Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Peter Wuffli ? Der Unaufgeregte

Von Oliver Stock
Bis Donnerstagnacht, dem Zeitpunkt seines Ausscheidens, war Peter Wuffli einer der einflussreichsten Banker der Welt. Gemerkt hat man das aber nicht. Als Chef des Schweizer Branchenprimus UBS hat er sich alle Mühe gegeben, keine Schlagzeile zu liefern. Das Porträt eines Mannes, der auffällig unauffällig war.
Peter Wuffli war fast schon unscheinbar als UBS-Chef. Foto: ap
ZÜRICH. Die Szene, die sich im nagelneuen Stade de Suisse in Bern abgespielt hat, könnte als das zweite Wunder von Bern in die Annalen eingehen ? in die Annalen der UBS jedenfalls. Peter Wuffli, Chef der Großbank und in der Liste der bekanntesten Schweizer, die Roger Federer anführt, immerhin auf Platz 85, steht gelöst auf dem Fußballrasen neben einem etwas bemüht dreinblickenden Hakan Yakin. Dem Fußballspieler der Berner Young Boys, der auf der Bekanntheitsliste mit Rang 25 deutlich weiter vorn als der Bankchef rangiert, ist unschwer anzusehen, dass ihm Ballkontakte lieber sind als solche zur Hochfinanz. Wuffli dagegen, jener Mann, der schon mehr als einmal Banker des Jahres geworden ist und dem seine Mitarbeiter vor allem einen intensiven Kontakt zum Geld zutrauen, scherzt sogar. Ob seine Gelöstheit daran liegt, dass die Performance der Schweizer Banken in der Regel besser ausfällt als die Ergebnisse der Schweizer Fußballer? Sollte Wuffli, der doch nie die Bodenhaftung verliert, tatsächlich gerade ein Gefühl der Überlegenheit auskosten?Vorbei. Peter Wuffli ist nicht mehr Chef der UBS. Der Mann hat mit einmal keinen Boden mehr unter den Füßen. Nach mehreren bescheidenen Quartalsergabnissen, nach öffentlichen Zweifeln an der Strategie der Bank und nach Verlusten im US-Geschäft hat der Verwaltungsrat der UBS entschieden, dem Wechsel Wufflis an die Spitze des Gremiums nicht zuzustimmen. Das war's. Wuffli hat in der Nacht zum Freitag seinen Job als Bankchef gekündigt.

