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Ostrowski setzt sich bei Bertelsmann durch

Die Würfel im Rennen um den Chefsessel beim Gütersloher Medienkonzern sind gefallen: Der Aufsichtsrat der Bertelsmann AG bestimmte den Chef der zweitgrößten Konzernsparte Arvato am Freitag einstimmig zum Nachfolger von Gunter Thielen (64). Insider nennen einen einfachen Grund, warum der 48-Jährige sich gegen seinen Herausforderer Ewald Walgenbach durchgesetzt hat.
HB GÜTERSLOH. ?Das ist keine Überraschung. Walgenbach hat eben nicht den Stallgeruch wie Ostrowski?, sagt ein Insider zur Begründung. Ostrowski wird zum 1. Januar 2008 den Chefsessel bei Europas größten Medienunternehmen übernehmen. Der bisherige Konzernchef Gunter Thielen wechselt dann an die Spitze des Aufsichtsrates und der Bertelsmann-Stiftung.Vor der Entscheidung hatte ein vierköpfiger Personalausschuss mit Eignerin Liz Mohn sowie den Aufsichtsräten Dieter Vogel, Jürgen Strube und Joachim Milberg einen entsprechenden Vorschlag für Ostrowski unterbreitet. Der 48-Jährige leitet seit 2002 erfolgreich die Druck- und Dienstleistungstochter von Bertelsmann, Arvato AG (Gütersloh).

