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Patriarch mit Ehrgeiz

Von Anne Grüttner
Mal strahlend, mal streng: Emilio Botín steuert die Bank Santander im altmodischen Stil durch die Krise, der ?Presidente? kontrolliert höchstpersönlich jeden Großkredit. Jetzt will er expandieren - und interessiert sich besonders für Deutschland.
Denkt auch mit 73 Jahren nicht an rücktritt: Santander-Chef Emilio Botin. Foto: Reuters
MADRID. Der Stolz ist Emilio Botín schnell anzumerken. Gern platziert der 73jährige Chairman der größten spanischen Bank Santander sein Haus in weltweiten Rankings und sagt Sätze wie diesen: ?Wir sind heute an der Börse mehr wert als die zweite, dritte, vierte und fünfte spanische Bank zusammen, und mehr als die erste und zweite Bank in Deutschland.? Mal strahlend, mal streng - immer ausgeruht und sehr patriarchalisch tritt das Urgestein der spanischen Finanzwelt auf, das in den Listen der Mächtigsten des Landes in schöner Regelmäßigkeit die Nummer zwei einnimmt ? gleich hinter dem Regierungschef.Seitdem Emilio 1986 den Santander-Vorsitz von seinem Vater, Emilio Botín Sanz de Sautuola, übernahm, hat er die damals mittelständische Bank aus Kantabrien dank des spanischen Immobilienbooms und mittels gigantischer Übernahmen wie zuletzt der holländischen ABN Amro an die Weltspitze katapultiert. Banco Santander ist heute nach Börsenwert die siebtgrößte Bank weltweit und erzielte im ersten Quartal 2008 mit 2,2 Mrd. Euro den höchsten Gewinn aller internationalen Banken.

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Die Bank wurde als Familienunternehmen gegründet ? und wird noch immer fast so geführt. Botíns Urgroßvater war 1857 einer der neun Gründer der Bank, schon der Großvater und der Vater standen an der Spitze des Geldhauses.Botín selbst startete mit 24 Jahren, nach einem wirtschaftswissenschaftlichen Studium an der baskischen Eliteuniversität Deusto, als mittlerer Angestellter in der ältesten Filiale von Santander. Mit 30 Jahren stieg er zum Generaldirektor auf und 1986 schließlich übernahm er den Chefsessel vom Vater.Am Führungsstil der Botíns hat sich über die Jahrzehnte trotz der Internationalisierung wenig geändert. Ein führender Manager sagt, Er habe sich schwer umstellen müssen, als er von einer amerikanischen Großbank zu Santander gewechselt sei. Zuvor habe er seinen obersten Chef mit dem Vornamen angeredet, bei der hierarchisch organisierten Santander wende man sich nur mit ?Presidente? an Botín.Der ?Presidente? kontrolliert nach wie vor höchstpersönlich jeden Großkredit und verbringt den Ferienmonat August über den Büchern, um Einnahmen und Ausgaben zu prüfen. Von Englisch als Geschäftssprache in Konferenzen ist Santander weit entfernt. Überhaupt spiegelt die Führungsspitze die äußere Internationalisierung kaum wieder, die Spanier sind deutlich in der Überzahl. Vielleicht liegt es an dieser Unternehmenskultur, dass Santander seinen Expansionskurs bisher auf Europa und Lateinamerika konzentrierte, in Asien aber kaum existent ist.Außergewöhnlich für eine internationale Großbank ist auch, dass als potentielle Nachfolgerin Botíns lange seine Tochter Patricia gehandelt wurde, Chefin der Santander-Tochter Banesto. Mittlerweile heißt es jedoch intern, dass die 45Jährige nicht genug Rückhalt in der übrigen Santander-Führungsebene für dem Posten habe.Ein Generationswechsel sei nötig, um Santander auch im Inneren zu einer modernen, internationalen Bank zu machen, sagen Analysten und vielen jüngere, im globalen Bankgeschäft groß gewordene Santander-Manager. Bisher jedoch scheint ein solcher Wechsel in weiter Ferne. Emilio Botín hat keinesfalls die Absicht, bald abzutreten. Sein Vater dankte schließlich erst im Alter von 83 Jahren ab.Der konservative Stil hat die Bank aber auch vor der Finanzkrise weitgehend verschont. Das Geschäftsmodell besteht im Wesentlichen aus dem Verwalten von Einlagen und der Vergabe von Krediten. Zwar stellt sich die Bank im Zuge der spanischen Immobilienkrise auf sinkendes Kreditwachstum und steigende Ausfallraten ein, doch die gute Kapitaldeckung und die hohe Liquidität lassen Santander dennoch sogar über Zukäufe nachdenken. In Deutschland werden die Spanier als potentielle Interessenten für die Dresdner Bank, das Deutschlandgeschäft der Citigroup oder sogar für die Postbank gehandelt. ?Deutschland interessiert uns sehr, wir bekommen viele Angebote?, sagte Botín bei der Hauptversammlung am Samstag.
Dieser Artikel ist erschienen am 24.06.2008