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Old Germany und internationale Rechnungslegung

Von Chris Löwer, Handelsblatt
Im internationalen Vergleich sehen deutsche Wirtschaftsprüfer (WP) ziemlich alt aus. Kaum jemand, der als examinierte Kraft jünger als 32 Jahre ist. Schuld sind die, trotz bisheriger zarter Reformen, langen Ausbildungszeiten.
Im internationalen Vergleich sehen deutsche Wirtschaftsprüfer (WP) ziemlich alt aus. Kaum jemand, der als examinierte Kraft jünger als 32 Jahre ist. Schuld sind die, trotz bisheriger zarter Reformen, langen Ausbildungszeiten.Die Berufsstarterbiografie gestaltet sich normalerweise so: BWL-Diplom, dann sechs Jahre Vollzeitjob als Prüfungsassistent und Steuerberater, nebenher lernen - zunächst für das Steuerberater-Examen, dann für den WP-Abschluss. Doch den gibt's oft nicht im ersten Anlauf: Die Durchfallquote im WP-Examen für Steuerberater liegt bei 50 Prozent. ?Bei Kandidaten für das Vollexamen inklusive Steuerrecht munkelt man gar von 90 Prozent?, sagt ein frisch gebackener WP, der namentlich nicht genannt werden will. Diskretion muss schon sein.

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Es ist eine der aufwändigsten und schwierigsten Prüfungen überhaupt. Umso ärgerlicher, wenn Absolventen, die nach Plan ihren Abschluss gemacht haben, feststellen müssen, dass, allen Qualen zum Trotz, ein Kompetenzloch klafft: Allein mit dem Handelsgesetzbuch (HGB) in der Hand kommt man inzwischen nicht mehr weit. In einer globalisierten Wirtschaft ist es wesentlich, fit in internationaler Rechnungslegung nach IAS/IFRS und US-GAAP zu sein.Denn die setzt sich mehr und mehr durch. Ab 2005 müssen so gut wie alle börsennotierten EU-Unternehmen nach IAS bilanzieren. Doch auch die kleinen unt mittleren kleinen und mittleren Unternehmen kommen unter Zugzwang: Entweder, weil sie im SMAX börsennotiert sind oder sich für ausländische Investoren oder Ratings oder im Zuge einer externen Nachfolgeregelung für ein neues Management aufhübschen wollen. Damit schlägt die Stunde des Certified Public Accountant (CPA), gewissermaßen der US-amerikanischen Variante eines WPs, der sich mit internationalen Standards bestens auskennt.Denn daran hapert hierzulande. Peter Leibfried, Vorstand der FAS AG und Vorstandssprecher der German CPA Society, sieht die Branche nur schlecht vorbereitet: ?Es geht bei der internationalen Rechnungslegung nicht um fünf neue Regeln, sondern um einen komplett neuen Ansatz, der ähnlich komplex ist wie das deutsche Steuerrecht. Das wird von Prüfern und Unternehmern unterschätzt.? Hinzu komme, dass die Regeln allein in Fachenglisch vorliegen und sich ständig ändern, also nachgehalten werden müssen.Außerdem gebe es in Deutschland niemand, der wie die US-Börsenaufsicht SEC (Securities & Exchange Commission) prüfe, ob die Rechnungslegung den Standards entspricht. Leibfried fordert: ?Es muss eine wirkungsvolle Kapitalmarktaufsicht eingerichtet werden, die die Bilanzen der Unternehmen auf die Anwendung von IAS und US-GAAP hin kontrolliert.? Dies geschehe am besten mithilfe eines CPAs.Ein CPA allein macht allerdings noch keinen Jahresabschluss. Er unterstützt den WP bei der Erstellung und Prüfung internationaler Abschlüsse, berät Unternehmen und vermittelt zwischen europäischen und angelsächsischen Finanzkreisen. Seine Funktion besteht bis auf weiteres darin, an der Internationalisierung der Abschlussprüfung, Rechnungslegung und im Controlling mitzuwirken. In Deutschland dürfen CPAs weder Jahresabschlussprüfungen vornehmen noch Bestätigungsvermerke erteilen.Bernd Rödl, geschäftsführender Partner von Rödl & Partner, hält das für richtig: ?In Deutschland wird bis heute nur der Titel Wirtschaftsprüfer anerkannt, der einem hohen Qualitätsanspruch unterliegt ? und das zu Recht. Hier besteht insbesondere in den USA Nachholbedarf.?Beim WP-Branchenriesen Deloitte & Touche wird Nachwuchs, der das CPA-Examen ablegen will, zwar gefördert, aber zugleich gemahnt, dass am WP-Abschluss kein Weg vorbei führt - sofern die Karriere nicht in einer Sackgasse enden soll.Die Wirtschaftsprüferkammer verweist darauf, dass international anerkannte Rechnungslegungsstandards ab dem kommenden Jahr zum Prüfungskatalog gehören werden. Daher sei ein CPA-Titel als Ergänzung zur WP-Qualifikation sinnvoll, ersetze diese aber keineswegs.Trotz der begrenzten Befugnisse gewinnt der CPA hierzulande zunehmend Freunde. Allein der US-Berufsstand CPA zählt etwa 1 200 deutsche Mitglieder und die German CPA Society kommt auf gut 300. Viele sehen im CPA eine nützliche Zusatzqualifikation im Hinblick auf die IAS-Einführung: Von den 7 000 börsennotierten europäischen Firmen erstellen erst knapp 300 ihre Abschlüsse nach IAS.?In vielen Unternehmen wird das HGB in fünf Jahren keine Rolle mehr spielen?, prophezeit Peter Leibfried. Spätestens dann würde sich ein neuer Berufsstand herausbilden, der die Fähigkeiten von Steuerfachleuten, WPs und CPAs vereint.Auch Bernd Rödl geht davon aus, dass sich CPA und WP langfristig angleichen werden - und hofft dabei auf Solidität: ?Es wäre wünschenswert, wenn das Qualitätsniveau des CPAs deutlich gesteigert wird, anstatt einen Wirtschaftsprüfer light einzuführen.?
Dieser Artikel ist erschienen am 27.10.2003