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Piëch: Der alte Herr ist der neue Herr

Von Josef Hofmann, Katharina Slodczyk, Andreas Rinke
Drei Fotos und einige dürre Worte ? zum Amtsantritt des neuen Chefs im Januar 1993, zum Produktionsstart des Drei-Liter-Autos im Juli 1999 und zum Bau der Autostadt ein Jahr später. Mehr ist von den fast neun Jahren Ferdinand Piëch als Chef von Volkswagen nicht übrig geblieben. Zumindest sehen es die Ausstellungsmacher im Automuseum Volkswagen in Wolfsburg so.
WOLFSBURG. Zumindest sehen es die Ausstellungsmacher im Automuseum Volkswagen in Wolfsburg so. Auf gerade mal eineinhalb Säulen im Flur des Museums, das mit seinen angestaubten Vitrinen, den leicht ergrauten Wänden und der schlechten Luft VEB-Atmosphäre verbreitet, wird die Ära des Porsche-Enkels abgehandelt.Ein bisschen wenig für einen Mann, der 3392 Tage an der Konzernspitze von Europas größtem Autobauer stand, unter dem sich der Umsatz verdoppelte, der aus einem Milliardenverlust einen Gewinn von drei Milliarden Euro machte und der von vielen zum ?Automanager des Jahrhunderts? gekürt wurde. Zu wenig für einen Mann, der heute mächtiger ist denn je ? getrieben von dem Ehrgeiz, die Bedeutung seines Großvaters Ferdinand Porsche für die Automobilindustrie noch zu übertrumpfen.

Die besten Jobs von allen

Legte Porsche in den dreißiger Jahren mit seinem Ingenieursgeschick die Basis für die Weltunternehmen Volkswagen und Porsche, schaffte es sein Enkel knapp 70 Jahre später, die beiden Unternehmen wieder zusammenzuführen. Dabei galt er eigentlich schon als untergehender Stern. Doch der unberechenbare Ferdinand Piëch, bei dem nach Erzählungen von Vertrauten ?nicht einmal seine Frau weiß, was er in zehn Minuten macht?, strahlt nun wieder. Musste er sich noch vor Monaten auf dem Höhepunkt der VW-Korruptionsaffäre fragen lassen, ob er überhaupt noch Aufsichtsratschef von Volkswagen sei ? so ruhig war es um den 68-Jährigen geworden ?, triumphiert er jetzt wieder. Aus dem seit Wochen tobenden Machtkampf in Wolfsburg ist er als klarer Sieger hervorgegangen. Weder ein angeblicher Putschversuch von Mitgliedern des Kontrollgremiums konnte ihn aus dem Amt drängen noch eine Studie, die sein größter Widersacher, Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff, bei der Investmentbank J.P. Morgan in Auftrag gegeben hatte und die zu dem Ergebnis kam: Piëch muss weg als Aufsichtsratschef. Das alles hat er überstanden und wie! Porträt eines Besessenen.Lesen Sie weiter auf Seite 2: ÜberraschungscoupParis steigt bei Venedig ein: Diesen Tarncode hatten sich die Investmentbanker von Merrill Lynch für den Überraschungscoup ausgedacht. Die Anfangsbuchstaben der Städte standen für die beteiligten Konzerne Porsche und VW. Der kleine, aber unglaublich profitable Autohersteller übernimmt knapp 20 Prozent am Wolfsburger Riesen.?P? könnte aber auch für Piëch stehen, jenen Mann, der den Deal eingefädelt hat und der ihn zu einem der mächtigsten Männer in der internationalen Automobilwelt macht. Mit dem Zugriff auf VW weitet die PS-Dynastie Porsche/Piëch ihr weit verzweigtes Imperium mit 13 Milliarden Euro Umsatz und 25 000 Mitarbeitern aus.Die beiden Familienstämme besitzen bereits die Porsche Holding, den größten Autohändler Europas, der sich von Österreich aus immer größere Teile des europäischen Autohandels sichert. Sie besitzen alle Stammaktien des Stuttgarter Sportwagenbauers Porsche und damit eine der weltweit wertvollsten Marken, einen Nischenproduzenten, der mit seiner geplanten vierten Baureihe BMW und Mercedes erlesene Kunden abjagen will. Und nun haben sie auch noch direkten Einfluss auf Volkswagen.Für den Machtmenschen Piëch ist das die Krönung seiner Karriere. Er hat mit dem Deal alle überrascht und bewiesen, wozu er in der Lage ist: