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Ohne Zähnezeigen geht?s nicht

Von Julia Leendertse
Karrierefrauen müssen im Beruf das Unmögliche schaffen - ganz Dame und Despot zugleich zu sein. Doch ihnen werden nicht dieselben Dominanz- und Unterdrückungsmechanismen zugestanden wie ihren männlichen Kollegen.
Ließ die anderen einst strammstehen: Ex-US-Außenministerin Madeleine Albright. Foto: ap
Seien Sie ehrlich, woran denken Sie bei dieser Geschichte? A legt B den Arm um die Schulter und sagt freundschaftlich ?Hallooo, das fand ich ja wirklich toll, wie du das Geschäft zum Abschluss gebracht hast. Eine Meisterleistung. Komm, ich lad dich nachher auf ein Bier ein. Das müssen wir feiern.? A berührt B, lobt B, lädt B ein. A ist sicher der Chef von B, aber könnte A auch Bs Chefin sein??Berühren, loben, einladen ? so verhalten sich typischerweise Menschen, die sich höher gestellt fühlen?, erklären die Statusforscher Johannes Lehner und Walter Ötsch von der Universität in Linz: ?Doch obwohl auch Frauen sich so geben können, denken die meisten von uns bei A automatisch an einen Mann.?

Die besten Jobs von allen

Die beiden Wissenschaftler haben sich intensiv mit Statusspielen im Berufsleben beschäftigt und dabei auch wissenschaftlich festgestellt: Beim Kampf um Macht und Einfluss werden Frauen nicht dieselben Dominanz- und Unterdrückungsmechanismen zugestanden wie ihren männlichen Kollegen. Männer reißen öfter Witze, pflegen einen informellen, häufig sogar bewusst schlampigen Sprachstil ? nach dem Motto ?Seht her, was ich mir alles herausnehmen kann? und neigen mehr zu jähen Themenwechseln. Frauen in gehobeneren Positionen wird hingegen ein damenhafteres, anständigeres Verhalten abverlangt.Keine Temperamentsausbrüche, kein ausladenes Gestikulieren, bloß nicht zu schnell sprechen, das würde die männlichen Kollegen nur abschrecken und in ihren Vorurteilen bestätigen ? dass Frauen eben viel zu emotional sind, um sich zu beherrschen. Stattdessen üben sich Top-Managerinnen in Disziplin. Sie sagen in klaren, einfachen Worten, was sie denken, bringen sachlich rüber, was sie wollen, und holen am Ende die Punkte nach Hause, weil sie die Selbstbeherrschung nicht verlieren und damit auch nicht die Kontrolle über das Geschehen. ?Top-Managerinnen wissen heute sehr wohl sich durchzusetzen, aber achten genauso streng darauf, nicht aus der Rolle zu fallen?, bestätigt Christine Stimpel, designierte Geschäftsführerin der Personalberatung Heidrick & Struggles. Und dass brave Mädchen vielleicht in den Himmel kommen und böse überall hin ? nur nicht in die Top-Etagen der Unternehmen.Viele Verhaltensweisen, die Manager gut gebrauchen können, um sich an die Spitze hochzuboxen, sind Frauen also nach wie vor verwehrt. ?Ein militärischer Ton, brachiales Vokabular um Kampf und Wettbewerb oder sexuelle Anspielungen funktionieren bei Männern und steigern sogar ihren Status?, betonen die Autoren Ötsch und Lehner (?Jenseits der Hierarchie?, Wiley Verlag). ?Wenn Frauen dagegen dieselben Stilmittel einsetzen, laufen sie Gefahr, systematisch im Rang zurückgestuft zu werden.?Doch heißt das im Umkehrschluss, dass sich Frauen möglichst angepasst verhalten müssen, um überhaupt aufsteigen zu können? Vieles spricht dafür: Ob die amerikanische Außenministerin Condoleezza Rice, Bundeskanzlerin Angela Merkel, KfW-Chefin Ingrid Matthäus-Maier, McKinsey-Partnerin Clara Streit oder Morgan-Stanley-Deutschland-Chefin Dagmar Kollmann ? Frauen, die in der ersten Liga spielen, verfügen über eine gewisse Gravitas. ?Sie strahlen Würde, Ruhe und Präsenz zugleich aus. Schon deshalb nimmt man ihnen ab, dass sie kompetent sind und nicht so schnell einknicken?, hat Personalberaterin Stimpel immer wieder festgestellt.