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Poker mit Putin

Florian Willershausen
Gazprom hat Ehrgeiz: Der Kremlkonzern will größtes Energie-Unternehmen der Welt werden. Der Weg dahin führt über Deutschland, wo Gazprom starke Partner hat, viele Beteiligungen und Zugriff aufs Gasleitungsnetz. Das kann Abhängigkeiten schaffen, aber auch viele neue Jobs.
Im Westen hätten sie längst die Autobahn blockiert. Sitzstreiks organisiert, sich vor Behörden an Zäune gekettet. Wenigstens ein paar Transparente aus den Fenstern gehängt. Doch Lubmin schweigt. Die Bewohner des verträumten Ostseebads kriegen ein riesiges Industriegebiet vor die Nase gesetzt. Aber kaum einer protestiert. Sie wissen genau, wie rar Arbeit ist, hier oben an der Ostseeküste Mecklenburg-Vorpommerns.
Hinter einem dichten Kiefernwäldchen sprießen die Jobs aus der Heide. 600 sind es schon, weitere 600 oder noch viel mehr werden folgen. Eine Menge Holz für diese Gegend mitten im wirtschaftlichen Niemandsland, wo jeder Vierte ohne Arbeit ist und nach dem Schulabschluss am liebsten in den Westen abhaut. "Die Pipeline ist ein Kick für die ganze Region", freut sich Kreistagspräsident Matthias Lietz, "das schafft mehr Beschäftigung als der Bau einer Autobahn.

Bruno bereitet den Boden

Hinter dem Jobsegen stecken die Russen. Es gilt als ausgemacht, dass die Ostsee-Pipeline des russischen Staatskonzerns Gazprom im Jahr 2010 hier anlanden wird. Schon jetzt macht sich allerlei Folgeindustrie breit, rund um die Reste des alten DDR-Atomkraftwerks "Bruno Leuschner". Industriebosse freuen sich, denn allein die Stahlbauer könnten ein bis zwei Milliarden an der Pipeline verdienen, die Gazprom mit den Partnern BASF, Eon und der holländischen Gasunie durch die Ostsee ziehen will. Aber auch ortsansässige Handwerker reiben sich die Hände, träumen schon von Großaufträgen. Hoteliers freuen sich auf Ingenieure, die sich mal eben ein Zimmer für drei Jahre mieten.
In Lubmin bei Greifswald lässt sich derzeit am besten beobachten, wie der russische Staatskonzern Jobs schafft. Doch das Pipeline-Projekt ist nur ein Teil eines großen Ganzen. Gazprom wird weltgrößter Energie-Konzern - diese Losung hat Vorstandschef Alexej Miller auf der Hauptversammlung vor wenigen Wochen ausgegeben. Die Russen wollen also Exxon Mobil überholen - gemessen am Börsenwert bis dato das größte Unternehmen der Welt

Die besten Jobs von allen


Russlands neue Kraft

Vorher muss der Einstieg ins europäische Endkundengeschäft klappen, wo sich noch richtig Geld verdienen lässt. Deutsche Unternehmen wie Wintershall und Eon spielen dabei eine Schlüsselrolle. Sie haben starken Marktzugang und beteiligen Partner Gazprom am europäischen Gasgeschäft gegen Förderrechte auf sibirischen Gasfeldern. Zudem hat der Kremlkonzern seine deutsche Tochter mit einigen Erdgas-Milliarden für Investitionen und Übernahmen ausgestattet.
Die Russen sind nicht erst seit gestern in Deutschland. Anfang der 70er Jahre schloss Gazprom mit deutschen Unternehmen erste Lieferverträge - im Tausch gegen Mannesmannröhren. 1990 begann die Zusammenarbeit mit der BASF-Gastochter Wintershall. Wenig später gründeten die Russen in Berlin eine Gesellschaft namens ZGG. Diese Firma, mitten in Berlin Mitte in einem modernen Bürohaus, ist das Europa-Hauptquartier des Gasriesen. Von hier aus verwalten 80 Mitarbeiter Gazprom-Beteiligungen (siehe Grafik S. 22), schmieden Expansionspläne und planen Investitionen

