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Ottos Aufräumer

Christoph Schlautmann
Hans-Otto Schrader hat zwar erst wenige Monate beim Hamburger Versandhausriesen das Sagen. Aber er hat schon viel bewegt. Der 52-Jährige baut vor allem das Auslandsgeschäft kräftig aus. Heute legt er die neuesten Geschäftszahlen der Otto-Gruppe vor.
TWER. Kurz nach Mitternacht stürmt Hans-Otto Schrader in die Hotelbar, die Ärmel seines weißen Hemds hochgekrempelt, den Schlips längst entsorgt. Seine Kollegen begrüßt er mit festem Händedruck. Am Nachmittag habe er sich in einem längeren Gespräch mit Russlands Postminister Andrej I. Kazmin angefreundet, erzählt der seit Herbst amtierende Vorstandschef der Hamburger Otto-Gruppe gut gelaunt.Ob der Postminister denn wisse, dass Ottos Unternehmenstochter Hermes bald schon sein schärfster Wettbewerber werden könnte? Ach wo, daran sei doch gar nicht zu denken, wischt Schrader solche Bemerkungen beiseite und bestellt sich noch ein Obergäriges.

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Erst am nächsten Morgen, kurz nach dem Frühstück, rutscht Logistik-Vorstand Wolfgang Linder dann heraus: ?Wir gucken uns den russischen Markt genau an und wollen dort mittelfristig mit dem Paketgeschäft starten.?Die Episode in Twer, einer etwas heruntergekommenen Großstadt an der Autobahn von Moskau nach Sankt Petersburg, zeigt: Der alte und der neue Otto-Chef unterscheiden sich nicht nur darin, dass der eine den Firmennamen im vorderen, der andere im hinteren Teil seines Namens trägt. Wo bislang Michael Otto vornehm-hanseatisch die Geschicke des Versandkonzerns bestimmte, regiert in der Hamburger Zentrale seit 1. Oktober ein kerniger Stratege, den 30 Jahre im deutschen Einzelhandel geprägt haben. Für den Konzern auch in anderer Hinsicht eine ungewohnte Situation: Nach 26 Jahren führt nun erstmals wieder ein familienfremder Manager den weltweit größten Versandhandelskonzern.Nicht nur Cleverness beim Verhandlungspoker zeichnet den 52-jährigen Betriebswirt aus. Wenn Schrader morgen zum ersten Mal in Hamburg die Jahresbilanz der Handelsgruppe vorstellt, kann er schon erste Erfolge vorweisen. Nach langer Käufersuche schaffte er es im Herbst, den ungeliebten Computergroßhändler Actebis (?Peacock?, ?Targa?) in mehreren Tranchen zu veräußern ? wobei ein Großteil für 110 Millionen Euro an die Beteiligungsgesellschaft Arques Industrie fiel. Vom 50-Prozent-Anteil an den Cash & Carry-Märkten Fegro/Selgros trennte sich Schrader ? nach jahrelangem Ringen zwischen den beiden Eigentümern ? schließlich im März 2008.Dem einstigen Mitgesellschafter Rewe nahm er dafür einen mittleren dreistelligen Millionenbetrag ab ? obwohl Branchenkenner wegen des Rewe-Vorkaufsrechts mit einem deutlich niedrigeren Betrag gerechnet hatten. Das Großhandelsgeschäft, das angesichts des großen Umsatzvolumens nur relativ bescheidene Erträge abwarf, ist er so fast ganz los.Außerdem treibt Schrader die Auslandsexpansion massiv voran. Nicht nur in Japan übernahmen die Hamburger zum Jahreswechsel den 49-Prozent-Anteil ihres bisherigen Kooperationspartners Sumitomo. In Russland, einem Markt mit 142 Millionen Einwohnern und sprunghaft steigender Kaufkraft, kommt Otto mit einem eigenen Versandzentrum nun sogar dem