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Nutzen Sie das Treibhaus der Ideen!

Peter Schütz
Der flotte Spruch "Das haben wir noch nie so gemacht!" führt die Hitliste der Kreativitätskiller an. Regt sich Widerstand, nachdem der Satz gefallen ist, folgt sogleich der nächste Schuss vor den Bug: "Das haben wir aber schon immer anders gemacht!" Spätestens jetzt herrscht Ruhe, ein neuer Vorschlag ist abgebügelt. In derartigen Frontalangriffen auf kreative Köpfe haben junge Unternehmen glücklicherweise keine Tradition. Denn ein "noch nie" oder "immer anders" gibt es bei Startups noch nicht.
Der flotte Spruch "Das haben wir noch nie so gemacht!" führt die Hitliste der Kreativitätskiller an. Regt sich Widerstand, nachdem der Satz gefallen ist, folgt sogleich der nächste Schuss vor den Bug: "Das haben wir aber schon immer anders gemacht!" Spätestens jetzt herrscht Ruhe, ein neuer Vorschlag ist abgebügelt. In derartigen Frontalangriffen auf kreative Köpfe haben junge Unternehmen glücklicherweise keine Tradition. Denn ein "noch nie" oder "immer anders" gibt es bei Startups noch nicht. Doch auch hier lauert die Gefahr, in festgefahrene Denkmuster zu geraten. Wie bewahren Sie die geistige Frische in Ihrem jungen Unternehmen? Zunächst einmal ist das eine Frage der Führungsqualitäten.

Wer Kritik ungehemmt ausdrückt, mit Lob geizt, stets Schuldige sucht und jede Idee "von unten" mit Misstrauen betrachtet, wird einen Stall von Angsthasen anführen. Dies ist genau das Gegenteil einer Kreativitätskultur, die Edward de Bono als Fähigkeit beschreibt, permanent aus dem Gefängnis alter Ideen auszubrechen und neue zu entwickeln. Und diese Gabe schlummert in jedem Mitarbeiter. Um die Kreativität zu wecken, sollten Sie jedoch einige Prinzipien beachten und einfache Techniken lernen.

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Regel Nummer eins: Man löst ein Problem, indem man sich von dem Problem löst. Lineares Denken nach dem Muster "Habe Problem, brüte über Lösung" produziert Frust. Abstand nehmen, spazieren gehen und über Bande denken, führen eher zur Erleuchtung. Für Ihren jungen Betrieb heißt das: Raus aus dem Tagesgeschäft und ein kreatives Ambiente suchen. Im Büro verkümmert das Brainstorming doch nur zu einem weiteren Meeting.

Regel Nummer zwei: Die Gruppe ist kreativer als der Einzelne. Wechselseitiges Aufgreifen und Weiterentwickeln von Ideen funktioniert nur im Team, nicht im stillen Kämmerlein. Dabei gilt: Je vielstimmiger das Orchester ist, desto besser. Das setzt aber Disziplin voraus. Wer in einer kreativen Runde ständig mit Kritik, Ironie oder abfälligen Gesten neue Ideen abschießt, verdient die rote Karte.

Regel Nummer drei: Durch Kreativität wird nichts grundlegend Neues produziert, sondern vorhandenes Wissen neu kombiniert. Vielfach entstehen kreative Lösungen durch Analogien aus der Natur. So können zum Beispiel Reifenentwickler viel von Eisbären lernen, die auf spiegelglatter Oberfläche mühelos beschleunigen und bremsen.

Sind die Regeln klar, stimmen Team und Ambiente, beginnt die Ideenproduktion. Dabei können Sie als Existenzgründer auch mit Bordmitteln zu schnellen Ergebnissen kommen. Denn die besten Kreativitätstechniken sind denkbar einfach. Beispiel Brainwriting. Für diesen schriftlichen Gedankensturm brauchen Sie nur sechs Teilnehmer, sechs weiße Blätter und Stifte. Auf jedem Blatt sind drei Spalten und sechs Zeilen.

Los geht's: Jeder Teilnehmer schnappt sich ein Blatt und schreibt drei Ideen in die erste Zeile. Nach fünf Minuten werden die Blätter zum Nachbarn weitergereicht. Jeder Teilnehmer schreibt dann drei neue Ideen in die zweite Zeile. Dabei entwickelt er die Einfälle des Vorgängers fort. Nach weiteren fünf Minuten wird wieder getauscht - bis schließlich das Blatt voll ist. Das Resultat ist verblüffend: Innerhalb einer halben Stunde haben Sie über einhundert frische Ideen. Mit einer normalen Diskussionsrunde ist das nicht zu erreichen. Denn schließlich können nicht alle gleichzeitig reden, wohl aber alle gleichzeitig schreiben.

Haben Sie die Ideenproduktion abgeschlossen, beginnt ein Prozess der vorsichtigen Bewertung der Ideen. Dabei sollten Sie nicht mit dem beliebten Pünktchenkleben zur Wahl des Favoriten beginnen. Der bessere Einstieg in die Ideenbewertung ist die Frage, was die Teilnehmer an jeder einzelnen Idee mögen. Erst danach werden Bedenken formuliert. Wichtig ist, neben der Kritik gleichzeitig auch zu diskutieren, ob Sie Probleme und Bedenken ausräumen können. Sind die Potenziale jeder Idee ausgelotet, entscheidet das Team, welche Ansätze weiterverfolgt werden.Die übrigen Ideen werden in einer Ideendatenbank geparkt. Sie können sich zu einem späteren Zeitpunkt noch zu Spitzenkandidaten entwickeln.

Vermeiden Sie einen der häufigsten Fehler: Projektmanagement-Denke hat in der frühen Phase der Ideenproduktion noch nichts zu suchen.

Haben Sie diese Phase des kreativen Spinnens hinter sich gelassen, bewegen Sie sich wieder auf sicherem Terrain. Denn nun entwickeln Sie aus den Ideen Projekte, die mit Hilfe eines Businessplans zu marktreifen Produkten oder Dienstleistungen entwickelt werden.

Haben Sie auch in dieser Phase den Mut, neue Wege zu gehen und farbenfrohe Techniken einzusetzen. Denn wie heißt es so schön: Wer als einziges Werkzeug nur den Hammer kennt, für den ist jedes Problem ein Nagel.
Dieser Artikel ist erschienen am 02.10.2001