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Peter Löscher hat noch einen Berg vor sich

Von Christoph Hardt
Eine Schonfrist hatte Peter Löscher als neuer Siemens-Chef nicht. Auch als er jetzt seine 100-Tage-Bilanz ziehen möchte, gibt es wieder eine wichtige Nachricht: Der Konzern wird zu einer Millionen-Geldbuße verurteilt. Zudem ist Siemens der größte Fisch, den die US-Börsenaufsicht SEC je am Haken hatte.
Peter Löscher ist noch ziemlich neu bei Siemens, aber schon voll gefordert. Foto: ap
MÜNCHEN. Am Donnerstag gegen 14 Uhr ist Peter Löscher auf seiner 100-Tage-Weltreise durch den Siemens-Kosmos wieder in München angekommen. Er hat sein Handy angeschaltet, dann hat es gepiept: Das Landgericht München verhängt eine Geldbuße von 201 Millionen Euro gegen Siemens und schließt im Gegenzug die Ermittlungen gegen Siemens ab. Welcome Home, Mr. Löscher.Ob die Einstellung des Verfahrens gegen Siemens ein Grund zur Freude oder Besorgnis ist, wird sich auch Peter Löscher noch einige Zeit fragen. Die Verunsicherung jedenfalls trägt er mit sich, schließlich laufen die Ermittlungen gegen die einzelnen Beschuldigten weiter, gegen den ersten von ihnen ist eben erst Anklage erhoben worden. ?Es ist nur erste Baustein?, wird er wenige Stunden später sagen.

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Eigentlich hatte Siemens den Tag etwas anders geplant. Am Abend hatte der Münchener Traditionskonzern zum Stelldichein im Restaurant der Firmenzentrale am Wittelsbacher Platz geladen, um einem großen Kreis von Berichterstattern über die ersten 100 Tage der Ära Löscher zu informieren. Eigentlich sollte dabei der Umbau des Konzerns im Mittelpunkt stehen. Eigentlich reicht das locker für eine Abend füllende Veranstaltung, schließlich hat sich der CEO aus Österreich nach den Vorgaben des Aufsichtsratschefs aus dem Ruhrgebiet allerhand vorgenommen. Doch bei Siemens kommt eben immer noch alles anders als man denkt.Lesen Sie weiter auf Seite 2, warum Siemens wieder in die Büßerecke kommt: Und so gerät der Konzern, obwohl er in Sachen Schmiergeldskandal die erste wirklich entlastende Botschaft seit Monaten verkünden kann, schnell wieder dorthin, wo er immer stand in den vergangen Monaten: in der Büßerecke. Denn der Leitende Staatsanwalt Christian Schmidt-Sommerfeld hat im Zusammenhang mit dem Bußgeld das Wort vom ?Deal?, vom Geschäft in den Mund genommen: ?Im weitesten Sinn kann man von einem Deal sprechen?, hat er der Süddeutschen Zeitung gesagt.Prompt schlüpft deren Vertreter am Abend in die Rolle des Großinquisitors: ?Hat es Absprachen mit der Staatsanwaltschaft gegeben?? Löscher zögert keinen Augenblick, dennoch ist die Verunsicherung spürbar: ?Es hat keine Absprachen gegeben?, sagt Löscher. Kurz zuvor hat ein anderer Staatsanwalt erklärt, die Einstellung des Bußgeldverfahrens gegen Siemens ohne öffentliche Hauptverhandlung sei ein normaler Vorgang.Irgendwo zwischen Deal und Normalität wird wohl die Wahrheit liegen. Natürlich ist Siemens an einem möglichst schnellen Ende der Ermittlungen in Deutschland gelegen, schließlich drohen aus Amerika mit den Ermittlungen der Börsenaufsicht SEC die wahrscheinlich weit größere Probleme. Siemens, dass sei der größte Fisch, den die Börsenaufsicht je am Haken gehabt habe, ist aus der Konzernführung zu hören.Um die Dinge in Deutschland zu beruhigen, hat es in den letzten Wochen natürlich also hinter den Kulissen Kontakte gegeben, auch auf politischer Ebene. Aber das ist in Verfahren solcher Dimension ein Stück Normalität. Das einzige, was Peter Löscher selbst an diesem Tag offiziell zum Thema Schmiergeldskandal zu Protokoll gibt, ist der Baustein-Satz: ?Die Einstellung des Bußbeldverfahren ist nur ein erster Baustein, alle anderen Unersuchtungen gehen mit Vehemenz weiter und werden von Siemens voll unterstützt.?Wahrscheinlich hat ihm das sein Pressesprecher so vorgesagt, dem haben es die US-Anwälte diktiert. Und Siemens, mit der SEC im Nacken, wird den Teufel tun, sich an solche Sprachregelungen nicht zu halten.