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Panik über den Wolken

Barbara Erbe
Präsentation in Genf? Meeting in New York? Oder nur ein Seminar in Berlin? Kein Problem. Da jettet eine dynamische Nachwuchskraft doch gern hin. Es sei denn, sie leidet unter Flugangst.
Nach einer Allensbach-Umfrage empfinden 38 Prozent der Befragten Angst oder Unbehagen im Flieger, für mehr als jeden zehnten Deutschen werden akute Panikattacken zum Riesenproblem - und zunehmend zum Karrierehemmnis, Fliegen gehört zum Geschäft.
karriere zeigt Wege aus dem Dilemma.
Anti-Stress-Programm

Fracksausen vor dem nächsten Flug? Psychotherapeut und Buchautor Rudolf Krefting hat Tipps für Sie

Kürzer treten > Je weniger Druck, desto weniger Angst. Fahren Sie einige Tage vor dem Flug die Zahl der Termine runter, verlegen Sie "Stress-Treffen".
Abreagieren > Ein Besuch in der Muckibude oder eine Runde Fahrradfahren lenken Ihre Energie in gesunde Bahnen und lösen die Anspannung.
Zeit versüßen > Besetzen Sie die Stunden, die Sie im Flieger verbringen werden, positiv. Was möchten Sie Schönes tun? Packen Sie ein gutes Buch ein oder den MP3-Player mit der Lieblingsmusik.
Schlendernd anreisen > Planen Sie ausreichend Zeit für den Weg zum Flughafen ein, Hektik ist das Letzte, was Sie brauchen. Drehen Sie lieber noch eine Runde durch die Duty-Free-Zone.
Luft holen > Beruhigen Sie Ihren Körper über Ihre Atmung. Wer Angst hat, atmet flach und schnell. So geht's besser: Sie holen Luft und atmen aus. Bevor Sie wieder einatmen, zählen Sie ruhig von eins bis sechs. Machen Sie das zwei Minuten lang - die Ruhe kommt dann ganz von selbst.
Entspannen > Ihre Muskeln entspannen Sie, indem Sie sie zunächst sehr fest anspannen - und dann loslassen. Krallen Sie Finger oder Zehen für einige Sekunden fest zusammen. Dann bewusst wieder lösen

Die besten Jobs von allen


Frank Braun* wird schon flau im Bauch, wenn er mit Freunden im Freibad liegt und hoch über ihm die Ferienflieger zum Landeanflug auf den Düsseldorfer Airport ansetzen. Beim bloßen Gedanken ans Reisen über den Wolken bricht dem Literatur-Prof der Schweiß aus.
"Never again", hat der gebürtige Engländer für sich beschlossen und arrangiert seitdem sein komplettes Leben um diese Entscheidung herum. Ein aufwändiger Akt, denn seit einem halben Jahr hat der 34-Jährige neben seinem Lehrauftrag in Düsseldorf auch einen in Cambridge.
Während sich die Strecke von Deutschland nach England zwar recht umständlich, aber immerhin noch mit dem Zug bewältigen lässt, werden Termine in Übersee für den Wissenschaftler zur unüberwindlichen Hürde. Ein vielversprechendes Bewerbungsgespräch in den USA musste Braun absagen, weil ein Schiff zu lange brauchen würde. Seinen Vortrag auf einem Fachkongress in Japan hat ein anderer gehalten

Karriere in Gefahr
Frank Braun leidet an Flugangst. Nach einer Allensbach-Umfrage empfinden 38 Prozent der Befragten Angst oder Unbehagen im Flieger, für mehr als jeden zehnten Deutschen werden akute Panikattacken zum Riesenproblem - und zunehmend zum Karrierehemmnis. Denn es gibt kaum noch verantwortungsvolle Jobs, bei denen Fliegen nicht zum Geschäft gehört, stellt Siemens-Sprecher Karlheinz Groebmair fest. "Zwar wird wegen Flugangst niemandem gekündigt. Aber die Leute können dann leistungsmäßig nicht mehr mithalten. Entweder sie versuchen ihr Glück mit einem neuen Job, oder sie tun etwas gegen ihre Angst."
Eine, die dabei hilft, ist Antonia Arboleda-Hahnemann. Die Diplom-Psychologin leitet im Auftrag der Deutschen Lufthansa Wochenendseminare gegen Flugangst. Junge Führungskräfte sind hier besonders stark vertreten. Kein Zufall. Stress fördert Ängste. "Wer den ganzen Tag powert und auch abends nicht runterkommt, senkt seine Angstschwelle", erklärt Arboleda.

Spirale des Schreckens
Statt ihre Angst bei den Hörnern zu packen, fahren viele erst mal Vermeidungsstrategien, weiß die Psychologin. Mit fatalen Folgen: Bei wichtigen Meetings in anderen Städten lassen sie Kollegen den Vortritt oder werden plötzlich "krank". Und weil das nicht lange gut geht, fliegen sie schließlich doch - schweißnass, unter Tränen, mit Herzrasen, Spannungsschmerzen, Übelkeit. Medikamente oder Alkohol sind keine Lösung. Sie können die Angst nur betäuben, nicht besiegen. Auch lässt sich die Wirkung von Beruhigungsmitteln und Betablockern nicht genau austarieren und erst recht nicht zeitlich eingrenzen.
"Leute, die ihre Angst nur betäuben, entwickeln früher oder später weitere Ängste", berichtet Arboleda. Höhenangst, Angst vor Tunneln, U-Bahnen und Fahrstühlen - oder ganz allgemein Angst vor Kontrollverlust. "Ich hatte eine Klientin, die traute sich irgendwann nicht einmal mehr zum Friseur, weil sie die Kontrolle nicht abgeben wollte. Die Friseuse hätte ihr ja die Haare verschneiden können..."

