Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Pause fürs Feindbild

Von Eberhard Krummheuer
Norbert Hansen rückt an die Seite von Vorstandschef Mehdorn. Der Gewerkschafter will die Zerschlagung der Bahn mit einer neuen Kampagne verhindern.Hansen kann schneidend und knallhart sein, wenn er sich mit Mehdorn auseinander setzt. Dann unterstreicht der rhetorisch und psychologisch geschulte Chef der größten Eisenbahnergewerkschaft Transnet seine Worte mit großen Gesten.
BERLIN. Der Mann ist außer sich. ?Wer einen Ausgabenstopp verhängt, Preise erhöht und Züge streicht, der muss sich nicht wundern, wenn das Vertrauen der Mitarbeiter einen Tiefpunkt erreicht?, schmettert er an die Adresse von Bahn-Chef Hartmut Mehdorn. Und dann schimpft Norbert Hansen über das ?Hickhack? um den geplanten Börsengang.Hansen kann schneidend und knallhart sein, wenn er sich mit Mehdorn auseinander setzt. Dann unterstreicht der rhetorisch und psychologisch geschulte Chef der größten Eisenbahnergewerkschaft Transnet seine Worte mit großen Gesten ? wie auf dieser Betriebsräte-Veranstaltung vor anderthalb Jahren in Berlin.

