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Peter Long muss nochmal von vorne anfangen

Von Dirk Heilmann
Als Peter Long als neuer Chef zu First Choice kam, fand er ein Unternehmen vor, das den Umsatz stärker als die Gewinne gesteigert hatte. Seine Maxime damals wie heute: nicht der größte Reiseveranstalter in Europa sein, sondern der profitabelste. Nun wird er Chef des größten Reiseveranstalters Europas ? und kann von vorne anfangen.
Der 54-jährige Brite Peter Long ist keiner, der die große Herausforderung scheuen würde. Foto: ap
LONDON. Als Peter Long vor gut zehn Jahren als neuer Chef zu First Choice kam, flog das Unternehmen wie eh und je sonnenhungrige Briten an die populären Badeorte des Mittelmeers, das typische Massengeschäft. Long startete die internationale Expansion, doch veränderte gleichzeitig die Prioritäten. ?Ich wollte nicht der größte Reiseveranstalter in Europa sein, sondern der profitabelste?, formulierte er seine Maxime.Nun wird er Chef des größten Reiseveranstalters Europas ? und kann von vorne anfangen. Tui Travel wird zwar sehr groß sein, aber erst einmal nicht sehr profitabel. Bei First Choice hat Long den Anteil der klassischen Pauschalreise heruntergefahren und das rentablere Geschäft mit Spezial- und Abenteuerreisen kräftig ausgebaut. Bei Tui Travel wird das Verhältnis wieder ganz anders sein.

Die besten Jobs von allen

Doch der 54-jährige Brite ist keiner, der die große Herausforderung scheuen würde. In Malta als Sohn eines Marineoffiziers geboren und überwiegend in England aufgewachsen, wurde er durch häufige Standortwechsel der Familie früh selbstständig. Die berufliche Karriere des begabten Leichtathleten begann als Buchhalter bei einer Baufirma. In die Reisebranche kam er eher per Zufall, als ihn der Touristik-Unternehmer Harry Goodman zu seiner International Leisure Group abwarb.Als die Gruppe 1991 skandalös kollabierte, war das für Long die schlimmste Erfahrung seines Berufslebens. Doch das warf ihn nur kurzfristig zurück. Er baute zusammen mit spanischen Partnern einen eigenen Reiseveranstalter auf und verkaufte die Firma Sunworld, als sie auf 700 000 Kunden gewachsen war. Ein paar Millionen verdiente er damit, aber nicht so viel, dass er nicht mehr hätte arbeiten müssen. Zum Glück: Sein unternehmerischer Erfolg katapultierte ihn auf den Chefsessel von First Choice.Dort trimmte der schlanke Rugby-Fan 1999 das Unternehmen auf Flexibilität und Geschwindigkeit. Doch nicht alles gelang ihm: Eine Fusion mit der Schweizer Reisefirma Kuoni misslang. Ein feindliches Übernahmeangebot des britischen Erzkonkurrenten My Travel störte die Ehe, doch diesen Vorstoß wehrte Long mit Hilfe der Kartellbehörden ab.Lesen Sie weiter auf Seite 2: In der jüngsten Konsolidierungsrunde der Branche sah Long erst einmal wie der Verlierer aus.Auch in der jüngsten Konsolidierungsrunde der Branche sah Long erst einmal wie der Verlierer aus: Er versuchte, das Massengeschäft mit Pauschalreisen zu verkaufen und verhandelte mit Thomas Cook und My Travel. Doch plötzlich fusionierten die beiden miteinander und Long stand ohne Käufer da. Er wendete das Geschehen gestern zu seinen Gunsten: ?Wir haben die Konsolidierung angestoßen, auch wenn sie zu einem anderen Ergebnis führte, als wir anfangs erwartet hatten.?Long interpretiert den Job als Chef eines Reisekonzerns als kommunikative Aufgabe. Immer unterwegs, ist sein Motto. In der First-Choice-Zentrale nahe dem Flughafen Gatwick hat er, wie er einmal erzählte, keinen Schreibtisch im Büro und schickt auch nur wenige E-Mails. Lieber trifft er sich mit Kollegen, bespricht Dinge von Angesicht zu Angesicht oder lieber am Telefon. Ein Chef zum Anfassen. Während er nach außen oft einsilbig wirkt ? Geschwätz kann er nicht leiden ? wird er von Mitarbeitern als motivierend erlebt. Seine Erfahrungen bringt er als Aufsichtsrat bei dem Dienstleister Rentokil und der Kaufhauskette Debenhams ein.Einen großen Teil des Jahres ist Long auf Reisen, schaut sich neue Ziele an, spricht mit Hoteliers, beobachtet Urlauber. Die vielen kleineren Spezialreiseveranstalter, die er im Laufe der Jahre für First Choice zusammengekauft hat, führt er an der langen Leine. Urlauber suchen heute bei Reiseveranstaltern Komfort und besondere Erlebnisse, ist er überzeugt. Schnell mal in die Sonne geht auch übers Internet mit dem Billigflug und dem Schnäppchen-Hotel.Selber urlaubt Long, der drei erwachsene Söhne hat, in seiner Villa fernab der Touristenzentralen auf Mallorca. Er entspannt sich mit Segeln, im Winter beim Skifahren. Als Lieblingsziel für Städtereisen nennt er Venedig.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Briten übernehmen das Kommando.Briten übernehmen das KommandoDie Vorstandsspitze: In Europas neuem größten Reisekonzern Tui Travel besetzen die Vertreter von First Choice die Schlüsselpositionen. Mit Peter Long stellen sie den Vorstandschef und auch der Finanzchef wird ein Brite. Das war nach Angaben aus Finanzkreisen eine Bedingung für die Fusion, der sich auch Tui nicht widersetzte. Sie nimmt Long auch in ihren Holding-Vorstand in Hannover auf. Als stellvertretender CEO von Tui Travel fungiert der Brite Peter Rothwell. Er ist Touristik-Vorstand der Tui und war erst vor kurzem aus England nach Hannover gewechselt. Im Board, einer Kombination von Vorstand und Aufsichtsrat, übernehmen drei First-Choice-Manager und drei Tui-Vorstände das operative Geschäft.Hinzu kommen acht unabhängige Mitglieder, vergleichbar deutschen Aufsichtsräten.Der Chairman: Tui-Chef Michael Frenzel wird sich als Chairman des Boards von Tui Travel anders als ein deutscher Aufsichtsratschef auch mit dem operativen Geschäft befassen. Stellvertretender Chairman wird Sir Michael Hodgkinson, 62, ehemaliger Chef des Flughafenbetreibers BAA.Der Finanzchef: Den zweitwichtigsten Posten in der Exekutive von Tui Travel bekommt der CFO von First Choice, Paul Bowtell. Er ist 38 Jahre alt und kam vor zweieinhalb Jahren zum Reiseunternehmen. Vorher arbeitete er beim Buch- und Zeitungshändler WH Smith und war Finanzchef bei British Gas. Tui-Finanzchef Reiner Feuerhake wird Aufsichtsrats.Andere Vorstände: Chef der Luftfahrtsparte wird Christoph Müller, Bereichsvorstand Flug in Hannover. Tui-Deutschlandchef Volker Böttcher übernimmt in dem neuen Konzern die Verantwortung für Zentraleuropa. Als Commercial Director fungiert Will Waggott, bisher Finanzchef von Tui Nordeuropa.
Dieser Artikel ist erschienen am 20.03.2007