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Offroad zum Job

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Praktika macht jeder. Wer schneller den Arbeitsvertrag in der Tasche haben will, nimmt an Firmen-Workshops, Wettbewerben und Mentorenprogrammen teil. karriere zeigt, was Case Studies vor der griechischen Küste bringen.
Rund 18 Monate braucht Alexander Krappe noch bis zu seinem Diplom. Doch den Arbeitsvertrag bei L'Oréal hat der Wirtschaftswissenschaftler schon in der Tasche. 2008 steigt er als Produktmanager beim Kosmetikkonzern ein. Wie kann das sein in Zeiten, in denen sich Absolventen-Bewerbungen bei Personalern stapeln? Ganz einfach: Krappe hat sich gar nicht klassisch beworben. Der Student der Universität Witten-Herdecke ist der deutsche Gewinner des Marketing-Wettbewerbs Brandstorm, den L'Oréal jährlich veranstaltet. Und damit in Sachen Jobeinstieg auf der Überholspur.

Statt sich wie seine Kommilitonen in die Bewerberschlange um die Betriebspraktika einzureihen, hat der 24-Jährige den Firmen-Award geschickt als PR-Plattform in eigener Sache genutzt: zuerst in Düsseldorf beim nationalen Wettkampf, dann beim internationalen Finale in Paris. Die deutschen und französischen Manager waren von den Produkt- und Vermarktungsideen des Studenten aus Westfalen so beeindruckt, dass sie ihn und seine beiden Mitstreiter vom Fleck weg engagierten. Diplomnote? Egal

Die besten Jobs von allen


Vorteile für alle

"Um Talente früh an sich zu binden, setzen immer mehr Unternehmen auf Wettbewerbe, Workshops und Mentorenprogramme", beobachtet Michael Hies, Chef des Karriereportals e-fellows.net. Proaktives Recruiting nennt sich das. Die Vorzüge dieser Anwerbestrategien: Kandidaten erhalten einen realistischen Eindruck von Joballtag und Firmenkultur, Chefs lernen Mitarbeiter in spe besser kennen als es im Standard-Bewerbungsgespräch je möglich wäre

Und das Wichtigste für die Teilnehmer: "Offroad" kommen sie schneller und sicherer an die guten Jobs. Bei rund 50 Veranstaltungen hat e-fellows.net allein im ersten Halbjahr 2006 seine Partnerunternehmen wie Bosch, Deutsche Bank und Roche dabei unterstützt, Teilnehmer zu gewinnen. Im gesamten Jahr 2004 waren es gerade mal 70. Die Zahl der vermittelten Firmenmentoren stieg im gleichen Zeitraum von 100 auf 250, Tendenz weiter steigend

Wie die neue Most-wanted-Studie der Unternehmensberatung McKinsey zusammen mit e-fellows.net zeigt, nehmen vor allem Wirtschaftswissenschaftler und Ingenieure die alternativen Angebote wahr. Sie nutzen die Gelegenheiten zur Selbstpräsentation, um schon ein, zwei Jahre vor ihrem Hochschulabschluss beim Wunscharbeitgeber den Fuß in die Tür zu bekommen. Dank ihrer früh geknüpften Kontakte lassen sie Mitbewerber ohne Vitamin B bei der Bewerbung locker hinter sich

Ein Dickes Plus im Lebenslauf

Als Alexander Krappe und seine Kommilitonen vom L'Oréal-Wettbewerb erfuhren, fackelten sie nicht lange: "Bei Brandstorm mitzumachen, haben wir auf dem Weg zur Mensa beschlossen." Der Einführungstag in Düsseldorf mit jeder Menge Fakten zu Firma und Marke bot bereits die erste Chance für das Trio, um mit den L'Oreal-Personalern persönlich Bekanntschaft zu schließen

Die Produktidee für eine Creme mit Zusatzkapseln etwa zur Entspannung kam den Dreien zufällig beim Plaudern mit einer Mitbewohnerin. Dann wurde es ernst für die Studis. "Wir haben uns mächtig reingekniet; an der Uni ist in dem Semester wenig gelaufen", erzählt Krappe. Das neue Produkt plus Prospekt und Internet-Auftritt musste konzipiert und zusammen mit Agenturen realisiert werden.

Vitamin-B-Tankstellen
www.karriere.de/recruit: Termine der wichtigsten Recruitingveranstaltungen plus Firmen-Workshops
www.karriere.de/awards: Studenten-Wettbewerbe von Unternehmen
www.competitionline.de: Studenten-Wettbewerbe außerhalb Deutschlands
www.karriere.de/mentoring: Die wichtigsten Mentorenprogramme
www.e-fellows.net: Online-Stipendien von Telekom, Holtzbrinck-Verlag und McKinsey für besonders begabte Studenten, die von Mentorenprogramm und Firmen-Workshops profitieren.
EXIST-priME-Cup: Bundesweiter Management- und Entrepreneurship-Wettbewerb, bei dem Studierende ein fiktives Unternehmen der Sportgerätebranche übernehmen.

"Solche Leute brauchen wir"

Ein gutes Ergebnis bei einem bekannten Wettbewerb macht sich als Plus im Lebenslauf bemerkbar, sind sich Personaler einig. Warum das Mitmachen so wichtig ist, erklärt Oliver Sonntag, Personaldirektor bei Unternehmensplanspiel-Pionier L'Oréal: "Wer das schafft, hat Motivation, Durchhaltevermögen und Eigeninitiative bewiesen und sich der internationalen Konkurrenz gestellt. Genau diese Qualitäten suchen wir." In den 14 Jahren, in denen L'Oréal seine Awards für Studenten auslobt, sind schon 350 Nachwuchsmanager und 200 Marketingspezialisten ins Unternehmen gekommen.

