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Pendler über den Ärmelkanal

Von Eberhard Krummheuer
Die Deutschland-Chefs von Tui und Thomas Cook sind seit den Börsengängen in London nur noch Leiter der Filiale Deutschland. Wenn sie ihre Chefs treffen müssen, erfordert das im Allgemeinen den Aufwand einer Dienstreise per Flieger über den Ärmelkanal. Heute reicht eine Fahrt nach Köln.
Tui ist wie Cook an der Londoner Börse notiert.
KÖLN. Wenn sie ihre Chefs treffen müssen, erfordert das im Allgemeinen den Aufwand einer Dienstreise per Flieger über den Ärmelkanal. Heute reicht eine Fahrt nach Köln, die Peter Fankhauser, Deutschland-Chef von Thomas Cook, und Volker Böttcher, Deutschland-Chef von Tui, im Terminkalender stehen haben.Beide wollen den ersten, zudem gemeinsamen Auftritt ihrer Vorgesetzten verfolgen. Der findet heute auf dem in der Branche hoch geschätzten Touristikkongress des Branchenblattes "fvw international" statt, auf dem sich in der Branche alljährlich alles versammelt, was Rang und Namen hat.

Die besten Jobs von allen

Es wird ein Auftritt, der die grundlegenden Veränderungen in der europäischen Touristikbranche markiert: Die beiden Briten, die heute in Köln zusammen auf einem Podium sitzen werden, sind die erfahrenen Touristik-Manager Peter Long und Manny Fontenla-Novoa, die Vorstandschefs der in London börsennotierten Nummern eins und zwei der Reisebranche: Long ist CEO der Tui Travel, die seit Anfang des Monats an der Themse gehandelt wird. Fontenla-Novoa ist Boss der Thomas Cook Group, die schon seit Juni eine britische Aktiengesellschaft (Plc) ist.Der Gang der beiden einst überwiegend deutschen und von Oberursel und Hannover aus geführten Touristikkonzerne an die Themse hat die Jobs von Cook-Mann Fankhauser und Tui-Manager Böttcher erheblich verändert. Waren sie zuvor ganz nah an den Schalthebeln der Macht, so sind sie jetzt Statthalter der weiterhin alles andere als unbedeutenden deutschen Filialen britischer Konzerne.Formal ist der promovierte Jurist Böttcher mit seiner 20 Jahre langen Karriere in Hannover bessergestellt, denn der Chef der Tui Deutschland hat Sitz und Stimme im "Board" in London. Der gleichfalls promovierte Fankhauser, der in der Schweiz Internationale Beziehungen studierte, darf sich zwar seit Juni mit dem klangvollen Titel "Chief Executive Officer Continental Europe" schmücken. Im Führungsgremium der Cook-Gruppe ist er aber nicht vertreten. Gerne versucht der aus dem Schweizer Emmental stammende Vollbluttouristiker mit dem kantigen, bedächtigen Akzent seiner Heimat das herunterzuspielen. Doch in der Branche heißt es übereinstimmend, er sei ziemlich "angefressen" darüber, nicht in der Konzernspitze präsent zu sein.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Höhen und Tiefen Höhen und Tiefen haben beide in der seit Jahren nicht auf Rosen gebetteten Reisebranche hinter sich: "Beide haben schon kurz vor dem Abgrund gestanden", sagt ein führender Touristikmanager.Fankhauser, der schon einmal als eine Art Statthalter in Deutschland für den Schweizer Reiseveranstalter Kuoni die Chancen für einen Markteintritt ausloten sollte, erlebte hautnah die Beinahepleite des Thomas-Cook-Vorgängers C & N-Touristic (Condor/Neckermann) mit. Zuvor war er als Manager der von der Dauerkrise geschüttelten Fluggesellschaft LTU stets dem Absturz nahe. Sein Verdienst, so erinnert sich die Branche: Er habe die Annäherung der LTU an die Rewe Touristik eingeleitet und dem Ferienflieger zu mehr Pauschalreisekundschaft verholfen.Auch Böttcher hatte es nicht leicht. Als der langjährige oberste Tui-Konzerntouristiker Ralf Corsten 2003 nach einem grottenschlechten Wirtschaftsergebnis zurücktrat, wurde nicht der gebürtige Hannoveraner, wie allgemein