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Platte war gestern

Florian Willershausen
Chiphersteller AMD investiert Milliarden in den Standort Dresden und schafft mehr als 400 Jobs. Nicht nur Konzerne klotzen in Ostdeutschland, auch Gründer und Mittelständler packen an. Doch abseits der Leuchtturmregionen gibt es weiterhin Schattenzonen, die auf Dauer schwach bleiben.
Mann, hat sich Jena verändert. Aus dem Bröckelputz der Plattenbauten pellt sich ein Gründerzentrum nach dem anderen. Etwa der Technologie- und Innovationspark, eine Art Raumschiff, das hoch auf den Hügeln der Stadt gelandet ist. Oder das Bioinstrumentezentrum, dessen Glasfassade in der Sonne blinkt. Zwei Symbole des neuen Ostens. Dass sie den Blick auf den alten Osten verstellen, passt Alexander Zschäbitz gar nicht. Er mag die Aussicht auf das Lobeda-Viertel, jene Überreste des DDR-Wohnungsbauprogramms, die Autofahrer auf dem Weg nach Berlin recht schön vom Sozialismus grüßen lassen

Doch ernsthaft nachtrauern will der Leipziger dem Blick auf die Platte nicht - schließlich hat er am neuen Osten mitgebaut. Zschäbitz ist Prokurist bei Asphericon, einem Feinoptikunternehmen, das im Bioinstrumentezentrum Jena für die ganze Welt Asphären herstellt. Das sind sündhaft teure Alternativen zu den sphärischen Linsen, mit denen Unternehmen aus der Nachbarschaft wie Zeiss und Jenoptik Umsatz machen. Deren Sphären stecken in den riesigen Kameraobjektiven der Sportfotografen, in Lasergeräten und Schweißmaschinen. "Mit asphärischer Optik wären die Kameras nicht mal halb so groß", sagt Zschäbitz. Vor allem Anlagenbauer leisten sich für Hightech-Maschinen asphärische Optik. Asphericon ist mit nur 25 Mitarbeitern der Technologieführer

Die besten Jobs von allen


Warmer Regen

Am Standort Jena gedeihen viele innovative Unternehmen, es gibt Jobs zuhauf. Die Mieten sind so hoch wie nirgends sonst in Ostdeutschland. Der alte Optik-Standort ist der Leuchtturm Thüringens. Doch nicht nur im Freistaat entstehen prosperierende Zentren. Der US-Chiphersteller Advanced Micro Devices (AMD) rüstet seine Werke in Dresden mit Milliardenaufwand auf, was 400 neue Arbeitsplätze bringt. In Leipzig will nach BMW nun Porsche investieren und 600 Jobs schaffen. Sachsen-Anhalt profitiert vom brodelnden Chemie-Dreieck in und um Halle. Der Großraum Berlin/Potsdam zieht Arbeitskräfte aus Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg an.
"Wir haben hoch produktive Inseln, auf denen es wirtschaftlich richtig gut läuft", bestätigt Thilo Pahl vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag. Sorgen bereiten dagegen Regionen wie die Oberlausitz, Ostvorpommern oder das Erzgebirge, deren Bewohner in die Wachstumsregionen flüchten. "Einige Städte drohen auszubluten", sagt Pahl. "Mit der alten Gießkannenpolitik können wir dies nicht verhindern."
In den nächsten Wochen wird die Infrastrukturpolitik nachjustiert. Brüssel hat Ostdeutschland 14 Milliarden Euro für die Jahre 2007 bis 2013 bewilligt. Dieses Geld müssen Bund und Länder jetzt verteilen. Es wird der letzte große Geldregen aus Brüssel sein - ab 2014 fließen die Euros verstärkt nach Warschau, Sofia und Bukarest

Guter Empfang

Rundherum Berge und Hügel, lauschige Wanderwege, ein wilder Fluss, ein ruhiges Städtchen. Bad Blankenburg könnte auch im Schwarzwald liegen. Von der alten DDR-Architektur ist nichts mehr zu sehen. Vor kurzem wurden die neue Stadthalle und das Wellnesscenter eingeweiht. Die "Lavendelstadt" ist zum idyllischen Luftkurort am Fuße des Thüringer Waldes geworden. Michael Märte fühlt sich wohl hier. Nur eines fuchst ihn: "Die haben keinen Golfplatz."
Vor drei Jahren ist der 42-Jährige aus dem Ruhrpott nach Thüringen gekommen. Nicht zur Kur, sondern um Antennen zu bauen. Dafür war Blankenburg zu Honeckers Zeiten bekannt; der VEB Fernmeldetechnik gehörte zu den wenigen volkseigenen Betrieben, die weltweit exportierten.
Nach der Wende kaufte ein amerikanisches Unternehmen das Kombinat und verlagerte die meisten Jobs nach Tschechien. Doch der Service war mies, die Qualität mäßig, die Geschäfte liefen schlecht. Dann gründete Michael Märte mit zwei Managerkollegen die alte Antennenfabrik neu und holte die Arbeitsplätze aus Tschechien zurück. "Wir zählen zu den wenigen Unternehmern, die die Produktion in den Westen verlagert haben", scherzt der Betriebswirt und meint das ostdeutsche Bad Blankenburg. Eine logische Entscheidung aus seiner Sicht: "Für den Standort spricht, dass die Leute das Know-how im Antennenbau haben.

