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Partner-Tausch

Von J. Lichter und C. Tödtmann
Erfolgshonorar? Das war etwas Unanständiges. Nur etwas für Amerikaner. Noch vor zehn Jahren war das Thema verpönt. Hier in Deutschland sei so etwas undenkbar, hieß es empört. Doch das Blatt hat sich gewendet. Eine Handelsblatt-Umfrage bei den Top-50-Wirtschaftskanzleien ergab: Fast 70 Prozent lassen sich schon auf Erfolgshonorare ein.
Das deutsche Team der Top-Kanzlei Lovells gewann den Pokal beim europäischen Lovells Football Cup in Frankfurt. Foto: PR
DÜSSELDORF. Seit eine ganze Reihe angelsächsischer Kanzleien hier angetreten ist, um den deutschen Markt zu erobern, und einige von ihnen mit deutschen Kanzleien fusionierten, ist nichts mehr heilig: Ein ehernes Gesetz nach dem anderen fällt in der einst erzkonservativen Advokaten-Branche. Sozietäten dürfen ihre Umsätze verkünden, und manche tun das auch stolz. Partnerschaften in Kanzleien sind kein Bund mehr fürs Leben: Einzelne Anwälte wie ganze Teams wechseln hin und her unter den Top-Sozietäten oder zu Spezialkanzleien. Internationale Kanzleien entledigen sich ihrer Partner oder stufen sie ? wenn jene nicht genug Geld einspielen ? runter zu Partnern zweiter Klasse mit niedrigeren Bezügen. Dass auch noch das Bundesverfassungsgericht kürzlich dem Erfolgshonor seinen Segen gab, kam nur noch obendrauf.Auch diese Entwicklung ist nicht mehr umkehrbar: 75 Prozent der Klienten fragen bei den Top-Wirtschaftskanzleien heute nach Erfolgshonorar. Vor einem Jahr waren es 52 Prozent, die ihre Berater am Erfolg oder Misserfolg beteiligen wollten. Damit rennen sie bei den Juristen offene Türen ein: 67 Prozent der Top-Anwälte lassen sich auf Honorarvereinbarungen ? zumindest mit erfolgsbezogenen Elementen ? ein (siehe Interview unten). Zum Vergleich: Vor zwei Jahren machten das erst 32 Prozent mit.