Volkswagen vor einer feindlichen Übernahme zu schützen ? allein durch Familienbande.Es ist ein kurzes Zögern, ein Tänzeln um das Heck des knallroten Golf GTI, zwei Schritte in Richtung Fahrertür, ein Schritt zurück. Christian Wulff braucht einige Sekunden, um eine Entscheidung zu treffen. Dann sagt er energisch: ?Sie fahren, Sie kennen sich hier besser aus.??Sie? ? das ist Bernd Osterloh, neuer Vorsitzender des VW-Gesamtbetriebsrats. Er setzt sich also hinters Steuer, und los geht?s zu einer Tour über das VW-Gelände, ein Labyrinth mit verwitternden Backsteinbauten rechts und links. Die Straßen heißen hier Südstraße und Ladestraße, Straße 5 und Straße 17.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Wulffs EntmachtungsplanEin Gewerkschafter, der die Richtung vorgibt. Die Szene am Montag, dem ersten offiziellen Besuch des niedersächsischen Landesvaters beim neuen VW-Betriebsrat, hat Symbolcharakter für die Aufsichtsratssitzung, die vier Stunden später im dritten Stock des VW-Hochhauses beginnt. Wulffs Plan, Piëchs Macht zu beschneiden, scheitert an den Arbeitnehmervertretern im Kontrollgremium. Und das, obwohl sich CDU-Politiker Wulff für die Sitzung bestens munitioniert hat.Als er gegen 15 Uhr den lang gestreckten Aufsichtsratsraum im dritten Stock des VW-Hochhauses betritt und sich in einen der tiefen Ledersessel fallen lässt, hat er ein Gutachten von J.P. Morgan in der Tasche. Der Inhalt: Die Gefahr der Interessenkollision bei Piëch, als Porsche-Vertreter den VW-Aufsichtsrat zu führen, sei groß, zu groß. Piëch solle deshalb den Vorsitz abgeben, ein Grundlagenvertrag zwischen den Partnern müsse her.Doch Wulff muss rasch feststellen, dass er mit seiner Anti-Piëch-Haltung alleine steht. Von den Vertretern der Kapitalseite ist kaum jemand erschienen, die seinen Kampf mitkämpfen könnten. Die Arbeitnehmer indes sind vollständig angetreten. IG-Metall-Chef Jürgen Peters sagt später lapidar: ?Es wurde kontrovers diskutiert.? Ein anderer Teilnehmer berichtet, Wulff habe die Sitzung ?wutentbrannt vorzeitig verlassen?, nachdem klar geworden sei, dass Piëch alle Angriffe mit Hilfe der Arbeitnehmer würde abwehren können.Dieser neuerliche Konter Wulffs auf Piëch markiert die vorerst letzte Attacke in einem schon seit einiger Zeit arg belasteten Verhältnis. ?Die beiden lieben sich?, heißt es voller Ironie im Aufsichtsrat. Zunächst war es Piëchs Nähe zu Gerhard Schröder, den er als Privatmann einst samt Gattin zum Wiener Opernball einfliegen ließ. Zu dieser SPD-Liaison gesellte sich jetzt auch noch Wulffs Verlust an eigener Macht, weil Porsche und damit die Piëchs das Land Niedersachsen als größten VW-Aktionär ablösen ? all das treibt den CDU-Mann offenbar immer wieder an in seinem Feldzug gegen Ferdinand Piëch. Dessen Position hat sich mit dem gescheiterten Putschversuch indes verbessert. Bis zum Auslaufen seines Vertrags im Jahr 2007 bestimmt weiter er, ob und wann er das Kontrollgremium verlässt.Lesen Sie weiter auf Seite 4: Gelassenheit trotz RücktrittsforderungenRücktrittsforderungen begegnet Piëch ohnehin und seit jeher mit stoischer Gelassenheit: ?In meiner Karriere haben schon einige versucht, mich rauszudrängen, es ist noch keinem gelungen?, tönt er. ?Der hat vorher hundertprozentig penibel prüfen lassen, ob es mit der Konstellation juristische Probleme geben könnte?, sagt ein VW-Insider. Denn der gebürtige Österreicher ist mit seinem Schaffen im Nachbarland noch längst nicht am Ende. ?Das, was sein Großvater Ferdinand Porsche geleistet hat, treibt ihn an, gibt ihm Motivation?, heißt es aus seinem Umfeld.Ferdinand Porsche war ein Mann mit kräftigem Kinn und dichtem Schnauzbart. Schwarzweißfotos, gelegentlich unscharf, zeigen ihn häufig ein wenig müde dreinschauend: den Schöpfer des VW-Käfers, das Genie unter den