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Pauken für den Sprung nach vorn

Von Andreas Hoffbauer
Es sind vor allem Frauen, die an der UIBE Wirtschaft und Sprache studieren. Huang Ai ist eine von ihnen. Sie will ohne die Partei Karriere machen, lernt und lebt auf drei Quadratmeter. Doch der Staat behält die Studentin fest im Griff.
PEKING. Drei Quadratmeter voller Hoffnung. Oben auf dem Hochbett sitzt ein Teddy, daneben das Schwarzweißfoto eines Frauenkopfes, ausgeschnitten aus einem Magazin. Unter dem Bett auf Stelzen steht ein Schreibtisch, darauf ein Lenovo-Laptop. Ringsum Regale, wie ein Käfig. Darin Lehrbücher, Familienfotos, Schminksachen ? Leas kleines Leben.?Das ist mein ganzes Reich?, sagt die 23-jährige Chinesin und breitet lächelnd ihre Arme aus. Solch eine Wohn-Schlaf-Box aus Metall bietet nicht viel Privatsphäre, zumal in Zimmer 10023 des Pekinger Studentenwohnheims gleich drei solcher ?Käfige? auf engem Raum stehen. Oben schlafen und träumen, unten arbeiten, lesen, surfen. So paukt China.

Die besten Jobs von allen

Lea heißt eigentlich Huang Ai. Den Vornamen Ai, der auf chinesisch Liebe bedeutet, benutzt sie hier jedoch selten. Im Deutsch-Chinesischen Institut an der University of International Business and Economics (UIBE) geben sich die Studentinnen gern westliche Namen. Sie heißen Anita, Petra oder Astrid. ?Aus Spaß?, sagt Lea. ?Und es ist besser für eine Bewerbung.?Es sind vor allem Frauen, die an der UIBE Wirtschaft und Sprache studieren. Acht Studentinnen kommen auf einen Studenten. Im Wohnheim leben die Männer unten auf zwei Stockwerken, darüber auf sieben Etagen die Frauen. Es gelten strenge Regeln: Fremde kommen nur mit Erlaubnis rein, Gäste darf man ausschließlich in Besucherzimmern treffen, der Strom wird um 23 Uhr abgeschaltet.Lea hofft darauf, irgendwann diesem strengen Regiment zu entfliehen: ?Ich würde sehr gern an eine Uni in Deutschland gehen?, sagt die Studentin, deren weiße Haut an feines chinesisches Porzellan erinnert. Wie die meisten ihrer Kommilitoninnen wünscht sie sich ein Auslandsstudium in Nürnberg oder Berlin und danach einen guten Job bei VW oder Siemens. Schon heute kommt jeder vierte Auslandsstudent weltweit aus dem Reich der Mitte. Die Sache hat nur einen Haken: ?Deutschland ist so teuer?, seufzt Lea.Ein guter Studienplatz und ein lukrativer Job sind wichtig für die ganze Familie ? oft eine Lebensversicherung für mehrere Generationen. Welche Uni, welches Fach, welcher Professor ? darüber tüftelt ein Familienrat meist über Wochen und wertet dabei auch komplizierte Hochschul-Rankings aus. Bei Lea traf schließlich die Mutter die Entscheidung für das Studienfach, und sie hofft, dass die Tochter den großen Sprung nach Deutschland schafft. Die freundliche und resolute Frau hat früher bei einer staatlichen Textilfabrik gearbeitet. Da seien die besten Maschinen immer aus Deutschland gewesen, erzählt sie. ?Deutschland hat einfach einen guten Ruf in der Welt.?Lesen Sie weiter auf Seite 2: 30 Cent kostet die ruckelige Busfahrt mit der Linie 901 über die staubigen Straßen. Darum sitzt ihre Tochter nun abends oft am Computer oder büffelt Deutsch. Und der Traum von Mann und Kind? ?Früher dachte ich nur an eine Karriere?, sagt Lea und streicht ihr schwarzes Haar zurück. ?Doch das hat sich gewandelt.?Leas Familie stammt aus einer ländlich-industriellen Mischgegend, rund eine Stunde nördlich von Peking. Zweimal im Monat fährt die Tochter heim. Drei Yuan ? 