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Pragmatisch, faktisch, gut

Technische Redakteure werden oft als Poeten der Gebrauchsanleitung belächelt. Doch gäbe es sie nicht, würden wir an Autos und Handys verzweifeln. Und das Beste: Die Branche sucht Nachwuchs. Dringend.

Andrea Luft braucht schon ein wenig Fantasie, um sich auf den Fahrersitz eines 5er-BMW zu denken. Wenn die 34-Jährige ihren Blick von Navigationssystem und CD-Spieler hebt, dann schaut sie nicht über eine bayerische Autobahn, sondern in ein Metallregal. Statt Ledersitzen gibt es einen abgewetzten Bürostuhl - und der schafft garantiert keine 250 Sachen.

Die besten Jobs von allen


So unscheinbar das Eckbüro im Forschungszentrum von BMW auf Außenstehende wirkt: Für Technische Redakteure wie Andrea Luft ist es so etwas wie eine virtuelle Teststrecke, auf der alles gecheckt wird, was das Auto an Infotainment zu bieten hat - Radio und Telefon, Handy-Vorbereitung und Navigationssystem

"An diesem Systemarbeitsplatz kann ich neue Software anschauen, ohne dass sie in ein Auto eingebaut werden muss", erklärt Luft, während sie geschickt an einem silbernen Drehknopf herumfingert. Ihr Blick wandert immer wieder zu den Post-it-Zetteln vor ihr, mit denen das Rohmanuskript einer Bedienungsanleitung gepflastert ist. Bis heute Abend muss sie dem Text die letzten Fehler ausgetrieben haben. "Es nützt mir nichts, wenn ich nur Fotos von Display-Texten zu sehen bekomme", sagt sie. "Ich muss die Funktionen auch ausprobieren, daran herumspielen können." Wie der Ochs vorm Berge
Kein Handbuch verlässt das BMW-Werk, bevor es nicht durch die Hände der 20-köpfigen "Abteilung Betriebsanleitung" gegangen ist. Andrea Luft ist seit drei Jahren dabei. Ohne die Sprachwissenschaftlerin und ihre Kollegen stünden Autokäufer vor ihrem neuen Radio wie der Ochs vorm Berg - und bekämen womöglich nicht mal die Fahrertür auf

Entgegen der landläufigen Meinung werden Betriebsanleitungen in Deutschland keineswegs nebenbei hingeschmiert. Ein ganzer Berufsstand mit rund 70.000 Beschäftigten kümmert sich darum, das Technik-Kauderwelsch der Entwicklungsabteilungen so zu übersetzen, dass der Endverbraucher auf Anhieb die richtigen Knöpfe drückt. Der Beruf hat viel Ähnlichkeit mit der Arbeit von Journalisten: Technische Redakteure recherchieren Daten und Fakten, formen daraus eingängige Texte oder redigieren bereits vorhandenes Material

Doch während der Journalistenberuf auf der Beliebtheitsskala junger Leute ganz oben rangiert, hat kaum ein Absolvent eine Karriere als Technischer Redakteur auf dem Schirm. Kein Wunder, gelten sie doch selbst im eigenen Unternehmen als Exoten, wie Andrea Luft erfahren musste: "Wenn ich erzähle, was ich beruflich mache, bekomme ich oft mitleidige Reaktionen: Ach Gott, du schreibst Gebrauchsanleitungen?"

Heute Baukran, morgen Flugzeug
Was nur wenige wissen: Technische Redakteure sind in der Wirtschaft heiß umworben. Rund 450 Jobangebote zählte der Fachverband Tekom allein von Januar bis April - fast so viele wie im gesamten letzten Jahr, als 500 offene Stellen zu besetzen waren. Vor allem Absolventen der neuen Fachhochschulstudiengänge Technische Redaktion haben mit ihrer Examensurkunde fast eine Jobgarantie in der Tasche. Auf sie werfen nicht nur die produzierenden Unternehmen ein Auge, sondern auch die auf Technische Dokumentation spezialisierten Dienstleister, von denen es in Deutschland rund 1.500 gibt. Wer dort arbeitet, muss technischer Allrounder sein: Gestern Software, heute Baukran, morgen Flugzeug.