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Männer schrecken vor keiner vollmundigen Ankündigung zurückViele Frauen entscheiden sich aber gerade deshalb gegen den weiteren Aufstieg, weil sie das Gefühl haben, sich permanent verstellen zu müssen. ?Über die Jahre wurde es mir fast zur körperlichen Anstrengung, ständig die Ruhige zu geben, mich zurückzuhalten, um möglichst keine Angriffsfläche zu bieten?, erinnert sich sie Abteilungsleiterin eines Medienunternehmens. Die Stuttgarter Top-Anwältin Katrin Haußmann aus der Wirtschaftskanzlei Gleiss Lutz kritisiert: ?Wenn Frauen sich äußern, sind sie aus ihrer anerzogenen Zurückhaltung heraus immer so zögerlich, dass sie wie mit eingelegtem Rückwärtsgang auftreten.? Ganz anders als die meisten Männer, die der Karriere zuliebe vor keiner vollmundigen Ankündigung zurückschrecken ? und sich damit innerhalb der eigenen Firma 1a verkaufen und für den Aufstieg empfehlen. Und genau das trauen sich Frauen fast nie. Allein schon, dass Frauen sich bemühen, sich möglichst korrekt auszudrücken, kommt völlig anders an als gewollt. Und zwar als Zeichen von Schwäche statt Souveränität.Zum Erfolgsgeheimnis von Frauen dagegen gehört neben der Maxime ?Lieber keine Experimente wagen? auch die Erkenntnis, dass es im Job nicht in erster Linie um Selbstverwirklichung geht. Sondern darum, einer Rolle zu entsprechen. ?Frauen, die das für sich geklärt haben, verschafft ihre Arbeit und das Gefühl, dass sie ihre Rolle ausfüllen, so viel Energie, dass sie am Ende von der Rolle selbst getragen werden?, urteilt Stimpel.Wer einmal oben angekommen ist, hat?s leichter. Fakt ist aber auch: Ohne eine gewisse Grundaggressivität und den eisernen Willen, sich ständig an die Spitze zu stellen, kommt keiner ? weder Mann noch Frau ? in die Chefetage eines Konzerns oder einer Regierung. So verriet die amerikanische Ex-Außenministerin Madeleine Albright, dass sie schon als Internatsschülerin Dominanz an den Tag gelegt hat: ?Ich war für die Inspektion der Zimmer verantwortlich ? ohnehin ein Streberposten, aber ich setzte noch eins drauf. Aus der Zimmerinspektion wurde bei mir eine persönliche Inspektion: Ich bestand darauf, dass die Mädchen mir ihre sauberen Hände und Fingernägel vorzeigten, bevor sie zu den Mahlzeiten gehen durften.?Auch Elisabeth Noelle-Neumann, Gründerin des Instituts für Demoskopie in Allensbach, schwört auf preußische Tugenden, Disziplin und Selbstbeherrschung: ?Erst das macht den Menschen frei und verhindert, dass man verfällt?, meint die 89-Jährige, die bis heute in aller Frühe aufsteht, um den Tag mit Schreiben zu beginnen. Der Glaube an Disziplin und Selbstbeherrschung hielt die Mutter der Meinungsforschung in Deutschland allerdings keinesfalls davor zurück, eigensinnig und streitbar nur das zu machen, von dem sie persönlich überzeugt war. Schon in ihrer Jugend war sie eher wild. Mit 13 zog sie durch die Bars ? und das in Berlin Ende der zwanziger Jahre. Also in einer Zeit, in der es selbst verheirateten Frauen nicht erlaubt war, mit anderen Männern Essen zu gehen.Mit 15 flog Noelle-Neumann vom Elite-Internat, weil sie ein anderes Mädchen zu nächtlichen Kneipentouren verführt hatte und sich mit einem Jungen traf ? und mit 16 nahm sie sich eine eigene Wohnung. Ihre Eltern hatten resigniert. Mit ihrer Vergangenheit als schwer erziehbares Mädchen befindet sich die Grande Dame der Demoskopie jedoch in guter Gesellschaft. Der ehemalige Manager Hans-Olaf Henkel erzählt immer wieder gern, dass seine Mutter ihn einst aus Verzweiflung in ein Heim für Schwererziehbare gesteckt habe. ?Es ist dieselbe Energie, die aus Kindern Vorstandsvorsitzende oder Bandenführer macht?, erklärt Jens Weidner, Kriminologe und Managementcoach in Hamburg. ?Ob diese aggressive Kraft aber am Ende positiv oder negativ genutzt wird, ist eine Frage der Erziehung zum Guten oder Bösen.?
Dieser Artikel ist erschienen am 09.11.2006