? an der Tole Bi zu machen. Unser Russisch muss sich der synchronisierten Fassung von ?Harry Potter und der Gefangene von Askaban? stellen. Aber vorher schlagen wir uns erst noch den Magen mit den Pommes von ?Hesburger? voll. Entgegen allen Erwartungen habe ich hier in Kasachstan bisher noch kein ?McDonalds? gesehen.Mittwoch: Nach einem kurzen Abstecher in die Redaktion ? die Online-Auktion des Trikots bei Ebay läuft nun - verbringe ich den Nachmittag im Goethe Institut und hier damit, die dort ausliegenden deutschen Tages- und Wochenzeitungen quer zu lesen.Donnerstag: Heute wird der russische Teil der DAZ gelayoutet. Aus der Redaktion schlägt mir eine Fahne entgegen. Unsere Layouterin hatte heute morgen einen Kater und hat darum gleich weiter getrunken. Die Redakteurinnen sind deswegen offensichtlich ein bisschen angefressen. Hinzu kommt, dass sie gerade Pagemaker abgeschossen haben und nichts mehr funktioniert. Alle starren gebannt auf den neu startenden Rechner. Ist etwa die ganze Arbeit der Woche futsch? Pagemaker startet wieder normal. Alles atmet erleichtert auf! Es funktioniert wieder und die Zeitung kommt noch rechtzeitig in die Druckerei.Freitag: Am Wochenende gebe ich zusammen mit unserer Redakteurin Corinna ein Seminar für die Friedrich Ebert Stiftung. ?Grundlagen des Webdesigns? lautet der Titel. Die Unterlagen dafür stehen schon alle. Allerdings muss ich mich noch ein bisschen vorbereiten. Da das in der Redaktion, wo, auch wenn hier nur wenige Menschen arbeiten, immer geschnackt wird, nicht geht, beschloss ich, erst später in der Redaktion aufzukreuzen. Und zwar nach der Vorbereitung und nach einem kurzen Abstechern in die Deutsche Botschaft. Hier ließen Anne und ich uns einen Schutzausweis ausstellen. Das ist zwar rechtlich eigentlich Unsinn, da er keine Wirkung hat. Aber dennoch wird er in allen GUS Staaten ausgestellt, um den deutschen Staatsbürger durch geballt offizielle Stempel vor korrupten Beamten zu schützen. ?Wenn sie den Ausweis sehen, überlegen die sich noch einmal, ob sie sich korrekt verhalten?, so die Auskunft der netten Botschaftsangestellten. Abends ging es dann ins Ballett in der Kasachischen Nationaloper. Ballett für noch nicht einmal fünf Euro, das gibt es nur in Kasachstan. Zu sehen war ?Giselle?. Mehr als die Ballettdarbietung hat mich das Opernhaus an sich begeistert. Erst vor kurzem renoviert, zeigt das Haus viel Prunk, überall vergoldete Details, Bleiverglasungen und schwere Samtvorhänge.Samstag: Jetzt wird es ernst, um 10 Uhr startet das Seminar ?Grundlagen des Webdesigns? im Deutschen Haus. Die Teilnehmer kommen aus der Redaktion, von der Friedrich-Ebert-Stiftung oder sind freie Journalisten, so wie Birgit, die als Korrespondentin für ?The Economist? hier in Almaty arbeitet. Sie kommentierte das mangelnde Interesse der Welt an Ereignissen in Kasachstan. Als ich am Sonntagabend gebannt auf den Fernseher starre, wird ? zumindest für mich offensichtlich, dass diese Form der Gleichgültigkeit auch anders herum gilt. Denn die Nachrichtensprecher verlieren kein Wort über die gerade laufenden Europawahlen, Hauptsache der Präsident flimmert auf allen Kanälen ins kasachische Wohnzimmer. Am Abend stand dann die Veranstaltung im Zentralstadion an.Sonntag: Heute steht der zweite Teil des Seminars an. Früh morgens um acht geht es los. Nachmittags steht dann Wäsche waschen auf dem Plan, nebenbei lesen und zusehen, wie bei der unerträglichen Wärme die Schneekuppen auf den Bergen schmelzen. Abends ruft mich dann eine Muttersprachlerin, die mit mir zusammen ein Stadtporträt über Bielefeld schreiben wollte, da sie dort ein Jahr als Au-Pair war, an. Sie hat wieder einmal keine Zeit für die Aktion. Darum mache ich mich jetzt an 8.500 Zeichen über Neuseeland für unsere Reiseseite. Hundemüde, aber morgen steht eine Konferenz auf dem Terminkalender. Also ... Augen auf und los!
Almaty, Kasachstan. Es gibt hier in Almaty ab und zu auch mal Veranstaltungen, bei denen man das Gefühl hat, nicht am Ende der Welt zu sein, sondern sich mitten im Geschehen und am Puls der Zeit zu befinden. So ein Event fand am vergangenen Montag und Dienstag im nobelsten Hotel der Stadt, dem Regent Ankara statt. ?Hydrocarbons from Upstream to Downstream: Partnership, Services & New Technologies?, ein kasachstanisch-französisches Seminar, brachte französische und kasachstanische Unternehmer und Regierungsvertreter zusammen. Dieses Zusammentreffen von Firmen, die an einer Investition in Kasachstan interessiert sind und den kasachstanischen Entscheidungsträgern wurde von UBIFRANCE, der französischen Agentur für internationale Wirtschaftsentwicklungen und der Französischen Botschaft organisiert. Unterstützt wurden die Organisatoren dabei von der KAZMUNAIGAZ, der ?Kazakhstan Contract Agency? und der ?Kazakhstan Petroleum Association?. Im luxuriösen Rahmen war bei dieser Veranstaltungen eine Art Goldgräber-, bzw. Ölgräberstimmung zu spüren.Neben dem französischen Ölgiganten ?Total?, der schon im Kaspischen Meer eine Offshore-Plattform (mit)betreibt, waren alle anderen Redner entweder französische Unternehmen, die sich ein Engagement in Kasachstan vorstellen können oder aber kasachstanische Regierungsorganisationen, welche Investoren bei ihren ersten Schritten im Land der unbegrenzten Ölmöglichkeiten begleiten. Und so buhlten die unterschiedlichsten französischen Firmen um das Interesse der Kasachstaner. Von der Entkontaminierung von ölverseuchten Böden über Pipelinebau und umweltschonende Förderung bis hin zur Trinkwasseraufbereitung war alles dabei. An den zwei Tagen des Seminars waren eine Menge interessanter Vorträge zu hören. Allerdings blieben konkrete Beispiele für Investitionen in Kasachstan aus. Die Firmen wiesen viel mehr auf ihr umfangreiches Portfolio hin und erwähnten wenn überhaupt nur am Rande, dass sie sich ihre Lösungen auch sehr gut in Kasachstan vorstellen könnten. Die Redner schienen teilweise sehr lustlos oder waren zu detailverliebt, die Präsentation unterstützenden Medien konnten von der letzten Reihe aus nicht mehr gelesen werden. So lichteten sich die Reihen des ohnehin eher spärlich besetzten Saals mit der Zeit immer mehr. Dennoch zeigten engagierte Fragen der Seminarbesucher, dass ein großes Interesse an dem Know-how aus dem Westen besteht. Denn das zentralasiatische Land hat immerhin das größte Ölvorkommen außerhalb der arabischen Halbinsel aufzuweisen. Ein interessanter Markt für die präsentierenden Unternehmen. Wer weiß, welche Absprachen hinter den Kulissen gelaufen sind, aber im Saal hätte man sich ein größeres Engagement der Referenten gewünscht. Die Aufbruchsstimmung war und ist da, man hätte sie nur greifen müssen.
Almaty, Kasachstan. Neben Tagesausflügen am Wochenende lädt Kasachstan auch zu längeren Touren ein. Da meine Mitpraktikantin Anne Dienstagnacht wieder nach Deutschland zurück geflogen ist, zuvor aber noch etwas vom Land sehen wollte, stand in der letzten Woche eine abenteuerliche Reise in den Süden des Landes auf dem Plan. Sonntagabend ging es los. Gleich nach dem letzten Termin des Seminars "Einführung in die Grundlagen des Webdesign", machten wir uns mit unseren Rucksäcken, die so voll gepackt waren, als wenn wir eine Woche lang auf Tour gehen wollten, auf den Weg in Richtung Bahnhof Almaty II. In der gepflegten Bahnhofshalle erledigen wir noch schnell letzte Besorgungen. Da es sehr warm ist, decken wir uns mit weiteren Wasserflaschen ein.Um 17.19 Uhr soll der Zug abfahren. Gegen 17 Uhr steigen wir in unseren Waggon und machen uns auf die Suche nach unserem Abteil. Wir haben zwei Betten (Schlafplätze) in einem Viererabteil reserviert. Die kosten für die rund 12 Stunden dauernde Fahrt nach Shimkent rund 15 Euro. Das ist nichts im Vergleich zu den deutschen Bahnpreisen. Hinzu kamen noch mal 250 Tenge für das Bettzeug für zwei Personen. Der Zug scheint schon ein paar Jahre alt zu sein. Im Innern dominieren dunkle Holztöne das Bild, auf dem Boden sind orientalische Läufer ausgelegt, die Toiletten sind entgegen unseren Erwartungen geradezu westlich. Wir hatten auch hier ein typisches kasachisches Plumsklo erwartet.Im Abteil klettern wir auf die oberen Plätze. Denn auf dem einen unteren Platz, dessen Nummer auf meinem Ticket steht, schläft schon ein Mann und auch das andere untere Bett scheint bereits belegt zu sein. Da die Abendsonne wie verrückt auf die Wagons knallt war es im Abteil, und gerade auf den oberen Pritschen, unerträglich warm. So zog die Landschaft an unseren schwitzenden Gesichtern vorbei. Leichte Hügel, kleine Dörfer und schließlich Steppe, so weit das Auge reicht. In den Dörfern rechts und links der Straße scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Hier werden die Häuser noch aus handgeformten Ziegeln gebaut, die Dusche - ein Verschlag mit einem