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Oh Sohle mio

Mit 37 Jahren hat sich Mario Moretti Polegato neu erfunden. 1989 bohrte der Erbe einer italienischen Weindynastie ein paar Löcher in seine Turnschuhe und vermarktete das Ganze als "Geox, der Schuh, der atmet". Aus der vermeintlichen Schnapsidee wurde binnen zehn Jahren der drittgrößte Schuhhersteller der Welt.
Herr Polegato, was haben Sie eigentlich zuerst erfunden: die "atmende" Gummischuhsohle oder die Geschichte, wie Sie auf die Idee gekommen sind?
Mario Moretti Polegato: Wieso? Die Geschichte ist wahr: Nach einem Weinbaukongress in Reno machte ich einen Tag Urlaub in den Rocky Mountains. Weil meine Füße so schwitzten, habe ich mir ein Messer gekauft und Löcher in die Sohle gebohrt. Meine Füße waren bedeutend kühler

Und das sollen wir jetzt so einfach glauben?
Ich kann es sogar beweisen. Hier (zeigt auf ein kleines Mal auf der Hand) erkennt man noch die Wunde, die ich mir dabei zugezogen habe. Das Problem war nur, dass durch die Löcher der Schweiß verdampfen konnte, aber eben auch Wasser eintrat

Die besten Jobs von allen


Sie haben dann bei der Nasa und Gore-Tex ein Material entdeckt, das Schweiß raus-, aber kein Wasser reinlässt.
Richtig. Unsere Membran stoppt Wasser, aber lässt die 700-mal kleineren Schweißmoleküle entweichen. Unsere Technologie ist weltweit geschützt

Und worin besteht Ihr Patent, wenn das Material von anderen stammt?
Wir waren die Ersten, die es in Schuhe eingebaut haben. Und wir haben das Material weiterentwickelt, weil es nicht für die Belastungen beim Gehen ausgelegt war

Adidas und Nike, denen Sie die Erfindung als Erstes angeboten haben, waren offenbar nicht so begeistert.
Vielleicht war das mein Glück

Warum haben Sie die Idee dann nicht gleich selbst umgesetzt?
Weil ich keinerlei Ahnung vom Schuhgeschäft hatte. Ich war Geschäftsführer eines Weingutes. Das ist etwas völlig anderes, viel traditioneller

Ihre Familie ist der größte Prosecco-Exporteur der Welt. Was hat die eigentlich gesagt, als Sie den Job als Chef des Familienclans an den Nagel gehängt haben?
Ich habe ja langsam angefangen. Anfangs haben wir Testschuhe an die Kinder hier in der hiesigen Grundschule verteilt. Und die ersten stellten sich als weder wasserdicht noch atmungsaktiv heraus (lacht). Aber meine Mutter hat mich immer ermutigt, dass ich es schaffe

Auch finanziell?
Überhaupt nicht. Ich hatte einen Kredit von einer Bank in der Nähe, jeweils für ein Jahr. Wenn es gut lief, gab es mehr


Herr der Löcher
Ob Geox-Schuhe wirklich den Schweiß austreiben, muss jeder selbst testen. Unbestreitbar ist ihr Erfolg: Erst 1995 vom Weingut-Erben Mario Moretti Polegato gegründet, beschäftigt Geox heute insgesamt 5 000 Mitarbeiter und betreibt fast 400 Shops, elf davon in Deutschland, wo der Umsatz mit 49,3 Prozent überproportional wuchs. 2006 will der Schuhkonzern bis zu 140 Läden eröffnen. Am Unternehmenssitz in Biadene di Montebelluna bei Venedig wird der Geox-Chef verehrt wie ein Heiliger. Sein größter Fan aber ist Polegato selbst. Auf Fotos sieht man ihn mit Papst Johannes Paul II., mit dem italienischen Staatspräsidenten Ciampi und anderen Persönlichkeiten. Der 53-Jährige, der sich als Erfinder bezeichnet, ist bekannt für seine selbst entworfenen Hornbrillen und trägt sogar Anzüge von Geox. Sein Erfolgsrezept gibt Polegato an den Nachwuchs weiter: in der hauseigenen Managementschule und in Gastvorträgen wie an der Hochschule St. Gallen.