Über den noch jungen Ingenious-Preis, der gerade zum zweiten Mal startet, sollen die besten Ingenieure fürs Geschäft mit der Schönheit gewonnen werden. Andere Unternehmen ziehen nach. Mit dem Trust-Unternehmensspiel beziehungsweise der CEO Challenge versuchen Lebensmittelfabrikant Danone und Beratungsfirma Booz Allen Hamilton, die Crème de la Crème unter den Nachwuchsstrategen abzusahnen. Auch der Postbank Finance Award oder BMWs Scientific Award, bei dem Studenten ihre wissenschaftlichen Arbeiten einer hochkarätigen Jury aus Professoren und Managern vorstellen, gelten als Karrieresprungbrett

Marketing für FC Budapest

So wie bei den Wettbewerben nehmen Personaler und Manager interessante Studenten verstärkt auf Firmen-Workshops unter die Lupe. Die Veranstaltungen heißen "Lawers@Work" für Juristen oder "Access First" für Ingenieure, Banker oder Controller. Beratungsfirmen veranstalten die "BCG Strategy School" oder das "CAP Gemini Careercamp". Sie finden von Mallorca bis Porto, in Schlössern oder in Luxushotels statt.

Für ein bis zwei Wochenenden arbeiten die studentischen Gäste an typischen Aufgaben. Neuerdings sogar an realen Problemen echter Klienten. So sollte Jan Wilmking, Student der Gesellschaftskommunikation und einer von 65 Teilnehmern des Crossborders-Programms der Unternehmensberatung McKinsey, für den ungarischen Fußballclub Ferencváros Budapest ein Konzept entwickeln, um die Profitabilität zu steigern. Unter Anleitung der Profis analysierte der damals 25-Jährige mit seinem Team zunächst die Situation des Clubs und entwickelte Lösungen. "Das war schon aufregend, als wir den Clubmanager im Budapester Stadion trafen und ihm unsere Strategie vom Fanartikelverkauf bis zur neuen Würstchenbude präsentierten."

Die Teilnahme am Mix aus Job, Fun und Networking, hat sich für den Berliner Studenten gelohnt: "Bei der Arbeit und beim Feiern konnte ich erleben, wie die Leute von McKinsey ticken. Da wurde mir klar, ich passe dazu, und der Berateralltag könnte mir Spaß machen." Seine Unterschrift auf dem Arbeitsvertrag war beinahe Formsache

Jobgespräch beim Segeltörn

"Diese Events sind nicht bloß für BWLer interessant. Sogar ich als Ärztin ohne jeden Wirtschaftsbezug habe Lust auf die Beratertätigkeit bekommen", erzählt Anne Schnieber. Eigentlich wollte die damals 27-Jährige sich fürs bestandene Examen mit einem Segeltörn belohnen, als sie sich entschloss, an der dreitägigen McKinsey-"Euro Academy 2005" vor der griechischen Küste teilzunehmen. Doch unversehens entwickelte die Humanmedizinerin begeistert Konzepte, um die imaginäre Marke "made in Europe" voranzubringen.

Seit sechs Monaten ist Anne Schnieber als Associate dauerhaft an Bord. Die in Griechenland geknüpften Kontakte erwiesen sich als Gold wert bei ihrem Berufseinstieg. "Während Dinner und Törn konnte ich mit Consultants aller Karrierestufen plaudern." Ob Juniorberater oder Partner - bei keinem musste sie unter Zeitdruck Eindruck schinden wie auf einer Jobmesse.


Mentoren fürs Leben
Besonders nachhaltig profitiert, wer sich schon im Studium von einem Firmenvertreter ans Händchen nehmen lässt. Mentoren wie Rechtsanwalt und Steuerberater Bela Jansen von der Kanzlei Clifford Chance lassen ihre Mentees hinter die Kulissen blicken, damit sie genauere Vorstellungen vom späteren Job entwickeln und Fehler bei der Karriereplanung vermeiden. Und nicht nur das: Die Fürsprache des Firmenangehörigen erweist sich später beim Einstieg als unbezahlbar

Dominik Engl ist einer von Jansens Schützlingen. Der kurz vor seinem Diplom via e-fellows.net geknüpfte Draht zu dem nur wenige Jahre älteren Fachkollegen Bela Jansen brachte ihm erst einen Praktikumsplatz, danach den Zugang zur Sozietätsbibliothek für seine Diplomarbeit und schließlich sogar den Teilzeitjob als wissenschaftlicher Mitarbeiter bei Clifford Chance, während er an seiner Promotion feilt.

"Unsere Treffen, Telefonate und E-Mails haben rasch gezeigt, dass die Chemie zwischen uns fachlich und persönlich stimmt", sagt Jansen. Wichtigste Voraussetzung für ein fruchtbares Mentor-Mentee-Verhältnis. Dominik Engl ist sich sicher: "Die gute Beziehung zum Clifford-Chance-Kollegen wird mir auch bei meinem Berufseinstieg nutzen."

Claudia Obmann
Dieser Artikel ist erschienen am 07.11.2006