Eimer, der Löcher im Boden hat - steht im Garten. Für zivilisationsverwöhnte westeuropäische Augen ein bizarrer Anblick. Auf dem Gang machen wir Bekanntschaft mit einem englisch sprechenden Russen. Der leicht angetrunkene Mann weicht uns nicht mehr von der Seite. Erst als wir ihm die Tür vor der Nase zu machen, mit einem bestimmten Hinweis darauf, dass wir nun schlafen wollen, gibt er Ruhe. Die Klimaanlage im Zug springt an und so wird die Nacht angenehm kühl. Um neun Uhr am nächsten Morgen erreichen wir Shimkent. Als wir den Zug verlassen, schlägt uns eine fast unerträgliche Hitze entgegen und das am Morgen!Wir schlagen uns durch die Menge der Taxifahrer, die uns von hier aus schon nach Turkestan bringen wollen. Njet, njet, njet ? diesen Tag wollen wir noch in Shimkent verbringen. Die südkasachische Stadt mit usbekischem Einschlag empfängt uns nicht wirklich mit umwerfendem Charme. Die Häuser sind grau und staubig, die Straßen ebenso. Es gibt nicht so viele Bäume wie in Almaty, welche die Baufälligkeit der Bauten kaschieren könnten. Wir fragen uns zu unserem Hotel durch. Laut Reiseführer soll es gerade erst renoviert worden sein. Das man hier in Kasachstan unter einer Renovierung nicht das Gleiche versteht wie daheim, wird uns bei dem Anblick des Hotels schlagartig klar. Aber für eine Nacht ist es in Ordnung, die Tür lässt sich abschließen und was bei diesen Temperaturen besondere wichtig ist - auch die Dusche funktioniert einwandfrei.Trotz Hitze sind wir nach einer Dusche abenteuerlustig und machen uns so per Taxi auf den Weg in ein, in der Nähe von Shimkent gelegenes, Dorf namens Sairam. Die Moschee dort und die Mausoleen sind sehenswert. Doch uns hält es wegen der Hitze nicht lange dort. Nach einem Rundgang machen wir uns wieder auf den Weg ins Hotel. Wir fühlen und ganz schön geschlaucht, fallen todmüde in unsere Betten und schlafen bis zum Abend durch. Als wir aufwachen, stellen wir mit Schrecken fest, das es schon fast Sieben ist. Ohne Stadtplan machen wir uns auf Entdeckungstour. Schon bei der Moschee werden wir gestoppt. Drei Männer versuchen uns auf Russisch und Englisch zum Islam zu bekehren. Darüber hinaus mokieren sie sich darüber, dass wir nicht fließend russisch sprechen und uns dennoch in Kasachstan aufhalten. Wir versprechen, über einen Übertritt zum Islam wenigstens nachzudenken und sind froh, den Kerlen entronnen zu sein. Weiter geht es mit einer Maschroutka zum muslimischen Friedhof. Hier ist jedes Grab wie ein kleines Mausoleum, liebevoll überbaut und mit dem Foto des Verstorbenen geschmückt. Bisher hatten wir noch nicht die Chance, uns eine solche Stätte aus der Nähe anzusehen. Doch in Shimkent blieben wir nicht lange auf dem Gelände. Denn schon ein paar Meter nach dem Eingangstor springt uns eine große schwarze Schlange entgegen. Wir ergreifen die Flucht.Am nächsten Morgen geht es mit einer weiteren Marschroutka auf die zweistündige Reise nach Turkistan. Dieses kleine Pilgerstädtchen (man sagt, drei Wallfahrten nach Turkistan haben den gleichen Stellenwert wie eine Fahrt nach Mekka) ist ein absolutes Kontrastprogramm zum staubigen und grauen Shimkent. Die kleinen Höfe und Häuser sind gepflegt. Die Vorgärten liebevoll bepflanzt und der kleine Bahnhof im Jugendstil detailverliebt und gar nicht kitschig renoviert. Die Moschee mit ihrer blauen Kuppel ist schon von weitem zu sehen. Majestätisch erhebt sie sich über die Festungsmauern, die sie umgeben. Ihre Mauern sind mit Mosaiken geschmückt. Besucher können sich eine Scherbe von abgefallenen Fliesen als Erinnerung mitnehmen. Turkistan ist in unseren Augen der touristisch am Besten erschlossene Ort Kasachstans. Überall Hinweisschilder, überall Souvenirläden und überall muss man Eintritt bezahlen. Dementsprechend gut erhalten ist alles. Vor der Anlage blüht ein Meer von Rosen.Doch auch hier ist die Hitze fast unerträglich. Unter meinem großen Trekkingrucksack bin ich total durchgeschwitzt. Sehr zur Freude der einheimischen Kerle, die sich herzlich über unser verschwitztes Auftreten amüsieren. Ob wir Sport getrieben hätten, schallt es uns von allen Seiten entgegen.Für die am Abend anstehende Rückfahrt nach Almaty haben wir keine Abteilkarten mehr bekommen, sondern nur noch Platzkarten für den Großraumschlafwagen. Wir sind gespannt, was uns da erwartet. Bevor wir in den Zug steigen, machen wir uns noch ein bisschen frisch und ziehen uns trockene Klamotten an. Allerdings sind die dann im Zug schneller durchgeschwitzt als wir dachten. Keine Klimaanlage und die Steppensonne brennt unerbittlich. Darüber hinaus ist der Zug aus Aktobe schon seit fast zwei Tagen unterwegs, unterwegs in der Wüstensonne. Dementsprechend gut ist das Klima. Dementsprechend sauber ist der Waggon, dementsprechend sauber sind die Toiletten.Nachdem die Frauen, die uns gegenüber schlafen, den Versuch, sich mit uns zu unterhalten eingestellt haben, beginnen sie sich über uns zu unterhalten. Wir sprechen zwar nicht gut russisch, aber ein bisschen verstehen können wir sie doch. Und sie sind wenig charmant. Wir sind die einzigen Ausländer im Zug und ziehen dementsprechend die Blicke auf uns. Ich schwitze schon wieder und fühle mich in diesem dreckigen Zug einfach nur unwohl in meiner Haut. Es beruhigt mich wenig, dass wir in dieser Gesellschaft nur noch rund 14 Stunden verbringen müssen. Ich überlege mir jetzt schon, wo ich meine Wertsachen in der Nacht am Besten unterbringe. Denn meine Pritsche im ersten Stock ist für mich und meinen Rucksack eindeutig zu schmal. Nach und nach taut die etwas angespannte Stimmung zwischen uns und den Nachbarfrauen auf. Als Anne dann ihre Kamera rausholt um die Landschaft zu fotografieren ist das Eis endgültig gebrochen. Sie fotografiert die jüngste der Frauen zusammen mit dem Schaffner, der ein Freund von ihr ist. Und prompt kommt die Entschuldigung dafür, dass sie sich so ignorant verhalten hat. Auch die älteren Damen sind auf ein einmal sehr zuvorkommend. Sie bieten uns an, unsere Wertsachen in den Boxen unter ihren Betten zu verstauen.Anne hat an diesem Tag Geburtstag. Das bekommen die Schaffner mit und so wird beim nächsten Stopp erstmal Sekt gekauft. Es folgt Bier und dann auch noch Eis. Die Wärme tut das ihrige dazu. Und als ich dann um zwei Uhr nachts in mein Lager klettere, fühle ich mich nicht wirklich wohl. Immerhin schlafe ich oben und habe somit nicht, wie Anne, das Vergnügen von einem der aufdringlichen Partyteilnehmer belästigt zu werden.Ganz nach Plan erreicht der Zug am nächsten Morgen Almaty. Nach dieser Reise in ein ganz anderes Kasachstan brauche ich erst einmal eine Dusche und saubere Klamotten.
Almaty, Kasachstan. Nun ja, diese Bezeichnung ist da nicht ganz richtig. Denn dieses Mal geht es nicht nur um Ereignisse in Kasachstan, es geht auch um einen Ausflug nach Kirgistan.Eine halbe Arbeitswoche nach Turkistan, die wir ruhig angehen ließen, ging es am Freitagabend mit dem Bus in Richtung Issyk-Kul. Also schultern wir wieder unsere Rucksäcke, die wieder einmal so voll sind, als wollten wir Wochen und nicht zwei Tage verreisen. Zu Fuß machen wir uns auf den Weg zum Abfahrtsort: der Kreuzung Gagarina und Schandosowa. Andrej, Andrej, Alisa und Anja warten schon. Andrej hat alle Papiere. Wir reisen somit alle als Familie Petrov. Die beiden Praktikanten vom Goethe-Institut, die auch mit von der Partie sind, lassen sich Zeit. Erst kurz vor der Abfahrt treffen Jaqueline und Christian am vereinbarten Treffpunkt ein.Mit uns warten zahlreiche Almatiner auf die Busse in Richtung Issyk-Kul, dem Bergsee in Kirgisien. Plastiktüten voller Bierflaschen, große Sonnenhüte, prall gepackte Rucksäcke und Gummitiere kündigen das Reiseziel an. Wir nehmen unsere Plätze im betagten Reisebus, welcher der Beschriftung nach ohne Frage aus Deutschland stammt, ein. Ich verstaue meinen Trekkingrucksack vor meinen Füßen. Hätte ich ihn doch besser in den "Kofferraum" des Busses gepackt. Denn Beinfreiheit ist nun nicht mehr vorhanden. Und vor uns liegt eine Fahrt von etwas mehr als acht Stunden.Es wurde eine unruhige Nacht: Ich hatte keine Ahnung, wohin mit meinen Beinen, dann war es erst einfach nur heiß und dann zum Frieren kalt. Zwischendrin hielten wir irgendwann an einer Geldwechselstube und der Grenze. Sowohl an der Geldwechselstelle, als auch an der Grenze mussten alle Insassen des Busses aussteigen. Das eine Mal freiwillig, um das nötige Geld für den Aufenthalt am See einzutauschen, das andere Mal, um ihre Pässen zu zeigen.Wir Deutschen hielten dabei den ganzen Verkehr auf. Nun kamen die Beamten in der kleinen Grenzstelle ins Rotieren. Schnell wurde ein zweiter Schalter aufgemacht, hier wurden nun die Kasachen weiter durch gewunken. Unsere Pässen hingegen bekamen eine Extra-Behandlung. Sie wurden registriert und gestempelt. Der Busfahrer wartete