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Ockenfels ist der Musterschüler

Von Petra Schwarz, Handelsblatt
Der Spieltheoretiker Axel Ockenfels forscht über Fairness. Der junge Wissenschaftler wurde mit Preisen und Auszeichnungen überhäuft. Doch Job-Angebote aus den USA lehnte er immer wieder ab.
HB KÖLN. Der schlanke, 1,94 Meter lange Ökonom ist eine Ausnahmeerscheinung in der deutschen Forschungslandschaft ? hoch dekoriert mit Preisen und Ehrungen, überhäuft mit Job-Angeboten aus den USA ? die er bisher immer ausgeschlagen hat.Die Kölner Universität wollte den jungen Spitzenforscher unbedingt für sich gewinnen und bot ihm ?hervorragende Arbeitsbedingungen?, wie er es selbst formuliert. Dazu zählt beispielsweise ein modernes Computerlabor. An 32 Plätzen wird dort täglich experimentiert ? allerdings nutzt der Spieltheoretiker Ockenfels das Labor selbst ?nicht in dem Maße, wie ich es mir wünsche?. Es fehle ihm einfach die Zeit.

Die besten Jobs von allen

Statt im Labor experimentiert Ockenfels in der Realität. Der Ökonom versteigert Produkte bei Ebay und beobachtet, wie sich die Bieter verhalten. Bereits im Jahr 2002 veröffentlichte er zusammen mit Alvin Roth von der Harvard University einen viel beachteten Aufsatz in der renommierten amerikanischen Fachzeitung American Economic Review über den Auktionsmechanismus bei Ebay. Das Fazit: Bereits kleine Änderungen der Auktionsregeln können einen starken Effekt auf den Anreiz haben, ein Gebot erst in letzter Minute abzugeben. Inzwischen hat Ebay den Forscher als Berater engagiert. Im Verlauf dieses Jahres werden die Versteigerungsregeln bei der Auktionsplattform Ebay auf seinen Rat hin geändert.Ein Hauptinteresse von Ockenfels gilt der Erforschung des Fairness-Begriffs ? oder, wie er es selbst formuliert, dessen, was große, anonyme Gesellschaften und Märkte im Innersten zusammenhält. Den ersten Meilenstein dazu hat er im Jahr 2000 zusammen mit Gary Bolton von der Penn State University gelegt. Die beiden veröffentlichten in der American Economic Review eine kurz ?ERC? (Equity, Reciprocity and Competition) genannte Theorie. Der zufolge orientieren sich Menschen nicht nur an ihrem eigenen Nutzen, sondern auch an ihrer relativen Position in der Gesellschaft. Ob sich ein Mensch fair, wettbewerbsorientiert oder wechselseitig kooperativ verhält, hänge letztlich vom institutionellen Rahmen ab.Das Modell des Homo oeconomicus als stets egoistisch und rational handelnden Menschen ist durch diese Forschungsergebnisse ins Wanken geraten. ?Menschen haben ihre eigene Rationalität?, sagt Ockenfels. Studenten, die ein Marmeladenglas ersteigern, das mit Münzen gefüllt ist, überschätzten den Wert des Inhaltes regelmäßig. Dabei lägen die mittleren Gebote noch richtig ? aber der Gewinner zahle zu viel. In der realen Wirtschaft hat dieser ?Fluch des Gewinnens? Auswirkungen auf Auktionen von Ölfeldern, Buchmanuskripten oder UMTS-Lizenzen.Lesen Sie auf der nächsten Seite: Eine Karriere wie aus dem Bilderbuch. Ockenfels hat bisher eine Karriere wie aus dem Bilderbuch absolviert: Seine 1995 in Bonn verfasste Diplomarbeit war so gut, dass der deutsche Nobelpreisträger Reinhard Selten sie mit ihm gemeinsam als Aufsatz veröffentlicht hat. Noch heute gehen die beiden zusammen wandern. ?Selten ist einer der wenigen Wissenschaftler, die nach Wahrheit streben, unabhängig davon, in welchen Journals seine Beiträge veröffentlicht werden?, sagt Ockenfels. Selten wiederum bezeichnet Ockenfels als ?brillant?.1998, im Alter von 29 Jahren, bekam Ockenfels neben einem renommierten internationalen Dissertationspreis auch in Magdeburg den Preis für die beste Promotion. In Magdeburg hat Ockenfels die Forschung zur Fairness angefangen ? ?das wäre an vielen anderen Universitäten zu dieser Zeit nicht ohne weiteres möglich gewesen?. Rückblickend sagt er: ?Die Fakultät wurde gerade neu errichtet, ich hatte dort sehr viele Freiräume.?Inzwischen hätten die Deutschen auf dem Gebiet der Fairnessforschung sogar einen Vorsprung gegenüber den Amerikanern. So hat Ockenfels? Kollege Klaus Schmidt aus München parallel zu Ockenfels und mit ebenso großem wissenschaftlichem Erfolg eine ähnliche Theorie von Wettbewerb und Fairness produziert.Ockenfels ist fasziniert von der Möglichkeit, Reputationsmechanismen in allen gesellschaftlichen Bereichen einzusetzen. Früher oder später würden Professoren öffentlich durch ihre Studenten im Internet bewertet werden, erwartet er. Auch Autowerkstätten und Ärzte könnten öffentlich bewertet werden. Solche Reputationssysteme zwingen die Menschen, das Wohl der anderen im Blick zu halten ? und sich fair zu verhalten, wovon letztlich alle profitieren.In diesem Jahr krönte der mit 1,55 Millionen Euro am höchsten dotierte deutsche Forschungspreis, der Leibniz-Preis, Ockenfels? Karriere. Zuletzt hat ein Wirtschaftswissenschaftler diese Auszeichnung vor 17 Jahren bekommen. Dennoch tritt der Ökonom angenehm zurückhaltend auf. Letztlich ist Nettigkeit aber auch nur eine Strategie, sagt er selbst.Von anderen Spieltheoretikern unterscheidet sich Ockenfels nach eigener Meinung, indem er immer auch die Frage nach der Anwendung seiner Forschungsergebnisse stellt. Sein Ziel ist es, ökonomische und soziale Institutionen optimal zu gestalten.Seit zwei Jahren forscht er nun schon in Köln. Aber: ?Viele der besten Leute aus meinem Bereich und viele meiner Co-Autoren sitzen in den USA?, sagt der Ökonom. Es ist vor allem die Belastung durch administrative Arbeiten, die dem Forscher in Deutschland missfällt. Derzeit hat er zwei Jobangebote aus den USA und der Schweiz ? die Verhandlungen laufen gerade.Lesen Sie auf der nächsten Seite mehr zur Person. Axel Ockenfels:
  • Herkunft: Axel Ockenfels wird 1969 in Rheydt in Nordrhein-Westfalen als Sohn eines Ministerialbeamten und einer Krankenschwester geboren.
  • Werdegang: 1994 macht Ockenfels in Bonn Diplom, vier Jahre später promoviert er in Magdeburg. 2002 habilitiert er im Alter von 33 Jahren ebenfalls in Magdeburg. Seine Zeit als Wissenschaftler an der Universität in Magdeburg wird unterbrochen durch zwei Forschungsaufenthalte in den USA: an der Penn State University und an der Harvard Business School. Seit 2003 ist er Professor für Wirtschaftliche Staatswissenschaften an der Universität zu Köln.
  • Familie: Ockenfels ist verheiratet und hat zwei Kinder.
Dieser Artikel ist erschienen am 22.06.2005