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Pendler zwischen den Welten

Von Martin-W. Buchenau, Handelsblatt
Selbst für einen so erfahrenen und weltgewandten Manager und Wissenschaftler wie Ex-BMW-Chef Joachim Milberg gibt es noch unbekanntes Terrain. Die Politik zum Beispiel.
MÜNCHEN. Gestern Abend saß er mit elf anderen Experten aus Wissenschaft und Wirtschaft beim Kanzler zum Gespräch über die Innovationsoffensive.Eigentlich könnte es dafür keinen besseren Ratgeber für Gerhard Schröder geben als Milberg mit seiner Doppelkarriere als Universitätsprofessor und Unternehmenslenker. Doch der übt sich in der Zurückhaltung, die den Bewohnern seiner ostwestfälischen Heimat eigen ist: ?Ich gehe nicht mit Forderungen in diese Runde, sondern versuche, offen zu sein und mir erst einmal einen Eindruck zu verschaffen?, sagt der 60-Jährige mit dem Silberscheitel. Dabei hat er jede Menge Munition im Gepäck. Wenn Deutschland weiter zu den innovativen Industrienationen gehören will, passten Milliardensubventionen in den Kohlebergbau nicht ins Bild.

Die besten Jobs von allen

Milberg hat eben mehr Sendungsbewusstsein, als seine zurückhaltende Art vermuten lässt. Wachstum könne in entwickelten Volkswirtschaften nur durch Innovationen entstehen. ?Und die kommen fast nur aus Naturwissenschaft und Technik?, versichert Milberg.Und hier ist er in seinem Element. Seit zwei Jahren vertritt er die damals gegründete Acatech, ein nationales Sprachrohr der Technikwissenschaftler. Was als Teilzeitjob ehrenhalber gedacht war, nimmt ihn inzwischen voll in Anspruch. 200 hochkarätige Wissenschaftler und Ingenieure zählt der Verein als Mitglieder, fast die gesamte Kanzlerrunde gestern rekrutiert sich aus der Acatech. Von der Plattform Acatech aus wollen Milberg und seine Kollegen einer optimistischen, naturwissenschaftlichen und innovationsbejahenden Sichtweise in Deutschland mehr Gewicht verleihen.Ob das der so ruhige Milberg kann? Einer, dem laute und schlagzeilenträchtige Worte so fern sind? Wer das bezweifelt, macht einen Fehler: Er unterschätzt den ehemaligen BMW-Chef.Das ist aber nichts Neues: So mancher traute Milberg in dessen Karriere zwischen den Polen Wissenschaft und Unternehmen nicht genügend Durchsetzungskraft zu. Er denkt eben in Systemen und Subsystemen und stuft entsprechend seine Argumente ab. Das wirkt spröde und bisweilen zögerlich. Doch Milberg setzt nach eingehender Analyse Dinge präzise um.So hat er BMW von 1993 bis 1999 auf die flexibelste Produktionsstruktur aller deutschen Hersteller eingeschworen, bei der theoretisch jedes Werk jedes Modell produzieren kann: ?Ich habe immer nur versucht, meine Aufgaben so gut wie möglich zu erfüllen. Danach haben sich immer neue Optionen ergeben.?Diese Einstellung hat ihm unter Kollegen den Ruf eingebracht, dass man ihn manchmal fast zur Schlacht tragen muss ? die er aber dann doch gewinnt.So brachte er den etwas verwahrlosten Lehrstuhl für Werkzeugmaschinen in München in seiner Zeit als Ordinarius wieder auf Vordermann. Noch heute hält er dort einmal die Woche eine Vorlesung.Auch sein letzter und wichtigsten Karriereschritt bei BMW war nicht geplant. Als Bernd Pischetsrieder über das Rover-Debakel stolperte, war Milberg völlig überrascht, dass die Eigentümer ihn und nicht den schillernden Wolfgang Reitzle auf dem Chefsessel bei BMW sehen wollten. Erst nach Rücksprache mit seiner Frau willigte er 1999 ein.Kaum jemand traute dem Professor zu, BMW auf Kurs zu bringen. Doch sein Rezept, sich wieder voll auf die Stammmarke und das Premiumsegment zu konzentrieren, ging auf. Bandscheibenprobleme zwangen ihn vorzeitig zum Rücktritt. Die Öffentlichkeit konnte er damit überraschen, weil er sich die Schmerzen zuvor nicht anmerken ließ.Persönliches gibt der asketische Manager, der nüchterne Büros ohne Papierstapel bevorzugt, nicht gerne preis. Er ist verheiratet, hat eine Tochter und fährt gerne schnell, ?aber kontrolliert? Auto. Sein Interesse an Technik wurde von Kindesbeinen im elterlichen Betrieb, einer Kombination aus Bauernhof und landwirtschaftlichem Handel, geweckt.?Bei einem großen Unternehmen wie BMW braucht man ein klares Leitbild?, sagt Milberg. Wenn die Leute dem dann aus Überzeugung folgen, müsse man schon nicht mehr motivieren und kontrollieren. Ein solches Leitbild sei aber in Deutschland nicht klar erkennbar. Es müsse klar werden, dass das langfristige Ziel, in Zukunft zu den innovativsten Ländern der Erde zu gehören, hoch gesteckt, aber lohnenswert sei. ?Wer das Warum kennt, erwägt fast jedes Wie?, zitiert Milberg gerne Friedrich Nietzsche am Ende seiner Vorträge. Die Zukunft komme von allein, der Fortschritt nicht. Man darf gespannt sein, wie der Kanzler auf diesen intellektuellen Diskurs reagiert.
Dieser Artikel ist erschienen am 16.01.2004