schon ungeduldig auf uns. Als letzte sitzen wir wieder und versuchen es uns für den Rest der Fahrt noch ein bisschen gemütlich zu machen. Doch unsere Bemühungen wurden schnell gestoppt. Schon stieg wieder ein Grenzbeamter in den Bus. Auch er findet Gefallen an unseren "ausländischen" Pässen. Wir müssen sie - mit einem unguten Gefühl - erneut aus der Hand geben. Aber unsere Sorgen waren unbegründet. Zwei Minuten später sind wir wieder im Besitz unserer Identitätskarten, die nun einen weiteren Stempel aufweisen. Den verbleibenden Rest unserer Fahrt verbringen wir im Halbschlaf.Etwas benebelt erreichen wir so unser Ziel: Cholpon-Ata. In unserer Pension angekommen, stellen wir erst einmal unsere Uhren um eine Stunde zurück. Sie zeigen nun sieben Uhr morgens an. Frühstück gibt es um halb neun. So beziehen wir die Zimmer, in denen wir die kommende Nacht verbringen werden, und legen uns noch anderthalb Stunden aufs Ohr. Pünktlich zum Frühstück sind wir wieder fit. Mit einem mit Pfannkuchen und Rührei gefüllten Magen geht es dann so schnell wie möglich an den Strand. Schließlich wollen wir das legendäre Urlaubsziel der Almatiner aus nächster Nähe begutachten. Zwar sind die Temperaturen meiner Meinung nach noch zu kalt, um schwimmen zu gehen. Aber das hält den Rest der "Familie Petrov" nicht davon ab, es dennoch zu probieren. Einer nach dem anderen wagt den Gang ins frische, kristallklare Wasser.Doch der Badespaß dauert nur kurz an. Über den Bergen ziehen sich dunkle Wolken zusammen. Es blitzt, es donnert, ein Gewitter zieht herauf. Wir versuchen vor dem Platzregen davon zu laufen, allerdings gelingt uns das nicht wirklich. Pitschnass erreichen wir unsere Pension und unser Mittagessen. Nach dem Essen ist die Luft noch kälter als vor dem Gewitter. Also vertagen wir einen weiteren Strandbesuch auf den Morgen und machen uns auf einen Spaziergang in Richtung Berge. In einem großen Bogen kehren wir wieder an unseren Urlaubsort zurück. Anja und ich machten uns jetzt mit einem Taxi noch rasch auf zu einem muslimischen Friedhof. Denn im Gegensatz zu unseren sehr sterilen deutschen Friedhöfen werden hier die Toten in ganz verschiedenen kleinen Mausolen beerdigt. Eines erinnert mit seiner Form an eine Jurte, ein anderes an eine kleine Burg.Auf dem Markt hatte Andrej luftgetrockneten Fisch erstanden. Den müssten wir unbedingt mit einer Flasche Bier zusammen probieren, meinte er. Gesagt getan. Nach dem Abendbrot ging es dann los. Die ganzen Fische wurden unter Andrejs Aufsicht fachmännisch zerlegt. Kopf ab, Luftblase raus und filetieren. Unter diesen Umständen verzichtete ich gerne auf meinen Fisch. Bier alleine schmeckt ja auch. Ich hätte ja nicht gedacht, dass die Fischesser die Aktion ohne Schaden überstehen würden, aber es war so. Am nächsten Morgen ging es ihnen prächtig. Als wir uns auf den Weg zum gemeinsamen Frühstück machten, kamen Andrej, Christian und Jaqueline sogar schon vom See zurück.Gestärkt machten wir uns auf den Weg zum Taxistand, um für uns fünf Deutsche ein Taxi für eine Fahrt zu einer Jurtensiedlung in den Bergen an zu werben. Tatsächlich finden wir einen Fahrer, der uns mit seinem klapprigen kleinen Wagen zu dem circa 35 Kilometer entfernten Dorf bringt. Wir quetschen uns in das blaue Taxi und hoffen, dass es unterwegs nicht schlapp macht. Tapfer ruckelt es vollbeladen über die mit Schlaglöchern gepflasterte Straße.Wir passieren die Einfahrt zu einem Naturschutzgebiet. Von der Schotterpiste aus können wir die Jurten und die davor grasenden Tiere schon von weitem sehen. Allerdings handelt es sich nicht um ein ganzes und schon gar nicht um ein touristisch voll erschlossenes Dorf. Es sind vielmehr zwei Sommerjurten, die einsam und allein am Fluss stehen. Keine fotografierenden Touris, keine Souveniers. Dafür eine sehr gastfreundliche Familie, die uns gleich auf einen Becher "Kumis" (vergorene Stutenmilch) in ihre Jurte einlädt.Wir gehen noch ein bisschen weiter zu Fuß und genießen die wundervolle Landschaft in dem Tal. Dann heißt es wieder tief einatmen und so klein wie möglich machen: Die Rückfahrt beginnt. Wieder am See angekommen packen wir unsere Sachen und machen uns auf den Weg zum See. Denn schließlich will ich ja wenigstens noch einmal ins Wasser springen. Kaum sind wir am See, verschwindet die Sonne hinter einer dicken Wolkendecke. Das kann uns von unseren Plänen aber nicht abbringen. Mit einer anschließenden heißen Dusche werden wir die Gänsehaut schon wieder in den Griff bekommen.Am späten Abend nahmen wir dann einen der 20 Reisebusse, die sich wieder auf den Weg nach Kasachstan machten, nach Almaty zurück, um am nächsten Morgen nicht wirklich erholt, aber um viele Eindrücke reicher wieder auf der anderen Seite des Gebirges anzukommen.
Almaty, Kasachstan. Ein Besuch im Zentralmuseum gehört für jeden Almatybesucher zur Pflicht. So machen auch wir uns an einem Mittwoch nach getaner Arbeit auf den Weg. Das Gebäude steht an der Furmanova. Gleich hinterm Platz der Republik und vis-à-vis mit dem Präsidentenpalast. Man munkelt, dass er sich in Astana nicht nur den gleichen Palast bauen ließ, sondern auch ein zweite Ausgabe des Nationalmuseums, das auch dort über die gleichen Inhalte verfügen soll.Doch mit diesen Gedanken beschäftigen wir uns nur kurz. Schnellen Schrittes betreten wir das monumentale Gebäude. Wir zahlen den Eintritt, rund 300 Tenge. Mit einem internationalen Studentenausweis gibt es sogar eine Ermäßigung. Der Rundgang beginnt wie in jedem deutschen Naturkundemuseum mit Dinosauriern. Wir bewundern Mammutknochen, mongolische Gräber, goldene Rüstungen aus der Vorzeit und Modelle von Tempelbauten. Wobei es wirklich in den meisten Fällen bei der Bewunderung bleibt, denn unser Russisch ist für die Lektüre der beschreibenden Tafeln nicht ausreichend. Die Ausstellung hat schon bessere Tage erlebt und so sind auch die Exponate nahezu alle in einem eher schlechten Zustand. Dass die urzeitliche Abteilung des Museums wohl eher ein Überbleibsel aus Sowjetzeiten zu sein scheint, bemerken wir dann in der nächsten Etage. Hier wird die Geschichte des kasachischen Volkes illustriert. Sämtliche Beschreibungen sind auf kasachisch. Es beruhigt uns ein bisschen zu wissen, dass wir hier selbst mit ausreichenden russischen Sprachkenntnissen nicht weit gekommen wären. In der Mitte des Raumes steht eine prunkvoll ausgestattete Jurte, rund herum liegen in den Vitrinen allerlei kasachische Accessoires: kunstvoll beschlagene Sättel und Trensen, mit Ornamenten geprägte Wasserbeutel aus Leder und, und, und.Weiter geht es. Die Treppe hinauf und in den nächsten Saal. Gleich vorne stehen eine Reihe betagter Fernseher. Offensichtlich wurden hier mal Videos gezeigt. Doch an diesem Tag bleiben die Monitore schwarz. In alten Glaskästen präsentiert Kasachstan auf diesem Rundgang seine verschiedenen Bevölkerungsgruppen. Jede Gruppe bekommt den gleichen Raum: Erst wird die typische Landestracht vorgestellt, dann ein paar Bücher, Zeitschriften und Accessoires. Nicht ganz so alt scheint der Teil über die Chinesen zu sein. In modernem Grau mit indirekter Beleuchtung präsentiert sich die chinesische Kultur als eine Ausstellung in der Ausstellung. Die Farben der Landestracht strahlen noch, die ausgelegten Zeitungsexemplare sind noch nicht vergilbt. Allerdings funktioniert auch hier die eingebaute "Multimediapräsentation" nicht.Wir verlassen den Saal durch die Galerie der Helden des zweiten Weltkriegs und schlendern über die große Galerie in der Mitte den monumentalen Baus hinüber zum "blauen Saal" Schon von weitem strahlt uns das Konterfei Nasabajews entgegen. Herzlich willkommen in der Propaganda-Abteilung. Hier wird nun also das Bild gezeigt, dass Kasachstan von sich selbst und seinem Präsidenten vermitteln möchte.In endlosen Glasvitrinen werden die Erfolge des modernen Kasachstan ausgestellt. Da geht es um Erdöl, um Erdgas, um die Eroberung des Weltraums, um die hervorragende Qualität des Bildungssystems und um die diplomatischen Beziehungen. Hier erfährt man, in welchen Ländern der Welt Kasachstan Botschaften hat und welche Länder in Kasachstan diplomatisch vertreten sind. Hier werden die Nationaldichter gefeiert. Alles unter dem immer wiederkehrenden Blick Nasabajews. Wir fragen uns, was machen sie bloß, wenn er mal nicht mehr Präsident sein sollte? Den Saal umdekorieren? Oder für seinen Nachfolger eine Etage anbauen?
Almaty, Kasachstan. Brot, Gemüse, ab und zu mal essen gehen, öffentliche Verkehrsmittel. Die Liste der Dinge, für die man hier in Almaty Geld ausgeben will und auch muss lässt sich endlos fortsetzen. Ein Besuch in der Buchhandlung lässt einen zur russischen Ausgabe vom "Herr der Ringe? greifen und am Wochenende soll es dann doch mal wieder ein Ausflug in die Umgebung sein. Das summiert sich mit der Zeit.

