Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Pauken bis zum Burn-out

Armin Himmelrath, Britta Mersch. Foto: Pixelio.de
Leistungspunkte, Modulprüfungen, Nebenjobs: Der Druck auf Studenten wächst. Mancher verausgabt sich bis zur Erschöpfung - und braucht professionelle Hilfe. Sind die neuen Bachelor- und Mastermodelle schuld?
Irgendwann konnte ich nur noch weinen", sagt Bettina. Morgens hatte sie keine Kraft mehr, in die Vorlesungen zu gehen. Texte lesen, Formeln durchdenken, Aufgaben rechnen - alles das war für die Mathematik- und Biologie-Studentin die reinste Qual. "Dabei hatte das Studium eigentlich gut begonnen: Im ersten Semester habe ich die Klausuren mit Bravour bestanden." Klar, einige Nachtschichten hatte sie dafür einlegen müssen, ihre Freunde in der Zeit nur selten getroffen.

Die 21-Jährige, die ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, studiert einen Zwei-Fach-Bachelor an einer norddeutschen Universität. Weil sie Gymnasiallehrerin werden möchte, muss sie sich ganz besonders anstrengen. Der Bachelor-Abschluss qualifiziert noch nicht für den Beruf, ein zusätzlicher "Master of Education" ist Pflicht. Die Zulassung aber ist an vielen Universitäten an strenge Kriterien geknüpft, auch an Bettinas Hochschule: Um überhaupt für den Master eingeschrieben zu werden, müssen Studenten beim Bachelor mindestens eine Note von 2,5 oder besser erreichen. "Die Sorge, diese hohen Anforderungen nicht zu schaffen, quält einen deshalb schon zu Beginn des Studiums", sagt sie.

Die besten Jobs von allen


Irgendwann war ihr Akku einfach leer. Mehr als 30 Wochenarbeitsstunden sollte sie laut Prüfungsordnung in Veranstaltungen und Studium investieren - mit ihrer Zeit aber kam sie längst nicht aus. Die erste Nachtschicht folgte, die zweite, die dritte. Ihre Freizeit, die Freunde und der Sport blieben auf der Strecke.

Im zweiten Semester begannen die Probleme richtig. "Nachts bekam ich kein Auge mehr zu, habe mich nur noch unruhig hin und her gewälzt", erinnert sie sich. Die hohen Anforderungen machten ihr zu schaffen. Doch statt nun kürzer zu treten, ärgerte sie sich über ihre vermeintliche Schwäche und zwang sich an den Schreibtisch. Konzentrieren konnte sie sich natürlich trotzdem nicht, und es kam, wie es kommen musste: Die Matheklausur am Ende des zweiten Semesters ging daneben, und noch zwei weitere Prüfungen standen an, "die dürfen auf keinen Fall verhauen werden". Ein Besuch bei den Eltern, als Ablenkung geplant, endete im Desaster: die sorgenvollen Blicke der Mutter. Ihre Versuche, sie aufzubauen - "irgendwann war mir das alles zu viel", erzählt die Studentin. Bettina schrie, tobte, brach zusammen. Ihr Hausarzt verschrieb ihr ein Beruhigungsmittel.

Ein Einzelfall? Kaum, vermuten Experten. Die hohen Leistungsanforderungen in den neuen Bachelor- und Masterstudiengängen machen vielen Studenten zu schaffen. Anders als die früheren Magister- und Diplom-Kandidaten stehen die heutigen Studenten vor einer besonderen Situation: Ihr Studium ist straff organisiert, in sechs Semestern sollten sie ein Pensum von 180 Kreditpunkten bewältigen, also 30 Kreditpunkte pro Semester. Wenn man bedenkt, dass jeder Punkt einen durchschnittlichen Arbeitsaufwand von etwa 30 Stunden erfordert, kommen Studenten auf eine Gesamtbelastung von 5400 Stunden für das ganze Studium: 900 Stunden pro Semester, rund 35 Arbeitsstunden pro Woche - und das ohne Hobbys, eventuelle Jobs oder andere Zeitfresser.

Zwar steht nirgendwo geschrieben, dass die Studenten das Pensum tatsächlich in den vorgeschriebenen sechs Semestern schaffen müssen. Doch die Stundenpläne sind so gestrickt, dass es kaum anders geht. Viele Module erstrecken sich über zwei Semester. Fällt man in einem Teilbereich durch, ist schnell ein ganzes Jahr verloren, und das kostet nicht nur Zeit und Nerven, sondern in vielen Bundesländern auch Studiengebühren. Kein Wunder, dass die Mitarbeiter in den Psychosozialen Beratungsstellen an den Hochschulen einen zunehmenden Hilfebedarf feststellen. Immer mehr Studierende würden unter Depressionen, Angstattacken, Versagensängsten, Schlafstörungen oder Magenkrämpfen leiden, heißt es beim Deutschen Studentenwerk - eigentlich typische Symptome von Managern mit Burnout-Syndrom.