deutschen Automobilentwicklern der letzten 70 Jahre, den Urahn einer Dynastie. Man muss in Wolfsburg nicht lange suchen, um auf seine Spuren zu stoßen. Was er geschaffen hat, nimmt im Automuseum Volkswagen mindestens die Hälfte der Ausstellungsfläche von 5 000 Quadratmetern ein. Der erste Käfer steht dort, der erste schwimmende Käfer auch, der erste Käfer, der als Ballongondel taugt, Käfer in allen Farben und Varianten. Porsche hat aber nicht nur den Käfer konstruiert, sondern auch das Volkswagen-Werk mitaufgebaut.Piëch, der eher kleine Mann mit der hohen kantigen Stirn, der bis heute das Attribut ?schwierig? mit sich herumträgt, will das alles retten. Was ihm schon einmal gelang, damals, als er als Vorstandschef antrat und den Konzern aus einer tiefen Krise befreite. Mit einem eigenwilligen Führungsstil: Leitende Angestellte beschrieben dies vor Jahren in einem anonymen Brief an den damaligen Aufsichtsratsvorsitzenden Klaus Liesen so: Der Konzern werde ?von einem Mann mit psychopathischen Zügen geführt?. Weiter hieß es in dem Schreiben: ?Machen Sie Herrn Piëch klar, dass ein Weltkonzern nicht wie ein Rittergut mit Leibeigenen zu führen ist.?Genützt hat es nichts. Piëch ist Piëch: ?Sie gewinnen keinen Überlebenskampf mit Freundlichkeit?, war sein Credo. Er vergrößerte sein VW-Reich um Bugatti und Lamborghini, verordnete dem Konzern die Plattformstrategie und machte schmale, gleichmäßige Spaltmaße zur Messlatte für die Kunst, Autos zu bauen. Nichts Technisches überließ er dem Zufall, er bestimmte und kontrollierte, ob seine Befehle umgesetzt werden.Lesen Sie weiter auf Seite 5: Verlust der BodenhaftungAls er den Posten des Vorstandschefs abgab, erwirtschaftete der Konzern Rekordgewinne. Die Konsequenzen davon, dass er in der zweiten Hälfte seiner Herrschaft als VW-Chef nach Meinung von Branchenexperten die Bodenhaftung verlor, mussten andere tragen. Investitionen in Luxusträume wie den ?Phaeton? oder ?Bentley? mussten abgeschrieben werden, die sträfliche Vernachlässigung des Währungsrisikos zehrt bis heute große Teile des Gewinns auf.An seinem Ruf bei den Arbeitern, die wie Manager vor Piëch stramm standen, hat das nichts geändert: ?Der war cool, er gab uns mit seinen Ideen das Gefühl, wir sind wer auf dem Automarkt?, erzählt ein VW-Werker vor seinem Feierabend-Bier in der Tunnel-Schänke.Die Werkskneipe am VW-Tor 17 ist ein gutes Barometer für die Stimmung bei VW, die in Wolfsburg auch immer die Stimmung in der Stadt ist. Und dort hat Piëch bis heute viele Sympathisanten, der begnadete Ingenieur, der gemeinsam mit dem nach der Betriebsratsaffäre inzwischen zurückgetretenen Ex-Personalchef Peter Hartz Tausende von Jobs gerettet hat. ?Im Vergleich zu heute waren die Zeiten damals gar nicht so schlecht?, sind sich die Beschäftigten einig.Nach Piëch, so heißt es bei den Mitarbeitern, kam die neuerliche Krise. Jetzt heißt die Devise: Arbeitsplatzabbau, sichere Arbeitsplätze nur gegen tiefe Einschnitte in lieb gewonnene Gewohnheiten, wie auch die am Donnerstag verkündete Einigung zwischen Konzernleitung und der VW-Fabrik in Emden zeigt.Die Marke VW macht inzwischen wieder Verlust, das Werk Wolfsburg ist nur zu zwei Dritteln ausgelastet, die Kosten liegen über denen der Konkurrenz. Nicht von den Arbeitern, wohl aber im Aufsichtsrat muss sich Piëch fragen lassen, wie es so weit kommen konnte.Sich ausgerechnet jetzt zurückzuziehen würde Piëch als Fahnenflucht empfinden. Stattdessen hat er zur Attacke geblasen, um ?sein Unternehmen? nicht von Finanzinvestoren übernehmen und filetieren zu lassen. Auch wenn in Finanzkreisen der Sinn des Porsche-Einstiegs bezweifelt wird, für König Piëch ist er die Krönung. Sein Königreich ?Venedig? ist gerettet. Der alte Herr ist der neue Herr bei Volkswagen.
Dieser Artikel ist erschienen am 13.10.2005