Bevor ich nach Almaty gekommen bin habe ich stundenlang im Internet nach den Lebenshaltungskosten gesucht, die mich hier erwarten. Vergebens! Und auch aus der Redaktion bekam ich nur eine vage Angabe: ?Mit so um die 500 Dollar im Monat könne man gut leben?.

Aber wie viel Geld benötige ich wirklich und was gebe ich jede Woche aus? Hier der Versuch einer Auflistung: Fangen wir morgens an, die Fahrt mit der Marschroutka zur Arbeit: 35 Tenge. Eine große Flasche Wasser für den Tag: 80 Tenge. Mittags geht es meistens zum Essen in die Kantine, für mein vegetarisches Gericht (halbe Portion), einen Salat, einen Orangensaft und einen Tee zahle ich 200 Tenge. Bevor es dann abends mit der Marschroutka wieder nach Hause zurück geht steht noch ein Besuch auf dem Grünen Basar an. Hier lassen ich für die Zutaten meines Abendbrotes rund 200 Tenge, manchmal auch ein bisschen mehr. Brot ist hier in Kasachstan ungeschlagen günstig: Fladenbrot kostet 30 Tenge, ein normales Kastenbrot nicht mehr als 50 Tenge. Ein Liter Milch 90 Tenge.

Es kommt immer ganz darauf an, auf was ich Hunger habe. Wenn ich aus Bequemlichkeit beim City Center um die Ecke meiner Wohnung einkaufen gehe, wird es ein bisschen teurer, so um die 500 Tenge sind dann mindestens weg. Besonders teuer wird es, wenn mich der Heißhunger auf eine Oetker oder Wagner-Pizza überkommt. Die schlägt nämlich mit 700 Tenge zu Buche.

Nach dem Einkauf geht es wieder mit der Marschroutka zurück nach Hause: 35 Tenge. Auch während des Tages fährt man durchschnittlich noch einmal mit dem Bus zu irgendeinem Termin. Vielleicht auch mit dem Taxi.Über die Wochen gerechnet, die ich nun schon hier bin, benutze ich ungefähr fünf Mal in der Woche ein Taxi. Jede Fahrt kostet 200 Tenge. Hinzu kommen nun noch die Ausgaben für Kino, Disko, Essen gehen ... Eine Kinokarte bekommt man für 700 Tenge, der Eintritt in die Disko kostet inklusive einem Getränk 1000 Tenge, einmal Essen gehen macht den Geldbeutel ebenfalls um 1.000 Tenge ärmer. Ein Ausflug mit dem Bus in die Umgebung ist ebenfalls für 1.000 Tenge zu haben.

Das Leben hier in Almaty ist also nicht billig. Durchschnittlich gebe ich jede Woche rund 7.500 Tenge aus, das sind 45 Euro, ein Besuch im Buchladen oder ein Klamotteneinkauf auf dem Basar sind da noch nicht eingerechnet.

Doch wenn man diesen Betrag mal vier nimmt ist man noch lange nicht bei dem Geld, was man im Monat braucht. Denn den größten Posten bei den Lebenshaltungskosten macht die Miete aus. 22.500 Tenge blättere ich dafür jeden Monat hin. Auch nicht zu vergessen sind die Kosten für das Internet. Eine 30 Stunden Pre-paidkarte ist in vier Wochen schnell versurft: sie kostet 4.500 Tenge. Alles in allem komme ich so auf 57.000 Tenge, die ich jeden Monat ausgebe. Umgerechnet sind das 340 Euro. Im Vergleich mit Deutschland ist das nicht viel, doch hier in Almaty, wo selbst ein in Deutschland ausgebildeter Kinderarzt nur ein Gehalt von 12.500 Tenge bekommt, ist das ein Vermögen.

Almaty, Kasachstan. Im Rahmen der Arbeit für die Deutsche Allgemeine Zeitung bekommt man auch manchmal einen Einblick in wirklich spannende Projekte. So ein spannendes Projekt ist die NGO "Central Asian Mountain Partnership" oder kurz und einfach: CAMP. Rund eine Stunde suche ich im Microrayon "Orbita 1" nach dem Haus 40, in dem sich der Sitz der Organisation befinden soll. Ich werde von einer Ecke des Rayons zur nächsten geschickt und spreche wohl soviel Russisch wie schon lange nicht mehr. "Nein, ich weiß nicht, wo sich das Haus 40 befindet, aber wir können gerne gemeinsam suchen". So streife ich mit einer älteren Frau zusammen durch das Viertel. Haus 36, Haus 37, Haus 39 - nur von Haus 40 fehlt jede Spur. Wer kann denn auch schon ahnen, dass sich das Haus mit der Nummer 40 genau in der Mitte befindet.

Meine Gesprächspartnerinnen erwarten mich schon. In ihren Erzählungen spiegelt sich die Begeisterung wider, mit der sie ihre Arbeit machen. Städte wie Almaty oder Astana boomen. Doch was ist mit den vielen kleinen Dörfern Kasachstans, in denen die Menschen laut einer Untersuchung der Weltbank mit faktisch keinem Einkommen auskommen müssen? Oft braucht man nicht viel Geld, um eine Menge bewirken zu können. Die natürlichen Ressourcen sehen und so den Menschen eine Hilfe zur Selbsthilfe geben, das hat sich das Central Asian Mountain Partnership (CAMP) auf die Fahnen geschrieben. Mit einem Budget von nur 50.000 Euro im Jahr fördern vier Projektmitarbeiterinnen die Wiederbelebung alter Handwerkstraditionen. Aigul Zhanserikowa, Zhanna Alimbajewa, Samal Zhazykbajewa und Raushan Kanajewa bieten Workshops an, entwickeln neue Projekte und kümmern sich um die Produktvermarktung. Genau genommen ist CAMP in vier Bereichen aktiv: der Verwendung von Ressourcen, der Dorfentwicklung, der Produktentwicklung und dem Erfahrungsaustausch. Finanziert wird CAMP über das "Centre for Development and Environemet" (CDE), das seinen Sitz in der Schweiz hat. Die hoch entwickelten Bergstaaten haben Arbeitsgemeinschaften gebildet, in denen stets ein entwickeltes Land eine Reihe weniger entwickelter Länder unterstützt. So kam die Schweiz zu ihrer Patenschaft für die Bergrepubliken Zentralasiens.

Aigul Zhanserikowa und ihr Team legen viel Wert auf die hohe Qualität der Produkte, die von den von ihnen ausgebildeten Frauen hergestellt werden. Stolz präsentieren sie die schönsten Werke aus ihrem Fundus. Und auch in der Vitrine im Eingang ihres Bürogebäudes im Haus 40 des Microrayons gibt es viele Unikate zu bestaunen. Gefilzte Tagesdecken in bunten Farben, Tischdecken, bunte Schals und vieles mehr warten auf Käufer. Und das zu Preisen, die im europäischen Vergleich spottbillig sind. Rund zehn Dollar kosten die gefilzten und gewebten Produkte im Durchschnitt. "Wir würden die Produkte natürlich auch gerne öffentlichkeitswirksamer anbieten, um neue Käufer anzusprechen. Darum sind wir zur Zeit auf der Suche nach einem Ladenlokal in Almaty", erzählt sie.Dieser Laden soll kein reiner Souvernirshop werden. Denn die Ideen aus den CAMP-Dörfern sind gut, sie sind innovativ und einfach zu schade um nur als Souvenirs durchzugehen.

