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Pilot auf turbulentem Flug

Von Jens Koenen
Frank Thielert will mit seinen Dieselmotoren für Kleinflugzeuge den Markt aufrollen. Doch er muss derzeit vor allem um eines kämpfen: Vertrauen.
HB LICHTENSTEIN. Der Mann mit dem lichten Haaransatz über der Stirn ist nicht aus der Ruhe zu bringen. Seine Worte sind sachlich ? in jeder Sekunde, in jeder Minute hat er sich im Griff. Lediglich die hin und wieder zusammengekniffenen Augen verraten: Es tut sich was hinter der äußeren Fassade.Das wundert nicht. Frank Thielert, Gründer, Großaktionär und Vorstandschef des Flugzeugmotoren-Spezialisten Thielert, muss derzeit kämpfen ? und das gleich an mehreren Fronten. Er führt nicht nur eine Privatfehde gegen einen seiner früheren Investoren ? erst in der vergangenen Woche durchsuchten Ermittler deshalb seine Räume, wie jetzt bekannt wurde. Es geht auch um Thielerts Glaubwürdigkeit und die des Flugzeugmotorenherstellers.

Die besten Jobs von allen

Dabei sind der Unternehmer und sein Unternehmen eigentlich eine Erfolgsgeschichte. Thielert baut Motoren für Kleinflugzeuge. Das Besondere: Die Aggregate basieren auf Automotoren, in diesem Fall auf Motoren von Daimler. Bislang galt die automobile Technik als ungeeignet für ?höhere Aufgaben?, schließlich herrschen dort oben komplett andere Verbrennungsbedingungen als am Boden. Doch Thielert schaffte das Unmögliche.Nun stehen im sächsischen Lichtenstein und Altenburg zwei Hallen, in denen der Charme eines erfolgreichen Jungunternehmers zu spüren ist. Man ist per Du, auch mit dem Chef. Eng geht es zu, auf Hochtouren wird gearbeitet. Als genialer Tüftler gilt Thielert mittlerweile bei vielen, ein Attribut, das dem gelernten KFZ-Mechaniker gar nicht schmeckt. ?Ich bin kein Tüftler. Auf die Idee hat mich ein Kunde aus dem Rennsport gebracht.?Doch nun ist sein technologischer Erfolg bedroht. Seit gut einem Jahr ermitteln die Behörden wegen des Streits mit seinem früheren Investor Marco Hahn. Thielert wirft Hahn vor, er habe angeblich geliehene Aktien nicht zurückgegeben.In der vergangenen Woche durchsuchten Ermittler die Räume von Thielert und Aufsichtsratschef Georg Wittuhn. Hintergrund sind Zweifel an der Echtheit des Vertrages über die Aktienleihe. Laut Staatsanwaltschaft geht es um den Verdacht des gemeinschaftlichen Betrugs und der gemeinschaftlichen Urkundenfälschung und gemeinschaftlicher falscher Verdächtigungen. Harter Tobak, zumal die Ermittlungen Folge eines Strafantrags gegen Hahn sind, den Thielert selbst stellte.Doch Thielert bleibt weiter entspannt: ?Ich habe mir erklären lassen, dass die Staatsanwaltschaft Ermittlungen einleiten musste, auch wenn die übrige Beweislage ein klares Bild zu Lasten von Herrn Hahn ergibt?, sagt er.Da ist er wieder, der Optimismus des Unternehmers Thielert. ?Herr Thielert gibt nicht so schnell auf, glaubt immer an eine Lösung?, beschreibt ein Weggefährte den 43-Jährigen, der nach der zehnten Klasse die Schule abbrach und eine Mechaniker-Lehre startete. Auch das Studium schmiss er. ?Ich war schon immer ein ungeduldiger Mensch, auch bei meiner Ausbildung. Heute würde ich in diesem Punkt allerdings einiges anders machen?, sagt Thielert.In der Firma würde er vieles hingegen wieder genauso machen. ?Wir haben eine sehr unruhige Situation. Dennoch würde ich jederzeit wieder an die Börse gehen, einfach weil ich keine alternative Finanzierungsform für ein Unternehmen wie unseres sehe?, sagt er selbstbewusst und weiß doch: ?Für unser Geschäft, nicht zuletzt auch für unsere Mitarbeiter wäre es gut, wenn wieder mehr