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Power-Point verschleiert die Fakten

Von Lars Reppesgaard, Handelsblatt
Scheinobjektivität und Informationshäppchen führen Manager bei Präsentationen aufs Glatteis und dekorieren nur Banales.
Wenn in Meetings und bei Präsentationen die Laptops ihre Bilder an die Wand werfen, blickt vor lauter Balken, Pfeilen, Bildern und Tortendiagrammen niemand mehr richtig durch. Satte 98 % der Finanzvorstände fühlen sich durch überfrachtete, unverständliche und aufgeblasene Zahlenwerke belästigt, ermittelte die Unternehmensberatung Ernst & Young in einer Umfrage in 2 000 US-amerikanischen Unternehmen.Schuld an der Misere ist der konzeptlose Einsatz von Präsentationssoftware wie Excel oder Power-Point. "Diese Werkzeuge helfen, Banales aufwendig zu verpacken", kritisiert Rolf Hichert, Experte für Informationsaufbereitung und Professor in Stuttgart. Er ist erklärter Gegner vernebelnder Präsentationen. Längst gehe es nicht mehr darum, Komplexes in einem Bild zusammen zu fassen, sondern Banales zu dekorieren, moniert er.

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Weltweit sind rund 400 Millionen Kopien von Microsofts Präsentations-Software Power-Point im Einsatz. Kein Unternehmensberater oder Controller kommt ohne sie aus. Professor Edward Tufte, emeritierter Computerwissenschaftler der Yale University, findet, dass gerade dieses Programm seine Nutzer potenziell verblöde. Es komprimiere zu stark und erziehe Menschen dazu, Texte zu überfliegen und Listen zu vertrauen statt dem gesunden Menschenverstand.Im Geschäftsleben umfasst die typische Power-Point-Präsentation etwa 40 Worte pro Seite, erklärt Tufte. Um den Inhalt zu lesen, braucht ein Leser acht Sekunden. Komplexe Zusammenhänge werden dadurch in sinnlose, aus dem Zusammenhang gerissene Informationshappen aufgeteilt. Wichtige Zahlen finden sich dagegen nur schwer wieder und stehen oft in methodisch fragwürdiger Beziehung zueinander.Das Fazit: Sachverhalte, die man in drei Sekunden erklären kann, werden über Seiten gestreckt - mit dem Ergebnis, dass die Software den Blick auf das Ganze verstellt. Für ein Werkzeug, das eigentlich entwickelt wurde, um komplexe Sachverhalte verständlich darzustellen, ist das eine Bankrotterklärung.Schlimmer noch: Jeder Sachverhalt lässt sich so mit Schein-Objektivität untermauern, methodische Fehler werden dagegen verschleiert. "Ein Präsentationsformat sollte wenigstens keinen Schaden anrichten", resigniert Tufte.Dank der Software hat sich eine Kultur der Schein-Informiertheit breit gemacht. Man kann mit ihr heute dieses und morgen jenes belegen, vor allem aber unaufmerksame Manager aufs Glatteis führen. "Es kommt häufig vor, dass wichtige Entwicklungen der betrieblichen Finanzen von den Controllern unbeabsichtig durch optischen Schnickschnack verschleiert werden", warnt Rolf Hichert, der bei seiner Arbeit deutsche Großkonzerne in Sachen Informationsaufbereitung berät. "Achsen werden willkürlich abgeschnitten oder widersprechen sich. Im Extremfall werden Schaubilder auch schon mal in Verkaufsgesprächen missbraucht, um Sachverhalte zu verschleiern."Wer versucht, Kontrapunkte gegen Power-Point zu setzen, eckt dagegen an. Das erfuhr Anke Linnertz, Investor-Relations-Expertin des Softwareherstellers MIS in Darmstadt, als sie Anlegern Unternehmenszahlen nackt und bloß lieferte - ganz ohne Schaubildchen und Schnickschnack: Was ohne die gewohnten Effekte daher kam, war ihnen erst mal suspekt.
Dieser Artikel ist erschienen am 29.01.2004