30 Cent - kostet die ruckelige Busfahrt mit der Linie 901 über die staubigen Straßen. Marktfrauen sitzen am Straßenrand, verkaufen Obst. Im elterlichen Wohnzimmer prangt über dem Sofa ein Mao-Porträt. ?Dem großartigen Führer und auch Lehrer?, steht da.Lea schmunzelt: ?Ich habe nie eine Bewerbung für die Partei geschrieben.? Das ist eher die Ausnahme ? viele der fast 20 Millionen Studenten in China drängen in die Partei. KP-Mitglieder bekommen beim Abschluss einen Bonus von 0,2 Punkten. Oft ist dies der alles entscheidende Unterschied im Konkurrenzkampf. Doch Vater Huang, der auf dem Sofa unter dem Mao-Kitsch Erdnüsse knackt, winkt ab. ?China entwickelt sich so schnell?, sagt der 52-Jährige ?Die Anforderungen werden immer höher.? Heute helfe eine gute Ausbildung, nicht die Partei.Ganz entgehen kann Lea dem Einfluss des Staates allerdings nicht: An ihrer Pinnwand hängt ein Foto, das die junge Frau in Tarnuniform zeigt. ?Ja, ja ? marschieren?, sagt sie und stolziert lachend durch das Zimmer. Politische Bildung und militärischer Drill gehören zum Pflichtprogramm auf dem Campus. Studentenproteste wie 1989 soll es nicht wieder geben.Lea belasten aber eher die hohen Kosten für ihre Ausbildung. Seit 1997 müssen im Reich der Mitte Studiengebühren gezahlt werden. Doch die Huangs gehören nicht gerade zu den Gewinnern von Chinas Öffnung. Vater und Mutter ? ewig in der Partei ? dachten, in der staatlichen Textilfabrik eine sichere Zukunft zu haben. Doch dann kam die Privatisierungswelle. Der Vater verlor seine Stelle und arbeitet nach längerer Arbeitslosigkeit heute in einem Lager. Die Mutter bezieht 1 000 Yuan Frührente im Monat, umgerechnet 100 Euro, und verdient in der alten Firma noch Geld dazu. Obwohl die Studiengebühren schwer auf der Familienkasse lasten, hat die Mutter Verständnis dafür: ?Der Staat muss doch für die Ausbildung ein bisschen Geld verlangen können?, sagt sie.Um selbst ihren Teil beizutragen, arbeitet Lea regelmäßig in einer Bibliothek auf dem Campus ? für umgerechnet zwei Euro in der Stunde. Oder sie begleitet in den Semesterferien Reisegruppen in Peking, gibt Chinesisch-Unterricht für Ausländer. ?Meine Eltern zahlen die Studiengebühren und das Zimmer, mein tägliche Leben finanziere ich aber selbst?, betont sie. Rund 60 000 Yuan ? gut 6 000 Euro ? kostet die Familie der sechsjährige Studiengang bis zum Magisterabschluss. ?Ehrlich gesagt, die vergangenen drei Jahre waren finanziell schon schwierig?, erzählt Leas Mutter und faltet die Hände im Schoß. ?Zum Glück hatten wir etwas gespart.?Nicht alle haben solch ein Polster. Chinas Presse meldet gerade einen tragischen Selbstmord. Der Bauer Chen Xuqing in der Provinz Shanxi hat sich umgebracht, weil sein Sohn mit besten Resultaten den Zugang für eine Top-Uni schaffte. Der Vater hätte stolz sein sollen, doch er verzweifelte. Er konnte die Studiengebühren nicht aufbringen.
Dieser Artikel ist erschienen am 13.07.2006