Seit ein paar Tagen ist außerdem die Deutsche Adele Todemann Teammitglied bei CAMP. Die junge Studentin filzt gerade in der Werkstatt der Organisation ihr erstes Objekt in Kasachstan. Geduldig seift sie die Wolle immer wieder ein. Die knallgelbe Farbe ihrer Sonne verknotet sich langsam mit dem braunen Untergrund und verliert an Leuchtkraft. Adele studiert Textilkunst im sächsischen Schneeberg. Der Schwerpunkt ihres Studiums liegt auf dem Filzen. "Filz boomt in Europa", erzählt sie. Und das, wo doch die Tradition des Filzens gar nicht aus dem europäischen Kulturraum kommt. "An den Menschen, zu deren Kultur das Filzen gehört, geht der Profit, den europäische Filzer aus der Technik schöpfen, vorbei". Darum möchte die 26-Jährige den Menschen hier helfen, ihr Einkommen wieder aus dem alten Handwerk zu bestreiten. Gerade ist eine Lieferung von 100 Kilogramm Wolle aus Kirgisistan eingetroffen, die nun im Arbeitsraum von CAMP verarbeitet werden will.

Adele hat viele Pläne. Gemeinsam mit den Frauen, die an ihrem Workshop teilnehmen werden, hat sie einen Schulungsplan für ihre drei Monate Almaty erarbeitet. "Der ist ziemlich straff; ich glaube nicht, dass ich hier Langeweile haben werde", lacht sie. Und man sieht ihr an, wie viel Spaß sie an ihrer Arbeit hat. Sie möchte traditionelle Muster mit modernen Formen verbinden oder aber moderne Muster mit traditionellen Formen. Mit neuen Techniken sollen die Frauen unter ihrer Anleitung Spielzeug, Taschen und Kleidung filzen und so ihre bisherige Produktpalette erweitern.

Die Teilnehmerinnen freuen sich darauf - und sie haben Adele schon fest ins Herz geschlossen. Adele erzählt, dass die Frauen in Kirgisistan schon besser drauf seien, was das Filzen anginge. Dort haben sich die Frauen teilweise zu kleinen Firmen zusammengeschlossen, in denen vier bis fünf Frauen nur mit dem Filzen beschäftigt sind, während ein Designer die Formen und Farben bestimmt. Doch das ist nicht das Ziel von CAMP. Sie wollen keine derartigen Strukturen mit den daraus resultierenden Abhängigkeiten schaffen, sondern ihre Hilfe soll sich direkt an die Frauen richten.

Die Studentin aus Schneeberg fühlt sich in ihrer neuen Umgebung pudelwohl: "Ich habe das Gefühl, dass dieser Workshop hier den Frauen richtig was bringt." Am Ende der Zeit werden alle Teilnehmerinnen die Ergebnisse in einer Ausstellung präsentieren. Den einzigen Nachteil bei ihrer Arbeit sieht Adele zur Zeit darin, dass sie den regionalen Markt noch nicht so gut kennt. Darum ist es nicht ganz einfach zu sagen, wo es Marktlücken gibt, in denen sich die Frauen mit ihren Produkten etablieren können Einen Export der Produkte nach Europa, um sie dort dann zu europäischen Preisen zu verkaufen, hält sie für eine gute Idee. Eine Kooperation mit europäischen Modeherstellern, die viel Wert auf Nachhaltigkeit legen - das ist auch der ehrgeizige Traum von Aigul Zhanserikowa und ihren Kolleginnen. Ihr Engagement beweist: Sie werden es schaffen, ihre Ideen gemeinsam mit den Frauen aus den Dörfern auf eine solide Finanzierungsbasis zu stellen.

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Borowoje, Kasachstan. Die letzten zehn Tage habe ich im Norden des Landes verbracht. In Borowoje. Dieses kleinste Schutzgebiet Kasachstans wird auch die "Perle Kasachstans" oder "Kasachische Schweiz" genannt. Und das nicht zu Unrecht.

Die Felsformationen und die Kiefernwälder sind wirklich ein außergewöhnlicher Anblick und durchaus mit der Sächsischen Schweiz in Deutschland vergleichbar. Auch wenn die Landschaft dort, nur 200 Kilometer vor der russischen Grenze entfernt, zum Urlaubmachen einlädt, war ich nicht zum Erholen dort, sondern zum Arbeiten. Hier in Kasachstan werden jedes Jahr Sommersprachlager für die deutsche Minderheit durchgeführt. Diese werden von den Jugendclubs der Wiedergeburten veranstaltet und zu einem großen Teil von der Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ) finanziert. In diesem Sommer fand auch ein Sprachlager für Jugendliche im Alter von 18 bis 22 Jahren statt. Eben dieses Lager in Borowoje. Für die Organisation dieses Treffens war der Jugendclub in Karaganda verantwortlich. Für dieses Alter gibt es keinen klassischen Sprachunterricht mehr, sondern es werden für die Verbesserung der Sprachkenntnisse themenbezogene Workshops angeboten. Anfang Juni fragte nun die Organisatorin des Sommertreffs 2004, Olga Keller vom Jugendclub "Grashüpfer" in Karaganda an, ob die Deutsche Allgemeine Zeitung nicht einen Workshop zum Thema "Journalismus" veranstalten wolle. Da meine Chefin keine Zeit dazu hatte, hat sie mich gefragt, ob ich diesen Job übernehmen wolle. Na klar wollte ich, und so machte ich mich am 30. Juli auf den Weg. Zunächst ging es mit dem Zug über Nacht nach Karaganda. Von dort aus fuhr dann ein Bus die Teilnehmer nach Borowoje. Dank meiner ungenügenden Russischkenntnisse, die ich beim Kauf meines Tickets mal wieder auf nicht sehr glorreiche Weise unter Beweis gestellt habe, habe ich mir ein Ticket für den Expresszug von Almaty nach Astana aufschwatzen lassen. Fast 6.000 Tenge habe ich dafür bezahlt. Zunächst war ich lediglich ein bisschen irritiert, warum ich auf einmal so viel Geld für eine Strecke bezahlen musste, die nicht viel länger war als der Weg von Turkistan nach Almaty. Und für diese Strecke habe ich das letzte Mal nur 1.250 Tenge bezahlt. Doch ich habe keine Einwände erhoben und einfach bezahlt, was von mir verlangt wurde. Als ich dann zwei Tage später am Bahnsteig stand, traute ich meinen Augen kaum. Hier wartete kein klassischer kasachischer Zug auf mich, sondern eine Luxusvariante. Ich wusste gar nicht, das Kasachstan auch so etwas zu bieten hat. Ein Zug, der von der Ausstattung mit jedem ICE mithalten kann, mit normalen Toiletten, die nicht unter Wasser und was sonst noch standen und mit Bedienung im Abteil. Tee, Kaffee, verschiedene Gerichte ? alles war am Platz zu bekommen. Und auch die Betten waren richtig gut. Da fand ich es fast ein bisschen schade, als ich gegen fünf Uhr morgens schon wieder aufstehen musste, um in Karaganda auszusteigen.

Am Bahnsteig wartete schon Natascha Franzen, ebenfalls Organisatorin des Sommertreffs, auf mich. Gemeinsam fuhren wir zur Wiedergeburt, um dort die Abfahrt des Busses abzuwarten. Nach und nach trudelten die Teilnehmer ein, um neun Uhr waren die Koffer verstaut und wir saßen alle abfahrtbereit im Bus. Wenn das Abenteuer dieses Mal nicht mit der Zugfahrt begonnen hatte, so startete es spätestens jetzt.

Rund 60 Jugendliche nahmen an dem Sommersprachlager teil. Sie mussten sich auf vier Workshops verteilen: eben Journalismus, Theater, Deutsch für den Beruf und Projektmanagement in Jugendgruppen. Der Workshop "Theater" wurde auch von einer Deutschen geleitet. Stefanie Hüber, die in Leipzig unter anderem Theaterwissenschaften studiert, unterstützte das Lager als Sprachassistentin.

Nach rund sieben Stunden Busfahrt, die uns über Astana führte, weil hier noch ein paar Teilnehmerinnen und Teilnehmer eingeladen werden mussten, erreichten wir unser Ziel: das Sanatorium "Samal" in Borowoje. Hier sollten wir die nächsten zehn Tage verbringen. Das Programm, dass die Jugendlichen und die Leiter der Workshops jeden Tag zu absolvieren hatten, war straff: viereinhalb Stunden Unterricht in den Workshops plus zwei Stunden Interesseninseln. Für einen Workshop konnten sich die Teilnehmer nur einmal entscheiden. Dann mussten sie dabei bleiben. Die Interesseninsel hingegen konnten sie jeden Tag wechseln. Hier standen ebenfalls Journalismus und Theater wie auch moderner Tanz, Rock- und Popmusik in Deutschland oder deutscher Film zur Auswahl.

