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Physikerin der Macht

Von Rüdiger Scheidges
Berlin, Bahnhof Zoo, Bahnsteig 4. Niemand nimmt sie wahr, die mächtigste Politikerin des Landes. Blauer-Sack-Parka, undefinierbar graues Beinkleid, gesenktes Haupt. Die Macht kommt manchmal ganz schön unscheinbar daher. Besonders dann, wenn sie sich als Angela Merkel verkleidet.
HB BERLIN. Dann ist es wie bei Harry Potter, dem als Junge verkleideten Zauberer, der durch lauter Betonmauern zum magischen Bahnsteig 9 3/4 verschwindet. Doch jetzt ist Angela Merkel die erste Kanzlerin Deutschlands. Verschwinden gilt nicht mehr.Statt schwarzer Magie sind es eisernes Durchhaltevermögen, intuitive Intelligenz und unbändiges Streben, die sie dahin drängten, wo vor kurzem noch ein anderer, Gerhard Schröder, stand: ins Kanzleramt. Mit ihrem strategischen Genie hat die gelernte Physikerin zuerst Betonmauern und Betonköpfe in ihrer Partei überwunden. Lange Monate hatten ihr die alten Herren der alten Union die Fähigkeit abgesprochen, die Partei zu führen und eine Erfolg versprechende Kandidatin für das Kanzleramt zu sein. Deshalb verhinderten sie im Jahr 2002 die Kandidatur der Ostdeutschen und Protestantin und hoben statt ihrer Edmund Stoiber auf den Schild. Der CSU-Chef und bayerische Ministerpräsident verlor indes und legte damit den Grundstein für den Erfolg der 51-jährigen Politikerin.

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Angela Merkel kennt Deutschland, das gesamte Deutschland, erst seit dem Fall der Mauer. Denn obwohl in Hamburg geboren, verschlug es ihre protestantische Pfarrersfamilie in den DDR-Staat der Ulbrichts und Honeckers. Dort wurde Angela Kasner sozialisiert als Aufwachsende, Studentin und Wissenschaftlerin. Zur Politik hielt sie damals ein distanziertes Verhältnis. Opponieren galt nicht als erfolgreiche Strategie im Fortkommen. Nicht wenige saßen als politische Häftlinge ein. So viel politisches Engagement umtrieb sie damals nicht.Das begann richtig erst als CDU-Mitglied und als Helmut Kohls ?Mädchen?. Er war es auch, den sie im Verlauf der CDU-Spendenaffäre um die heimlichen und verheimlichten Konten der Partei kühl, ja kalt abservierte ? um selbst auf den Hochsitz der Partei zu klettern und Wolfgang Schäuble das Amt des Parteivorsitzenden abzuluchsen. So ist Merkel ein Phoenix der CDU, eine aus der Asche der Affäre und der darin verglimmenden Partei der Altvorderen Auferstandene.Lesen Sie weiter auf Seite 2:Vor ihrem knappen Sieg über Gerhard Schröder hatte Angela Merkel nie eine Wahl gewonnen.Vor ihrem ganz knappen Sieg über Gerhard Schröder, den sie eigentlich vernichtend schlagen wollte, aber nicht konnte, hatte Angela Merkel nie eine Wahl gewonnen. Die Parteivorsitzende, Fraktionsvorsitzende, Generalsekretärin hatte keine Ämter inne, die ihr die Verantwortung für Wahlschlachten übereignet hätten.2002 zeichnet Edmund Stoiber verantwortlich für den Bundestagswahlkampf, und als Familien- und Jugendministerin sowie als Umweltministerin, stets unter Helmut Kohl, galt sie nicht als großes Kaliber ? weder im Kabinett des Patriarchen noch in der Partei des Patriarchen. Notorisch unterschätzt, wie sie lange Jahre war, konnte sie sich intensiv, im Rücken der Partei, für die Karriere wappnen. Dazu schaute sie Kohl genau auf die Finger. Von ihm lernte sie das Spiel der Kooptation, das Sich-gefügig-Machen der nach oben, also zu ihr Strebenden.Ihren Rivalen in der Partei, den ?Landesfürsten? der Union, war sie stets einen Schritt voraus. Besser als Roland Koch, Christian Wulff oder auch Edmund Stoiber schüttelte sie die emotionalen Fesseln der Politik ab, entschlackte ihr Denken vom rheinisch-kapitalistischen Bezug auf die katholische Soziallehre.Zielstrebig, nüchtern und unemotional machte sie sich zuerst die Union gefügig, um dann mit denselben Qualitäten der großen Koalition vorstehen zu wollen. Selbstverständlich wird sie deshalb auch ihre Richtlinienkompetenz als Kanzlerin weidlich nutzen, vielleicht geschickter, unauffälliger, als viele denken. Aber sie wird es. Denn wenn sie etwas in ihrer bisherigen Karriere gelernt hat, dann dies: Das Bohren dicker Bretter verlangt ständiges und hartes Bohren von oben nach unten. Unablässig.
Dieser Artikel ist erschienen am 26.12.2005