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Panalpina-Chef nimmt nach Bilanzskandal seinen Hut

Von Oliver Stock
?Die besten Köpfe für die überzeugendsten Ideen.? Dieses Motto hat der Schweizer Logistikkonzern Panalpina an den Beginn seines Geschäftsberichts geschrieben. Seit Mittwoch klingt es wie Spott: Ein führender Mitarbeiter verschleierte 14 Monate lang Millionenverluste.
ZÜRICH. Nur hat das Basler Unternehmen nun zwei Köpfe weniger, von denen einer zu den wichtigsten im Unternehmen zählte: Konzernchef Bruno Sidler verlässt den Konzern. Grund für den Abschied ist eine Affaire: ein führender Mitarbeiter, der die Bilanz der Luftfrachttochter von Panalpina so retuschiert hat, dass ein Verlust von umgerechnet 22 Millionen Euro nicht sichtbar wurde. Auch dieser Angestellte muss gehen.Der Rücktritt des 48-jährigen Sidler, der mit seinem stets pomadig zurückgekämmten Haar, der hohen Stirn und dem selbstbewussten Lächeln dem Aussehen eines Topmanagers perfekt entsprach, ist die eigentliche Nachricht. Sie hat den Kurs des Logistikers an der Börse in Zürich zeitweise um die neun Prozent absacken lassen.

Die besten Jobs von allen

?Auch wenn dies nur ein einmaliger Unfall ist, erschüttert er das Vertrauen der Investoren in Panalpina?, kommentiert Chris Burger vom Schweizer Analystenhaus Helvea. Und Damien Weyermann von der Genfer Privatbank Lombard Odier Darier Hentsch meint, der Abgang von Sidler sei im Vergleich zum finanziellen Debakel der größere Verlust: ?Es wird schwierig sein, ihn zu ersetzen.?Sidler war ein Vierteljahrhundert für Panalpina durch die Welt gereist, in Johannesburg, in Nigeria, in Singapur. Er kennt die Branche aus dem Effeff und war stets dabei, wenn das Unternehmen einen neuen Großauftrag an Land zog. Adidas, der Otto-Versand, BMW, Porsche und Hyundai heißen die jüngsten Großkunden der Schweizer. Auch Hard-Rock-International wählte Panalpina aus, um wertvolle Gitarren zur Dekoration der Hard Rock Cafés durch die Welt zu fliegen.Innerhalb des Unternehmens herrscht nach dem Abgang Sidlers Ratlosigkeit. ?Damit hat hier niemand gerechnet?, stöhnt ein Mitarbeiter. Für eine Übergangszeit übernimmt Verwaltungsratspräsident Gerhard Fischer Sidlers Aufgabe. Er nahm bereits bis 1998 diese Doppelfunktion wahr. Im übernächsten Jahr will sich der 72-Jährige jedoch endgültig in den Ruhestand verabschieden ? bis dahin hat er nun einiges zu tun.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Dabei war Panalpina im vergangenen Jahr noch umjubelter Börsendebütant.Dabei war Panalpina im vergangenen Jahr noch einer der umjubelten Börsendebütanten der Schweiz. In einem soliden Markt startete die Gruppe im September als einer der letzten großen Logistiker am Aktienmarkt.Das Unternehmen profitiert wie die gesamte Branche von der Globalisierung vieler Großkonzerne, die ihre Waren rund um den Erdball schicken. Eines der Kerngeschäfte ist die Luftfracht. Hier geht es darum, rechtzeitig Kapazitäten zu buchen und sie dann auch auszulasten ? eine Aufgabe, die Sidler einem altgedienten Manager überlassen hatte.Der verspekulierte sich, häufte hohe Verluste auf und frisierte die Bücher. Offenbar reichte seine Erfahrung auch dafür. ?Er hatte die Hoffnung, die Beträge durch spätere Gewinne auszugleichen?, sagte ein Sprecher am Mittwoch. ?Er hat seine Reputation und Position eingesetzt, und niemand hätte vermutet, dass er so etwas tut.? Als die Sache doch aufflog, habe eine interne Untersuchung in Zusammenarbeit mit den Buchprüfern von Pricewaterhouse Coopers ergeben, dass es sich bei dem Betrug um einen einmaligen Vorgang handle. Panalpina werde dennoch Strafanzeige einreichen.Bisher haben Analysten den Panalpina-Gewinn 2005 auf 91 Millionen Euro geschätzt. Das Konzernergebnis wird nun sinken, aber noch im Rahmen dieser Erwartungen bleiben. Das Unternehmen hatte mit seinem Börsengang 730 Millionen Euro eingenommen. Größter Einzelaktionär ist die renommierte Schweizer Ernst-Göhner-Stiftung mit 43 Prozent. Sie ist nach dem Abgang eines der besten Köpfe bei Panalpina nun auch der größte Verlierer.
Dieser Artikel ist erschienen am 05.01.2006