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Stefanie Scharbau
Der Otto Versand hat sich vom nationalen Versandhandelsunternehmen zum Global Player und virtuellen Händler gemausert. Das Unternehmen macht über zwei Milliarden Mark Umsatz im Internet. Und benötigt E-Commerce-Spezialisten.
Der Otto Versand hat sich vom nationalen Versandhandelsunternehmen zum Global Player und virtuellen Händler gemausert. Das Unternehmen macht über zwei Milliarden Mark Umsatz im Internet. Und benötigt E-Commerce-Spezialisten.

Am Anfang war der Schuh. 28 Paar schmückten die insgesamt 14 Seiten des ersten Otto-Katalogs. Heute sind 50.000 verschiedene Produkte in dem dicken Wälzer zu finden. Vom Akku-Rasierer bis zur Wohnzimmerschrankwand bekommt man alles. Jeder achte Deutsche hat einen Katalog zu Hause - und bestellt wie verrückt.

Die besten Jobs von allen


Otto setzt im Inland über 20 Milliarden Mark um, weltweit ist es mehr als das Doppelte. Damit spielt er 30 Milliarden Mark mehr ein als sein größter deutscher Konkurrent Quelle. Die Neckermann Versand AG, die ebenfalls zur Karstadt-Quelle AG gehört, ist Nummer drei der Branche.

Die Anfänge des Konzerns liegen gut 50 Jahre zurück: Werner Otto gründete 1949 einen Schuhversandhandel in Hamburg-Schnellsen. Sieben Jahre später beschäftigte er bereits 500 Mitarbeiter. 1958 setzte er 100 Millionen Mark um. Heute hat der Konzern mit seinen 90 Handelsunternehmen über 71.000 Mitarbeiter.

Klamotten, Kredite, Karibik

Otto will nicht mehr nur ein Versandhändler sein. Der Konzern mischt in vielen Branchen mit: Der Bekleidungshändler Zara Deutschland ist Otto, Sport-Scheck ist Otto, und selbst die Reisebürokette Travel Overland ist Otto. Unternehmen wie die Hanseatic Bank, der Paketservice Hermes und der PC-Großhändler Actebis gehören zum Konzern. Zuletzt hat Otto sich beim Online-Spielzeughändler Mytoys eingekauft.

Für Beteiligungsgeschäfte im E-Commerce hat das Unternehmen im vergangenen August den Wagniskapitalgeber Otto Venture Capital (OVC) gegründet. "Uns interessieren alle Beteiligungen, die eine gute Rendite versprechen und aus denen wir etwas lernen können", sagt der 31-jährige Matthias Peters, der Leiter von OVC.

Zusammen mit vier Mitarbeitern sucht der Wirtschaftsmathematiker seit vergangenem August junge, erfolgversprechende Internet-Unternehmen, an denen Otto sich beteiligen kann. "Wir schauen nach neuen Trends und neuen Technologien. Vorzugsweise in Geschäftsfeldern, in denen wir uns auskennen." Logistik, Einkauf oder Sortimentsgestaltung seien solche Felder.

Mytoys hat Otto in kleinen Häppchen gekauft: Im März 2000 stieg der Konzern mit 20 Prozent ein, übernahm im November noch einmal 20 Prozent von der Medienfirma EM.TV und kaufte in diesem Jahr ein drittes Anteilspaket.

Als Mehrheitseigner mit 74,9 Prozent kümmert sich heute die Konzernmutter um das Unternehmen - OVC betreut lediglich Minderheitsbeteiligungen unter 50 Prozent. "Als wir OVC gründeten, bekamen wir nur wenige Anfragen von kapitalsuchenden Startups. Die Gründer hatten den Versandhändler Otto noch nicht mit den Themen Internet und elektronischer Handel in Verbindung gebracht. Heute landen täglich drei bis vier Businesspläne auf meinem Schreibtisch", sagt Peters.

E-Schnäppchen

Die 100-prozentige Otto-Tochter profitiert vom Börsencrash am Neuen Markt. "Unsere Chancen auf eine gute Beteiligung sind gestiegen. Schließlich ist nicht alles, was E-Commerce heißt, auf einmal schlecht. Aber wir bekommen interessante Angebote für weniger Geld als noch vor einem Jahr." Derzeit beteiligt OVC sich beim Online-Schnäppchenmarkt Ihrpreis.de, Düsseldorf (zehn Prozent), und bei Arcum Medien, Köln, einem Inhalte-Lieferanten und Verlag (35 Prozent).

Handelsspezialist Thomas Claussen von der Unternehmensberatung Accenture findet gute Worte für die Strategie des Hamburger Konzerns: "Otto verwendet seine Kernkompetenzen aus dem Versandhandel und überträgt sie auf das Internet. Gerade die Retourenbearbeitung beherrscht das Unternehmen sehr gut; einer der schwierigsten Prozesse, der bei vielen Startups nicht funktioniert."