In der Ruhe liegt die Kraft
Manche Menschen können sich über den Intellekt beruhigen, indem sie sich mit Daten und Fakten zur Flugsicherheit vertraut machen. Sich etwa erklären lassen, wie eine Maschine fliegt, oder sich vergegenwärtigen, dass das Risiko beim Fliegen wesentlich geringer ist als im Straßenverkehr.
Der Schlüssel zum (flug-)angstfreien Leben liegt jedoch tiefer, in der Psyche. Entspannung - wichtige Voraussetzung für Coolness im Flieger - können bei leicht Betroffenen schon Ad-hoc-Maßnahmen bringen (siehe Anti-Stress-Programm). Kurzfristige Erleichterung verschaffen auch Bachblüten-Notfalltropfen aus der Apotheke. Anders als andere Beruhigungsmittel haben sie keine Nebenwirkungen und machen nicht abhängig. Allerdings gilt auch hier: Wer beim Flug schläfrig ist, ist es in der Regel auch beim Meeting noch. Weitere Therapieformen sind Hypnose und autogenes Training. Wer darauf anspricht, kann hier Techniken erlernen, mit denen er die Puls- und Atemfrequenz ebenso herabsetzen kann wie die Schweißproduktion. Im Entspannungszustand kann ein Patient Angst auslösende Situationen rückblickend positiv erleben und sogar angenehme Flugsituationen simulieren

Geteiltes Leid ist halbes Leid
Sitzt die Angst noch tiefer, bleibt als wirksamste Methode die Verhaltenstherapie. Teilweise werden die Behandlungskosten sogar von der Krankenkasse übernommen. Die Verhaltenstherapie arbeitet mit der so genannten Exposition: Der Therapeut setzt dabei seine Patienten bewusst der Situation aus, die sie so sehr fürchten, und hilft, sie zu "entzaubern".
So funktionieren auch die "Seminare für entspanntes Fliegen", die Arboleda und ihre Kolleginnen Wochenende für Wochenende an deutschen Flughäfen anbieten. Acht bis 14 Teilnehmer lernen, wie Angst entsteht und wie der Körper darauf reagiert. "Die meisten empfinden es schon als befreiend zu sehen, dass andere Menschen ähnliche Ängste empfinden."
Gemeinsam lernen sie Entspannungstechniken wie progressive Muskelentspannung. Und nach der Begehung eines leeren Flugzeugs und der Einführung in die Grundtechniken des Fliegens nehmen alle an einem regulären Linienflug teil. Arboledas Erfolgsquote beträgt 95 Prozent

Der Verstand geht zuerst
Eine neuere Variante der Exposition ist die VR-Therapie, die an der Universität Würzburg angewandt wird. Dort müssen Patienten nicht in einen echten Flieger steigen, sondern nehmen in einem Flugzeugsessel auf einer beweglichen Plattform Platz und ziehen einen Datenhelm über den Kopf. Die vielen kleinen Bildschirme darin vermitteln ihnen den täuschend echten, dreidimensionalen Blick aus einer Passagiermaschine. Über Kopfhörer bekommen sie die typische Geräuschkulisse aus Motorensurren, Türenklappern und Lautsprecheransagen mit, hören aber auch die Stimme ihres Therapeuten.
Abhebe-Helfer

Literatur > Entspannt fliegen. Strategien gegen die Flugangst. Rudolf Krefting, Ahmed Bayaz, Trias Verlag, Stuttgart, 2000, 12,95 Euro.
Atemtechnik, Muskelentspannung > Kurse werden von einigen Krankenkassen zu Sonderpreisen angeboten, zum Beispiel im Rahmen ihrer Bonusprogramme.
Hypnose > Fünf bis zehn Behandlungssitzungen à 80 bis 120 Euro. Deutsche Gesellschaft für Hypnose. www.hypnose-dgh.de
Psychotherapie > Wochenendseminare für entspanntes Fliegen. Gruppenkurs mit Flug, 780 Euro. www.flugangst.de
VR-Therapie > Simulatormethode, bei maximal vier Therapiestunden rund 300 Euro. www.psychologie.uni-wuerzburg.de


Das Bewusstsein, dass es sich "nur" um einen Simulator handelt, verschwindet meist mit dem Einschalten des Computers, erklärt Projektleiter Andreas Mühlberger: "Sobald die Angst einsetzt, ist das Erste, was der Mensch abschaltet, die Vernunft." Vorteil der virtuellen Methode: Hier können ohne großen Kostenaufwand gezielt Starts, Landungen oder Turbulenzen geübt werden, bis die Angst kein Thema mehr ist.
Die Erfolgsaussichten der VR-Therapie können sich mit denen konventioneller Methoden durchaus messen. Rund 93 Prozent der Würzburger Patienten sind nach der Therapie ihre Flugangst los. Lediglich bei denen, die nicht mehrmals, sondern nur ein einziges Mal in den Simulator steigen, liegt die Erfolgsquote mit 80 Prozent niedriger.
Frank Braun kann sich für eine Psychotherapie nicht so recht begeistern. Will nicht glauben, dass man einen Erwachsenen einfach so umpolen kann. Bislang bringt der Literatur-Dozent seine Trips nach Cambridge auch noch gut mit der Bahn hinter sich. Aber die nächste Phobie lauert bereits: Neuerdings ist ihm auch der Eurotunnel nicht mehr ganz geheuer.?
Dieser Artikel ist erschienen am 29.08.2005