Einer der größten Dienstleister ist die Tanner AG aus Lindau am Bodensee. Personalleiterin Andrea Spieth achtet bei Bewerbern vor allem auf fundiertes Technikwissen: "Schreibkompetenz können wir neuen Mitarbeitern relativ leicht beibringen. Aber ein Grundverständnis für Technik lässt sich nur schwer nachträglich vermitteln."

Entsprechend dominierten in der Branche bislang Ingenieure und Naturwissenschaftler. Doch die Chancen für Bewerber anderer Fachrichtungen steigen. "Der Beruf hat ein sehr großes Potenzial an Quereinsteigern", erklärt Gregor Schäfer vom Fachverband Tekom. So werden auch Geistes- und Kommunikationswissenschaftler mit einem ausgeprägten Interesse für Technik gerne genommen. Schließlich haben sie oft ein besseres Gespür für Sprachniveau und Verständnisprobleme der Anwender. Auf Nebenwegen zum Traumjob
Andrea Luft ist der beste Beleg für den Wandel des Berufs: Auch sie bringt kein Ingenieurstudium mit, sondern eine Fächerkombination, die als "brotlose Kunst" gilt: Slawistik, VWL und Deutsch als Fremdsprache. "Es war mir klar, dass ich später mal ganz was anderes als Geisteswissenschaften machen muss", erzählt die gebürtige Ostberlinerin. Doch ganz ohne Technik wuchs auch sie nicht auf: Vor dem Studium hatte sie eine Ausbildung zur Maschinen- und Anlagenmonteurin absolviert

Nach drei Jahren im BMW-Vertrieb Osteuropa wechselte sie in ihren Traumjob Technische Redakteurin. "Damals wäre es egal gewesen, ob ich Kühlschränke oder Autos verschiffe. Da hatte ich keinen direkten Bezug zum Produkt", erinnert sich Andrea Luft an ihre ersten Jahre im Vertrieb. "Das ist heute ganz anders." Heute holt sie sich ihre Infos aus erster Hand - quasi direkt aus den Entwicklungslabors. Auch die Kollegen in der Produktion seien sehr hilfsbereit, lobt sie. "Aber wenn jemand zwei, drei Mal schlechte Erfahrungen mit japanischen Videorecordern gesammelt hat, muss ich ihn erst mal überzeugen, dass Betriebsanleitungen auch nützlich sein können.

Um ein Privileg wird die Technische Redakteurin jeder Journalist beneiden: Andrea Luft bekommt Modelle schon dann zu sehen, wenn BMW sie noch vor den Blicken der eigenen Mitarbeiter abschirmt. So durfte sie den neuen 3er vor die Linse nehmen, an dem derzeit mit Hochdruck gearbeitet wird. "In den Versuchswerkstätten geht alles top secret zu", berichtet sie. "Alle sind nervös, weil die neuen Autos eigentlich noch nicht fotografiert werden dürfen - außer von uns." Nur ein Illustrator bekommt die Fotos zu sehen; er fertigt daraus Zeichnungen für die Betriebsanleitung.

Rund 140 Broschüren - vom Serviceheft bis hin zum dicken Handbuch - schreibt und überarbeitet die BMW-Redaktion pro Jahr. Da geht es oft um stilistische Feinheiten, die Lesern nur selten auffallen. So darf in Handbüchern jeder Satz nur einen Arbeitsschritt enthalten. Und in Warnhin?weisen ist die direkte Ansprache mit "Sie" verpönt. "Wir erwarten nicht, dass der Kunde das Fahrzeug falsch bedient", erklärt Andrea Luft. Um empfindsamen Autokäufern nicht auf die Füße zu treten, schreibt sie also lieber "Lenkrad nicht während der Fahrt einstellen" statt "Stellen Sie auf keinen Fall während der Fahrt das Lenkrad ein". Der Charme der einfachen Worte
Bevor die Slawistin zu BMW kam, waren die Betriebsanleitungen noch voll von technischen Details. Mittlerweile hat auch der bayerische Autobauer den Charme der einfachen Worte entdeckt. Andrea Luft erklärt es so: "Der Kunde will ja nur sein Radio bedienen und es nicht gleich nachbauen." Sie selbst bekennt sich dazu, Gebrauchsanleitungen immer komplett durchzulesen. Nur einmal musste sie vor dem Kauderwelsch eines Videorecorders kapitulieren: "Irgendwann habe ich es aufgegeben, den mit Hilfe der Anleitung zu programmieren. Und habe einfach jemanden gefragt, der sich mit so was auskennt."

