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Ohne Vermächtnis

Von Martin-W. Buchenau und Dieter Fockenbrock
Zum letzten Mal wird Hilmar Kopper am heutigen Mittwoch die Hauptversammlung von Daimler-Chrysler leiten. Die Bilanz seines Arbeitslebens ist zwiespältig: Als Banker war er erfolgreich, als Aufsichtsrat zeigte er wenig Profil. Er folgte den Vorstandschefs fast blind ? auch beim Kauf von Chrysler. Anfeindungen kassierte er deshalb viele. Sein größter Kritiker wartet schon.
Die Herausforderung kommt mit dem Tagesordnungspunkt neun. Der Professor tritt ans Rednerpult und liest dem gelernten Bankkaufmann die Leviten. Der Attackierte sitzt wie ein Monolith auf seinem Stuhl und versucht, die Fassung zu wahren. Auch wenn ihm die Zornesröte zuweilen in den Kopf steigt.Ekkehard Wenger wird am heutigen Mittwoch zur letzten Schlacht gegen Hilmar Kopper antreten, ein selbst ernannter Aktionärsaktivist gegen den einst mächtigsten Banker der Republik. Ort des Geschehens: Die Daimler-Chrysler Hauptversammlung im Berliner Congress Centrum. Es ist der Schlusspunkt einer ungewöhnlichen Beziehung. Der Ablauf des Geschehens scheint festzustehen.

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Seit Kopper die Geschicke des größten deutschen Industriekonzerns kontrolliert, muss er sich auch mit dem streitbaren Professor herumschlagen. Seit 17 Jahren herrscht Krieg der Worte. Kopper ist für Wenger nur Mitglied eines ?Kartells von Betonköpfen, das die deutsche Wirtschaft beherrscht?. Mit diesen Worten stellte der HV-Schreck Wenger 1992 auf einer Veba-Hauptversammlung sein Verhältnis zu Kopper klar.Formal betrachtet, war der Vorstandssprecher der Deutschen Bank damals der einflussreichste Banker im Lande. Mitte der neunziger Jahre zählte Kopper elf Aufsichtsmandate in großen in- und ausländischen Konzernen: Akzo, Bayer, Linde, Lufthansa, Münchener Rück, RWE, Veba, Solvay, Xerox. Bei Mannesmann hatte er neben Daimler seinen zweiten Vorsitz. Dennoch blieb Kopper als gestaltende Kraft der Wirtschaft seltsam blass.Zwar stellte er die entscheidenden Weichen, um die nationale Deutsche Bank zu einem global agierenden Finanzinstitut umzubauen. Ein industriepolitisches Vermächtnis stellt ihm allerdings niemand aus. ?Kopper hatte nichts Besonderes?, sagt der Wirtschaftshistoriker Michael Hartmann von der TU Darmstadt. Als Multi-Aufsichtsrat der deutschen Industrie habe er sich verhalten ?wie viele andere Aufsichtsräte auch.? Und selbst auf seinem wichtigsten Kontrollposten, bei Daimler-Chrysler, habe Kopper vor allem das abgesegnet, was der Vorstand wollte, kolportieren Unternehmenskreise.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Als Kopper die Nerven durchgingen.Kopper selbst würde sich zu solchen Fragen oder über seine Gegner niemals öffentlich äußern. Das verbietet dem Ein-Meter-neunzig-Mann die preußische Erziehung. ?Eine Hauptversammlung als Gericht zu missbrauchen ist in Deutschland üblich?, pflegte Kopper allenfalls hölzern zu formulieren.Nur einmal, auf dem Aktionärstreffen des Daimler-Konzerns im Frühjahr 93, gingen Kopper die Nerven durch. Er verpasste dem Aktivisten Wenger Redeverbot und ließ ihn aus dem Saal schleppen. Das gab es noch nie. Koppers Image als stets kontrollierter Kontrolleur war angeschlagen. Kaum überrascht von diesem Ausbruch zeigten sich dagegen alle, die ihn kannten: Dass der stets Ruhige nur bis zu einem bestimmten Punkt gelassen blieb und dann explodierte, war kein Geheimnis.Jetzt, nach 17 Jahren, tritt Kopper als Aufsichtsratschef bei Daimler ab. Und mit ihm endet auch eine Ära. Für Deutschland und für den Autokonzern. Der frühere Vorstandssprecher der Deutschen Bank ist die letzte Symbolfigur der Deutschland AG mit ihrer engen Verflechtung zwischen Banken und Industrie. Und