Von wegen Strukturschwach

Einfach war es trotzdem nicht. Als Märte die alte Werkshalle im Schwarzatal bezog, stand ein einziger Computer auf der Inventarliste. Mit 20 Leuten nahm er die Produktion wieder auf, inzwischen sind es fast 100. Märte lobt die "eingeschliffenen Wege", auf denen die Produktion reibungslos und der Service unkompliziert laufe. Die Antennentechnik Bad Blankenburg (ABB) fertigt Antennen aller Art - von der wäscheständergroßen Fernsehantenne bis zur kleinen Traktorantenne. Wessi Märte lobt den Standort Ostdeutschland. Vom Werkstor brauchen seine Lastwagen wenige Minuten bis zur Autobahn, die Mitarbeiter sind motiviert und verstehen ihr Handwerk. Von Problemen mit dem Strukturwandel will der hemdsärmelige Unternehmer nichts hören: Auch im Westen gebe es Gegenden, da wisse man, was strukturschwach ist.

Backen für Deutschland

Dresden ist hübsch. Frauenkirche, Semperoper und Elbpanorama haben die Sachsen-Residenz zur erfolgreichsten Touristenstadt des Ostens gemacht. 8,8 Millionen Gäste kamen im vergangenen Jahr - mehr als je zuvor. Dresden ist erfolgreich. Infineon, AMD, Max Planck und Linde schaffen Tausende Arbeitsplätze. Dresden ist innovativ. Fräulein Christine Hardt meldete im Jahr 1895 ein Patent an auf ein "Leibchen, das die Brust in Form hält", den heutigen Büstenhalter. Hausfrau Melitta Bentz erfand 1908 den Kaffeefilter.
Viel älter noch, aus dem 15. Jahrhundert, ist die Erfindung, mit der Maschinenbauer Matthias Quendt seine Brötchen verdient: der Dresdner Christstollen. Seit Anfang der 90er Jahre, als sein Vater ein altes Kombinat übernahm und zur heutigen Dr. Quendt Backwaren GmbH umbaute, verschickt die Familie sächsisches Traditionsgebäck quer durch Deutschland. "In Dresden sind wir die letzten Mohikaner", sagt Matthias Quendt, "die einzigen Backwarenhersteller, die für ganz Deutschland backen."
Produkte aus dem Osten in den gesamtdeutschen Lebensmitteleinzelhandel zu hieven, ist schwierig. Die Supermarktketten verlangen hohe Produktionsmengen, niedrige Preise und gute Qualität. Doch den großen Händlern schmeckt das Markenkonzept von Matthias Quendt. Er backt mit Naturrohstoffen, wirbt mit der sächsischen Tradition und baut auf die handwerklichen Fähigkeiten "von den Leuten, die hier geblieben sind".
Der 39-Jährige spricht schnell, hat viele Ideen und eine große Statur. "Ich bin sozusagen ein richtiger Ossi", sagt er. Einer, der was anpacken will, der die Ärmel nicht nur sprichwörtlich hochkrempelt. Selbstverständlich blickt er optimistisch in die Zukunft. "Gejammert wird in ganz Deutschland, nicht nur im Osten und schon gar nicht nur bei uns." Quendt hat viele Pläne. Jetzt will er erst mal in Tschechien neue Vertriebswege suchen. "Und dann sehen wir weiter.