Die Jugendlichen waren außerordentlich motiviert und begeistert. So haben wir, eine 15köpfige und schlagkräftige Redaktion, in der kurzen Zeit im Workshop "Journalismus" nicht nur die Grundlagen des Journalismus erarbeitet, sondern auch eine 19seitige Zeitung erstellt. Auch wenn die jungen Menschen nicht so selbständig erschienen wie ihre Altersgenossen in Deutschland, so war doch ihre Zielstrebigkeit beeindruckend.

Der einzige Minuspunkt an dem ganzen Lager war das Essen. Daran konnten sich unsere deutschen Mägen einfach nicht gewöhnen. Fasziniert beobachteten Stefanie und ich, wie sich die Jugendlichen an dem immer gleich schmeckenden und nicht besonders appetitlichen Essen satt aßen. Wir selbst bekamen morgens keine Nudeln mit Fleischwurst oder Milchsuppe mit Nudeln herunter.

Am 8. August hieß es dann für uns beide Abschied nehmen. Wir mussten schon einen Tag eher fahren, da am Morgen des Neunten unser Flüge von Karaganda nach Deutschland und wieder zurück nach Almaty gingen. Der Abschied von der tollen Gruppe, mit der wir eine Menge Spaß hatten, fiel uns nicht leicht.