er steht für den zweimaligen Radikalumbau des Daimler-Konzerns. Erst zum integrierten Technologiekonzern Edzard Reuters, dann zur Welt AG Jürgen Schrempps. Beide Konzepte sind gescheitert.Die Deutschland AG ist inzwischen fast vollständig aufgelöst. Selbst die Deutsche Bank hat nur noch weniger als fünf Prozent der Daimler-Aktien. Solange aber Kopper Chefkontrolleur bei Daimler war, so lange lag die Vermutung in der Luft, dass in dem größten heimischen Industriekonzern nichts ohne die größte Bank im Lande geht. Der 72-Jährige selbst wird zwar nicht müde, sein Mandat als ?rein persönlich? zu qualifizieren. Doch schon ein Blick in die Geschichte des Daimler-Konzerns zeigt, dass das führende Geldhaus und der Stuttgarter Autohersteller ein besonderes Verhältnis pflegen. So spielte die Deutsche Bank 1926 als Geburtshelfer bei der Fusion der Daimler Motoren Gesellschaft mit Benz & Cie. eine Rolle. Auch später, in den 70er-Jahren, bewährte sich die enge Verbindung. Als 1975 Großaktionär Friedrich Karl Flick 39 Prozent der Daimler-Aktien an den Schah von Persien verkaufen wollte, stieg die Deutsche Bank mit 29 Prozent ein. Der Konzern war vorerst gegen eine feindliche Attacke geschützt.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Kopper und Schrempp finden einander.Stattdessen betätigte sich Daimler-Benz später selbst aktiv am Umbau der Industrielandschaft unter wohlwollender Obhut der Deutschen Bank und im Besonderen Hilmar Koppers. Erste Baustelle: die Neuordnung der Luft- und Raumfahrtindustrie unter dem Dach der Daimler-Tochter Dasa.In diesen Jahren lernten sich auch Kopper und Jürgen E. Schrempp besser kennen. ?Brüder im Geiste?, sagen Menschen, die ihnen nahe stehen. Der Westpreuße Kopper wie der Badener Schrempp kämpften sich ? ohne akademische Weihen ? in die Spitzenjobs der Wirtschaft. Beide sind kantige Typen, denen der Zorn schnell zu Kopfe und in die Stimme steigt. Folgerichtig fädelte Schrempp auch mit Kopper den Deal des Jahrhunderts ein, die Übernahme des amerikanischen Autoherstellers Chrysler. Der wird nun rückabgewickelt ? allerdings ohne die Beteiligung der beiden Herren.Kopper hält sein Gegenüber immer ein wenig auf Distanz. Öffentliche Auftritte absolviert er routiniert, aber steif, seine Meinung formuliert er dennoch klar. Wie an diesem legendären 21. April 1994. Da sorgte er vor laufender Kamera für einen Skandal mit nachhaltiger Wirkung. ?Wir reden hier eigentlich von Peanuts?, lautete der denkwürdige Satz. Gemeint waren Rechnungen über 50 Millionen D-Mark, die kleine Handwerker gegen den Pleitier Jürgen Schneider offen hatten. Für die Deutsche Bank kein Problem, wollte Kopper sagen. Angekommen war die Arroganz des Mächtigen.Kein Zitat verfolgt den Manager so nachhaltig wie dieses. Kopper deshalb aber zu ?Mr. Peanuts? zu degradieren, das hieße, sein Wirken zu unterschätzen. Bei Daimler jedenfalls sind unter seiner Kontrolle Milliardenwerte gehoben, aber auch wieder versenkt worden.Lesen Sie weiter auf Seite 4: Kurzer Lebenslauf.Hilmar Kopper1935: Am 13. März wird er in der Nähe von Danzig geboren. 1945 flüchtet die Familie nach Lübeck.1954: Beginnt er nach dem Abitur eine Banklehre bei der Rheinisch-Westfälischen Bank AG in Köln. Im Anschluss geht er als Trainee in die USA.1969: Übernimmt er die Leverkusener Filiale der Deutschen Bank. ZweiJahre darauf wechselt er zur Beteiligungsfirma Deutsch-Asiatische Bank AG, sammelt dort internationale Erfahrungen.1977: Er wird Mitglied des Vorstands der Deutschen Bank, wo er 1989 nach der Ermordung seines Vorgängers Alfred Herrhausen Vorstandssprecher wird.1990: Er wird Aufsichtsratsratschef von Daimler-Chrysler.Heute leitet er im Berliner Congress Zentrum zum letzten Mal die Hauptversammlung.
Dieser Artikel ist erschienen am 04.04.2007