Platte wird geputzt

Der Cottbuser Postkutscher putzt den Cottbuser Postkutschkasten. Aber nur von Mai bis September. Und nur einmal im Monat. Pro Fahrt zahlen Erwachsene fünf Euro fünfzig. Die Stadt Cottbus hält die Traditionsfigur des Postkutschers am Leben, die findige Werbeleute vor 150 Jahren kreierten und samt Zungenbrecher auf Postkarten druckten.
Heute soll der Postkutscher vor allem Touristen anziehen. So viele kommen nicht, dass sich eine tägliche Fahrt durch die Altstadt lohnen würde. Dabei ist Cottbus nicht hässlich. Eine alte Stadtmauer durchzieht die Stadt, garniert mit mittelalterlichen Türmen. Mittendrin eine Schlosskirche, nette Museen und gemütliche Parks. Wenn nur die Plattenbauten nicht wären.
Frank Zimmermann ist ein Fan des sozialistischen Plattenbaus. Nicht, dass er sie hübsch fände. "Der DDR-Plattenbau ist besser als sein Ruf", sagt er, "stabil, praktisch und von unten bis oben normiert." Zimmermann verdient sein Geld mit der Platte. Der 45-jährige Architekt macht aus alten sozialistischen Siedlungen moderne Wohnanlagen - barrierefrei, lichtdurchflutet und begrünt.
In der Cottbuser Satellitenstadt Sachsendorf-Madlow hat er aus einem riesigen Betoncontainer fünf zwei- und dreistöckige Wohnhäuser bauen lassen, mit hellen Außenwänden und viel Glas. Dafür durfte er das Projekt als deutschen Beitrag zur Bienale in Venedig vorstellen - und sich eine Auszeichnung abholen.
Jetzt folgen weitere Aufträge in Ostdeutschland. Aber nicht in Cottbus. Die neuen Wohneinheiten sind zwar allesamt vermietet, doch wer will schon nach Cottbus ziehen? Knapp 100.000 Menschen wohnen in der zweitgrößten Stadt Brandenburgs, binnen zehn Jahren soll ihre Zahl auf 86.000 schrumpfen. Immer mehr Cottbuser ziehen aus dem ehemaligen Kohlerevier fort. Nur der Postkutscher bleibt. Er hat schließlich Arbeit.

Lukrative Ostalgie

"Stirbt das Werk, stirbt die Stadt", skandierten die Arbeiter Anfang der 90er, als das Eisenhüttenkombinat geschlossen werden sollte. Doch das Flachstahlwerk, heute Teil des Arcelor-Konzerns, produziert immer noch und beschäftigt 3.000 Mitarbeiter. Eisenhüttenstadt stirbt trotzdem, scheint es. An den Hauptstraßen stehen die Bettenburgen der einst mehrheitlich arbeitenden Klasse. Eingeworfene Scheiben, vergilbte Gardinen. Hinter einem Fenster steht ein einsamer Bonsai und bringt etwas Farbe in die Tristesse.
Die Retortenstadt schoss ab 1950 mit dem Bau des Eisenhüttenkombinats aus dem Oderland-Boden, hieß erst Stalinstadt, ab 1961 dann Eisenhüttenstadt. Wo 1988 noch 53.000 Menschen lebten, sind heute 35.000 übrig geblieben. Jeder fünfte ist ohne Arbeit. Wer kann, haut ab. Thorsten Jahn ist geblieben. Von den Geflüchteten hat er viel gelernt. Zum Beispiel, dass sie alle fleißig Ost-Produkte kaufen, wenn sie mal wieder in der alten Heimat sind.
"Ich kann euch das auch zuschicken", sagte Jahn zu einem, der nach Hamburg gegangen war. Die Idee war geboren. Über die Webseite www.osthits.de vertreibt Jahn alte DDR-Marken und Nostalgieprodukte: Suppina Ochsenschwanzsuppe, Sangershausener Käsecreme, Pulsnitzer Soßenkuchen, Komet Quarkkeulchen, Spreewälder Gewürzgurken, Zetti Knusperflocken oder Räuchermäcki-Zigaretten. Viele Hersteller könnten ohne Jahns Internethandel am Markt nicht überleben, denn ihre Produkte schaffen es nicht in die Regale der Lebensmittelkonzerne. Jahn verschickt seine Osthits mittlerweile bis nach Australien. Der neueste Renner: Trabbi-Duft in Dosen für 3,95 Euro. "Ich bin kein Nostalgiker", sagt er. "Hier geht es um Arbeitsplätze und ums Geschäft."
Jahn ist froh, dass er Arbeit hat, denn vor kaum drei Jahren war er selbst ohne Job. Seither hat er ein gutes Dutzend Arbeitsplätze geschaffen. Jetzt will der Ostalgie-Händler in andere Städte gehen und Osthits-Läden eröffnen. Die Filiale in Weimar steht schon. Eigentlich wollte er auch nach Jena, in den JenTower, doch das hat nicht geklappt. Es gab rechtliche Probleme, sagt Jahn. Vielleicht wollen die Bewohner der Hightech-Stadt auch nicht beim Einkaufen an die DDR erinnert werden.

Dieser Artikel ist erschienen am 04.08.2006