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Otto ohne Otto

Von Gregory Lipinski
Michael Otto zieht sich in den Aufsichtsrat des weltgrößten Versenders zurück. Der 50-jährige Hans-Otto Schrader übernimmt die Macht. Ottos Entscheidung kommt nicht unerwartet ? der 63-Jährige hatte angekündigt, diesen Weg vor seinem 65. Geburtstag einzuschlagen. Im Gegensatz zu seinem eigenen Plan, hat sich sein Lebenstraum bisher nicht erfüllt.
Michael Otto gibt die Leitung des Konzerns in familienfremde Hände. Foto: dpa
HAMBURG. Eigentlich hatte sich Michael Otto gewünscht, dass sein Sohn Benjamin an die Spitze des Hamburger Versandhausriesen rückt. Doch sein Filius verfolgt seit Jahren andere Pläne. Kaum bemerkt von der Öffentlichkeit, rüstet der 31-Jährige lieber Privathäuser und Büros mit Heimkinos, Musikanlagen und Konferenzräumen aus ? und das mit Erfolg.Nun fällt die Wahl auf einen familienfremden Chef. Hans-Otto Schrader soll zum 1. Oktober dieses Jahres den Vorstandsvorsitz des weltgrößten Versenders übernehmen. Er löst Otto ab, der vor Erreichen seines 65. Geburtstags in den Aufsichtsrat wechselt. Schrader, dem Rainer Hillebrand als Stellvertreter zur Seite gestellt wird, führt künftig ein milliardenschweres Katalogimperium mit weltweit mehr als 55 000 Beschäftigten. Zum Konzern gehören Universalversender wie Schwab, Baur und Otto ? mit dem bekannten Werbeslogan: ?Otto ... find? ich gut?.

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Der künftige Vorstandschef hat sein ganzes Berufsleben im Konzern verbracht. Bereits 1977 stößt der Mann mit dem dunklen, leicht wilden Haarschopf und der energischen Stimme als junger Betriebswirt zum Hamburger Versandhandelskonzern. Er durchläuft im Schnelldurchgang verschiedene Stationen im In- und Ausland. Unter anderem wird er Einkaufsleiter in Hongkong und Direktor der Importorganisation der Otto-Gruppe. Dann steigt er 1999 in den Vorstand der Otto-Gruppe auf und kümmert sich um Organisation und Personal. Und 2005 übernimmt er die Verantwortung im Vorstand für den Einkauf des Otto-Versands.Sein Aufstieg überrascht Unternehmenskenner kaum. Seit Jahren fällt Schrader beim Firmenchef immer wieder positiv auf. So beweist er nicht nur ein geschicktes Händchen in Preisverhandlungen mit Lieferanten. Auch als jahrelanger Personalchef macht er eine gute Figur. Er gilt bei Arbeitnehmern, Betriebsräten und Gewerkschaften als beliebt und angenehm. ?Schrader ist ein Mann, der auf die Gewerkschaften zugeht. Man konnte mit ihm immer gut zusammenarbeiten?, meint Verdi-Vertreter Norbert Koesling gegenüber dem Handelsblatt. Ein enger Vertrauter von Schrader ergänzt: ?Der Mann löst Probleme nicht mit der Brechstange. Amerikanische Managementmethoden sind ihm eher fremd.?Lesen Sie weiter auf Seite 2: Der künftige Vorstandschef übernimmt im Oktober ein gut geführtes UnternehmenDieses Geschick hat er vor einigen Jahren unter Beweis stellen können. Ruhig und fast geräuschlos setzte er 2004 in der Hamburger Firmenzentrale die notwendige Rationalisierung um. Damals sollten 500 der rund 3 000 Stellen in der Verwaltung innerhalb von zwei Jahren wegfallen. Für den öffentlichkeitsscheuen Otto, der negative Schlagzeilen über Personalkürzungen verabscheut, stand damit fest: Schrader wäre als sein Nachfolger die Idealbesetzung.Der künftige Vorstandschef übernimmt im Oktober ein gut geführtes Unternehmen. ?Otto ist eines der Vorzeigeunternehmen der Branche. Das Haus ist gut bestellt?, sagt ein Sprecher des Hauptverbands des Deutschen Einzelhandels (HDE).Dennoch steht Schrader vor großen Herausforderungen: Der scharfe Wettbewerb sowie die erhöhte Mehrwertsteuer bremsen den Konsum in Deutschland. ?Wir rechnen für 2007 real mit einem Minus von rund einem Prozent beim deutschen Einzelhandel?, meint ein HDE-Sprecher.Davon dürfte auch der Versandhandel nicht verschont bleiben. ?Wir erwarten 2007 nur ein kleines Plus in der Branche?, ergänzt eine Sprecherin des Bundesverbands des deutschen Versandhandels. Die Otto-Gruppe selbst erwartet hier zu Lande im Versandgeschäft im laufenden Geschäftsjahr 2006/07 (28. Februar) nur noch ein kleines Plus, während der weltweite Gruppenumsatz um rund vier Prozent steigen soll.Für das Inlandsgeschäft muss sich Schrader also etwas einfallen lassen. Unternehmenskenner gehen davon aus, dass er zunächst den bereits von Michael Otto eingeschlagenen Kurs mit Macht weiterverfolgt. Der 63-Jährige drängt seit einiger Zeit in das stationäre Geschäft. So hat Otto beispielsweise Läden für Spielwaren und Kindertextilien eröffnet. Zudem ist der Versender mit Geschäften für Bade- und Wäschemoden unter der neuen Marke ?Lascana? gestartet.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Otto-Senior dürfte nicht lockerlassen, seinen Sohn doch noch ins Unternehmen zu holenSchrader steht aber noch vor weiteren Herausforderungen. Er muss vor allem die Otto-Logistikgruppe Hermes auf das bevorstehende Auslaufen des Briefmonopols weiter vorbereiten. Derzeit plant die Otto-Tochter mit dem niederländischen Postkonzern TNT, ein flächendeckendes Netz aufzubauen, um Briefe an Privatkunden zuzustellen.Schrader läuft sich für die Aufgagen bereits warm. So joggt der Vater von zwei Kindern fast täglich oder fährt mit dem Mountainbike. Doch der neue Mann an der Otto-Spitze hat noch ein weiteres Faible. Er geht gerne zu Rockkonzerten. ?Schrader ist ein Fan von Bruce Springsteen?, verrät ein enger Vertrauter. Er besuche fast jedes seiner Konzert. Doch der neue Otto-Chef liebt auch die ruhigen Momente. Dann liest er vor allem geschichtliche Erzählungen und philosophische Bücher.Für Michael Otto ist Schrader die ideale Besetzung, um den Versandhandelskonzern fit für die Zukunft zu machen. Ob Schrader aber auf Dauer die Führung behalten wird, bleibt abzuwarten. Denn der Senior dürfte nicht lockerlassen, seinen Sohn Benjamin doch noch ins Unternehmen zu holen.Hierzu gibt es Parallelen. So hatte Firmengründer Werner Otto 1966 den Konzern zunächst in die Hände des familienfremden Managers Gunter Nawrath gelegt. Erst 1981, fast zwei Jahrzehnte später, übernimmt dann sein Sohn Michael Otto den Vorstandsvorsitz.Mal sehen, wie viel Zeit diesmal verstreicht.
Dieser Artikel ist erschienen am 18.01.2007