Die Zugfahrt nach Borowoje verging wie im Flug. Wir teilten und das Coupe mit einem Pärchen, das von seinem Urlaub nach Karaganda zurückkehrte. Am Bahnhof wurden wir schon erwartet und dann zum Flughafen gebracht. Und das um drei Uhr in der Nacht. Am Flughafen gab es nur ein Problem. Er öffnete erst um fünf Uhr morgens. Dennoch fanden wir eine Tür, die offen war und so richteten wir es uns in der notbeleuchteten Halle ein. Sie hätte mit ihrem Charme und dem ganzen Ambiente aus einem der ersten James Bond Filme stammen können. Der Info-Schalter war unbesetzt, dennoch erleuchtet, die Toiletten abgeschlossen und draußen schlichen, auch wenn die erste Maschine erst um halb sechs landen sollte, schon eine Menge Menschen um das Gebäude. Das war ein sehr komisches Gefühl. Doch es blieb bei dem unguten Gefühl. Gegen acht Uhr saßen wir beide in unseren Flugzeugen (in zwei der insgesamt nur fünf Maschinen, die an jenem Tag in Karaganda in die Luft gingen) und kehrten nach Deutschland und Almaty zurück. Unter uns nur die endlose Steppe. Langsam kommen die Berge in Sicht. Leider sind sie nicht klar zu sehen. Der Smog über der Stadt ist einfach zu dicht. Ich lehne mich zurück, wieder um eine außergewöhnliche Erfahrung reicher.
Almaty, Kasachstan. Das OVIR ist eine der ersten Anlaufstellen für Ausländer in Kasachstan. Hier in diesem unscheinbaren Gebäude, dass sich nur eine Viertelstunde zu Fuß von meiner Wohnung befindet, muss sich jeder Neuankömmling innerhalb der ersten 72 Stunden im Land registrieren lassen. Eine lästige Angelegenheit. Vor allen Dingen, wenn man es zum zweiten Mal über sich ergehen lassen muss. So wie ich. Denn beim ersten Mal haben mich die Behörden nur bis zum 19. Juli registriert. Mein Flug zurück geht aber erst am 5. September. Wahrscheinlich hätte ich es auch gar nicht gemerkt, dass ich nicht mehr "offiziell" gemeldet bin, hätte ich nicht die Wartezeit in Karaganda vor einer Woche damit zugebracht, meinen Pass zu inspizieren. Nachdem ich alle Worte auf dem Registrierungszettel, der lose in meinen Pass eingelegt wurde, für mich übersetzt hatte, waren alle Zweifel verflogen: Schon seit fast einem Monat war dieser blaue Wisch nicht mehr gültig. Na toll! Nach ersten Schimpftiraden auf die kasachstanischen Behörden, die die Sache nicht wirklich änderten, machte ich mich mit dem Gedanken vertraut, dass ich mich wohl noch einmal auf dem OVIR sehen lassen muss.Kaum wieder in Almaty kümmere ich mich sofort um meine Papiere. Denn wie auch bei der ersten Registrierung muss ich wieder das Einladungsschreiben und die ganzen Papiere von der Wiedergeburt, der Organisation, die mich nach Kasachstan eingeladen hat, vorlegen. Ohne Einladung nach Kasachstan gibt es nämlich kein Visum, das zu einem längeren Aufenthalt im Land berechtigt. Ein bisschen mulmig ist mir schon zumute und so schlage ich den Ratschlag, die ganze Sache doch auszusitzen und mich dann bei der Ausreise dumm zu stellen, in den Wind. Denn erstens hatte ich nicht vor, bei meiner Ausreise um etliche Dollar ärmer zu sein und zweitens liegt mir viel daran, mein Flugzeug zu bekommen.Nadia, die Sekretärin der Wiedergeburt, erzählt mir, dass ich nicht die Erste bin, bei der die Registrierung zu früh ausgelaufen ist. Und sie eröffnet mir auch, dass ich nun wahrscheinlich Strafe bezahlen muss. Wie viel? Diese Informationen hat sie nicht parat.Da ich meinem Russisch immer noch nicht über den Weg traue, verabrede ich mich am nächsten Morgen mit Dschamilja vorm OVIR. Sie kennt dort jemanden, einen Kommilitonen. Nachdem wir festgestellt haben, dass der "offizielle" Registrationsschalter erst um 10 Uhr öffnet, sich aber schon zahlreiche Menschen in die davor liegende Liste eingetragen haben, fragt sich meine Begleiterin nach ihrem Studienkollegen durch.Wir haben Glück und er arbeitet. Ein paar Minuten später sitze ich zwei Stockwerke weiter oben in einem großen Raum. Auf der einen Seite stehen zwei Schreibtische: ein großer und ein kleiner. Am Fenster entlang steht eine Tischreihe mit Stühlen. In einer Ecke stehen zwei Computer, auf denen munter ein Windows98-Bildschirmschoner flackert. Diese Rechner scheinen nicht miteinander vernetzt zu sein. Denn mein Ansprechpartner, der übrigens sehr gut deutsch spricht, muss jedes Mal mit einer Diskette den Rechner wechseln, wenn er etwas ausdrucken will.Auf dem Fußboden wölbt sich der rot und - wahrscheinlich vormals einmal weiß - gekachelte PVC-Belag. An vielen Stellen ist schon der darunter liegende Holzfußboden zu sehen. In der Mitte liegt ein Perserteppich und in der Steckdose an der Tür steckt ein Wasserkocher, der auch schon einmal bessere Tage gesehen hat. Wann in diesem Raum das letzte Mal sauber gemacht wurde, ist schwer zu sagen. Die Putzfrau, die auf der anderen Seite des Flures offensichtlich gerade das Büro des Chefs wienert, guckt noch nicht einmal um die Ecke. Doch die Hierarchie wird im OVIR offensichtlich durch den Zustand der Büros ausgedrückt: Nebenan wölbt sich der Fußboden nicht. Hinter dem schwarzen, blank polierten Schreibtisch steht ein Ledersessel und vor dem Fenster halten Lamellen das Sonnenlicht ab.Dschamilja musste schnell weiter zu der Hochzeit einer Freundin, und so warte ich gemeinsam mit dem jungen Mann auf seinen Chef. Er erzählt mir, dass es normal sei, dass ich mit meinem Visum zunächst einmal nur für drei Monate registriert worden sei. Das würden die Bestimmung für Ausländer des kasachstanischen Staates besagen. Und warum mir das niemand gesagt hätte, frage ich. Nun, meint mein Gegenüber, das müssten Ausländer schon selbst herausfinden. Und, ach, übrigens, diese Bestimmungen gäbe es nur in russischer Sprache. Ich entgegne, dass ich es nicht wirklich entgegenkommend finde, dass mich weder das kasachstanische Konsulat in Hannover, wo ich mein Visum abgeholt habe, noch die einladende Organisation, die Wiedergeburt, darauf hingewiesen hätten. Er zuckt die Schultern. Geht zum Rechner und druckt ein mindestens zehn Seiten dickes Schreiben aus. Nun hätte ich sie ja. Er zeigt mir einen georgischen Reisepass. Ob ich so einen schon einmal gesehen hätte. Ich betrachte ihn und gebe ihn wieder zurück. Er legt ihn in seine Ablage zurück und grinst: "Dieser Mann hat sich unter einer falschen Adresse registrieren lassen, auch das wird bestraft."Der Raum füllt sich mit Männern in Uniformen. Dienstbesprechung, ich werde gebeten auf dem Flur weiter zu warten. Eine halbe Stunde später werde ich wieder hereingebeten. Man erklärt mir, dass mein Pass bis auf weiteres im OVIR bleiben wird. Ich bekomme eine Quittung und die Handynummer von Dschamiljas Studienkollegen. Ich soll ihn abends anrufen und fragen, wann ich meinen Pass wieder abholen soll. Strafe müsse ich keine bezahlen, nur noch einmal die 823 Tenge Registrationsgebühren.Ich mache mich auf den Weg in die Redaktion. Als ich dort ankomme, herrscht schon eine gewisse Aufregung. Denn Dschamilja ist von der Hochzeit schon wieder zurück und unruhig, weil ich noch nicht aufgetaucht bin. Gerade wollte sie sich auf den Weg machen, um mich zu suchen. Ich beruhige sie, in meinen Augen habe alles geklappt. Jetzt muss ich nur noch meinen Pass wieder bekommen. Dazu soll ich den jungen Mann vom OVIR abends anrufen. Das mache ich auch. Darauf hin bekomme ich die Auskunft, dass er mich am nächsten Tag anrufen wird, um mir mitzuteilen wann ich vorbei kommen kann ?
Almaty, Kasachstan. In diesem Jahr findet sie zum zweiten Mal hier in Almaty statt, die Deutsch-Kasachische Sommeruniversität an der Deutsch-Kasachischen Universität (DKU). Auch Studenten aus Mittweida sind angereist, denn ihre Fachhochschule unterhält eine Patenschaft zur DKU.Rund 60 Studentinnen und Studenten aus den verschiedensten Ländern Zentralasiens bilden sich hier zwei Wochen lang in verschiedenen Disziplinen weiter: Politik, Wirtschaft, Geisteswissenschaften oder Theaterspiel. Die Dozenten kommen aus Kasachstan oder Deutschland. Auch der Leiter des Theatermoduls Andrej Lasarew ist aus der Bundesrepublik angereist. Und ich mische mich als Praktikantin der DAZ unter die Teilnehmer des Moduls und beobachte die Szene. Lasarew zündet eine Kerze an. "Leider habe ich keine Glocke dabei, aber Glas und Stift tun es auch", leitet er das Spiel ein. Ein Spiel, bei dem es keine Regeln gibt. Jeder, der will, kann nun seine Chance ergreifen, um vor Publikum aufzutreten.
"Wer will?"- Lasarew guckt in die Runde.
Kaum ist die Frage im Raum verklungen schnellen schon die ersten Hände in die Luft. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Jeder der spontan agierenden Schauspieler "läutet die Glocke". Dann geht es los: Ob alleine oder gleich mit der ganzen Gruppe, die Teilnehmer sind begeistert bei der Sache. So begeistert, dass die Moderationsfähigkeiten Lasarews nicht mehr gefragt sind. Zufrieden betrachtet er die Szene, war es doch diese Eigendynamik, die er erreichen wollte. Der Mann in weißem T-Shirt, weißer Hose und Flip-Flops lebt in Deutschland, er studiert in Münster Politikwissenschaften, Kommunikation und Psychologie und ist nebenbei viel fürs Theater unterwegs. Vor allen Dingen für sein eigenes, das "atheater" in Münster. Vor zwölf Jahren erfüllte sich für ihn ein lang gehegter Traum: Er bekam die Chance an der Deutschen Theater Akademie, einer Initiative, um Nachwuchsschauspieler für das Deutsche Theater Almaty (DTA) zu rekrutieren, Regie und Schauspielerei zu studieren. 1994 begann er dann am DTA zu spielen. 1999 bekam er das Stipendium des Präsidenten Kasachstans für junge Künstler.
In diesem Moment wusste er, dass er in Kasachstan an seine Grenzen gestoßen war. Wenn er sich weiter entwickeln wollte, musste der das Land verlassen. So verschlug es ihn nach Deutschland. Am Anfang stand ein Stipendium von der Stuttgarter "Akademie Schloss Solitüde". In diesem Rahmen inszenierte er eine Performance mit sieben Menschen aus sieben verschiedenen Ländern. Weitere Inszenierungen folgten, sowie die Aufnahme des Studiums in Münster und die Gründung des atheaters. Diese war, wie alles in seinem Leben, ein Zufall. Denn zufällig verschlug es drei weitere ehemalige Schauspieler des DTA nach Münster. Gemeinsam riefen sie ein experimentelles Theater ins Leben, das Menschen verschiedener Nationalitäten verbinden soll.Nach dieser Woche, die ganz im Zeichen der Sommeruni stand, ging es am Sonntag in die Steppe. Nach Bartogai. Unser Bus stoppt in der Ödnis. Weit und breit sehen wir keinen Strauch und keinen Baum. Nur Berge, die Weite und die riesengroße Wasserfläche eines Stausees. Unser Guide weist uns an, ihm zu folgen. Es geht durch einen langen unbeleuchteten Tunnel und weiter durch eine karge Felslandschaft. Nach einer Viertelstunde Fußmarsch kommt eine richtige Oase in Sicht. Inmitten der Einöde schlängelt sich hier ein türkisblauer Fluss durch die Berge. An seinen Ufern Bäume und kleine Wiesen. Wir haben ein weiteres Lieblingsausflugsziel der Kasachstaner erreicht. Die Stunden, die wir hier zur freien Verfügung haben, nutzen wir zum picknicken und ausruhen. Dabei beobachten wir die Raftinganhänger dabei, wie sie ihre Boote zu Wasser lassen. Nach vier Stunden kehren wir zu dem Bus, der uns nach Almaty zurück bringen soll, zurück.Der Bus setzt sich auch in Bewegung. Als er sich die Serpentinen hinunter windet, beginnt er komische Geräusche zu machen. Die Bremsen scheinen es aber nicht zu sein. Denn wir kommen wohlbehalten am Fuß des Berges an. Doch hier geht gar nichts mehr. Der Bus steht und macht auch keine Anstalten sich wieder in Bewegung zu setzen. Motorschaden, lautet die Diagnose. Und das mitten in der kargen Ödnis Kasachstans, kein Handyempfang und keine Hilfe in Sicht. Da wir uns rund vier Stunden von Almaty entfernt befinden, habe ich ein ungutes Gefühl. Denn in ein paar Stunden muss ich meine Schwester am Flughafen Almaty in Empfang nehmen. Hoffentlich klappt das noch alles ? Die Busse, die noch oben am Parkplatz standen, als wir abfuhren, würden - so sagte man uns - erst um 19 Uhr abfahren. Eindeutig zu spät, um das Flugzeug meiner Schwester noch erreichen zu können. Wir kratzen unser Geld zusammen und spielen mit dem Gedanken an der nahe gelegenen Straße eines der nächsten Autos anzuhalten. Während wir noch unser Geld zählen, quält sich doch schon ein weiter Bus den Berg herunter. Was für ein Glück. Doch wie kommen wir nun in diesen Bus? Denn Vorrang haben Frauen und Kinder. Julia hatte da die rettende Idee. Sie erklärte dem Reiseleiter, dass wir vier Touristen aus Deutschland wären, die am Abend ihr Flugzeug bekommen müssten ? es wirkte und Minuten später saßen wir auf dem Gang des Busses. Vier Stunden sind wir durchgeschüttelt und ein bisschen steif wieder in Almaty. Noch rechtzeitig um das Flugzeug meiner Schwester zu erreichen.
