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Pille statt Ketchup

Von Oliver Stock
Der Amerikaner Joseph Jimenez kommt gerne schnell zur Sache. Das wird das Personal der Pharmasparte von Novartis bald zu spüren bekommen. Ihr neuer Chef macht das Sparprogramm zum Dauerthema.
Joseph Jimenez. Foto: ap.
BASEL. Das Gesicht fällt auf. Das Gesicht ist frisch. Frischer als das der anderen. Joseph Jimenez sitzt mittendrin in der Garde der Vorstandsmitglieder des Pharmakonzerns Novartis, der gestern in Basel als erster der Branche seine Zahlen vorgelegt hat. Mäßige Zahlen sind das, Novartis braucht dennoch die Baseler Messehalle dazu.Bisher hatte Daniel Vasella die Halle locker mit seinem Charme gefüllt, ?Super-Dan? haben sie das Novartis-Multitalent, das seit Jahren in Vorstand und Verwaltungsrat an der Spitze sitzt, in seinen besten Zeiten genannt. Doch der Aktienkurs bröckelt, zwei mit großen Hoffnungen beladene Novartis-Medikamente flogen vom Markt oder kamen gar nicht erst dahin, die Konkurrenz der Nachahmerpräparate wird immer stärker. Die Pharmasparte, bisher stets der Bringer im Konzern, schwächelt, und Vasellas Lächeln wirkt schmallippiger.

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Stattdessen sitzt da Jimenez, Amerikaner, 48 Jahre alt. Hohe, sehr hohe Stirn. Wie bei Michel Piccoli in seinen jungen Jahren, bevor er nur noch Filme für die Programmkinos machte. Jimenez ist erst seit April bei Novartis und war eigentlich als Chef der kleineren Sparte der frei verkäuflichen Gesundheitsprodukte eingestiegen. Im Oktober kam dann die Überraschung: Vasella machte den Novartis-Neuling nach sechs Monaten zum Leiter der dreimal größeren Pharmasparte und zum zweitwichtigsten Mann im Konzern ? nach ihm, versteht sich.Thomas Ebeling, der den Bereich sieben Jahre geleitet hatte, als Kronprinz galt, aber zuletzt vom Glück allzu sehr verlassen schien, tauschte mit Jimenez. Ebeling kam von Pepsi-Cola zu Novartis, Jimenez kommt von Heinz. Ja, genau, dem mit dem Ketchup. Was befähigt einen Ketchup-Verkäufer, den Pillenmarkt aufzurollen?Jimenez muss lachen. Er sitzt auf einem Sofa in einem Messehinterzimmer und schlägt die Beine übereinander. Dann beugt er sich nach vorn, sucht den Blickkontakt. Sein Referat vorhin in der Halle war kurz, das kürzeste von allen. Als Leiter der größten Sparte hätte er sicher mehr zu erzählen. Aber entweder bedeutet ?kurz? in diesem Fall ?dynamisch?, oder es heißt, dass der Neue selbst noch nicht so genau weiß, wohin der Hase läuft. Was also will er anders machen als sein Vorgänger?Lesen Sie weiter auf Seite 2: Jimenez entfaltet sein Programm, das aus dem Lehrbuch der Betriebswirtschaft stammen könnte?Die Pharmabranche?, sagt Jimenez, ?hat in den vergangenen Jahren hohe Margen erzielt. Da war die Notwendigkeit, auf die Produktivität zu schauen, nicht so hoch.? Gibt es etwas mehr Butter bei die Fische, bitte schön? Jimenez entfaltet sein Programm, das aus dem Lehrbuch der Betriebswirtschaft stammen könnte. Die Forschung soll auf den Gebieten stattfinden, wo lohnende Produkte winken. Die Produktivität soll steigen, indem sich alle besser untereinander absprechen. Da, wo Novartis wächst, will er das Geschäft ausbauen, da, wo das Unternehmen unter Druck steht, will er keine zusätzlichen Ressourcen verschwenden.Konkret dürften dies keine guten Nachrichten für Nordamerika sein, wo die Pharmasparte im vergangenen Jahr sieben Prozent beim Nettoumsatz verloren hat. Gute Nachrichten sind das dagegen für Lateinamerika, das um 17 Prozent zulegte.Eine höhere Produktivität bedeutet, auch wenn Chefs das nie so klar zum Ausdruck bringen, dass weniger Leute mehr arbeiten müssen. Jimenez? Chef Vasella hatte bereits im Dezember angekündigt, dass konzernweit knapp 4 000 Stellen gestrichen werden. Wird das reichen? ?Das Sparprogramm ist ein guter Schritt, aber es bleibt ein Dauerthema?, sagt Jimenez. Er sagt es freundlich, aber es klingt, als hätten viele bei Novartis künftig weniger zu lachen.Wie so ein Sparprogramm über die Bühne geht, weiß Jimenez. Als Aufsichtsrat beim Novartis-Konkurrenten Astra Zeneca hat er die Sanierung des Konzerns fünf Jahre lang begleitet. Als Berater beim Finanzinvestor Blackstone war er auch einmal in einer Branche, die nicht zimperlich ist, wenn es darum geht, Firmen auf mehr Rendite zu trimmen. Mitarbeiter sagen von ihm, er komme schnell zur Sache. Von einem neuen ?Typ von Amerikaner? ist bei Novartis die Rede, einem, der die Kampfbereitschaft nicht vor sich her, sondern in sich trägt. Der kampfbereite Herr Jimenez nippt an einem Glas Wasser. Der Tag ist noch lang, draußen warten schon die Analysten, denen er erklären soll, was er besser machen will. Auch ihnen wird er von der Produktivitätssteigerung erzählen.Wichtiger aber dürfte das neue Gesicht sein, das für neues Denken bei Novartis stehen soll. Pharma ist noch die mit Abstand wichtigste Sparte. Aber wenn es Zukäufe gibt, dann müsse sein Bereich nicht unbedingt oben auf der Liste stehen, räumt Jimenez ein. Sich stärker zu diversifizieren, weniger abhängig von einem Geschäftsbereich zu werden ? das würde dem Konzern guttun, sagt er.Der Neue denkt weiter. Er macht sich Gedanken, die sich sein Chef auch längst machen müsste.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Vita von Joseph JimenezJoseph Jimenez1959
Er wird vor 49 Jahren geboren. Joseph Jimenez macht später seinen Abschluss BA an der Stanford University und seinen MBA an der University of California in Berkeley. Er sammelt bei verschiedenen Firmen Erfahrungen im Markenmanagement.
1998
Er wechselt als Präsident und Chief Executive Officer (CEO) des Nordamerikageschäfts zum Nahrungsmittelhersteller H.J. Heinz Company (Ketchup).
2002
Joseph Jimenez wird CEO und Präsident des Heinz-Konzerns in Europa.
2007
Er geht zu Novartis und leitet die Sparte Verbrauchergesundheit.
2007
Er wird im Oktober CEO von Novartis Pharma.
Dieser Artikel ist erschienen am 18.01.2008