Jobprofil
Technische Redakteure machen Technik verständlich. Sie schreiben Gebrauchs- und Montageanleitungen, Handbücher, Online-Hilfen, Ersatzteilkataloge. Rund drei Viertel sind in der Industrie beschäftigt, vornehmlich im Maschinen- und Anlagenbau sowie im IT-Sektor. Der Rest arbeitet für Dienstleister. Rund 70.000 hauptberufliche Technische Redakteure gibt es in Deutschland. Dazu kommen 40.000 in verwandten Berufen wie Illustratoren oder Übersetzer.

Ausbildung
Bis in die 90er Jahre war das Training on the Job der klassische Einstieg in den Beruf. Mittlerweile ist ein maßgeschneidertes FH-Studium die Regel. Rund 15 Hochschulen, darunter die FHs Aalen, Hannover, Karlsruhe, Bonn-Rhein-Sieg und die RWTH Aachen, bieten Studiengänge an. Für Quereinsteiger hat der Fachverband Tekom das "Technische Volontariat" etabliert, eine betriebliche Ausbildung mit außerbetrieblichen Modulen. Auch private Weiterbildungsinstitute wie Tecteam oder Docendi haben Lehrgänge zum Technischen Redakteur im Programm.

Qualifikation
Traditionell haben die meisten Technischen Redakteure ein Ingenieurstudium absolviert. Doch die Zahl der Seiteneinsteiger aus Natur- und Geisteswissenschaften, Übersetzung, Informatik oder Kommunikationsberufen wächst. Wichtig für alle ist ein technischer Hintergrund oder Technikaffinität. Fundierte IT-Kenntnisse sind hilfreich. Weil Technische Redakteure oft mit Übersetzern arbeiten, gehören gute englische Sprachkenntnisse zum Pflichtprogramm.

Gehalt
Nach der aktuellen Gehaltsumfrage der Tekom liegt der monatliche Bruttoverdienst im Schnitt zwischen 3.194 Euro (für 25- bis 35-Jährige) und 4.163 Euro (über 55-Jährige). In leitenden Funktionen verdienen 25- bis 35-Jährige durchschnittlich 3.873 Euro. Volontäre kommen mindestens auf 1.300 Euro.

Karriere
Große Karrieresprünge sind in diesem Beruf nicht drin. In der Industrie können es Einsteiger höchstens bis zum Leiter der Technischen Redaktion bringen. Wer sich dort nicht auf Dauer einrichten mag, wechselt zu einem Dienstleister für Technische Dokumentation. Dort sind die Aufstiegschancen besser und können bis in die Geschäftsführung reichen.

Aussichten
Der Bedarf an qualifiziertem Nachwuchs ist hoch. In diesem Jahr ist er wegen neuer Vorschriften zur Produktsicherheit sowie dem Beitritt neuer Staaten zur EU noch einmal gestiegen. Derzeit gibt es nicht einmal genug Kandidaten, um die jährlich rund 850 Rentner und Berufsaussteiger zu ersetzen. Aus den fachspezifischen Studien- und Ausbildungsgängen kommen pro Jahr lediglich 500 Absolventen.

Mehr Informationen unter www.tekom.de oder www.tw-h.de

Britta Domke
Dieser Artikel ist erschienen am 22.10.2004