Vom Praktikanten zum Strategen

OVC-Leiter Peters ist ein typischer Otto: Lange Verweildauer, hohe Zufriedenheit. Nach seinem Wirtschaftsmathematikstudium an der Uni Hamburg kam er 1996 zu Otto. Peters begann als Praktikant bei dem Büroeinrichtungsversand Otto Büro und Technik und fing dann bei der internen Unternehmensberatung an. Zweieinhalb Jahre später ging er in die Strategieentwicklung. Bereits dort befasste er sich mit der E-Commerce-Strategie des Unternehmens - heute sein Fulltimejob.

"Es ist hanebüchen, was für Anfragen wir manchmal bekommen. Leute schicken einen Dreizeiler und schreiben: Bitte investieren Sie fünf Millionen Mark." Aber es sei nicht immer leicht, gute von schlechten Geschäftsmodellen zu unterscheiden. "Wenn wir den Businessplan Zeile für Zeile mit den Gründern durchgehen und unbequeme Fragen stellen, erkennt man sofort, ob die Idee gut durchdacht ist."

Otto global

Otto Venture Capital will international aktiv werden; eine Beteiligung in Australien gefiele Peters sehr gut. Der Mutterkonzern macht es seinem Startup vor: Otto ist in 23 Ländern vertreten und setzt 55 Prozent im Ausland um. Für ein Handelsunternehmen, das traditionell eher national ausgerichtet ist, ein sehr hoher Anteil: Der Düsseldorfer Metro-Konzern setzt beispielsweise "nur" 42 Prozent im Ausland um.

Die treibende Kraft hinter der Expansion und der Globalisierung des Hamburger Unternehmens heißt Michael Otto. Der Sohn des Gründers Werner Otto leitet das Unternehmen seit 1981 - zusammen mit neun Vorständen. Der Umweltschutz liegt dem mehrfach ausgezeichneten Öko-Manager am Herzen: Er beschäftigt allein 18 Leute, die den Einkauf von umweltverträglichen Produkten überwachen.

Die meisten seiner Mitarbeiter geraten geradezu ins Schwärmen, wenn sie von ihm sprechen. Er habe Weitblick und Visionen - gepaart mit einer gesunden kaufmännischen Vorsicht.

Hanseatisch zurückhaltend zeigt sich das Unternehmen in der Öffentlichkeit. Zahlen und Fakten werden so gut wie gar nicht bekannt gegeben. Von einem Börsengang will Michael Otto nichts wissen. Geld hat er genug. Seine Familie gehört zu den reichsten der Republik, 13 Milliarden Mark sollen ihr gehören.

Auf vielen Wegen zur Ware

Der Otto-Chef hat die Umwandlung seines Versandhandels zum "Multichannel-Anbieter" vorangetrieben. Wer Ware bestellen möchte, kann das über viele Kanäle tun: per Brief, Telefon, Videotext, Internet oder Handy. Über das Internet verdient Otto heute bereits 2,1 Milliarden Mark und steht damit als Internet-Händler weltweit auf Platz zwei hinter dem Buch- und Plattenhändler Amazon.

Selbstverständlich sind keineswegs alle Online-Kunden auch neue Kunden. Denn der Internet-Umsatz dürfte zum Teil zu Lasten des Kataloggeschäfts gehen. In zehn Jahren will das Unternehmen 20 Prozent sämtlicher Geschäfte über das Internet abwickeln. "Ich halte das für absolut realistisch", sagt Unternehmensberater Claussen von Accenture. "Der Versandhandel hat schließlich von allen Handelsformen die höchste Affinität zum Internet."

Um weiter zu expandieren, sucht Otto neue Mitarbeiter. Auf der Homepage stehen über 130 Vakanzen, hauptsächlich für E-Commerce- und Internet-Aufgaben.

Frank Sonneborn steckt schon mitten drin im virtuellen Handel: Der Diplom-Kaufmann ist Leiter E-Commerce für den Einkauf von Hartwaren, also Möbeln, Waschmaschinen oder Stereoanlagen. Der 33-Jährige arbeitet seit vier Jahren im Konzern und berichtet bereits an die Direktionsebene, eine Stufe unter dem Vorstand. Bis zu fünf Hierarchie-Ebenen gibt es im Unternehmen.

"Wenn Ehrgeiz bedeutet, dass man Sachen bewegen will, dann habe ich wohl Ehrgeiz", sagt der Hamburger. "Voraussetzung ist aber, dass der Job Spaß macht. Und in einem so großen Unternehmen wie Otto gehört es auch dazu, dass man ein gutes Netzwerk hat." Zu diesem Netzwerk zählen in erster Linie Förderer, die einen im Blick haben und bei Stellenbesetzungen berücksichtigen.

Internet: Kataloge täglich neu

Sonneborn kümmert sich mit vier Projektmanagern darum, alle Hartwaren - über 20.000 Artikel - online zu präsentieren. Produkte, die nicht zum regulären Sortiment gehören, kauft er selbstständig ein. "Unser Vorteil ist, dass der Platz im Internet nahezu unendlich ist. Wir können mehr Produkte und Service als im Katalog anbieten. Und wir erscheinen nicht nur alle sechs Monate wie der Hauptkatalog, sondern immer wieder neu."