Erzfeind Quelle zuvor. Der ist zwar immer noch Marktführer und verdient in Russland gutes Geld. Aber er wird weiterhin aus Deutschland beliefert ? ein Wettbewerbsnachteil. ?Ich würde Konzernchef Thomas Middelhoff persönlich gratulieren?, lästert Schrader, ?wenn er trotzdem seine angekündigten Russland-Ziele erreicht.?Dass sich Schrader verstärkt auf die Märkte in Mittel- und Osteuropa konzentriert, hat einen triftigen Grund. ?Andere Einzelmärkte sind rückläufig?, sagt er ? und meint damit vor allem Deutschland. Dort verlor allein die Einzelgesellschaft Otto-Versand im letzten Jahr 5,6 Prozent ihres Geschäfts, die Konzerntochter Baur schloss mit einem Minus von 6,6 Prozent ab, der Ableger Heine büßte 5,4 Prozent ein. Das habe den Ertrag im Konzern belastet, heißt es aus Firmenkreisen. Ohne das Auslandsgeschäft, das 53 Prozent zum Konzernumsatz von 11,5 Milliarden Euro beisteuert, wäre die Gruppe womöglich in einigen Jahren am Ende.Bereits jetzt aber warnen Branchenexperten wie Günter Moeller von der Münchener Beratungsfirma HM+P davor, dass Schrader in den Schwellenländern dasselbe Schicksal ereilen könnte wie in Deutschland. ?Auch dort wird der dicke Universalkatalog irgendwann ein Auslaufmodell sein?, glaubt er.Durchaus nicht Schraders einzige Herausforderung. Der Einkaufsexperte arbeitet zwar schon seit 30 Jahren im Konzern, davon die letzten neun im Vorstand. Dennoch muss er mit einer vorzeitigen Ablösung rechnen. Konzern-Inhaber Michael Otto, der an die Aufsichtsratsspitze wechselte, würde die Konzernführung mittelfristig noch lieber in den Händen seines Sohnes Benjamin sehen. Der 32-Jährige aber hat sich erst einmal mit einer Haustechnikfirma in Berlin selbstständig gemacht. Ein Wechsel zu Otto ist deshalb ? zumindest in naher Zukunft ? kaum absehbar. Das sieht auch dessen Vater so. ?Hans-Otto Schrader ist auf keinen Fall ein Übergangskandidat?, sagt Michael Otto und hat ihm einen Fünfjahresvertrag gegeben. Der in Bevensen bei Hamburg geborene Schrader gilt als bodenständig, nicht nur im Unternehmen. Während sich Vorstände anderer Handelskonzerne in Bayreuth vergnügen, besucht der Otto-Chef lieber Konzerte von Bruce Springsteen. Und statt mit Golf hält sich Schrader lieber durch Joggingtouren fit.Sein Führungsstil, sagt Schrader, orientiere sich an Philosophen wie Karl Popper und Friedrich Hegel. Auch für chinesische Weisheiten ist er offen. Eine von ihnen scheint zu lauten: Lasse deinen Gegner nie zu früh in deine Karten schauen. Hans-Otto Schrader 1956Er wird in Bevensen bei Hamburg geboren. Nach dem Studium der Betriebswirtschaftslehre kommt Hans-Otto Schrader 1977 als Revisor zur Otto-Gruppe.1981Schrader wird Projektleiter für die Auslandsaktivitäten der Importorganisation, anschließend stellvertretender Leiter der Einkaufsniederlassung in Hongkong.1993Otto ernennt Schrader zum Einkaufsdirektor.1999Schrader wechselt in den Vorstand der Otto-Gruppe, wo er für Personal und Organisation verantwortlich wird, später zudem für das Asiengeschäft und die europäische Handelsgesellschaft Bonprix.2005Im Januar übernimmt er darüber hinaus die Position des Einkaufsvorstands für den Otto-Versand.2007Am 1. Oktober wird er Vorstandsvorsitzender der Otto-Gruppe.
Dieser Artikel ist erschienen am 19.06.2008