Aus der Deckung gehen

Zurzeit überlegen die Berliner Gazprom-Statthalter eine Umfirmierung. "Gazprom Europe" wäre logisch, doch das müsse Moskau entscheiden, sagt Co-Geschäftsführer Claus Bergschneider. "Wir verstecken uns nicht. Wo Gazprom drin ist, soll auch Gazprom draufstehen." So machen sie es jetzt in Großbritannien, wo die Londoner Tochter ihre Rechnungen schon mit Gazprom-Briefkopf schreibt.
Für die Russen ist der britische Erdgas-Markt zurzeit der attraktivste in Europa: zum einen viel stärker liberalisiert als der deutsche, zum anderen geht der Insel bald das eigene Gas aus. Ob und wie stark sich Gazprom im deutschen Endkundengeschäft engagieren werde, sei dagegen noch nicht entschieden, sagt Bergschneider.
Bislang liefen deutsch-russische Gasgeschäfte nach demselben Muster ab: Die Russen lassen die Deutschen in Sibirien mitbohren. Dafür darf Gazprom in Deutschland Gas direkt verkaufen, statt es zu mageren Preisen an der Grenze abzuliefern. Vorreiter solcher Asset-Geschäfte ist Wintershall. An deren Handelsgesellschaft Wingas halten die Russen knapp die Hälfte. Im Gegenzug sind die Kasselaner am Abbau zweier Gasfelder beteiligt.
"Eon und Wintershall wünschen sich nichts sehnlicher als den Zugriff auf russische Erdgasvorräte", behauptet Energie-Experte Dmitri Tultschinski von der russischen Nachrichtenagentur RIA Novosti. Nur so könnten sie ihren Importbedarf langfristig sichern. Allerdings sei Marktführer Eon weit weniger bereit, die Russen auf den Markt zu lassen. Aus russischer Sicht versteht Tultschinski das nicht: "Wir haben vom Westen immer wieder gehört, Konkurrenz belebe das Geschäft. Doch für russische Konkurrenten scheint das offenbar nicht zu gelten."
Gazprom ist freilich kein Partner wie jeder andere. Der russische Staat hält die Mehrheit an dem Megakonzern, Putins Amigos geben den Ton an. Seit Vorstandschef Miller den alten Staatsmonopolisten modernisiert und auf Expansionskurs gebracht hat, meldet Russland statt neuer Schulden satte Haushaltsüberschüsse.
Vor allem eines beunruhigt Beobachter im Westen: Gazprom kann zum politischen Druckmittel werden. Das zeigte sich Ende vergangenen Jahres, als die Russen der Ukraine den Gashahn abdrehten. Einerlei, ob der Staatskonzern nun mit dem Holzhammer höhere Preise erzwingen, Gasdiebstahl bestrafen oder einfach Druck ausüben wollte - Erdgas ist Putins schärfste Waffe.
Seit dieser Aktion sorgt sich Europa um die Zuverlässigkeit des Hauptgaslieferanten. Putin wie auch die Gazprom-Führung betonen derweil, dass der Konzern allen Lieferverpflichtungen nachkommen werde.
"Das machen die nicht noch einmal", wiegelt Energie-Experte Roland Götz von der Stiftung Wissenschaft und Politik ab. Gazprom habe kein Interesse, die wichtigsten Großkunden zu verprellen. Gazprom liefere 90 Prozent seiner Exporte nach Europa, so Götz, "darum ist Russland eher von Europa abhängig als umgekehrt".

Platz für neue Jobs

Über Abhängigkeiten und Versorgungssicherheit sorgt sich in Lubmin niemand. Was hier zählt, sind Jobs. Die Letzten, die noch Arbeit haben, bauen das Atomkraftwerk ab - und damit ihre eigenen Arbeitsplätze. Doch Dieter Rittscher, Geschäftsführer der mit dem Rückbau beauftragten Energiewerke Nord (EWN), ackert für die Zukunft des alten Energie-Standorts. Er trommelte Politiker zusammen, sorgte für den Bau eines Hafens, für leichtere Baugenehmigungen und günstige Grundstückspreise. Wenn die Pipeline demnächst in die Heide kommt, hat der Energie-Manager sein Ziel erreicht.
Zwei Gas- und Dampfkraftwerke werden bald gebaut, vielleicht sogar vier. Shell kommt mit einem Biodieselwerk, Ingenieure und Architekten sind ins alte Verwaltungsgebäude eingezogen. Die EWN selbst wird wohl ein Kompetenzzentrum für den Rückbau von Atomanlagen einrichten. Ihr Know-how vermarktet die Ex-Treuhandgesellschaft bis ins russische Murmansk, wo sie marode Atom-U-Boote verpacken.

Atomruine für Touris

Hinter dem Kiefernwald rauchen also bald Kraftwerksschlote. Das nervt nur die Bewohner der Insel Rügen, die in Sichtweite des 180-Hektar-Industrieparks liegt. Die Lubminer aber drücken alle Augen zu. "Die Industrie stört uns eigentlich nicht", sagt Betriebswirtin Christiane Moritz, 34, die im Wald neben dem Industriegebiet ein Hotel betreibt. Im Gegenteil: Die Reste des Atommeilers und das größte deutsche Zwischenlager zögen zusätzlich Touristen an. Und je mehr gebaut werde, desto stärker sei die Auslastung. Wer soll denn da noch protestieren?

Technik
Weiter Weg zum deutschen Herd

In Russland lagern die größten Erdgasreserven der Welt. Deutschland bezieht von dort mehr als ein Drittel seiner Erdgasimporte. Die Förderung ist aufwändig, weil die Vorkommen bis zu 7.000 Meter tief in porösen Gesteinsschichten liegen. Es genügt nicht, ein Loch in den Boden zu bohren und das Gas abzusaugen: Die Förderer arbeiten mit hochmodernen Bohrern, die extreme Kälte und Drücke bis zu 300 Bar aushalten. Über kilometerlange Steckrohre fließt das freigebohrte Gas zu Verteilungsanlagen an den Bohrstationen, wo der Druck angepasst wird. Von dort geht es ab in die Pipeline, die sich über Tausende Kilometer bis weit in den Westen zieht. Unterwegs nach Europa fällt der Druck stetig ab. Darum muss er alle 100 bis 200 Kilometer in so genannten Verdichtungsstationen erhöht werden. Die Hauptversorgungsleitungen für Deutschland führen durch die Ukraine und Ungarn sowie Weißrussland und Polen. Diese Länder erheben Durchleitungsgebühren, die sich im Endkundenpreis niederschlagen. Zu Kontrollzwecken und zur Abrechnung wird die durchgeleitete Gasmenge an Grenzstationen gemessen.
In Deutschland übernehmen Erdgasgesellschaften das russische Gas an der Landesgrenze, meist landet es zunächst in Speicheranlagen. Diese unterirdischen Reservoirs dienen dazu, saisonbedingte Bedarfsschwankungen auszugleichen und Deutschlands Lieferabhängigkeit zu verringern. Vom Speicher aus geht es in die insgesamt 380.000 Kilometer langen Ferngasleitungen. Rund 700 Gasversorger hängen daran und leiten die unsichtbare Energie an 20 Millionen Kunden.

Dieser Artikel ist erschienen am 28.08.2006