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Personalmangel

Von Chris Löwer, Handelsblatt
Der Krieg um Ingenieur-Talente geht erst richtig los, glauben Personalexperten. Vor allem der Mittelstand sei davon betroffen. Dabei könnte der Mangel an Ingenieuren bald verheerende Folgen haben ? für uns alle.
Am schwersten sei der Mittelstand betroffen, hat Stein beobachtet. In einigen Branchen ist der Mangel bereits schon heute höchst akut. Die Personaldecke im Maschinenbau, der Elektrotechnik/ Elektronik, dem Anlagen- und Kraftwerksbau ist schon bedenklich dünn.Eine zusätzliche Verschärfung der Situation erwartet Stein durch die Überalterung der Gesellschaft: ?In etwa acht Jahren wird es am Arbeitsmarkt nur noch etwa die Hälfte der 30-jährigen Leistungsträger von heute geben. Aber damit brechen für den Führungsnachwuchs keine goldenen Zeiten an.? Denn: Branchen, die schon heute über krassen Personalmangel klagten, werden ihre Betriebe noch zügiger ins Ausland verlegen, fürchtet er. Selbst bei schrumpfender Bevölkerung stünden dann hier zu Lande zu wenig qualifizierte Arbeitsplätze zur Verfügung. Ein Viertel mittelständischer Unternehmen erwäge einen teilweisen oder kompletten Umzug nach Osteuropa.

Die besten Jobs von allen

?Uns fehlen ständig Ingenieure?, bedauert auch Jürgen Göttler. Er ist Geschäftsführer der Voith Dienstleistungen GmbH und Personaldirektor der Voith AG. Für ihn ist der unbefriedigende Zustand nichts Neues ? seit fünf Jahren zieht die Firma alle Register, lässt kaum eine Hochschulmesse aus, um den Bedarf zu decken. Inzwischen rekrutiert er sogar in Schweden, Finnland, Malaysia und Brasilien. ?Wir sind gezwungen, uns Einiges einfallen zu lassen?, sagt Göttler. Zur Zeit sind allein am Standort Heidenheim 21 Ingenieurstellen zu vergeben: Fünf in der Auftragsabwicklung, sechs in der Abteilung für Forschung & Entwicklung und zehn in der Automation. Hinzukommt: ?Mit Sorge sehen wir die Eingangs- und Abbrecherquote in den betreffenden Studienfächern.?Auch wenn, wie der VDI meldet, sich in diesem Jahr acht Prozent mehr Studienanfänger für Maschinenbau/Verfahrenstechnik eingeschrieben haben, verzeichnet Elektrotechnik erstmals seit Mitte der 90er Jahre einen Rückgang von drei Prozent. An anderen Stellen sieht es ganz mau aus. So dürften Kraftwerkstechniker bald schon Seltenheitswert haben.Ein Branchenkenner unkt: ?Der Atomausstieg in Deutschland wird wohl nicht die politisch vereinbarten 20 Jahre auf sich warten lassen, weil schon vorher die Fachkräfte fehlen.? Die Personalberatung Ray & Berndtson verzweifelt fast an der Aufgabe, zwei technische Leiter für Kernkraftanlagen zu finden. ?Wir können Bocksprünge machen, um diesen Auftrag zu erfüllen?, ärgert sich Stein.Der leichten Belebung bei den Studienanfängerzahlen zum Trotz rechnet Stephan Reinders, wissenschaftlicher Mitarbeiter des VDI, mittelfristig mit 20 000 fehlenden Ingenieuren jährlich. Gemessen am Trend dürfte der Bedarf in den nächsten Jahren um etwa sechs Prozent jährlich steigen. Ingenieure gehören damit unverändert zu nachgefragtesten Akademikern.Laut einer Umfrage des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln setzen knapp 23 Prozent der Unternehmen Ingenieure auf Platz eins der Mangelberufe. Jedes zweite, das derzeit Stellen nicht besetzen kann, sucht dabei mindestens einen Ingenieur. Selbst Privat- und Großbanken pokern neuerdings um die rare Spezies, weil deren Wissen für Engagements in der Informationstechnik und im Investmentbanking wertvoll ist.Dabei ist der potenzielle Nachwuchs nachhaltig verunsichert. ?Interessenten fragen nach der beruflichen Perspektive, aber die wird heruntergeredet, was viele abschreckt?, sagt Stein, der sich vor diesem Hintergrund nicht wundert, dass Deutschland längst nicht mehr Weltmarktführer im Großanlagenbau ist. Zudem macht VDI-Mann Reinders in dieser Berufsgruppe eine hohe Sensibilität aus: ?Wer sich für ein Ingenieur-Studium entscheidet ist sicherheitsorientierter als Andere. Sieht die Arbeitsmarktlage fraglich aus, schrecken viele zurück, was sich anhand der sprunghaften Statistik gut nachvollziehen lässt.?Rekrutierer dürften auf lange Sicht einen beschwerlichen Job haben. Springt tatsächlich die Konjunktur an, wird die Sache noch schwieriger. Die Deutsche BP AG in Bochum muss, nach straffen Kostensenkungsprogrammen mit jahrelangem Einstellungsstopp in den Raffinerien, in den kommenden beiden Jahren allein hier rund 40 Ingenieurpositionen besetzen. ?Wir benötigen sowohl auf Grund der Fluktuation und demographischen Situation Professionals wie Nachwuchskräfte?, berichtet BP-Personalentwicklungsmanager Erich Bayer.BP sucht besonders Verfahrens-, Elektrotechnik-, Automatisierungs- und Maschinenbauingenieure. ?Wir rechnen mit einer deutlichen Verknappung, da der Bedarf insgesamt weiter steigen wird. Trotz Fortführung der Kostensenkungsprogramme in der Branche scheint vielfach ein Umdenkungsprozess einzusetzen, so dass etliche Firmen wieder vermehrt Nachwuchskräfte einstellen, um ihre Basis abzusichern?, beobachtet Bayer.Auch Sven Behrens, Hauptgeschäftsführer von Spectaris in Köln, dem Deutschen Industrieverband für optische, medizinische und mechatronische Technologien, sorgt sich um die Zukunft: ?Besonders in der Medizintechnik und Photonik wird der Personalmangel zu einem wesentlichen Hemmschuh für das dynamische Wachstum in diesen Bereichen.? Nach seinen Erwartung fehlen mittelfristig 10 000 hochqualifizierte Kräfte, besonders Physiker und Chemiker. Allein für Thüringen spricht die dort ansässige Jenoptik von 6 000 Stellen bis zum Jahre 2010, von denen man heute nicht weiß, wie sie besetzt werden sollen. ?Die Unternehmen suchen händeringend, aber werden kaum fündig?, berichtet auch Behrens, der für die 3 000 Firmen mit 260 000 Beschäftigten des Verbandes spricht.Er bangt um den Vorsprung Deutschlands im Bereich Medizintechnik, Sensorik und Lifescience: ?In den USA und Japan wird hervorragend ausgebildet und der Nachwuchs gefördert. Unser Wissensvorsprung könnte in drei bis vier Jahren zusammengeschmolzen sein.?Und Personalberater Stein sieht wegen des Kräftemangels künftig immer mehr Unternehmen nach Osteuropa auswandern. Bei Voith erwägt man ? sollte die Lage unverändert bleiben ? stärker in Brasilien tätig zu werden.Die Warnung des VDI kommt also nicht von ungefähr: ?Der Mangel an Ingenieuren wird zu einer ernst zu nehmenden Gefahr für den Forschungs- und Technologiestandort Deutschland.?
Dieser Artikel ist erschienen am 12.01.2004