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Paradies für Outdoor-Freaks

Katja Stricker
Vom Kunden zum Mitarbeiter - so sieht die typische Karriere beim Outdoor-Händler Globetrotter aus. Das Kaufhaus für Frischluftfans mit Sitz in Hamburg und sechs Filialen bundesweit bietet seinen 830 Mitarbeitern die einmalige Gelegenheit, Hobby und Beruf zu verbinden.
Seine Karriere beim Outdoor-Händler Globetrotter verdankt Philip von Melle einem Zelt Marke "Hilleberg Keron 3 GT". Vor ziemlich genau 20 Jahren betrat der damals 16-Jährige die Hamburger Filiale des Freizeitausrüsters zum ersten Mal, um eben jenes Zelt zu kaufen, für eine Radtour in die Bretagne. Bedient wurde er von Thomas Lipke, Leiter der Zeltabteilung.

Seitdem hat sich einiges verändert: Von Melle, heute 37 Jahre, ist mittlerweile diplomierter Mathematiker und IT-Projektleiter in der EDV-Abteilung von Globetrotter. Lipke, 48 Jahre, sitzt seit 1990 als einer von insgesamt vier Geschäftsführern in der Chefetage des Unternehmens. Und Globetrotter hat sich vom kleinen Hamburger Fachgeschäft zum größten Outdoor-Händler Europas gemausert - mit 830 Mitarbeitern und sechs Filialen deutschlandweit.

Die besten Jobs von allen



karriereurteil > Globetrotter
1979 in Hamburg-Wandsbek als Spezialgeschäft für Expeditionen, Safaris und Trekking gegründet, hat sich Globetrotter mittlerweile zum größten Händler für Outdoor und Ausrüstung in Europa gemausert - mit mehr als 25.000 Artikeln im Sortiment. Im vergangenen Jahr machte das Unternehmen einen Umsatz von 150 Millionen Euro - die Hälfte davon über den Online-Versand. Insgesamt 830 Mitarbeiter hat Globetrotter, darunter zwischen 80 und 100 studentische Aushilfen, die vor allem in den sechs Filialen in Hamburg, Berlin, Dresden, Köln, Bonn und Frankfurt/Main zum Einsatz kommen; gut 320 Mitarbeiter sind in der Hamburger Zentrale tätig.
Der lockere Umgangston, die flachen Hierarchien und die guten Entwicklungsmöglichkeiten bescheren Globetrotter auch in diesen Kategorien gute Noten. Wer einmal dabei ist, bleibt und kann es auch ohne Studium auf Führungspositionen schaffen. Für seinen unternehmerischen Erfolg und die ungewöhnliche Personalpolitik wurde Globetrotter unter anderem mit dem "Hamburger Gründerpreis 2004" und als "Entrepreneur des Jahres 2006" ausgezeichnet.

Wen es in die Natur zieht, sei es zum Wandern in die Alpen, Campen in Italien oder Kanufahren in Schweden, greift vorher meist zum 670 Seiten starken Bestellkatalog oder steuert eine der sechs großen Abenteuerfilialen an

Job und Freizeit gut
Auch das Zelt von damals ist hin und wieder noch im Einsatz. Denn Reisen gehört nach wie vor zu den großen Leidenschaften von Philip von Melle. Bereits während seines Mathe-Studiums war er insgesamt 50 Wochen unterwegs - in Neuseeland, Nord- und Südamerika, mit dem Rad oder per Seekajak. "Durch meine Touren war ich Stammkunde bei Globetrotter - und irgendwann hat man mir einen Studentenjob angeboten", erzählt der durchtrainierte IT-Spezialist. Zunächst verkaufte er anderthalb Tage die Woche Zelte und Schlafsäcke; später wechselte er in die EDV-Abteilung, baute das Online-Geschäft von Globetrotter mit auf.

Nach dem Studium lehnte der Mathematiker das Angebot ab, an der TU München zu promovieren, um voll bei Globetrotter einzusteigen. "Ich wollte immer einen Job, bei dem ich nicht nur anständig verdiene, sondern auch Urlaub und Freizeit flexibel gestalten kann", sagt von Melle. Genau das findet er bei Globetrotter. "Wenn es mir nur ums Geld gegangen wäre, hätte ich mir eher eine Stelle in der Industrie suchen müssen." Doch der Wunsch, Hobby und Beruf zu verbinden, war ihm wichtiger

"Seinen Traum leben" - mit diesem Werbeslogan trifft Globetrotter auch den Nerv seiner Mitarbeiter. Denn die meisten sind in ihrer Freizeit begeisterte Outdoor-Freaks - fahren Mountainbike, klettern und wandern, erkunden mit dem Rucksack Australien, per Fahrrad die USA oder mit dem Kajak die Seen und Flüsse Kanadas. Karohemd statt Anzug
Von Outdoor-Feeling ist allerdings in der Hamburger Zentrale wenig zu spüren. Von hier aus vermarkten 320 Mitarbeiter in Buchhaltung, Verwaltung, Call-Center und Versand die rund 25.000 Artikel des Outdoor-Händlers. Kletterwand, Kanubecken oder Kältekammer wie in den Filialen findet man hier nicht - nur schlichte Büros mit viel Glas. Dem Outfit vieler Mitarbeiter sieht man allerdings an, dass sie selber ihre besten Kunden sind. Fleece-Pullis, Jeans und wetterfeste Goretex-Jacken gehören hier zur täglichen Garderobe. Leute in Business-Anzug und Krawatte? Fehlanzeige, auch in der Chefetage.