Die besten Jobs von allen

Die Bertelsmann-Eigentümer Liz und Reinhard Mohn betonten, Ostrowski stehe für exzellentes Unternehmertum und wirtschaftlichen Erfolg. Außerdem repräsentiere er mit seinem partnerschaftlichen Führungsstil die bewährte Bertelsmann-Unternehmenskultur. Die Neuordnung der Führungsspitze sichere langfristig die erfolgreiche Entwicklung des Unternehmens.Mit 47 000 Mitarbeitern und einem Umsatz von rund fünf Milliarden Euro gilt Arvato als eine der wichtigsten Sparten des größten europäischen Medienkonzerns. In diesem Unternehmensbereich hatten auch bisherige Vorstandsvorsitzende von Bertelsmann wie Mark Wössner, Thomas Middelhoff und Gunter Thielen ihre Manager-Karrieren gestartet. Neuer Arvato-Vorstandschef wird Rolf Buch (41).Schon einmal folgte Hartmut Ostrowski beim Gütersloher Medienkonzern Bertelsmann Gunter Thielen auf einen Chefposten: Bei seinem Wechsel an die Spitze von Arvato. Wie sein Vorgänger ist auch der gebürtige Bielefelder Ostrowski schon lange Zeit mit dem Bertelsmann-Konzern verbunden. Er gilt als bodenständig und zielstrebig und hat es bei Bertelsmann früh zu etwas gebracht.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Die Anzeige ?Unternehmertalente gesucht? lockte Ostrowski nach GüterslohDirekt nach seinem Studium der Betriebswirtschaft lockte den damals 24-Jährigen die Anzeige ?Unternehmertalente gesucht? von Bielefeld in die Nachbarstadt Gütersloh. Dort startete er 1982 als Assistent der Geschäftsführung in der damaligen Bertelsmann Distribution. Bereits ein Jahr später war Ostrowski dort als Hauptabteilungsleiter Vorgesetzter von 50 Mitarbeitern. Von einem kurzen Ausflug in die Finanzwelt, den er Ende der achtziger Jahre zu einer Tochter der US-Bank Security Pacific unternahm, kehrte er bald zu Bertelsmann zurück.Im April 1990 wurde er Geschäftsbereichsleiter bei Bertelsmann Distribution, wo er 1992 zum Geschäftsführer aufstieg. Mit dem Wachstum der Sparte wuchs auch sein Aufgabengebiet. 1995 wurde Ostrowski Chef der neu formierten Bertelsmann Service Group innerhalb der Arvato, was ihm den weiteren Weg an die Bertelsmann-Spitze ebnete.Als Ostrowski 2001 zum stellvertretenden Vorstandsmitglied des Konzerns und zum designierten Arvato-Chef erkoren wurde, hatte er Umsatz und Gewinn der Service Group mit Logistik und Service-Centern vervielfacht. Die Mitarbeiterzahl war auf mehr als 11.000 von knapp 3000 Anfang der 90er Jahre gestiegen. Als Thielen 2002 schließlich die Verantwortung für Arvato im Bertelsmann-Vorstand an Ostrowski übergab, war aus dem ehemaligen Unternehmensbereich ?Druck- und Industriebetriebe? ein internationaler Medien- und Kommunikationsdienstleister geworden.Ostrowski übernahm eine Sparte mit einem Umsatz von mehr als 3,7 Milliarden Euro und die Verantwortung für mehr als 30 000 Mitarbeiter. Doch damit war für den Fußballfan und konsequenten Frühaufsteher Ostrowski das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht. Unter seiner Regie erzielte Arvato 2005 mit dem Druck von Büchern und Zeitschriften, Versand- und IT-Dienstleistungen sowie der Produktion von Speichermedien einen Umsatz von 4,4 Milliarden Euro und einen operativen Rekordgewinn von 341 Millionen Euro. Damit war Arvato der umsatzstärkste Geschäftsbereich nach der Fernseh-Tochter RTL Group. Ostrowski ist schon jetzt für knapp 50 000 Mitarbeiter verantwortlich. Zum Jahreswechsel wächst die Verantwortung dann nochmal deutlich: Dann soll der Service-Spezialist Ostrowski, der sich mit Joggen fit hält, den kompletten Medienkonzern Bertelsmann leiten. Dann gilt es für Ostrowski, sechs Unternehmensbereiche zu führen, die 2005 zusammen einen Umsatz von 18 Milliarden Euro erzielten, über 92 000 Mitarbeiter beschäftigen und in mehr als 60 Ländern vertreten sind. Eine neue Herausforderung für den Westfalen und zweifachen Vater, der im Februar seinen 49. Geburtstag feiert. Lesen Sie weiter auf Seite 3: Der Bertelsmann-Konzern: Vom Fernsehen bis zur TelefonauskunftBertelsmann hat sich in 170 Jahren von einem evangelischen Liederbuch-Verlag zum Weltkonzern gemausert - und ist mehrheitlich stets in Familienbesitz geblieben. Der Konzern mit einem Umsatz von 18 Milliarden Euro und einem operativen Gewinn von 1,6 Milliarden Euro im Jahr 2005 steht auf sechs Säulen:RTL: Die Fernsehtochter RTL Group (Luxemburg) ist die größte Sparte im Konzern und sorgte 2005 für mehr als ein Viertel des Konzernumsatzes und fast die Hälfte des operativen Ergebnisses. Sie betreibt 34 Fernsehsender in ganz Europa (RTL, M6, Five) und ist an 34 Radiostationen beteiligt. Die Produktionsfirma Freemantle kreiert Formate wie etwa ?Deutschland sucht den Superstar? und handelt sich damit häufig den Vorwurf von Kritikern ein, platte Inhalte zu liefern. Die Sparte wird vom Österreicher Gerhard Zeiler geführt.Arvato: Die Industrie- und Dienstleistungstochter von Bertelsmann, ist ein wahrer Gemischtwarenladen. Die Palette reicht vom industriellen Tiefdruck (Prinovis) bis hin zu Dienstleistungen wie einer Telefonauskunft (?1 18 18?) und sogar der Übernahme ganzer Kommunalverwaltungen wie im englischen East Riding. Der bisherige Spartenchef Hartmut Ostrowski, wird 2008 vom bisherigen Vorstandsmitglied Rolf Buch ersetzt.Gruner + Jahr: An Europas größtem Zeitschriftenhaus in Hamburg hält Bertelsmann 74,9 Prozent der Anteile. Mit der Übernahme der Stuttgarter Motorpresse und dem Abstoßen von unrentablen US- Aktivitäten im Jahr 2005 hat Gruner + Jahr an Profitabilität gewonnen, muss sich aber immer noch der Krise auf dem Markt der Printmedien erwehren. Vorstandschef ist Bernd Kundrun.Random House: Die weltweit größte Buchverlagsgruppe mit Sitz in New York verbindet Anspruch und Kommerz. Die Verlage der Gruppe geben philosophische Abhandlungen und wissenschaftliche Literatur ebenso heraus wie Biografien von Boris Becker und Dieter Bohlen. Mit dem Autor Dan Brown (?The Da Vinci Code?) hat Random House einen der weltweit erfolgreichsten Schriftsteller unter Vertrag. Künftig will die Gruppe auch stärker in den Markt mit Literaturverfilmungen einsteigen. Sie wird vom US-Amerikaner Peter Olson verantwortet. Direct Group: Das Geschäft mit Buch- und Musikclubs ist die Keimzelle des modernen Bertelsmann-Konzerns. Mit dem Ausbau des deutschen Clubs hat Reinhard Mohn das gesamte Unternehmen nach dem Krieg groß gemacht. Das Geschäft schwächelte jahrelang vor allem in Deutschland und Großbritannien, ist aber inzwischen wieder profitabel. In Übersee aber auch etwa in Spanien und Portugal floriert die Clubidee ungebrochen. Vorstandschef ist Ewald Walgenbach, den deutschen Club verantwortet Fernando Carro.Sony BMG: Die Musiksparte von Bertelsmann ist am vergangenen Jahr um das Verlagsgeschäft verkleinert worden. Der Musikverlag BMG Music Publishing ist an den Konkurrenten Universal, Tochter des französischen Vivendi-Konzerns verkauft worden. Übrig bleibt eine 50- Prozent-Beteiligung an der weltweit zweitgrößten Plattenfirma Sony BMG, mit dem früheren Bertelsmann-Vorstand Rolf Schmidt-Holtz an der Spitze. Das Geschäft mit dem Verkauf von Tonträgern steckt weiterhin in der Krise, weil illegale Downloads im Internet die Gewinne schmälern.
Dieser Artikel ist erschienen am 19.01.2007