Wilfried Schumann, der Leiter der Psychosozialen Beratungsstelle von Uni und Studentenwerk in Oldenburg, bestätigt ein zunehmendes Beratungsbedürfnis, ausgelöst durch Leistungsstörungen, Prüfungsängste, Stress und Probleme mit dem Zeitmanagement. Zudem werde die Beratung immer öfter schon zu Studienbeginn nachgefragt, während in der Vergangenheit Studierende eher in der Endphase des Studiums Hilfe suchten. "Viele junge Menschen nehmen die Hochschule nicht mehr als Lebenswelt mit vielfältigen Möglichkeiten des kulturellen und politischen Engagements wahr", sagt Wilfried Schumann, "ihr oberstes Ziel ist es, alles schnell, regelgerecht und mit guten Noten zu durchlaufen".

"Fast ein Viertel aller Studierenden ist so belastet, dass das Studium beeinträchtigt ist", bestätigt Rainer Holm-Hadulla, leitender Arzt beim Psychotherapeutischen Beratungsservice des Studentenwerks Heidelberg und an der dortigen Uni Professor für Psychotherapeutische Medizin. Rund 600 Studierende kommen pro Jahr in die Beratungsstelle, "und viele von ihnen klagen über extrem verdichtete Arbeitsabläufe". Dass immer mehr in immer kürzerer Zeit erledigt werden müsse, sei ein gesamtgesellschaftliches Problem, das alle betreffe.


Holm-Hadullas Zahlen werden von einer aktuellen Studie der Universität Konstanz bestätigt. 24 Prozent der Nachwuchsakademiker fühlen sich demnach durch hohe Leistungsanforderungen "stark belastet", ermittelten die Forscher durch Interviews mit mehr als 8300 Studierenden. Hinzu kommen finanzielle Sorgen, von denen fast ein Drittel der Universitätsstudenten und sogar 37 Prozent der FH-Kommilitonen berichteten. Prüfungs- und Versagensängste, depressive Verstimmungen, mangelndes Selbstwertgefühl - die Bandbreite der zu Protokoll gegebenen Probleme ist bedrückend.

"Es wird von dir verlangt, Alleskönner zu sein", klagt Alex, BWL-Student an der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin: "Studieren ist heute viel anspruchsvoller als vor 20 Jahren." Und seine Kommilitonin Simone kritisiert den Leistungsdruck im Studienalltag als Auswahlkriterium für gesellschaftliche Eliten. "Wenn wir die Belastung erhöhen, filtern wir bestimmte Persönlichkeiten heraus", sagt die 20-Jährige: "Und dann wundern wir uns über Manager, die eiskalt Tausende Leute entlassen und als Belohnung für die Kostensenkung 30 Prozent Gehaltserhöhung abgreifen."

Die Studenten und auch das Deutsche Studentenwerk vermuten einen Zusammenhang zwischen der verschulten Ausbildung nach dem Bachelor-Master-Modell und der größer werdenden psychologischen Belastung der Nachwuchsakademiker. Rainer Holm-Hadulla widerspricht dieser These. "Man muss das differenziert sehen", sagt der Psychotherapeut. "Die stärkere Verschulung führt bei schwächeren und mittelguten Studierenden eher zu einer Verbesserung der Situation: Sie fallen nach dem Abitur nicht mehr in ein Loch, sondern werden stattdessen an die Hand genommen und erhalten Hilfe bei der Organisation ihres Studiums." Sorgen mache er sich dagegen um die guten und sehr guten Studenten: "Denen gehen Freiräume verloren und damit möglicherweise auch ein Teil ihrer Kreativität und Leistungsfähigkeit." Genau solche Freiräume brauche man aber, so Holm-Hadulla, um intellektuell leistungsfähig zu sein.

Generell, so der Psychotherapeut, sei die Studienzeit eine Lebensphase, die mit vielen Umbrüchen, Fragen und Selbstzweifeln einhergehe - und deshalb sei auch kaum ein Student davor geschützt, in ein psychisches Tief zu geraten. "Wenn man als Erstsemester Eltern, Geschwister und Freunde verlässt und an einer Uni plötzlich ganz alleine zurechtkommen muss, sind existenzielle Krisen fast unausweichlich", so Rainer Holm-Hadulla. Wenn dann noch der Leistungsdruck dazukommt, müsse man sich gezielt Freiräume - ohne Reize und mediale Berieselung - schaffen, rät der Therapeut: "Nach intensivem Lernen brauchen Sie Ruhephasen und kreative Spielräume, damit sich Emotionen und neuronale Netzwerke ungestört entwickeln können." Für die intellektuelle Leistung und das persönliche Wohlbefinden sei es jedenfalls nicht besonders förderlich, wenn man acht Stunden am Tag in Vorlesungen absitzt und abends wahllos fernsieht oder am Computer spielt.

