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Polterer unter Leisetretern

Von H. Alich, C. Nesshöver, Handelsblatt
Wie ein typischer mittelständischer Bauunternehmer kommt Denis Kessler daher. Das massige Doppelkinn verdeckt den Hemdkragen, der graue Zweireiher kaschiert die Leibesfülle unter dem hellblauen Hemd.
PARIS. Aus der Tasche für das Einstecktuch lugt die Brille. Die braunen Haare haben länger keinen Coiffeur mehr gesehen, der Linksscheitel ist eher unmotiviert gezogen. Und die Bassstimme lässt keinen Zweifel daran, wer das Sagen hat. Gestatten: Denis Kessler.Der Vorstandschef des französischen Rückversicherers Scor ist ein Unikum seiner Zunft. Führungskräfte der ?Versicherer der Versicherer? ? wie die Rückversicherer auch genannt werden - sind in der Regel detailverliebt und zurückhaltend bis langweilig. Wenn sich kommende Woche die Branche zu ihrem alljährlichen Stelldichein im südfranzösischen Monte Carlo versammelt, wird Kessler wieder auffallen.

Die besten Jobs von allen

Die branchenübliche Reserve ist dem Ex-Lobbyisten fremd. ?Wir haben schon gemacht, was unsere Konkurrenten erst noch tun müssen. Wir liegen vorne?, tönte er jüngst, als er die Halbjahresbilanz vorstellte.Typisch Kessler: Der französische Rückversicherer ist soeben erst knapp dem Zusammenbruch entgangen. Und sein Chef reitet schon wieder Attacke. Dabei ist der Job bei Scor sein erster Posten als oberster Manager eines Unternehmens.Lesen Sie weiter auf Seite 2 über die bestandene FeuertaufeImmerhin, die Feuertaufe hat der 52-Jährige nun bestanden: Als Kessler im November 2002 vom Posten der Nummer zwei des Arbeitgeberverbandes Medef überraschend an die Spitze von Scor wechselte, stand der Rückversicherer kurz vor dem Aus. Vergangene Woche legte Kessler wieder schwarze Zahlen vor. Und gestern schob er einen neuen Dreijahresplan nach. Titel: ?Moving forward?.Der gebürtige Elsässer wollte immer schon die Nummer eins sein. Das Angebot von Jean Azéma, Generaldirektor des Versicherers Grou-pama und Scor-Großaktionär, die Führung des Rückversicherers zu übernehmen, glich aber eher einem Himmelfahrtskommando als einem Traumjob. Hohe Verluste in den USA sorgten bei Scor für dicke Löcher in der Bilanz. Frisches Kapital musste dringend her. Ein neuer Mann an der Spitze sollte zudem die verschreckten Kunden beruhigen.Kessler ging das Risiko ein. Zu seinem damaligen Vorgesetzten, Medef-Chef Ernest-Antoine Seillière, sagte er: ?Ich kann die Leute nicht immer dazu auffordern, mehr zu wagen, und dann solch ein Angebot ablehnen.?Bis dato war er als Abteilung Attacke des Unternehmerlagers bekannt. Seit 1995 war er im Arbeitgeberverband als Nummer zwei für Sozialreformen verantwortlich. Unablässig warnte er in Kommentaren, Kolumnen und Interviews vor dem Irrweg der 35-Stunden-Woche und forderte harte Schnitte. Rente mit 55? ?Die Franzosen müssen sich darauf einstellen, später in Rente zu gehen.?Lesen Sie weiter auf Seite 3: Kesslers Manie, sich in Arbeit einzugrabenDass der wortgewaltige Kessler bei Scor erfolgreich sein würde, schien zunächst höchst unsicher. Zwar war der zweifache Vater auch viele Jahre Präsident des französischen Versicherungsverbandes FFSA. Doch seine bis dato einzige unternehmerische Erfahrung im Direktorium des Versicherers Axa stellt keinen Ruhmespunkt in seinem Lebenslauf dar.Axa-Chef und Finanzlegende Claude Bébéar holt ihn 1997 zum Konzern und überträgt ihm das internationale Geschäft. Damals werden ihm gar Chancen nachgesagt, eines Tages Bébéar als Axa-Chef zu beerben. Doch nach ganzen anderthalb Jahren ist das Intermezzo beendet und Kessler wechselt wieder an die Spitze des Versichererverbandes FFSA, bei dem er erst 2002 endgültig abtritt.Als Grund für den schnellen Abgang wird damals unter anderem Kesslers Manie genannt, sich in die Arbeit einzugraben und alles alleine zu machen. So habe er innerhalb des Axa-Konzerns kein Netzwerk aufbauen können. Kessler selbst will seinen schnellen Abschied natürlich nicht als Pleite gewertet wissen. ?Wäre das ein Misserfolg gewesen, hätte Axa nicht meine Kandidatur für die FFSA unterstützt?, gab er seinerzeit trotzig zurück.Seine Qualitäten als harter Verhandlungsführer, seine Arbeitswut und sein exzellentes Netzwerk in die Welt der Versicherungswirtschaft konnte Kessler dann bei der Rettung Scors voll ausspielen. ?Es ist wohl vor allem seinen guten Verbindungen zu den französischen Versicherungsvereinen zu verdanken, dass Scor seine Kapitalerhöhungen platzieren konnte?, urteilt ein Analyst, der Kessler bei der Sanierungsarbeit beobachtet hat. ?Er kann sehr überzeugend sein.?Lesen Sie weiter auf Seite 4: Als Unternehmer scheiterte er vor 20 JahrenTrotz der Abstufungen durch die wichtigen Ratingagenturen konnte Kessler einen Großteil der Versicherer-Kunden bei der Stange halten. Unprofitables Geschäft stößt er rigoros ab. Zudem verordnet er Scor einen knallharten Sparkurs. Er selbst geht da mit gutem Beispiel voran. Kessler verzichtet darauf, das von seinem Vorgänger übernommene Büro renovieren zu lassen.In Harnisch gerät der Vorstandschef, wenn man in seiner Gegenwart von der ?Scor-Krise? spricht. ?Das war eine industrieweite Krise?, ruft Kessler dann, und die Hände sausen auf und nieder. ?Wir haben alles auf den Kopf gestellt. Verkleinern? Erledigt! Rekapitalisieren? Erledigt! Neu ausrichten? Erledigt! Neues Risikomanagement? Erledigt! Schulden restrukturiert? Erledigt!"Nun ist der erfahrene Lobbyist Denis Kessler endlich im Kreis der Unternehmenslenker angekommen. Da fällt es auch nicht weiter ins Gewicht, dass er selber einmal als Unternehmer scheiterte. Sein Restaurant, das der Gourmet vor über 20 Jahren zusammen mit Freunden gegründet hat, ist mittlerweile Pleite.
Dieser Artikel ist erschienen am 08.09.2004