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Polen

Wer als Deutscher in Polen arbeitet, ist meist von seinem Unternehmen entsandt. Vor allem der Handel bietet Jobperspektiven, denn der riesige polnische Markt ist für die Branche attraktiv. Bei polnischen Unternehmen ist der Einstieg schwer: Dort stellt man bevorzugt Inländer ein, zumal jeder Vierte ohne Arbeit ist.
Spannendes Pflaster

Falk Schroeter, 27, FH-Betriebswirt, ist seit Ende 2004 Assistent des Geschäftsführers bei der Baumarktkette Praktiker in Warschau

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Als Austauschstudent in Polen - das war erst mal ein Schock. In vielen Wohnungen gab es weder Dusche noch Bad. Nur einen alten Wasserschlauch, der in einer Blechwanne endete. Otto Normalstudent stellt sich eine Studentenbude anders vor. Dabei glaubte ich das Land zu kennen. Ich bin in Görlitz aufgewachsen, gleich an der deutsch-polnischen Grenze. Schon als Abiturient habe ich im Praktiker-Baumarkt gearbeitet. Wir hatten viele polnische Kunden - freundliche, aufgeschlossene Menschen. Ich war so begeistert von Land und Leuten, dass ich an der VHS Polnisch-Kurse belegte. Studiert habe ich dann in Worms und Danzig, da konnte ich meine Sprachkenntnisse weiter ausbauen.
Kaum hatte ich den Abschluss in der Tasche, bot mir Praktiker an, nach Polen zu gehen. Da musste ich nicht lange überlegen - klar griff ich zu. Jetzt konnte ich mir ja auch eine bessere Bude leisten. Inzwischen bin ich die rechte Hand des "Country Managers", und das heißt Mitmischen an den Schaltstellen: Ich bin bei strategischen Meetings dabei und überlege, wie wir Praktiker als preisaggressiven Baumarkt am Markt platzieren. Als einziger deutscher Muttersprachler in der Polen-Zentrale bin ich natürlich auch deutsch-polnischer Koordinator.
Polen ist ein spannendes Pflaster. In Ostdeutschland habe ich miterlebt, wie viel Geld in den Aufbau Ost fließt. Die Polen hatten in etwa dieselben Voraussetzungen, doch sie haben die Transformation aus eigener Kraft geschafft. Es ist atemberaubend, die dynamische Entwicklung gerade in Warschau mitzuerleben.
Alles scheint in Bewegung - hier ein neues Geschäftshaus, dort ein neues Einkaufszentrum. Die Polen können stolz auf ihre Leistung sein.
Aber Polen ist nicht Deutschland. Das habe ich erfahren, als der Papst plötzlich starb. Wir hatten gerade eine "Minus Zwanzig Prozent"-Kampagne aufgelegt, als die katholische Kirche kurzerhand zwei Ruhetage für alle Geschäfte verordnete. Schade für unsere Rabatt-Aktion. Überhaupt ist der katholische Einfluss enorm. Als der neue Papst in Polen war, wurden sämtliche Werbeplakate für Verhütungsmittel, Tampons und Alkohol überklebt. Naja, unsere Praktiker-Plakate sind da zum Glück relativ unverdächtig

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Arbeitsmarkt

Wer als Deutscher in Polen arbeitet, ist meist von seinem Unternehmen entsandt. Vor allem der Handel bietet Jobperspektiven, denn der riesige polnische Markt ist für die Branche attraktiv. Bei polnischen Unternehmen ist der Einstieg schwer: Dort stellt man bevorzugt Inländer ein, zumal jeder Vierte ohne Arbeit ist. Die aktuelle Stimmungsmache der Kaczynski-Brüder gegen Deutschland könnte sich zusätzlich negativ auswirken. Wenn Deutsche eingestellt werden, dann vor allem im Management, Finanz- und Gesundheitswesen. Auch Deutschlehrer, Übersetzer, Informatiker, Volkswirte und Unternehmensberater sind gefragt. Allerdings benötigen Deutsche in Polen noch immer eine Arbeitsgenehmigung.

Boom-Regionen

Warschau ist Polens Boom-Town Nummer eins. Immer stärker werden auch die Städte Posen (Poznan) und Breslau (Wroclaw), die von der Nähe zum Ballungszentrum Berlin profitieren. Die Automobil-Zulieferer sammeln sich in Kattowitz (Katowice). In der Hafenstadt Danzig (Gdansk) boomt der Seehandel.

Gehalt und Lebensstandard

In Osteuropa hat Polen das höchste Lohn- und Gehaltsniveau: 578 Euro verdienen Polen im Monatsschnitt. Ausländische Unternehmen zahlen allerdings deutlich mehr. Die Steuersätze sind mit 30 Prozent im Mittel recht niedrig. Ausländer müssen sich aber im Heimatland versichern, in die polnische Sozialkasse dürfen sie nicht eintreten. Die Lebenshaltungskosten sind um etwa die Hälfte niedriger als in Deutschland. In Warschau beträgt der Unterschied jedoch nicht mehr als 20 Prozent - Tendenz steigend.

Bewerben

Bewerbungen haben in Polen fast nur Erfolgschancen, wenn sich Interessenten auf individuelle Empfehlung hin persönlich beim Chef vorstellen. Natürlich sollten auch die Sprachkenntnisse sitzen. Mit ausgezeichneten Polnischkenntnissen können Bewerber punkten - und sollten die Bewerbungsmappe auf Polnisch schreiben. Eine klare Struktur in der Bewerbung ist wichtig. Fach- und Nischenkenntnisse sollten dem Personaler gleich ins Auge springen.
Dieser Artikel ist erschienen am 18.07.2006