Ende 2004 haben Sie 29 Prozent von Geox an der Mailänder Börse verkauft. Ist Ihnen dieser Schritt als Spross eines Familienunternehmens schwer gefallen?
Nein. Der Börsengang verschaffte uns die Aufmerksamkeit, die man für die Expansion braucht. Und ich kann meine Manager am Unternehmen beteiligen. Die Tatsache, dass ich Verantwortung delegiere, ist einer der Gründe für den Erfolg von Geox

Der Börsenkurs hat sich innerhalb eines Jahres verdoppelt, der Umsatz legte bislang jährlich immer um ein Drittel zu. Haben Sie keine Angst, die hohen Erwartungen nicht mehr erfüllen zu können?
Warum sollte ich? 90 Prozent der Menschen tragen Gummisohlen, da ist noch viel Potenzial. Und für die restlichen zehn Prozent bieten wir seit kurzem wasserdichte Ledersohlen an. Mit 13 Millionen Paar Schuhen jährlich sind wir schon jetzt die Nummer drei weltweit bei den Komfortschuhen, aber wir wollen die Nummer eins werden. Unser größtes Problem ist es, genügend gute Mitarbeiter zu finden. Deshalb haben wir schon 2001 die Geox-Schule gegründet

Was verbirgt sich dahinter?
Es ist eine Art Trainee-Programm, für das wir jährlich zehn bis 15 Absolventen und Young Professionals aus verschiedenen Ländern auswählen. Das mehrmonatige Programm besteht aus theoretischen und praktischen Einheiten und schließt mit einem Master ab. Die Absolventen sollen die Geox-Idee in die ganze Welt exportieren

Stichwort Export: In den USA ist Ihr Absatz im dritten Quartal 2005 um fast 19 Prozent eingebrochen.
Wirklich? (Schaut sich die Zahlen an.) Ach, wissen Sie, wir verkaufen dort bislang gerade mal so viele Schuhe wie in der Schweiz, da machen sich geringe Veränderungen prozentual stark bemerkbar. Wir müssen erst einmal den amerikanischen Geschmack verstehen - wir stimmen ja unsere Kollektionen auf die lokalen Märkte ab. Aber wir haben kürzlich in New York unseren weltweit größten Flag-Ship-Store eröffnet, und es werden weitere folgen

Welche Rolle spielt Deutschland für Sie?
Deutschland ist unser größter Markt außerhalb Italiens. Die Deutschen konnten von Anfang an etwas mit unserer Technologie anfangen. Wir mussten die Schuhe nur noch auf das Wetter bei Ihnen zuschneiden. Deshalb werden wir zur Wintersaison wesentlich mehr Modelle präsentieren, die auch an der Oberseite wasserdicht sind

Wie wichtig ist die Technologie für Ihr Geschäft?
Extrem wichtig! Dadurch heben wir uns von anderen Schuhherstellern ab. Auf diese Weise sind wir sogar rentabler als Luxusmarken wie Bulgari oder Zegna, obwohl wir unsere Schuhe zu erschwinglichen Preisen verkaufen

Sie wollen auch ins Sportschuhgeschäft einsteigen. Kleine Rache dafür, dass man Sie bei Nike und Adidas abblitzen ließ?
Die Pläne sind noch nicht konkret. Wir werden darauf zurückkommen

Welche Schuhe benutzen Sie denn beim Sport? Oder bohren Sie immer noch Löcher in die Sohle?
(Lacht) Nein, ich habe mir von Technikern Spezialanfertigungen machen lassen

Und was ist mit dem Paar passiert, mit dem alles begann?
Ein Exemplar ist in unserem Showroom in der Via Montenapoleone in Mailand ausgestellt, den anderen Schuh habe ich einem Museum in den USA vermacht

Die Fragen stellte Peter Nederstigt

Dieser Artikel ist erschienen am 05.05.2006