Die besten Jobs von allen

Zwar erwarten die Juristen nicht, dass Erfolgshonorare einen flächendeckenden Siegeszug antreten: 83 Prozent der Anwälte glauben aber, dass sie sich teilweise durchsetzen. Etwa bei Fusionen und Übernahmen (M&A) und Transaktionsberatung oder im Arbeitsrecht, jedoch nicht bei gutachterlichen Stellungnahmen. Dies zeigt die jüngste Handelsblatt-Umfrage bei den 50 Top-Kanzleien in Deutschland (Basis: Juve Handbuch ?Wirtschaftskanzleien 2006/07?). Die Antwortquote lag dieses Jahr bei ? sehr erfreulichen ? 80 Prozent.Erfreulich sind die Ergebnisse auch ansonsten. 97 Prozent der Befragten vermelden Umsatzsteigerungen für das Jahr 2006. Mehr noch: Für 2007 erwarten 91 Prozent der Befragten eine weitere Umsatzsteigerung, und 94 Prozent rechnen auch mit einer Gewinnsteigerung.Die Umfrage im Detail: Die Stundensätze der Juristen sind leicht gestiegen: Die Partner-Stunde kostet die Mandanten im Schnitt 384 Euro (2006: 371 Euro) und die Stunde eines angestellten Anwalts 256 Euro (2006: 255 Euro). Unterm Strich blieb das Niveau in den vergangenen vier Jahren relativ stabil. Nur bei angestellten Anwälten stieg es um gute zehn Prozent. Die Spanne jedoch ist riesig: Partner-Stundensätze liegen bei den Top 50 zwischen 250 und 570 Euro. Bei den angestellten Anwälten betragen sie 150 Euro bis 400 Euro. Zum Beispiel: Das Branchenfachblatt ?Juve? berichtet, dass die Partner bei Linklaters 350 bis 750 Euro je Stunde fordern.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Die Kanzleien versuchen, flexibel zu sein.Die Kanzlei Hengeler Mueller ging dagegen immer schon einen höchst eigenen Weg: Sie schreibt den Mandanten nach Abschluss des Mandats eine Rechnung quasi nach Gutdünken. Sie orientiert sich daran, was die Leistung für den Mandaten wohl wert ist und ob die Sache für ihn besonders erfolgreich war. ?Wir wollen Wert für den Mandanten schaffen und nicht Stunden schinden mit möglichst vielen jungen Leuten wie im Hamsterrad?, betont Christof Jäckle, Managing Partner bei Hengeler. Doch auch andere Kanzleien versuchen, flexibel zu sein: Öfter fragen sie im Anschluss nach einem Nachschlag. Die Kanzlei Nörr Stiefenhofer Lutz dagegen berichtet von ?Mandanten, die von sich aus einen Schnaps draufgeben? und mehr zahlen, als auf der Rechnung steht ? ?damit die Anwälte auch beim nächsten Mal hochmotiviert rangehen und alles geben, um für ihren Klienten so viel wie möglich herauszuholen?.Die meisten Anwälte fordern höhere Stundensätze bei Milliardendeals mit hohen Haftungsrisiken, die unter hohem Zeitdruck über die Bühne gehen und an deren Erfolg der Job des Vorstands hängt. Dasselbe gilt für grenzüberschreitende Transaktionen, bei denen mehrere Büros beteiligt sind. Ausbauen wollen die allermeisten Sozietäten ? so die Handelsblatt-Umfrage ? auch deshalb den profitablen Bereich M&A: 91 Prozent gaben dies an.
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Bei den Einstellungen junger Anwälte gibt es einen neuen Rekord: Der hohe Vorjahreswert, als 73 Prozent die Zahl der Neueinstellungen erhöhen wollten, wurde jetzt mit 77 Prozent noch einmal übertroffen. Vor vier Jahren lag dieser Wert bei 24 Prozent. Das Problem der Kanzleien ist jedoch: Wo sollen die vielen jungen Talente herkommen, die zwei Prädikatsexamina, einen Doktortitel oder einen ausländischen Studienabschluss haben ? und dabei auch noch umgänglich und eloquent im Auftreten sein sollen. Zudem: Viele junge Leute wollen für ihren Job nicht mehr ihre Freizeit so weit hintanstellen. Fast 20 Prozent der Kanzleien bekamen denn auch schon von Kandidaten einen Korb, weil die Work-Life-Balance nicht stimme.Insgesamt hat sich inzwischen jede zweite Kanzlei der Top 50 die Förderung von Frauen gezielt auf die Fahnen geschrieben. Doch das Ergebnis ist immer noch recht traurig: Nicht mal jede vierte Kanzlei hat über zehn Prozent Partnerinnen. An der Unvereinbarkeit von Familie und so einem zeitintensiven Job kann es nicht liegen, wenn ohnehin bereits ein großer Teil der Akademikerinnen heute keine Kinder mehr hat. Clifford Chance ist nun als erste Kanzlei in die Offensive gegangen und hat eine Kinderkrippe eröffnet ? ?ohne feste Bring- und Abholzeiten?, wie sie betont.Die Umfrage weiter: 14 Prozent der Befragten haben sich von einem Partner aus ökonomischen Gründen getrennt, und für die Zukunft schließen es jetzt nur noch 41 Prozent aus (2004: 68 Prozent). Die Partnerzahl erhöhte sich unterm Strich bei 74 Prozent der Sozietäten und verringerte sich bei sechs Prozent, 20 Prozent blieben unverändert. Jedoch: 56 Prozent der Kanzleien haben eine Rangfolge innerhalb der Partner (2006: 47 Prozent), und immer öfter wird jemand als Partner geführt, der bezahlt wird wie ein Angestellter. Insgesamt wechseln Partner heute viel öfter: 87 Prozent der Top-Kanzleien hatten 2006 Neuzugänge von anderen Top-Adressen.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Die Bundesliga der Top-50-Wirtschaftskanzleien in Deutschland. Die Bundesliga der Top-50-Wirtschaftskanzleien in Deutschland1. Gruppe
  • Freshfields Bruckhaus Deringer
  • Hengeler Mueller
2. Gruppe
  • Clifford Chance
  • Gleiss Lutz
  • Linklaters
  • Shearman & Sterling
3. Gruppe
  • CMS Hasche Sigle
  • Latham & Watkins
4. Gruppe
  • Allen & Overy
  • Cleary Gottlieb Steen & Hamilton
  • Lovells
  • Nörr Stiefenhofer Lutz
  • White & Case
5. Gruppe
  • Baker & McKenzie
  • Mayer Brown Rowe & Maw
  • Weil Gotshal & Manges
  • Taylor Wessing
6. Gruppe
  • Beiten Burkhardt
  • Bird & Bird
  • Flick Gocke Schaumburg
  • Görg Rechtsanwälte
  • Heuking Kühn Lüer Wojtek
  • Hogan & Hartson Raue
  • Hölters & Elsing
  • Jones Day
  • P+P Pöllath + Partner
  • WilmerHale
7. Gruppe
  • GSK Gassner Stockmann & Kollegen
  • Haver & Mailänder
  • Luther
  • Raupach & Wollert-Elmendorff
  • Redeker Sellner Dahs & Widmaier
  • SJ Berwin
  • Skadden Arps Slate Meagher & Flom
  • Graf von Westphalen
8. Gruppe
  • Aderhold v. Dalwigk Knüppel
  • Aulinger Rechtsanwälte
  • Buse Heberer Fromm
  • Esche Schümann Commichau
  • FPS Fritze Paul Seelig
  • Göhmann Wrede Haas Kappus & Hartmann
  • Grüter Rechtsanwälte und Notare
  • Hoffmann Liebs Fritsch & Partner
  • Kümmerlein Simon & Partner
  • McDermott Will & Emery
  • Menold Bezler
  • Norton Rose
  • Oppenländer Rechtsanwälte
  • Rödl & Partner
  • Schmidt von der Osten & Huber
Quelle: Juve, Handbuch Wirtschaftskanzleien 2006/7
Dieser Artikel ist erschienen am 02.07.2007