Die besten Jobs von allen

Doch der kompromisslose Gewerkschaftsführer, der seine Anhänger mitreißt, ist nur die eine Seite von Norbert Hansen. Der groß gewachsene Mann, dessen Sprache die norddeutsche Herkunft verrät, vernachlässigt derzeit nicht nur sein klassisches Feindbild Mehdorn. Er tritt sogar an die Seite des Bahnchefs.Nicht dass der 53-Jährige mit dem Schulterschluss zum Arbeitgeber Verrat an der Sache der Arbeitnehmer übte. Eher im Gegenteil: Mitarbeiter wie Management eint die Sorge um die Zukunft des Deutsche-Bahn-Konzerns.?Schütze deine Bahn? ist das eher gewerkschaftlich-betuliche Motto einer Kampagne, die Hansen am morgigen Mittwoch in Berlin der Öffentlichkeit vorstellen will. Erst durch den Untertitel gewinnt die Transnet-Initiative an politischer Schärfe: ?Gegen die Zerschlagung der DB AG?. Er plant Gespräche mit Politikern und öffentliche Aktionen.Hintergrund seines Einsatzes: In diesem Jahr will die Politik die Weichen für die Teilprivatisierung des noch bundeseigenen Unternehmens und damit für den Börsengang stellen. Es geht um die Streitfrage: Bleibt der Bahn-Konzern als Ganzes erhalten, oder wird das Schienennetz herausgelöst?Und da sind sich Hansen und Mehdorn in der Antwort einig. Die Zukunft gehört dem integrierten Konzern. Eine ?Zerschlagung? zerstöre das gerade erst mühsam sanierte Unternehmen und schwäche es im beginnenden europäischen Wettbewerb. ?Aus der beruflichen Praxis heraus bin ich tief vom integrierten Konzern überzeugt?, sagt der gelernte Eisenbahner Hansen, der schon mit 15 Jahren bei der Bahn anfing und nach 13 Berufsjahren die Gewerkschaftskarriere vorzog.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Viele, die eine Trennung wollenDoch in der Politik und in der Wirtschaft gibt es viele, die den Konzern mit Netz eben nicht wollen. Die überwiegende Mehrheit der Mitglieder im Verkehrsausschuss des Deutschen Bundestages will die Trennung, weil dies den Wettbewerb auf der Schiene intensivieren werde.Allerdings wird der diskriminierungsfreie Zugang zum Netz schon heute von weit mehr als 200 Wettbewerbern des Bahn-Konzerns genutzt ? was europaweit einmalig ist. Seit Anfang des Jahres wird der Wettbewerb außerdem kritisch von den Regulierern der Bundesnetzagentur überwacht.Einige Befürworter der Trennung wollten ?offenbar auch ein paar alte Rechnungen begleichen?, spielt Hansen auf das zerrüttete Verhältnis des Bahn-Chefs zu den Verkehrspolitikern im Bundestag an. Und ?manchmal geht es um reine Ideologie?, findet der Gewerkschafter Hansen. ?Die Wirklichkeit soll an ein wirtschaftspolitisches Leitbild angepasst werden ? im Zweifelsfall ohne Rücksicht auf Verluste ? auch wenn es sich dabei um Zehntausende Existenzen handeln sollte. Ich wünsche mir mehr Sachlichkeit in der ganzen Debatte.?Eine Zerschlagung des Konzerns gefährde zigtausende Arbeitsplätze, ist Transnet überzeugt: Nur der integrierte Konzern sei in der Lage, weithin flächendeckend für Mobilität zu sorgen. Werde der Verbund zerstört, werde auch die Leistungsfähigkeit der Bahn eingeschränkt. Damit aber würde sie in vielen Bereichen ihre gerade erst erworbene Wettbewerbsfähigkeit verlieren. Transnet sieht die Gefahr, dass zwangsläufig dann unrentable Dienste aufgegeben werden müssten ? mit Konsequenzen für die Arbeitsplätze.Vor diesem Hintergrund hat der ehemalige stellvertretende Juso-Bundesvorsitzende ? ?gleich nach Gerhard Schröder, damals hatte ich noch lange Haare bis zum Hintern? ? kein Problem, mit Mehdorn gemeinsame Sache zu machen. ?Wenn es für die Beschäftigten sinnvoll ist, bin ich gerne auch Co-Manager?, sagt Hansen, der seine Demagogie auch mal gegen Ironie eintauscht.Die wilden Juso-Zeiten liegen ohnehin lange zurück. Hansen, der seinen Schreibtisch in der Frankfurter Transnet-Zentrale am Ende seiner Arbeitstage in straffer Selbstdisziplin ?blank? ohne Papier- und Aktenstapel zurücklässt, leistet sich nur noch kleine Abenteuer. Zum Beispiel auf seiner im letzten Jahr gekauften Harley Davidson oder auf einem Boot im Süß- und Salzwasser. Doch die Zeit ist knapp, und das Wochenende gehört der seit 33 Jahren angetrauten Ehefrau und den beiden schon erwachsenen Kindern im bescheidenen Eigenheim in Hamburg-Bergedorf.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Mit Mehdorn versteht er sich gutMit Mehdorn versteht er sich gut. ?Mir ist seine geradlinige Art sympathisch.? Das beruht auf Gegenseitigkeit. Der Bahnchef schätzt am Transnet-Boss, der auch als stellvertretender Chef im Bahn-Aufsichtsrat sitzt, die Fähigkeit zum klaren Wort und seine Bahn-Fachkompetenz. Und er rechnet ihm hoch an, dass er Gewerkschaft und Mitarbeiter über die Jahre auf dem schwierigen Sanierungskurs des Konzerns gehalten hat.Mehdorn: ?Hansen ist ein verlässlicher Partner und ein moderner Gewerkschafter.? Doch man fetzt sich auch. ?Spätestens in der nächsten Tarifrunde werden wir uns wieder beschimpfen?, ist sich Hansen sicher.In der Diskussion um die Trennung von Netz und Bahnbetrieb ist schon das Wort Streik gefallen, und zwar für die Zeit der Fußball-Weltmeisterschaft. Eine Drohung sei das nicht gewesen, nur der ?faire? Hinweis darauf, dass das derzeitige Beschäftigungsbündnis bei der Bahn auf den integrierten Konzern zugeschnitten sei. So versucht Hansen im Nachhinein, der Streikankündigung etwas von ihrer Schärfe zu nehmen. Wenn die Politik die Bahn zerschlage, sei der Beschäftigungssicherungsvertrag hinfällig. Dann hätten die Eisenbahner-Gewerkschaften keine Friedenspflicht mehr.Ein Ausstand zur WM wäre ohnehin nur ein Thema gewesen, wenn die politischen Bahn-Entscheidungen schon im Juni gefallen wären. Der Verkehrsausschuss lädt zwar am 10. Mai zu einer ersten Expertenanhörung ein. Aber die wichtigen politischen Entscheidungen werden jetzt erst im September erwartet.Für das Kicker-Großereignis hat der Gewerkschaftsboss einen anderen Vorschlag. ?Wir können die Trennung von Netz und Transportgeschäften in dieser Zeit ja mal konsequent simulieren?, sagt er und zieht an einer seiner ?viel zu vielen Zigaretten? ? ?mal sehen, was dann passiert. Ich glaube, danach wären alle Trennungsbefürworter geläutert.?Lesen Sie weiter auf Seite 4: Vita von Norbert Hansen Vita von Norbert Hansen 1952: Norbert Hansen wird am 2. Juli in Husum geboren.1967: Er startet bei der damaligen Bundesbahn als ?Jungwerker?, arbeitet sich später zum ?Bundesbahnassistenten? hoch.1976: Er wird Vorsitzender des örtlichen Personalrats im damaligen Grenzbahnhof Büchen an der Strecke Hamburg ? Berlin.1979: Hansen beginnt in Hamburg seine Gewerkschafterkarriere bei der damaligen Gewerkschaft der Eisenbahner in Deutschland (GdED).1992: Hansen steigt in den GdED-Vorstand auf und wird vier Jahre später stellvertretender Vorsitzender der Gewerkschaft.1999: Er wird zum Vorsitzenden der GdED gewählt und zum stellvertretenden Vorsitzenden des Bahn-Aufsichtsrats ernannt.2004: Die in Transnet umbenannte Gewerkschaft wählt ihn für vier Jahre zum Vorsitzenden.
Dieser Artikel ist erschienen am 25.04.2006