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Plädoyer für Elite

Christoph Mohr
Die Deutsche Bank unternimmt einen Vorstoß für ein anderes Uni-System
. "Wir finden unter deutschen Hochschulabsolventen keine geeigneten Kandidaten fürs Investmentbanking." Deutsche Bank-Chef Rolf-E. Breuer lässt es an Deutlichkeit nicht fehlen, um seine Kritik am deutschen Uni-System zu formulieren. "Und dies ist ein Standortnachteil für unser Haus", setzt er auf Nachfrage des Handelsblatts noch einen drauf.

Breuers Botschaft ist klar: "Bildung und Ausbildung entscheiden maßgeblich darüber, welche Volkswirtschaften auf lange Sicht erfolgreich sein werden. Sie sind der entscheidende Wettbewerbsfaktor im Wissenszeitalter." Deutschland sei dabei im internationalen Vergleich ins Hintertreffen geraten: "Wir sind besorgt", dramatisiert Breuer. "In spätestens zehn bis fünfzehn Jahren wird der hochqualifizierte Nachwuchs fehlen." Deshalb brauche Deutschland Elite-Universitäten mit wirtschaftlicher und organisatorischer Autonomie. Kurz: amerikanische Verhältnisse. Mehr Wettbewerb!

Die besten Jobs von allen


Breuers Vehikel, um seine Botschaft unter die Leute zu bringen, ist die Herrhausen-Gesellschaft der Deutschen Bank. Sie will, glaubt man ihrem Satzungsauftrag, Denkanstöße für die wichtigen gesellschaftlichen Fragen der Zeit geben.

Ihr kürzlich in Berlin abgehaltenes (9.) Jahreskolloquium "Orientierung für die Zukunft - Bildung im Wettbewerb" brachte (bildungs-)politische Prominenz aus Deutschland und der ganzen Welt in die deutsche Hauptstadt. Ein so hochkarätiges Parkett können gegenwärtig in Deutschland wohl nur die Bertelsmann-Stiftung und die Bundesregierung zusammenbringen.

"Im Geschäftsalltag der Deutschen Bank erzielen wir unsere besten Ergebnisse, wenn kreative Menschen Freiräume nutzen können", formuliert Breuer sein Personalmanagement-Credo. "Wir erwarten von gut ausgebildeten Menschen neben ihrer fachlichen Qualifikation vor allem auch Selbstmanagement, Eigeninitiative, Teamfähigkeit und Kommunikationskompetenz."

Und dann wieder der Seitenhieb auf die deutsche Bildungsszene: "Die einseitige Qualifizierung auf ein festgelegtes Berufsbild hin ist zu starr für eine Zeit, die von jedem von uns immer mehr Flexibilität erwartet. Querdenkertum und ungewöhnliche Potenziale bedürfen stärkerer Förderung."

Breuers Katastrophenbilanz blieb nicht unwidersprochen. Kein geringerer als Bundespräsident Johannes Rau, selbst ein ausgewiesener Bildungspolitiker aus nordrhein-westfälischen Zeiten, verteidigte das Erbe auch seines bildungspolitischen Handelns: "Das entscheidende Ergebnis der Bildungspolitik der 60er Jahre war die gesellschaftliche Öffnung des Bildungswesens. Die von Vielen beschworene Bildungskatastrophe ist nicht eingetreten."

Da trennten ihn Welten von Breuer, der bekundete: "Wir haben zu viele Studenten an zu vielen falschen Universitäten." Unterschreiben hingegen könnten beide wohl Raus Feststellung: "Wissen ist mehr als bloßes Werkzeug, um möglichst erfolgreich zu sein." Die interessantesten Denkanstöße der zweitägigen Veranstaltung kamen von Anthony Giddens, "Tony Blairs Guru" und Chef der London School of Economics: "Globalisierung, technologischer Wandel, aber auch Individualisierung machen es notwendig, Bildung ganz anders zu denken."

Eine Schlussfolgerung aus dieser Feststellung ist für Giddens, Bildung im globalen Wettbewerb zu begreifen. Dabei steht für ihn außer Frage, dass es Eliten und Eliteuniversitäten (mit Studiengebühren) geben muss. "Und diese Eliten der Zukunft werden kosmopolitisch sein." Wie ein Echo auf Rau definierte auch Giddens als wichtigste Anforderung an Bildung, kritisches Denken zu lehren.

Bei so viel Enthusiasmus für Eliten und Elitehochschulen blieb es einem erfolgreichen Selfmademan vorbehalten, die Suppe zu versalzen - oder ihr die nötige Würze zu geben. Der Brite Simon Murray, lange Jahre engster Mitarbeiter von Hongkongs mächtigsten Mann, Li Ka-shing, einige Zeit Asien-Chef der Deutschen Bank und heute einer der einflussreichsten Investoren der Region, stellte spöttisch fest: So toll könnten die Elitehochschulen in Europa und den USA doch wohl nicht sein, wenn die Eliten, die sie produzieren, sich als korrupt, moralisch korrumpiert und unfähig erweisen. Schließlich seien ja auch zahlreiche Potentaten aus Indonesien, Burma, Pakistan oder Afrika hier zur Schule gegangen. Was Harvard oder Cambridge wohl nicht gelehrt hätten, wären Integrität, Ehrlichkeit und moralischer Mut.
Dieser Artikel ist erschienen am 09.07.2001