Almaty, Kasachstan. Auf den ersten Blick erscheint Almaty und Kasachstan insbesondere als exotischer Ort, um ein Praktikum zu machen. Doch in Anbetracht der Menge an Deutschen, auf die ich gerade in den letzten Wochen getroffen bin, scheint Almaty durchaus ein salonfähiger Praktikumsort zu sein. Beim Goethe Institut, bei Tetra Pak oder bei der Deutschen Botschaft, als auch ASA-Stipendiaten, es sind nicht wenige junge Menschen, die nach Kasachstan kommen um hier ein paar Monate zu arbeiten. Das hätte ich nicht erwartet.Auf geht es nun in die letzte Woche. Eine Menge Dinge müssen noch erledigt werden. Meine Schwester ist seit einer Woche hier. Sie will noch etwas von Kasachstan sehen, und dann gibt es da noch eine endlose Liste mit Souvenirs, die angeschafft werden wollen.So starten wir mit einem Stadtrundgang in die Woche. Die Kurmangasi herunter bis zu dem Partnerreisebüro, das die Registrierung meiner Schwester beim OVIR vornehmen wird. Denn als Tourist muss man den Gang zum OVIR nicht auf eigene Faust erledigen. Diese Serviceleistung lassen sich die Reisebüros aber auf ordentlich was kosten: 2.500 Tenge statt der 823 Tenge, wenn man es selbst erledigt. Dann die Furmanova hinunter bis zur Shibek Sholy. Das reichte an Eindrücken für den ersten Tag. Der zweite Tag war dann für meine Schwester nicht so spannend. In der Redaktion stand, wie jeden Dienstag, das Layout an. Ein an sich immer ein wenig stressiger Tag, dieses Mal kam noch hinzu, dass der neue Medienassistent in der Nacht von Montag auf Dienstag angekommen war. Matthias Echternhagen löst meine Chefin Corinna Kühn zum 1. September ab und wird zunächst einmal für das nächste Jahr den deutschen Teil der "Deutschen Allgemeinen Zeitung" verantworten. Zunächst einmal nur für ein Jahr, weil sein Vertrag so lange läuft. Dann kann er sich überlegen, ob er noch ein weiteres Jahr bleiben möchte.Da die Zeit für die Einarbeitung nur kurz ist, da Corinna auch schon am 7. September wieder nach Deutschland fliegt, hatte Matthias nicht viel Zeit, um seinen Jetlag und seinen Kulturschock zu verarbeiten. Es ging gleich an die Arbeit.Auch meine Schwester hatte in den ersten zwei Tagen hier mit einem kleinen Kulturschock zu kämpfen. Denn hier ist eben vieles ganz anders als zuhause. Nach dem sie die ersten zwei Tage nicht müde wurde zu wiederholen, dass sie gerne das nächste Flugzeug wieder nach Hause nehmen würde, änderte sich ihre Meinung mit dem dritten Tag. Denn an dem erklärte sie, dass sie es sich durchaus vorstellen könnte, noch länger hier zu bleiben.Da meine derzeitige Mitbewohnerin Stefanie am Sonntag schon wieder nach Hause fliegen musste, waren wir viel mit ihr zusammen unterwegs. Denn auch sie musste noch eine Menge Souvenirs und noch andere Dinge einkaufen. Sie wollte, da hier alles günstiger ist als daheim, noch ein paar Kleidungsstücke für den Übergang erwerben. So machten wir uns auf die Suche: auf dem grünen Basar, im Kaufhaus ? und wurden tatsächlich fündig. Denn auf dem grünen Basar war offensichtlich gerade ein Container Esprit-Kleidung eingetroffen. Es gab nicht einen Stand, an dem es keine Esprit-Pullover zu kaufen gab.Samstag ging es dann nach Shimbulak hoch und mit der Seilbahn auf 3.000 Meter Höhe. Das Wetter war phantastisch, und so hatten wir einen tollen Blick auf die Berge. Die Stadt war leider wieder einmal nicht so gut zu sehen. Eine schwarze Smogwolke lag darüber.Abends stand dann die Abschiedsfeier meiner Chefin auf dem Programm und Sonntag ein Ausflug in die Turgenschlucht. Hier war dann auch der neue Praktikant der DAZ, Thomas, mit von der Partie. Ebenso Stefan, ein junger Mann, der gerade in Almaty seine Brieffreundin besucht und nebenbei ein paar Reiseberichte über Land und Leute schreiben will.Die Turgenschlucht besticht durch eine grandiose Landschaft. Hier hat der Präsident ein Gestüt, auch begegnet uns hier das erste Ferienressort Kasachstans. Den Menschenmengen nach zu urteilen, die sich den Weg in die Schlucht bahnten, scheint Turgen ein beliebtes Ausflugsziel zu sein.Eigentlich gehört der Montag ja schon zur nächsten Woche, aber dieser Montag war so etwas wie unser Sonntag. Denn ich musste nicht arbeiten, da Kasachstan am 30. August seinen "Tag der Verfassung" feiert. Das bedeutet geschlossene Geschäfte und eine Riesenfeier auf dem Platz der Republik. Da wir diesen Menschenauflauf bei den letzten Feiertagen immer verpasst haben, wollten wir dieses eine Mal wenigstens dabei sein. Die Prachtstraßen der Stadt sind bunt geflaggt. Auch der Platz der Republik ist in viele Farben gehüllt. An der Fassade des Hotels Ankara hängt eine überdimensionale Kasachstanflagge - weithin sichtbar. Die Stimmung auf dem Platz allerdings ist gedämpft. Die Kasachstaner lauschen wieder einmal nur der Musik, kein Tanz, kein Applaus.Noch bevor das Feuerwerk in den Himmel geschossen wird, öffnet dieser seine Pforten. Es schüttet. Wir beschließen, uns das Feuerwerk von zuhause vom Balkon aus anzusehen.
Lage, Deutschland. Nun bin ich wieder zuhause. 20 Wochen Kasachstan liegen hinter mir und was bleibt davon? Es bleibt die Einsicht, fünf Monate lang in einer ganz anderen Welt gelebt zu haben. Einer Welt, die mich herzlich aufgenommen hat, in der ich mich auch ohne ausreichende Sprachkenntnisse gut zu Recht gefunden habe. Doch die mir dennoch ein Stück weit fremd geblieben ist. Und ich weiß ich nun: Ich werde nie wieder ohne ausreichende Sprachkenntnisse dort hin fliegen. Oder fahren und damit einen großen Traum in die Tat umsetzen: Berlin - Moskau - Almaty - Peking. Das ist auch mein aber, wenn ich auf die Frage antworte, ob ich mich nach den Erfahrungen noch einmal für dieses Praktikum entscheiden würde. Ja, aber ? - richtig, die Sache mit der Sprache.Die letzte Woche war noch einmal sehr abwechslungsreich und aufregend - wenn auch ein bisschen traurig. Denn irgendwie stand alles im Zeichen des nahenden Abschiedes. Es ist schon ein sehr komisches Gefühl, wenn man weiß, dass dieses Treffen nun das letzte sein wird für eine lange Zeit - denn all diese Menschen haben mit ihrer Freundlichkeit und Offenheit dazu beigetragen, dass Kasachstan für mich zu einem unvergesslichen Erlebnis und einer Zeit wurde, das und die ich nicht missen möchte. Auf der anderen Seite war die Freude auf Zuhause, auf das "geordnete Leben" in Deutschland sehr groß. Darum habe ich, sprichwörtlich gesagt, mit einem lachenden und einem weinenden Auge Abschied genommen.Es gab Einladungen zum Essen und viele Anekdoten aus den vergangenen Monaten, welche die Zeit noch einmal sehr lebendig werden ließen. Die schönen Momente und die Augenblicke, in denen ich mich gefragt habe, was ich überhaupt in diesem Land verloren habe. Die vielen Ausflüge an den Wochenenden und das Sprachlager in der Nähe von Astana. Die kurze Reise nach Turkistan, das deprimierende Shimkent und der Trip nach Kirgistan zum Issyk-Kul. Die schönen Erinnerungen überwiegen.Auch unser Abschlussausflug gehört unbestritten zu den Höhepunkten. Von Samstag auf Sonntag ging unser Flieger nach Frankfurt. Die Koffer waren schon am Freitag alle gepackt. Von der Redaktion hatte ich mich auch schon am Freitag mit einem Frühstück verabschiedet. Was also mit dem noch verbleibenden Samstag anfangen? Meine Schwester protestierte gegen den Vorschlag, in Almaty zu bleiben. Sie konnte der dreckigen heimlichen Hauptstadt Kasachstans nicht viel abgewinnen, zumal wir alle Sehenswürdigkeiten schon besichtigt hatten. So kam das Reisebüro, das sich auf der gleichen Etage wie die Redaktion befindet, damit um die Ecke, dass sie genau an diesem Tag tolle Raftingtouren anbieten würden.Gesagt, gebucht. Drei Stunden Fahrt bis zum Fluss, gehobener Schwierigkeitsgrad. Zu zehnt machen wir es uns in den großen Schlauchboten bequem. Vier Instruktoren passten darauf auf, dass das Boot auch dann auf Kurs blieb, wenn die ungeübte Crew den Kommandos nicht ausreichend Folge leistete. Es begann alles sehr seicht und es hätte so eine schöne Bootsfahrt werden können durch die unberührte Natur. Rechts und links des Flusses erhoben sich schroffe Berge, die in der Sonne rötlich schimmerten. Ein paar Kilometer flussabwärts war es mit der Idylle dann vorbei - das heißt, natürlich waren die Berge noch da, doch wir hatten dafür keinen Blick mehr. Denn die Geschwindigkeit des Flusses zog an und wir paddelten von einer Stromschnelle in die nächste. Immer haarscharf an den Klippen vorbei - auf jeden Fall kam es jedem von uns so vor. Und wir wurden - auch als wir schon wieder, müde, klatschnass und glücklich 20 Kilometer später festen Boden unter den Füßen hatten - nicht müde, zu beteuern, welcher Gefahr wir uns ausgesetzt sahen.Samstagmorgen kam Babette am Bahnhof in Almaty an. Sie ist eine junge Leipzigerin, die sich alleine auf eine Abenteuertour durch Zentralasien gemacht hat. Erst mit dem Schiff nach St. Petersburg, dann mit dem Zug nach Moskau und dann weiter nach Almaty. Von ihrem Vorhaben habe ich über einen ehemaligen Praktikanten den Goethe-Institutes Almaty erfahren. Da sie nun in Almaty eine Unterkunft suchte, unsere Wohnung erst einmal leer stand und wir auch jemanden suchten, der unsere Schlüssel an die Vermieterin übergeben konnte, kam eines zum anderen. Kaum in Almaty angekommen ging es dann auch für Babette gleich wieder los - denn auch sie war beim Raften mit von der Partie.Der Rückweg von unserer Landestelle nach Almaty führte uns drei Stunden lang an den Bergen entlang. Nicht über eine der viel befahrenen Hauptverkehrachsen des Landes ruckelte unser Bulli, sondern über eine Seitenstraße, von der wir eine gigantische Aussicht über die Almatiner Ebene hatten. Hätten wir es nicht besser gewusst, hätte diese Landschaft mit ihren Alleen und bunten Feldern auch ohne Probleme in die Toskana gepasst. Immer wieder tauchten Eselskarren am Horizont auf und in den Scheunen am Straßenrand trockneten Tabakblätter vor sich hin. Während meine Mitfahrer friedlich auf ihren Sitzen eingenickt sind, träume ich vor mich hin.Ja, ich werde noch einmal nach Kasachstan zurückkehren. Doch nicht morgen und nicht nächstes Jahr. Denn die Zeit in Kasachstan hat mich neugierig gemacht. Ich möchte wissen, wie es in anderen Ländern aussieht, wie Menschen anderer Kulturen leben. Und irgendwann ist dann auch Kasachstan noch einmal an der Reihe - mit dem Zug.Wenn nach diesen Berichten nun noch Fragen zu Kasachstan und meinem Praktikum unbeantwortet geblieben sind, schreibt mir einfach eine E-Mail: wiebke.brinkmann@web.de. Ich freue mich über Rückmeldungen.
Dieser Artikel ist erschienen am 27.04.2004