Ruhe einkehren könnte.?Lesen Sie weiter auf Seite 2: Der Verdacht der Ermittler kommt zu einem ungünstigen ZeitpunktOb sein Wunsch erfüllt wird, ist offen. Denn der Verdacht der Ermittler kommt zu einem äußerst ungünstigen Zeitpunkt. ?Das stärkt das Vertrauen nicht gerade und ist angesichts der diversen Unwägbarkeiten bei Thielert nicht hilfreich?, sagt Jochen Klusmann, Analyst der BHF-Bank.Die Unwägbarkeiten ? das ist vor allem die Bilanzierung. Die Staatsanwaltschaft ermittelt bereits, und auch die Bilanzpolizei hat Thielert auf dem Radar. Von aufgepumpten Umsätzen und einer Produktion ohne Abnehmer sprechen die Kritiker, eine ?sportliche, aber legale Bilanzierung? heißt es dagegen auf den Gängen der Firma. Gemeint ist die sogenannte ?Percentage of Completion? (PoC).Das sind Erlöse, die nach der neuen Rechnungslegung IFRS je nach dem Fortschritt langfristiger Aufträge aktiviert werden dürfen, denen aber keine bezahlten Rechnungen gegenüberstehen. ?Die PoC-Position ist sehr hoch, das ist richtig. Sie wird auch künftig hoch bleiben, weil das einfach eine Besonderheit des Marktes ist?, sagt Thielert und erklärt: ?Wir beliefern unsere Kunden mit Motoren, bezahlt wird aber erst, wenn dieser die Aggregate tatsächlich aus dem Lager holt und einbaut. Das ist üblich.?Auch für die kritisierten hohen Vorräte hat der 43-jährige Hobbypilot eine Erklärung: ?Wir müssen einige Teile aus Qualitätsgründen in großen Mengen abnehmen. So haben wir zum Beispiel im Jahr 2001 Kurbelwellen gekauft, die bis zum Jahr 2005 reichten. Das spiegelt sich natürlich in der Bilanz wider.?Doch es ist eben genau jene Besonderheit, die Intransparenz des Unternehmens, die Analysten wie Klusmann von der BHF-Bank die Sorgenfalten auf die Stirn treibt. Wie etwa bei der Frage nach neuen Kunden, die den Thielert-Motor als Erstausstattung anbieten (OEM). Bislang ist das nur Diamond.?Das Thema neue OEM wird kommen. Die Arbeit mit Cessna geht gut voran. Kleine OEM wie Apex oder Vulcanair sind ebenfalls sehr aktiv?, sagt Thielert und bleibt doch nebulös. ?Weitere Auskünfte kann ich leider nicht erteilen, da wir Geheimhaltungserklärungen mit den jeweiligen Geschäftspartnern unterzeichnet haben?, sagt der Vorstandschef.Tatsächlich gibt es Indikatoren, die für Thielerts Optimismus sprechen. Avgas, neben Kerosin der zweite Flugzeug-Treibstoff, ist auf dem Rückzug. Das hebt die grundsätzlichen Chancen des Thielert-Diesels. Auch wirtschaftlich spricht einiges für die sparsamen Motoren aus Sachsen. Vor allem Flugschulen dürften an einer Umrüstung ihrer Cessnas interessiert sein. Doch ob die Aufträge letztlich kommen, das weiß derzeit niemand. Nur dass Thielert sie gut gebrauchen kann, das steht fest. Denn noch lebt das Unternehmen vor allem von der Substanz ? ein Kurs, den Chefpilot Thielert so sicherlich keine weiteren zehn Jahre durchhalten kann.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Vita von Frank Thielert Frank Thielert1964
Er wird in Bremen geboren. Er bricht die Schule nach der zehnten Klasse ab, holt aber sein Abitur auf dem zweiten Bildungsweg nach.
1981
Thielert beginnt eine Lehre als KFZ-Mechaniker, die er nach verkürzter Ausbildungszeit als Jahrgangsbester abschließt.
1985
Er erwirbt eine Beteiligung an einer motorsportorientierten Reparatur-Werkstatt.
1999
Er gründet die Thielert Aircraft Engines und ist seitdem ihr Geschäftsführer.
2004
Er wird als Besitzer einer Berufspilotenlizenz staatlicher Prüfer von Luftfahrtgeräten.
2005
Er führt die Thielert AG, die Muttergesellschaft seiner Firmen, an die Börse.
Dieser Artikel ist erschienen am 07.09.2007