Sonneborns Job ist ein Netzwerk-Job. Als Einkaufsleiter spricht er mit Lieferanten - viel häufiger redet er aber mit seinen Kollegen. Und die sitzen im gesamten Konzern verteilt: im Textileinkauf E-Commerce, im Zentraleinkauf, in der Einkaufssteuerung, im Verkauf Neue Medien, in der Verkaufsförderung, im Marketing oder in der Logistik.

Macht so viel Reden Spaß? "Klar ist es anstrengend, wir betreiben auch Lobbyarbeit. Früher war Otto ein Versandhändler, heute sind wir ein Multichannel-Anbieter. Das müssen wir auch im Haus kommunizieren. Doch ich kann viel selbstständig gestalten, da nehme ich diesen Aufwand in Kauf." Sonneborn hängt sich voll in seinen Job, arbeitet aber nicht mehr als 45 bis 50 Stunden: "Wenn Sie länger brauchen, machen Sie etwas falsch."

Bluse für die Mutter

E-Commerce hin, Telefonbestellung her - wie die Kunden kaufen, ist dem Unternehmen egal. Hauptsache, sie kaufen. Zwei Drittel aller Kunden sind Frauen.

Die typische Kundin ist zwischen 20 und 50 Jahre alt, verheiratet, meist Mutter, oft berufstätig. Diese Klientel versorgt Petra Spiegel mit Blusen, Hosen und Pullovern. Die 37-jährige Bekleidungstechnikerin ist eine von 18 Zentraleinkäuferinnen für die Damenbekleidung und betreut 26 Katalogseiten. "Unser Job hört sich toll an, bedeutet aber auch harte Arbeit. Das sehen nicht alle Kollegen so."

Auf den Job der Einkäuferin sind viele Kollegen neidisch: Spiegel besucht Modemessen in Florenz oder Paris. Sie reist nach New York, London und Antwerpen und stöbert in Modeläden, um sich inspirieren zu lassen. Storechecks nennt die Fachfrau diese Ausflüge. Mindestens zwei Monate pro Jahr ist sie unterwegs; verhandlungssicheres Englisch und Italienisch sind in ihrem Job ein Muss.

Zwei Sommer und ein Winter

Ich arbeite immer an drei Saisons gleichzeitig. Momentan schließe ich die Sommersaison ab, mache Testeinkäufe für die Winterkollektion und plane bereits den nächsten Sommer." Wenn Spiegel während der dreimonatigen Kreativphase nicht unterwegs ist, wälzt sie an ihrem Schreibtisch im Großraumbüro Zeitschriften oder surft im Internet, um mit ihrem Sortiment auf alle Fälle im Trend zu liegen.

Trends setzen will sie allerdings nicht, das sei nicht ihre Aufgabe: "Ich muss dem Kunden anbieten, was er für trendy hält. Gleichzeitig muss die Kleidung tragbar sein und nicht nur im Schaufenster gut aussehen."

Wenn sie ihre Kollektion im Kopf zusammen hat, macht sie sich mit ihrem vierköpfigen Team an die genaue Planung: Gibt es für jede Preisklasse ausreichend Produkte, sind die wichtigen Farben vertreten, stimmt das Angebot an unterschiedlichen Schnitten? Ihr Studium der Bekleidungstechnik an der Fachhochschule Hamburg habe sie nicht ausreichend auf die Arbeit vorbereitet, sagt die junge Frau. BWL-Kenntnisse hat sie sich über die Jahre selbst angeeignet. Zuletzt als Einkäufer bei Jean Pascale, einem Einzelhandelsunternehmen für junge Mode.

Renner und Penner der Saison

Bei Otto ermittelt sie mit Hilfe von Testkatalogen, die eine kleine Kundengruppe erhält, "Renner und Penner" der Saison. Ein richtiger Renner wird 40.000 Mal verkauft, ein Penner vielleicht 1.000 Mal. Erst nach den Reaktionen der Testkäufer platziert Spiegel Aufträge bei den Lieferanten.

"Ich stehe hinter meiner Mode, würde aber nicht alles selbst anziehen. Darf ich auch gar nicht, sonst arbeite ich ja nicht mehr für unsere Kunden, sondern für meinen eigenen Geschmack", sagt Spiegel. Mit einer einfachen Bluse und einem grauen Hosenanzug ist die Modeexpertin schlicht gekleidet.

Wie die meisten ihrer Kollegen tut Spiegel sich schwer, etwas Kritisches über ihren Arbeitgeber zu sagen. "Otto war für mich immer das Unternehmen in der Branche. Ich hätte nie gedacht, dass ich hier mal arbeiten würde. Bis jetzt ist mir noch keine Sekunde langweilig gewesen." Irgendetwas Negatives muss es doch geben. "Naja, die Klimaanlage und die Großraumbüros stören mich manchmal schon ein wenig."

Weitere Informationen unter: www.otto.de
Dieser Artikel ist erschienen am 17.08.2001