erwartet, Nachfolger im Vorstand, sondern der durchsetzungsstarke Brite Peter Rothwell.Und die nicht eben dankbare Aufgabe, die behäbige Tui Deutschland fit zu machen, ging er - nicht ganz so durchsetzungsstark wie Rothwell - eher zögerlich an.Inzwischen aber bescheinigen ihm Branchenkenner wie Jürgen Scharrer, Chefredakteur des "Touristik Reports", er habe den Restrukturierungsjob gut erledigt. Deshalb habe er sich wohl auch für das Board der Tui Travel empfohlen.Während Fankhauser als verschlossen und introvertiert gilt, heißt es in und außerhalb der Tui, Böttcher sei zwar sehr offen im Umgang mit Mitarbeitern, gehe aber im Interesse seiner Karriere Konflikten zielstrebig aus dem Weg.Gemeinsam ist beiden im Urteil von Wegbegleitern: Sie gelten als sachliche Analytiker, sind schnörkellos und allürenfrei. Beide joggen gerne. Böttcher zieht es in der Freizeit bevorzugt ins Ferienhaus auf Mallorca, Fankhauser in die Schweizer Heimat zum Ski- und Snowboard-Fahren.Hauptreiseziel ganzjährig ist London. Die Zusammenarbeit mit den Briten läuft bei Thomas Cook "extrem konstruktiv und produktiv", sagt Fankhauser. Wo es Sinn mache, führe man die Dinge gemeinsam, "gegenüber den Kunden ist jeder selbstverantwortlich". Und so werde auch künftig die Marke Neckermann die Cook-Aktivitäten auf dem Kontinent beherrschen. Sie sei über Deutschland hinaus eine "Volksmarke".Böttcher mochte dem Handelsblatt dagegen noch gar nichts zu den neuen Perspektiven seiner Doppelrolle zwischen der Tui Travel in London und ihrem 51-Prozent-Eigentümer Tui AG in Hannover sagen. Branchenkenner sind vor allem gespannt darauf, ob und wie der britische Partner First Choice Holidays, dessen Aktionäre die restlichen 49 Prozent der neuen Plc halten, den Tui-Gesamtkonzern beeinflussen wird. Nicht nur, dass Vorstandschef Peter Long nahtlos aus demselben Amt bei First Choice an die Unternehmensspitze übersiedelte: Der britische Partner gilt als äußerst effizient und erzielt mit Renditen von fünf Prozent Ergebnisse, von denen die Tui und Böttcher bislang nur träumen können.Der zwischen Leine und Themse mit dem Flieger pendelnde Touristiker wird sich nun daran messen lassen müssen, ob er britische Erfolgsrezepte nahtlos auf den deutschen Markt übertragen kann.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Vita von Volker Böttcher und Peter FankhauserVita von Volker Böttcher1959 wird Böttcher in Hannover geboren und studiert Rechtswissenschaften und Betriebswirtschaft.1986 wird er nach seinem Studium wissenschaftliche Hilfskraft im Fachbereich Rechtswissenschaften.1987 beginnt Böttcher bei Tui als juristischer Referent und wird schließlich Vorstandsassistent im Ressort Touristik.1995 schließt er seine Promotion ab und übernimmt ein Jahr später die Leitung der Tui-Spezialprogramme.2000 wird Böttcher Mitglied der Geschäftsführung und ein Jahr darauf Vorsitzender der Geschäftsführung.2007 wird der Deutschlandchef in den Vorstand der Tui Travel PLC berufen und verantwortet zudem "Europa Mitte".Vita von Peter Fankhauser1960 wird er im November geboren und studiert "Internationale Beziehungen". Während seiner Promotion arbeitet er am Institut für Betriebswirtschaft an der Hochschule St. Gallen.1989 tritt Fankhauser in das Schweizer Touristikunternehmen Kuoni ein, wo er schließlich als Leiter im Stab Unternehmensentwicklung tätig ist.1990 wird er zum Direktor ernannt. Vier Jahre darauf wird er als Vorsitzender der Geschäftsführung von Kuoni Fernreisen nach Frankfurt berufen. Er wird Generaldirektor und Mitglied der Konzernleitung.1999 wechselt er als Vorsitzender der Geschäftsführung zu LTU.2001 wird er Mitglied der Geschäftsführung von Thomas Cook, Chief Product Officer und Deutschlandchef.
Dieser Artikel ist erschienen am 18.09.2007