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Philosoph der Lüfte und des Lebens

Von Oliver Stock, Handelsblatt
Der Vater, er tauchte in Tiefen, die noch niemand vor ihm erreicht hatte: 11 000 Meter nach unten im Marianengraben. Den Großvater, den zog es in die Höhe. Als erster Mensch stieß er 1931 in die Stratosphäre vor. Und Bertrand Piccard? ?Ich musste die Horizontale wählen?, sagt der Franzose mit den abenteuerlustigen Familienmitgliedern.
SCHINDELLEGI. Vor sechs Jahren gelang ihm und seinem Begleiter Brian Jones die Sensation: Nach 45 755 Kilometern landeten sie in der ägyptischen Wüste, hatten die Erde umrundet. Die Kapsel mit dem Namen des geduldigen Sponsors, der Breitling-Orbiter III, steht seither im Washingtoner Space Museum gleich um die Ecke vom Lindbergh-Flugzeug. Und Piccard nährt seinen Ruhm, indem er aus der Kunst des Ballonfahrens eine Moral für Manager ableitet.Drahtig steht er da vor der Führungsriege des Schweizer Logistikers Kühne & Nagel, die ihn eingeladen hat. Klein, die Haare kurz, hohe Stirn, der Blick stechend, aber nicht unfreundlich. Keine Spur von Abenteurer-Outfit. Der dunkle Anzug ist penibel gebügelt. Es gehe ihm nicht darum, Rekorde zu brechen, sondern Horizonte zu eröffnen, sagt Piccard, der Pionier.

Die besten Jobs von allen

Und dann kommt seine Deutung der Ballonfahrt: mit dem Wind treiben und trotzdem ans Ziel kommen. Das ist das Einzigartige. ?Wenn die Winde des Lebens in die falsche Richtung wehen, müssen wir eine andere geistige Flughöhe finden?, sagt Piccard, der Psychiater.Er ist nicht Physiker oder Ingenieur geworden. Er wollte nicht einfach so auf den Spuren der Väter wandeln, wenn es auch nahe lag. Die Nacht vor dem Start der Mondkapsel Apollo Elf verbrachte er im Hotelzimmer von Wernher von Braun, dem Genie ohne Grenzen, der auch die Rakete konstruiert hatte, die die Männer zum Mond schleuderte.Zurück in der Heimatstadt Lausanne am Genfer See wälzte der Junge Fragen. Wozu lebt man? Wo liegt der Sinn der Rekorde? Piccard studierte das Zusammenwirken von Körper, Geist und Seele. Piccard flog Drachen, sprang Fallschirm, tanzte am Himmel. Piccard, der Geschäftsmann, gründete eine Flugschule auf den Kanarischen Inseln und ging nach drei Jahren Pleite.Doktor Piccard studierte zu Ende. ?Neugier, Ausdauer und Respekt?, benennt er die Tugenden, die es wert seien, gelebt zu werden. Das will er vermitteln, den Managern bei Kühne & Nagel genauso wie Wirtschaftsstudenten in St. Gallen und Politikern beim Weltwirtschaftsforum in Davos.Denen erklärt er, dass es nicht um die Rekorde geht, die werden gebrochen, sondern um die Erfahrung aus den Rekorden ? die bleibt bestehen. Wer die Flughöhe ändert, muss Ballast abwerfen. Piccard, der Psychologe: ?Wir müssen uns von Dingen trennen, von denen wir an sich gelernt haben, dass es besser ist, sie zu behalten. Solange wir nicht aus der Sicherheitszone treten, gibt es keine Kreativität.?Piccard erinnert sich an Stunden der Angst: Etwa als er und sein Teamkollege entschieden, das letzte Viertel des Wegs über den Atlantik anzutreten, obwohl nur ein Achtel des Gasvorrats übrig war. ?Sie müssen die Angst akzeptieren. Dann verschwindet sie.?Er erinnert sich an die Meteorologen in der Bodenstation. Piccard wollte den schnellsten Wind nutzen. Die Wetterforscher rieten ihm per Funk ab: ?Willst du schnell in die falsche Richtung oder langsam in die richtige treiben?? fragten sie. ?Wir brauchen mehr Meteorologen in der Schule, in der Politik, in der Wirtschaft?, heißt der Piccardsche Lehrsatz aus dieser Situation.Er erinnert sich an chinesische Überflugvorschriften. Sie zwangen ihn zu einem Umweg, der ihm günstigen Wind zufächelte: ?Die schönsten Geschenke im Leben sind häufig schlecht verschnürt.? Ob er nicht doch stolz war, der erste Ballonfahrer gewesen zu sein, der die Welt umrundete? ?Es ist immer schön, der Erste zu sein?, antwortet Piccard. ?Sonst stünde ich jetzt nicht hier, sondern säße in meiner Arztpraxis in Lausanne und würde vielleicht auf ein Foto von der Reise starren, das auf dem Schreibtisch steht.?Wo Piccard, der Entertainer, seine Schau zeigt, hinterlässt er verzückte Zuhörer. Sie genießen den Mann, der seinen Weg durch die Wolken so beschreibt, als habe er eine Schneise durch den Blindflug des Lebens geschlagen. Sie verzeihen ihm, als er nach einer knappen Stunde tief in die Klamottenkiste greift und die schönsten Bilder seiner Reise zum unsterblichen Beatles-Song ?Imagine? an die Wand projiziert.Sie sind fasziniert, wenn er von seinem nächsten Vorhaben berichtet: Er baut an einem Segelflugzeug, das mit Sonnenkollektoren bestückt ist. Der gewonnene Strom speist einen Motor, der das Flugzeug stets über den Wolken hält. Fast ein Perpetuum Mobile, dessen Flug nur durch die Erschöpfung seines Piloten beendet werden kann. Piccard wird auch dafür Sponsoren finden, einige vielleicht an diesem Abend. Auch Manager haben schließlich Träume.
Dieser Artikel ist erschienen am 09.05.2005