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Phillip Bennett - Der Mann mit den zwei Seelen

Von Michael Maisch
Als Vorstandschef des Maklerhauses Refco wurde Phillip Bennett geachtet. Nebenbei soll er Bilanzen manipuliert haben.
NEW YORK. Phillip Bennett steht im Regen. Eine eiskalte Bö reißt ihm fast den Regenschirm aus der Hand. Das sonst so penibel frisierte Haar klebt feucht an der Stirn und ein heftiger Schauer durchnässt sein blaues Sweatshirt, als der beurlaubte Vorstandschef des Maklerhauses Refco am vergangenen Mittwoch aus dem Gebäude des New Yorker Bezirksgerichts tritt. Doch seine Stimmung dürfte an diesem Tag noch viel trüber sein als das Wetter.Nur wenige Stunden zuvor hatte die Polizei Bennett wegen Betrugsverdachts verhaftet. Gerade erst haben ihn seine Anwälte gegen eine Kaution von 55 Millionen Dollar aus dem Gefängnis rausgeholt. Der Manager spielt die Hauptrolle in einem Finanzskandal, den viele an der Wall Street bereits in einem Atemzug mit dem Zusammenbruch des US-Energiehändlers Enron nennen.

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In nur drei Tagen ging Bennetts glänzende Karriere zu Bruch, in nur drei Tagen stürzte er vom geachteten und bewunderten Vorstandschef des weltweit größten unabhängigen Terminbrokers zum Untersuchungshäftling ab. Das Drama begann am vergangenen Montag mit einer dürren Mitteilung von Refco. Der Makler, der mehr als 200 000 Konten führt und 2 400 Menschen in 14 Ländern beschäftigt, musste eingestehen, dass der eigene Vorstandschef das Unternehmen seit sieben Jahren hintergangen hatte.Seit 1998 hat Bennett offenbar in einer Firma, von der niemand ahnte, dass sie von ihm kontrolliert wird, systematisch Schulden und Verluste im Wert von Hunderten von Millionen Dollar versteckt. Als der Skandal aufflog, schuldete Bennett Refco 430 Millionen Dollar. Ein Teil dieser Verbindlichkeiten soll noch aus den Zeiten der Asien- und Russlandkrise Ende der 90er-Jahre stammen.Ironischerweise sollte ausgerechnet Bennett den etwas ramponierten Ruf des Maklerhauses wieder aufpolieren, als er 1998 vom Finanzvorstand zum Vorstandschef von Refco befördert wurde. Und zunächst schien das dem 57-jährigen Briten auch zu gelingen.Der durchsetzungsfähige Manager, der in seiner Jugend in der Rugby-Mannschaft der Universität Cambridge gespielt hatte, ging seinen ganz eigenen Weg in der Broker-Branche. Während sich die Konkurrenz immer stärker aus dem Handel mit Rohstoffen zurückzog, startete Bennett eine Einkaufstour. Durch mehrere Übernahmen machte er Refco zu einem der ganz großen Spieler an den internationalen Terminmärkten. Das Brokerhaus machte lukrative Geschäfte mit Finanzkontrakten auf Öl, Getreide, Schweinebäuche oder Metalle. Als die Aktienbörsen einbrachen und die Anleger auf der Suche nach neuen Renditequellen die fast schon vergessene Anlageklasse der Rohstoffe entdeckten, startete auch Refco durch.Am 10. August dieses Jahres schien Bennett es endgültig geschafft zu haben. Stolz stand er im grauen Anzug auf der berühmten Empore der New Yorker Börse und hielt den erhobenen Daumen breit lächelnd in die Blitzlichter der Kameras. Bennett durfte die Glocke für den Beginn des Handels unten auf dem Parkett läuten ? eine Ehre, die vor ihm bereits die Vorstandschefs der größten Unternehmen hatten. An diesem Morgen ging Refco selbst an die Börse, und der Kurs schoss fast lotrecht nach oben ? von 22 Dollar in Richtung 27 Dollar. Danach kletterte er weiter.Keine drei Monate später fragt sich die gesamte Wall Street, wie Bennett die am Börsengang beteiligten Investmentbanken und Buchprüfer täuschen konnte, alles renommierte Namen, Goldman Sachs, Credit Suisse und Bank of America, dazu die Prüfungsgesellschaft Grant Thornton. Was ist das für ein Mann, der sieben Jahre ein Doppelleben führte? Der stets perfekt die Rolle des smarten geradlinigen Geschäftsmannes ausfüllte und dabei mit immer komplizierteren Finanztransaktionen sein gefährliches Geheimnis bewahrte?Bennett galt bislang als harter, korrekter Arbeiter, der mit vier Stunden Schlaf pro Nacht auskam und oft schon um sechs Uhr morgens an seinem Schreibtisch im World Financial Center saß, mit direktem Blick auf das große Loch, das die Anschläge vom 11. September 2001 in die New Yorker Skyline gerissen hatten. Schon während seiner Zeit als Finanzchef von Refco genoss Bennett einen untadeligen Ruf. ?Er schien der perfekte Mann für den Chefposten von Refco zu sein?, erinnert sich ein Investmentbanker, ?erfahren, integer und ehrgeizig.?Auch Bennetts Privatleben schien über jeden Zweifel erhaben. Mit seinen beiden Kindern und seiner Frau lebt der Manager eher zurückgezogen ? in einem zweistöckigen Farmhaus im grünen Vorort Bedminster in New Jersey. Großzügig spendete er jahrelang für wohltätige Zwecke. Viele seiner wohlhabenden Nachbarn sind Kollegen von der Wall Street. Doch einiges spricht dafür, dass Bennett schon bald Ab-schied von dieser vornehmen Gegend nehmen muss.Der Skandal hat den beurlaubten Refco-Chef deutlich ärmer gemacht. Bennett gehören nach dem Börsengang im August noch immer 34 Prozent von Refco. Am Montagmorgen vergangener Woche waren seine Aktien noch 1,6 Milliarden Dollar wert, sieben Tage später weniger als 600 Millionen Dollar. Außerdem musste er die 430 Millionen Dollar Schulden an Refco zurückzahlen. Aber das dürfte nicht Bennetts größte Sorge sein. Wird er wegen Betrugs verurteilt, drohen ihm 20 Jahre Gefängnis.
Vita: Phillip Bennett
1948 wird er in Großbritannien geboren. Er studiert an der Universität von Cambridge, wo er sich als Spieler im Rugby-Team auszeichnet.1970 steigt Bennett ins Finanzgeschäft ein und beginnt seine Karriere bei der Chase Manhattan Bank, für die er in New York, Toronto, Brüssel und London arbeitet.1981 wechselt der Manager zum Terminbrokerhaus Refco. Nur zwei Jahre später wird er zum Finanzvorstand berufen.1998 übernimmt Bennett bei Refco den Posten des Vorstandsvorsitzenden, gleichzeitig beginnen auch die dubiosen Transaktionen, die dem inzwischen beurlaubten Manager jetzt eine Anklage wegen Betrugs eingebracht haben. Bennett ist verheiratet und hat zwei Kinder.
Dieser Artikel ist erschienen am 17.10.2005