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Ohne Chauffeur und Expressaufzug

Von Peter Köhler
Das Bild hat etwas Beruhigendes. Langsam dreht sich der 224 Meter lange, weiße Koloss im Kieler Hafen. Franz S. Waas blickt immer mal von seinem Schreibtisch im fünften Stock auf und schaut hinunter auf die ?M/S Color Fantasy?. Er genießt den Blick auf das weltgrößte Kreuzfahrtschiff mit Autodeck auch deshalb, weil es seine Bank mitfinanziert hat.
HB KIEL. Mit dem idyllischen Ausblick auf die Majestäten der Weltmeere ist es bald vorbei. Waas wechselt spätestens zum Beginn des kommenden Jahres vom Vorstand der HSH Nordbank nach Frankfurt an die Spitze der Dekabank ? von der soliden Landesbank zum angeschlagenen Fondsdienstleister der Sparkassen. Der drahtige, etwa 1,75 Meter große 44-Jährige mit den markanten Augenbrauen soll die Dekabank wieder auf Kurs bringen. Waas gibt sich kämpferisch: ?Aus jeder Krise wachsen auch Chancen.?Der neue Vorstandschef muss der Fondsmarke Deka möglichst rasch zu neuem Glanz verhelfen. Früher war sie ein Selbstläufer. Heute ist ihr Ruf ramponiert. Vor allem der offene Immobilienfonds für Deutschland geriet zum Debakel und kostete letztlich den früheren Dekabank-Chef, Axel Weber, den Kopf. Das kam so: Ein führender Dekabank-Manager war in den Frankfurter Immobilienskandal verwickelt. Tausende Anleger verloren das Vertrauen in den Fonds und gaben Anteile in Milliardenhöhe zurück.

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Doch das ist nicht das einzige Problem, das Waas jetzt so schnell wie möglich lösen muss. Die Aktienfonds entwickeln sich schlechter als die der Konkurrenz. Die Anleger bleiben weg. Erst vor wenigen Tagen rutschte die Deka in der Absatzstatistik auf Rang drei ab, der Abstand zum Branchenprimus DWS von der Deutschen Bank ist groß.Und jetzt soll es Waas richten. Den Experten für Schiffsfinanzierungen und komplexe Kapitalmarktprodukte hatte niemand als neuen Dekabank-Chef auf der Rechnung. Die Branche war in diesem Sommer überrascht, als sich die drei wichtigsten Machtpolitiker im öffentlich-rechtlichen Lager, WestLB-Chef Thomas Fischer, Sparkassenpräsident Dietrich Hoppenstedt und der baden-württembergische Verbandschef Heinrich Haasis, auf das Vorstandsmitglied der HSH Nordbank verständigten.Waas ist ein Zahlenmensch. In München aufgewachsen, tauschte der Junior in der 7. Klasse das Fach Kunst gegen Buchführung. Und er drückt aufs Tempo. An der Uni zieht er sein BWL-Studium in sieben Semestern durch. Später gelingt es ihm, das marode US-Geschäft der Bayerischen Vereinsbank, einem Vorläufer der heutigen Hypo-Vereinsbank, in nur zwölf Monaten wieder in die schwarzen Zahlen zu bringen.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Die Jahre in den USA haben Waas geprägtSeine Jahre in den USA haben Waas geprägt. Seitdem hat er die Philosophie der amerikanischen Investmentbanker verinnerlicht: ?Langfristig setze ich mich nur durch, wenn der Kunde einen handfesten Mehrwert bekommt?, sagt er mit leicht bayerischem Akzent. Auch sein privates Glück besiegelt er in den Staaten. Er heiratet in New York. Stolz ist er auf seine doppelte Staatsbürgerschaft.Seine US-Erfahrung nutzt er 2001 in Deutschland, als er zur beschaulichen Landesbank Kiel wechselt. Er befürwortet die Fusion mit der Hamburgischen Landesbank zur HSH Nordbank. Mit Vorstandschef Alexander Stuhlmann formt er ein modernes Finanzhaus, dass sich früh auf den Wegfall der staatlichen Garantien vorbereitet.Waas gilt als offen und sehr fordernd. Mitarbeiter sagen, dass er Lob sparsam verteile. Ihm selbst ist die Nähe zur Basis wichtig, denn: ?Privilegien bergen die Gefahr, dass ich die Realität aus den Augen verliere.? Bei der Dekabank will er auf einen ihm zustehenden Fahrer verzichten. Und, wenn er schon mal in Frankfurt weilt, meidet er den für Vorstände reservierten Expressaufzug. Das sind die Dekabank-Mitarbeiter von ihren obersten Führungskräften nicht gewohnt.Der notorische Frühaufsteher greift zwar noch nicht ins operative Geschäft der Deka ein, mischt aber schon im Hintergrund mit. Ein paar Mal pro Monat fliegt er mit einer zweimotorigen Turboprop-Maschine der dänischen Cimber-Air nach Frankfurt, um den nahtlosen Wechsel mit Interims-Chef Fritz Oelrich vorzubereiten. Offiziell will er sich am 2. Adventswochenende beim traditionellen Christbaumschlagen der Presse vorstellen.Schon bald nach dem Glühweintrinken wird es dann ernst für Waas. Er muss dafür sorgen, dass die Dekabank mit ihren 3 000 Mitarbeitern und einem verwalteten Vermögen von 135 Milliarden Euro wieder auf Vordermann kommt. Experten sind skeptisch: Die Arbeitsabläufe der Bank seien nur schwer zu reformieren. Sie verweisen auf die komplizierte Eigentümerstruktur der Dekabank aus Sparkassen und Landesbanken. ?Waas wird schnelle Anfangserfolge melden können, auf mittlere Sicht darf er aber das Beharrungsvermögen vieler Mitarbeiter nicht unterschätzen?, sagt ein Insider.Körperlich scheint Waas der neuen Aufgabe gewachsen zu sein. Der Liebhaber klassischer Musik kommt mit wenig Schlaf aus. Jeden Tag steht er in Kiel um fünf Uhr morgens auf, um zu joggen. Und wer um Mitternacht eine E-Mail versendet, läuft Gefahr, umgehend eine Antwort zu erhalten.
Franz S. Waas1960 wird er am 19. November im bayerischen Landau geboren.1985 beginnt er nach dem Betriebswirtschaftsstudium bei der Bayerischen Vereinsbank.1994 übernimmt er für die Bank Führungsaufgaben in New York und auf den Cayman Islands. Daneben promoviert er in International Business Administration.1999 wird er bei der Landesbank Baden-Württemberg General Manager der Niederlassungen New York und Cayman Islands.2001 wechselt er in den Vorstand der Landesbank Kiel.2003 wird er am 2. Juni Vorstandsmitglied der HSH Nordbank, zuständig für den Kapitalmarkt und Portfolio-Management.
Dieser Artikel ist erschienen am 26.10.2005