Über die Aufregung um Millionenbußgeld und Absprachen geht also ein wenig unter, dass Löscher an diesem Abend einen der umfassendsten Umbauten in der Geschichte des Konzerns zumindest vorankündigt. Seinen endgültigen Plan wird er dem Aufsichtsrat am 28. November präsentieren, bis dahin sollen die internen Diskussionen abgeschlossen sein.Lesen Sie weiter auf Seite 3, wie Peter Löscher Siemens umbauen will: Demnach wird der Zentralvorstand als oberstes Führungsgremium de facto zu einem ziemlich normalen Vorstand umfunktioniert. ?Das Coaching wird aufgegeben? verkündet Löscher geradezu beiläufig, dabei ist das bislang eines der Kernbestandteile des eigenartigen Führungsmodells des Technikriesen gewesen. Die Zentralvorstände, operativ nicht verantwortlich, haben aus ihrem Gremium, dass formal nur ein Ausschusss des Vorstands ist, de facto aber das Machtzentrum des Konzerns, einzelne Bereiche wie Medizintechnik oder Industrieautomatisierung ?betreut?.Es gibt nicht wenige im Weltkonzern, die sagen, diese Doppelverantwortung zwischen Zentralvorständen und operativ verantwortlichen Bereichsvorständen sei auch ein Grund dafür, dass am Ende keiner verantwortlich war, auch für die schwarzen Kassen nicht.Egal ? der Umbau reicht viel weiter und viel tiefer. Die zehn Bereiche bringt Siemens in drei große Arbeitgebiete ein: Infrastruktur und Automation, Gesundheit, Energie. Diese drei Gebiete sollen von je einem CEO mit weltweiter Verantwortung und Vorstandsrang geleitet werden. Und vor allem: Diese sagen den Ländergesellschaften, wo es langgeht. Gerade hier wird Löscher überraschend deutlich: ?In der Matrixorganisation gilt ganz klar die Vorfahrtsregel für den Weltunternehmer gegenüber der Region?.Für Nicht-Siemsnianer erschließt sich das nicht so schnell, es ist aber eine kleine Revolution von oben. Denn bislang haben zahlreiche Chefs der Ländergesellschaften im Stil von Provinzfürsten mit den verwirrenden Zugaben des Siemens-Führungsmodells oft ihr eigenes Süppchen gekocht. Das soll nun ganz anders werden. Deshalb will man auch die Incentive-Systeme entsprechend umstellen.Es ist in diesem Zusammenhang sehr interssant, dass es ausgerechnet das Thema Compliance ist, an der Siemens die neue Zentralisierung bereits exekutiert hat. Mit dem neuen Rechts-Vorstand Peter Solmssen hat die Compliance-Organisation nicht nur einen Kopf in der Führungsspitze, die Chief Compliance Officers auch der einzelnen Länder berichten jetzt direkt nach München.Das ist ein Vorgeschmack auf das, was noch kommen mag. Löscher weiß natürlich, wie diffizil die Strukturen im Konzern sind, er kennt die Sorgen, dass die Zentrale vom Wittelsbacher Platz sich nun in jeden Alltagskleinkram einmischen werde. Deshalb versucht er, die Katze wieder einzufangen, kaum dass er sie aus dem Sack gelassen hat: ?Siemens war, ist und bleibt ein integrierter Technologiekonzern?.Lesen Sie weiter auf Seite 4, was kommende Woche Entscheidendes passiert: Das freilich kann allerhand bedeuten, die nächsten Wochen, sie werden spannend sein, schon Mitte der kommenden Woche treffen die 600 Spitzenmanager des Weltkonzerns auf der Business Conference in Berlin aufeinander.Bleibt noch das, was schon Löschers Vorgänger Klaus Kleinfeld ?Portfolio-Politik? nannte. Ein Wort, das Gewerkschaftsfunktionären Pickel macht, Löscher aber ganz locker über den Mund kommt: ?Ich werde die Portfolio-Politik sukzessive abarbeiten?.Abarbeiten, das sagt er immer wieder, vielleicht, weil es nach ein wenig nach Schweiß und Tränen klingt und damit so gar nicht zu dem doch vornehmen Erscheinungsbild des neuen Konzernlenkers passt. Vor allem die Mitarbeiter einiger Gemeinschaftsunternehmen sollten jetzt aufhorchen: ?Mit Nokia-Siemens-Networks sind wir absolut nicht zufrieden, mit Fujitsu-Siemens sind wir auch nicht zufrieden, mit Osram sind wir absolut zufrieden?.Das ist eine ziemlich eindeutige Wertung, Spekulationen, Löscher wolle die erfolgreiche Lichttochter versilbern, widerspricht er vehement. Zu Osram gege es keine Überlegungen, auch mit Bosch-Siemens-Hausgeräte sei er ?extrem zufrieden?. So klar und eindeutig hat selten ein Siemens-Chef seine Geschäfte benotet.Am 8. Oktober ist Löscher 100 Tage im Amt. Er hat fast alle Bereiche abgeklappert, die wichtigsten Lädndergesellschaften besucht, war zwei Mal in Indien, China und Japan, eine Woche in den USA, zwei Mal in Rußussland. Er hat wichtige Kunden besucht, Politiker getroffen, Angela Merkel begleitet. Er hat eine neue Compliance-Organisation eingesetzt und bereitet einen weit reichenden Umbau des Konzerns vor. Er hat im Schmiergeld-Skandal zumindest einen kleinen Fortschritt erreicht. Das ist verdammt viel für noch nicht einmal 100 Tage. wohl auch deshalb hat man ihn schon angespannter erlebt als am Donnerstag Abend.Am Anfang seiner Siemens-Tage, da wusste er noch gar nicht, auf was er sich da eingelassen hat, man konnte es spüren. Am Donnerstag lächelt er des öfteren, wie auch seine Begleitung. Manchmal hätte man glauben können, sie dächten, das Ärgste läge bereits hinter ihnen. Doch das Lächeln des Siemens-Chefs, es trägt einen ernsten Zug. Wer Peter Löscher erlebt, der spürt, dass er weiß, welcher Berg noch vor ihm liegt.
Dieser Artikel ist erschienen am 05.10.2007