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Ohne Risiken, mit Nebenwirkungen

Hans-Martin Barthold
Für Pharmazeuten gibt es genug Jobs in Apotheken oder in der pharmazeutischen Industrie. Doch reich wird man damit nicht unbedingt.
Für Pharmazeuten gibt es genug Jobs in Apotheken oder in der pharmazeutischen Industrie. Doch reich wird man damit nicht unbedingt. Diskussionen über die Zukunft des Gesundheitswesens und die Zulassung von Internet-Apotheken bereiten den Apothekern Sorgen.Das könnten Gründe dafür sein, dass die Zahl der Erstsemester schrumpft ? dem günstigen Arbeitsmarkt zum Trotz. In den vergangenen zwei Jahren ergatterten auch Bewerber mit mäßigem Abi-Schnitt ohne lange Wartezeit einen Studienplatz. Wer nicht zum Wintersemester zugelassen wurde, konnte meist im darauf folgenden Sommersemester starten.

Die besten Jobs von allen

Das Pharmaziestudium dauert vier Jahre, ist verschult, interdisziplinär und anwendungsorientiert. Klingt ideal, ist es aber nicht für jeden ? jeder Dritte bricht das Studium ab. Interdisziplinär heißt, dass Mathematik, Chemie, Biologie und Physik auf dem Stundenplan stehen. "Im Pharmaziestudium ist nicht bei allen Naturwissenschaften der gleiche Tiefgang erforderlich. Die meisten Studienanfänger sind aber überrascht, dass sie in keinem Fach ohne Chemie auskommen", sagt Claus Passreiter, Fachstudienberater an der Düsseldorfer Universität. Dort gibt es den bundesweit größten Fachbereich Pharmazie.Jedes Semester stehen drei bis vier Klausuren an, der Lernaufwand für jede einzelne ist so groß wie für drei Abiturklausuren zusammen. Und der Stundenplan ist mit 34 Semesterwochenstunden voll gepackt. Mehr als die Hälfte der Veranstaltungen sind Laborpraktika, Anwesenheit ist Pflicht. Gleich im ersten Semester verbringen Studenten 170 Stunden im Labor.Auch mit der neuen Approbationsordnung, die die Ausbildung der Pharmazeuten regelt, hat sich die Zahl der Laborpraktika kaum zu Gunsten von Seminaren reduziert. Die Dominanz der Naturwissenschaften bleibt. Zumindest ist der Anteil der pharmakologisch-medizinischen Fächer gestiegen: Studenten beschäftigen sich damit, wie Medikamente im menschlichen Körper wirken. Außerdem ist die klinische Pharmazie, sprich Krankheitslehre und Therapie, neben den Naturwissenschaften zum Prüfungsfach im pharmazeutischen Examen geworden.Das Ziel dieser Neuerungen: Absolventen sollen Kunden in der Apotheke kompetent beraten. Außerdem können Studenten jetzt Wahlpflichtfächer belegen und sich gezielter auf einen Job in der Wissenschaft oder der Industrie vorbereiten. Ein Defizit bleibt: BWL steht auch künftig nicht auf dem Lehrplan der Universitäten.Dabei brauchen viele Absolventen kaufmännisches Handwerkszeug. 40 Prozent aller berufstätigen Apotheker sind selbstständig. Das Geschäft ist schwierig: Zwei Fünftel aller Apotheken schreiben rote Zahlen. Im Jahr 2000 machte eine Apotheke im Schnitt einen Umsatz von 1,25 Millionen Euro. 60 Prozent der Apotheken lagen unter diesem Durchschnitt. Im vergangenen Jahr registrierte die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände 23 Apothekenschließungen mehr als Neueröffnungen. Bezogen auf die Gesamtzahl der Apotheken macht dies zwar nur einen geringen Prozentsatz aus. Aber der Trend zu immer weniger Apotheken setzt sich damit fort.Anders als für Arztpraxen gilt für Apotheken uneingeschränkte Niederlassungsfreiheit. In Deutschland gibt es zurzeit 21 600 öffentliche Apotheken ? eine versorgt im Schnitt 3 .00 Einwohner ? und 563 Krankenhausapotheken. Hier spielen Rezeptur und Defektur, nämlich die Herstellung von Arzneimitteln als Unikat oder in kleinen Mengen, eine größere Rolle.Wie das Gesundheitswesen von morgen aussieht und wie es finanziert wird, ist unsicher. Heute entfallen zwei Drittel des Apothekenumsatzes auf die gesetzliche Krankenversicherung. Einschnitte hätten für Apotheker schwere Folgen. Der Apothekenbestand würde ebenso ausgedünnt, wenn von der bislang ehernen Regel des Apothekengesetzes "Ein Apotheker ? eine Apotheke" abgerückt würde und sich wie in Großbritannien große Apothekendiscounter etablierten. Die Beschäftigungsstruktur würde durcheinander gewirbelt: Derzeit befinden sich mehr als die Hälfte der Apotheker im Angestelltenverhältnis. Ein Discounter mit einem Apotheker könnte fünf Einzelapotheken ersetzen.Arbeitsplatzeinbußen brächte auch die Einführung eines Arzneimittel-Versandhandels mit sich. Noch ist es in Deutschland verboten, apothekenpflichtige Medikamente via Internet zu verkaufen.Alternativen zum Apothekerberuf bieten Schering, Bayer, Hoechst & Co. ? etwa in Forschung und Entwicklung, Qualitätskontrolle oder Qualitätsmanagement. Der Einstieg in Bio- und Gentechnologie könnte in der pharmazeutischen Industrie zusätzliche Stellen schaffen. Derzeit heuert nur jeder zehnte Absolvent bei einen Pharma-Unternehmen an. Ein Doktortitel ist gern gesehen, in der pharmazeutischen Entwicklung ist die Promotion Einstellungsvoraussetzung.
Dieser Artikel ist erschienen am 18.07.2002