Geschäftsführer Thomas Lipke trägt ein legeres Karohemd. Direkt nach dem Studium stieg er bei Globetrotter ein, damals war die Firma ein junges Startup mit gerade mal vier Mitarbeitern. Heute ist Lipke für 830 Mitarbeiter verantwortlich. Das Top-Ten-Team, das die Geschäfte von Globetrotter leitet, arbeitet seit 20 Jahren zusammen, erzählt Lipke stolz. "Das sorgt für Kontinuität und prägt die Unternehmenskultur.

Das wissen offensichtlich auch seine Angestellten zu schätzen. Die Fluktuation ist gering. "Mit vielen Kollegen arbeite ich bereits mehr als zehn Jahre zusammen", sagt Philip von Melle, der nun zwölf Jahre dabei ist. Ein Grund: Der Umgangston ist locker und freundschaftlich. Das "Du" zwischen allen, vom Lagerarbeiter und Azubi bis zu den Geschäftsführern, selbstverständlich.

Boss, ich bin dann mal weg
Eins verbindet die meisten Mitarbeiter: Die Liebe zu Natur und Reisen. "Das Gros unserer Leute hat sich schon mal eine längere Auszeit von zwei bis sechs Monaten genommen", schätzt Lipke. Wo Chefs in anderen Unternehmen einen mittelschweren Nervenzusammenbruch kriegen - mehr als drei Wochen Urlaub am Stück?! -, wünscht Thomas Lipke, selbst bekennender Aktivurlauber, eine gute Reise und erkundigt sich neugierig nach den Details: Auf Safari in Kenia, zu Pferd durch die Mongolei oder die Gipfel des Himalaya erklimmen - dabei unterstützt Lipke seine Leute gern

Denn jedes private Abenteuer ist letztlich auch eine Weiterbildung, von der Globetrotter profitiert - vor allem im Verkauf. "Ein Kunde kauft einen Schlafsack eher, wenn der Verkäufer von seinen eigenen Erfahrungen mit einem Produkt berichten kann", ist Geschäftsführer Lipke überzeugt. "Das nötige Globetrotter-Wissen lernt man nun mal auf keiner Uni, sondern nur unterwegs - in der Natur."

Vom Kunden zum Verkäufer
Da wundert es nicht, dass die Personalpolitik von Globetrotter heißt: Kunden systematisch zu Mitarbeitern und Mitarbeiter zu Führungskräften weiterzuentwickeln.

Lipke weiß aus eigener Erfahrung, wie hart der Job als Verkäufer in den Filialen ist - vor allem wegen der üblen Arbeitszeiten. Um trotzdem möglichst viele Akademiker als Verkäufer zu gewinnen, lockt Globetrotter mit Extras wie zehn Wochen Jahresurlaub, günstigen Einkaufskonditionen für das Sortiment sowie guten internen Aufstiegschancen und viel Verantwortung. "Unsere Bereichs- und Abteilungsleiter aus den Filialen haben bei der Produktauswahl entscheidend mitzureden", sagt Lipke. Als Zückerlis werden außerdem regelmäßig Outdoor-Weiterbildungen wie Lawinenkurse oder Kajakausbildungen angeboten.

Raus in die Welt
Neue Produkte aus dem Globetrotter-Sortiment probiert auch IT-Spezialist von Melle gerne aus. Gelegenheit dazu hat der 37-Jährige reichlich. Schon zweimal war der begeisterte Segler, Rad- und Kajakfahrer sieben Wochen hintereinander weg, seit er fest angestellt ist.

"Einmal im Jahr zieht es mich einfach für längere Zeit in die Natur", erzählt der Mathematiker. "Vier Wochen Urlaub am Stück müssen es dann schon sein." Klappt das mal nicht - immerhin betreut von Melle als IT-Projektleiter unter anderem das Warenwirtschaftssystem von Globetrotter -, dann spart er sich die Urlaubstage fürs nächste Jahr auf. Zuletzt war er vier Wochen in Australien, dieses Jahr steht Kanada auf dem Plan

Für Führungskräfte gibt es auch bei einem Arbeitgeber wie Globetrotter Grenzen für den Freiheitsdrang: "Länger als drei Monate am Stück Urlaub sind in meiner Position nur schwer drin", sagt der Computer-Fachmann. Sein Traum: Mit dem Rad von Feuerland nach Alaska fahren oder mit dem Seekajak von Puerto Monte zum Kap Hoorn. Doch dafür müsste er sechs bis zwölf Monate aussteigen. Ob und wann Philip von Melle "seinen Traum leben" wird, steht noch in den Sternen. Die passende Ausrüstung hätte er schon

Dieser Artikel ist erschienen am 05.06.2007