Die besten Jobs von allen

Wuffli war bis Mitte des verganenen Jahres einer, der gewohnt war, Glanzzahlen zu präsentieren. Das lief dann immer nach dem gleichen Muster ab, denn nichts ist der Schweizer Bank mehr verhasst als Überraschungen. Wuffli eröffnet die Bilanzkonferenz morgens um 9 Uhr in schnörkellosem Englisch und stets auf die Minute pünktlich. Sein Finanzchef wartet mit den Details auf. Dann dürfen Analysten, die ins Konferenzgebäude des Konzerns am Rande der Zürcher Bahnhofstraße geeilt sind, ihre Fragen stellen. Dann Journalisten. Nach knapp zwei Stunden ist die Angelegenheit inklusive der Einwürfe, die Zuhörer via Internet loswerden können, erledigt: Höchst effektiv, niemand bekommt eine Extrawurst und Wuffli kann sich zum Mittagessen anderen Dingen zuwenden.Abends kann er pünktlich zur Familie kommen, in sein Reihenhaus unweit vom friedlich plätschernden Zürichsee. Er hört gerne Opernmusik und liest spanische Literatur, heißt es. Er engagiert sich bei den ?Freunden der FDP?, der freisinnig demokratischen Partei, wie die Liberalen in der Schweiz heißen. Sie passen gut zu Wuffli: Es gibt wenige Entscheidungen, die an ihnen vorbeilaufen. Nach Außen sichtbare Spuren hinterlassen sie dabei kaum. Dass solch eine Strategie für eine politische Partei vielleicht schlechter ist als für eine für ihre Diskretion geschätzte Bank, muss Wuffli nicht kümmern.Wenn er nicht arbeitet oder seinen Lieblingsbeschäftigungen nachgeht, sitzt der Mann mit dem Original-Schweizer Namen auch mal beim Elternabend auf den viel zu kleinen Stühlen in der Schule. Drei Kinder im Teenager-Alter sagen ?Papa? zu ihm. Oder er beteiligt sich an Straßenfesten, bringt einen Salat mit. Und nur wer ihn kennt, weiß, was dieser Mann mit dem leicht angegrauten Haar und der zierlichen Brille so macht, wenn er gerade nicht beim Plausch mit den Nachbarn steht. ?Ein idealer Schwiegersohn? ist die treffendste Beschreibung, die ein deutscher Banker einmal über jenen Herr Wuffli abgab, der die Unauffälligkeit zur Kerntugend erhoben hat.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Wie Wuffli Fehler überspielt?Ist Langeweile bei Ihnen Teil der Strategie??, wird er im kleinen Kreis immer wieder gefragt. ?Wenn Sie damit Kontinuität und Verlässlichkeit meinen, dann ja?, antwortet er darauf. Dass die Verlässlichkeit, mit der er einst Rekordergebnisse präsentierte, am Ende nicht mehr funktionierte, dürfte niemanden mehr gewurmt haben als ihn selbst. Aber sich so etwas anmerken zu lassen ? das kommt für ihn nicht in Frage.Seine Ruhe kommt ihm nicht ungelegen. Sie führt dazu, ihn zu unterschätzen. Vielleicht auch zu überschätzen. Nichts klingt mehr dramatisch, seit er im Jahr 2001 mit 44 Jahren das Ruder bei der UBS übernommen hat. Seine Routine lullt die Zuhörer ein. Bald zwei Dutzend Zukäufe hat er als UBS-Chef abgesegnet. Jeder einzelne kaum der Rede wert, unterm Strich allerdings haben sie die UBS in ihren Kernbereichen zum Weltmarktführer gemacht. Wer ihn darauf anspricht, hört Sätze wie: ?Was ich sehe ist eine weitere Konsolidierung nationaler Banken auf nationaler Ebene, die Europas Bankenlandschaft nicht wesentlich verändern wird.? Business as useful eben, in dem sich der Unauffälligste am besten bewährt.Fehler werden weggebügelt. Solche etwa wie der, dass die UBS Dollar-Noten in Länder geliefert hatte, die von den USA mit einem Embargo belegt waren. Dafür mussten die Schweizer eine der höchsten Strafen zahlen, die die amerikanische Börsenaufsicht je verhängt hat. Oder dass die UBS aus Sorge vor weiteren Repressionen der Amerikaner über Jahre dem Treiben der internationalen Zahlungsorganisation Swift zusah, die Kundendaten an den US-Geheimdienst weitergab. Wufflis Image konnten solche Vorgänge nichts anhaben.Als Mann, den die Kommentatoren damals als eine Marionette in den Händen des mächtigen UBS-Verwaltungsratspräsidenten Marcel Ospel bezeichneten, hat Wuffli seine Aufgabe zu Beginn dieses Jahrzehnts angetreten. Seine Karriere ist verlief ? wie sollte es anders sein ? makellos unauffällig. Sein Vater, Heinz Wuffli, ist bis 1977 Generaldirektor der heutigen Credit Suisse. Der Sohn studiert an der Hochschule St. Gallen, der wichtigsten Kaderschmiede des Landes, schreibt gelegentlich Artikel für die ?Neue Zürcher Zeitung?, geht später zum Beratungsunternehmen McKinsey, wo er sich vor allem mit der Finanzbranche befasst. 1994 wechselt er als Finanzchef zum Bankverein in Basel, der damals die Wende vollzieht vom klassischen, nicht immer erfolgreichen Kreditinstitut zur angelsächsisch inspirierten Investmentbank. Wuffli kommt gerade richtig, um drei Jahre später, bei der Fusion mit der Bankgesellschaft zur UBS die richtigen Karten in der Hand zu halten: Die besten Posten in der UBS gehen an die Bankverein-Manager.Als Chef der UBS löst er 2001 Luqman Arnold ab, der sich nach nur zehn Monaten hoffnungslos mit Ospel zerstritten hatte. Wuffli und Ospel gelten lange als das Dreamteam der Schweizer Finanzszene. Im vergangenen Jahr schließlich schlägt Ospel dem Verwaltungsrat Wuffli als seinen Nachfolger vor. 2008 sollte es soweit sein. Danach ändert sich jedoch die Lage. Aus der stets überlegenen UBS wird eine Bank, die im Vergleich zur Konkurrenz auch mal das Nachsehen hat. Mit dem Dreamteam ist es vorbei. Nun gehen Ospel und Wuffli getrennte Wege.
Dieser Artikel ist erschienen am 06.07.2007