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Pioniergeist erwünscht

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Thomas Morgenstern hatte die Wahl: Sicherheit oder Risiko. Der 32-jährige promovierte Diplom-Chemiker setzte auf die zweite Variante. Er vereinbarte mit der Personalabteilung, einen Teil seines Gehalts vom erfolgreichen Start einer neuen Fabrik abhängig zu machen.
Thomas Morgenstern hatte die Wahl: Sicherheit oder Risiko. Der 32-jährige promovierte Diplom-Chemiker setzte auf die zweite Variante. Er vereinbarte mit der Personalabteilung, einen Teil seines Gehalts vom erfolgreichen Start einer neuen Fabrik abhängig zu machen.

Als er nach Abschluss seiner Doktorarbeit im April 1998 zu Infineon nach Dresden kam, fing Morgenstern in einem Team an, in dem Mitarbeiter seines Unternehmens gemeinsam mit Leuten des US-amerikanischen Chip-Herstellers Motorola über eine neue Technologie nachdachten: Die Entwicklung einer Chip-Produktion auf Siliziumscheiben mit 300 Millimetern Durchmesser – statt der bis dahin üblichen 200 Millimeter.

Die besten Jobs von allen


?Solch ein technologischer Generationswechsel findet nur alle acht bis zehn Jahre statt“, sagt Morgenstern. ?Ich wollte unbedingt dabei sein.“ Seine Aufgabe als Projektleiter bestand in der Entwicklung verschiedener Ätzprozesse für die größeren Siliziumscheiben. Außerdem musste er das gewonnene Know-how dokumentieren und für den Transfer an andere Infineon-Standorte sorgen. Der Chemiker schaffte seine Vorgaben – und erhielt die Prämie. ?Ich finde es richtig, wenn Erfolg wie Misserfolg auf mich zurückfallen.“

Beteiligung am Ergebnis gilt für alle Dresdner Mitarbeiter. Beim ?Success Sharing“ legt das Unternehmen in Absprache mit dem Betriebsrat vier allgemeine Ziele fest, die sich auf Kosten, Qualität, Liefertreue und Produktivität der Chip-Werke beziehen. Eine weitere, individuelle Erfolgskomponente wird mit dem Vorgesetzten abgesprochen. 3,6 Gehälter zusätzlich können Infineon-Mitarbeiter pro Jahr in Dresden maximal erzielen – wenn sie vollständig die ?sehr sportlichen Ziele“ schaffen, wie es die Personalabteilung ausdrückt.

In T-Shirt und Jeans wirkt Thomas Morgenstern ziemlich sportlich. ?Unser Dresdner Geschäftsführer sieht mich nur bei offiziellen Anlässen mit Hemd und Schlips.“ Daran hat auch seine Beförderung nichts geändert. Im Dezember 1999 wurde Morgenstern ?Dienststellenleiter“ – so heißt die unterste Führungsebene. Sein Team, das ebenfalls für Ätzprozesse zuständig ist, überträgt die Erfahrungen aus der Pilotanlage jetzt auf die neue Fabrik, die noch in diesem Jahr die Chip-Produktion im 300-Millimeter-Standard aufnehmen soll.

Im Büro des Chemikers steht auf dem Aktenschrank ein Namensschild aus Plastik, das Morgenstern in einem früheren Meeting benutzte. Den Doktortitel verschweigt es. Von seinen 21 Mitarbeitern lässt sich Morgenstern duzen. ?Einsteiger müssen bei uns ihre alten Vorstellungen von Hierarchien oft revidieren. Hier zählt jeder einzelne mit seinen Leistungen und Fähigkeiten.“

Mitarbeiter mit Hochschulabschluss – allein in seinem Team sind es 16 – müssten eng mit Technikern zusammenarbeiten. Die hätten zwar kein Uni-Diplom, würden den Neulingen aber gleich zu Beginn beibringen, worauf es hier ankommt. ?Ich stecke Anfänger als Erstes für ein paar Wochen in die Schicht – egal ob die promoviert haben oder nicht.“

Die Fabrik arbeitet rund um die Uhr und an 365 Tagen im Jahr. Wer nicht in der Schicht arbeitet, hat ?Vertrauensgleitzeit“ und kann die 40-Stunden-Woche erfüllen, wie er möchte, auch am Samstag – es sei denn, Besprechungen oder andere verbindliche Termine sind vereinbart. Für diese ?Normalschicht“ gibt es keine Stechuhr. Stattdessen trägt jeder Mitarbeiter seine Stunden in eine Excel-Tabelle ein.

Von Beginn an, sagt Morgenstern, habe ihn die Führungskarriere mehr interessiert als eine Fachlaufbahn. Bis Mitte 2002 möchte er noch den ?Ramp up“ miterleben, wie das Hochfahren einer neuen Chip-Fabrik unter Fachleuten genannt wird. Wenn alle Maschinen unter Volldampf laufen, wird sich der Chemiker nach einer neuen Aufgabe bei Infineon umschauen.

Dresden ist Benchmark, hat also Leit- und Vorbildfunktion für andere Infineon-Standorte. Zu einer dieser Fabriken, aber weit weg, will Thomas Morgenstern gehen. Der Chip-Markt sei global, weshalb ihn Asien oder die USA reize. Um wieder etwas mit aufzubauen, neu hochzuziehen.
Dieser Artikel ist erschienen am 19.06.2001