Dabei ist der Leistungsdruck im Studium keine deutsche Besonderheit - und auch keine wirklich neue Erscheinung. Elite-Hochschulen wie die Colleges im britischen Cambridge kennen schon lange ein Phänomen, das sarkastisch als "Suicide Sunday" bezeichnet wird: Im Frühsommer, kurz nach dem Examen, versuchen verzweifelte Studenten, sich das Leben zu nehmen. Der Anteil der Nachwuchsakademiker mit seelischen Leiden soll Schätzungen zufolge an den britischen Elite-Hochschulen doppelt so hoch sein wie an anderen Universitäten - wegen der hohen Erwartungen, die auf den Studierenden lasten. Wenn dann schlechte Noten erteilt werden, kommen schnell Selbstzweifel, Minderwertigkeitsgefühle und Versagensängste auf.

Gefühle, die auch deutsche Studenten kennen. Der Erfurter Sozialwissenschaftler Wolf Wagner, Autor des Buchs "Uni-Angst und Uni-Bluff heute", vermutet, dass mehr als die Hälfte der Studierenden an Minderwertigkeitsgefühlen und Depressionen leiden. Er macht dafür auch die Umstellung auf Bachelor- und Master-Studiengänge verantwortlich. Weil es durch die zahlreichen Fächer und Module viel zu viele Prüfungen, Klausuren und Kolloquien gebe, müsse ein Student heute mehr Stoff für mehr Prüfungen beherrschen - und dadurch könne es dann zum Burnout kommen.

Ein Fall für professionelle Helfer. Doch viele Studenten wollen ihre Probleme lieber aus eigener Kraft lösen - teilweise aus Scham, aber auch, weil sie nicht an die entsprechenden Beratungsangebote glauben. Auch Bettina ist nicht aus eigener Motivation in die Beratung gegangen, erst der Arzt und ihre Eltern haben sie dazu überredet. Für ein psychisches Problem hielt sie ihre Situation nicht. Tatsächlich aber leidet die 21-Jährige an den hohen Ansprüchen an sich selbst. In der Beratung lernt sie nun, ihre Erwartungen herunterzuschrauben und gelassener mit Prüfungssituationen umzugehen. Daneben macht sie sich mit Entspannungstechniken vertraut und begreift, dass man sich Freizeit und Nichtstun auch einmal erlauben darf. Mit dem Berater an ihrer Seite hofft Bettina, dass sich ihre Probleme in Zukunft lösen. " Wenn nicht, muss ich vielleicht noch einen Schritt weitergehen und zusätzliche psychologische Unterstützung in Anspruch nehmen", sagt sie selbstbewusst. Eine Perspektive, mit der sie sich mittlerweile anfreunden kann.

Erste Hilfe bei Überlastung

Symptome ernst nehmen: Erschöpfung, Prüfungsangst und Unsicherheiten nicht einfach aushalten oder verdrängen. Die Situation verschlimmert sich dadurch nur. Körperliche Symptome wie Herzrasen sollte man besonders ernst nehmen.

Das Lernen strukturieren: Ein gut strukturierter Zeitplan hilft bei der Vorbereitung von Seminaren und Prüfungen. Auch Erholungspausen und Freizeitaktivitäten sollten in den Plan eingebaut werden. Vor allem Sport und Bewegung im Freien helfen bei der Entspannung.

Die Tricks kennen: Techniken zu Zeit- management und Selbstorganisation kann man in Seminaren erlernen. Eine langfristige Teilnahme ist am sinnvollsten.Bei kurzfristigen Spannungen helfen ganz einfache Tricks: Schon die richtige Atemtechnik kann erste Blockaden lösen.

Keine Scheu vor Profis: Wer keinen Ausweg mehr sieht, sollte sich über die Möglichkeiten einer gezielten psychologischen Betreuung informieren. Hier helfen zum Beispiel die Psycholgischen Beratungsstellen der Studentenwerke weiter. Es ist keine Schande, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Je früher man sich die eigenen Schwächen eingesteht, desto eher kann man schlimmeren Konsequenzen entgegenwirken.
Dieser Artikel ist erschienen am 09.01.2008