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Nur noch ein Schatten seiner selbst

Von Jens Koenen
Gerd Brachmann will den Elektronikhändler Medion aus dem Tief führen. Aber der öffentlichkeitsscheue Unternehmer legt wieder enttäuschende Zahlen vor. Erstmals in der 20-jährigen Firmengeschichte schreibt Medion rote Zahlen. Seit mehreren Jahren warten Investoren und Analysten auf die Trendwende beim einstigen Börsenstar, der Discounter wie Aldi mit Computern und anderen Elektronikgeräten versorgt.
Gestern war es mal wieder so weit. Der Elektronikhändler Medion musste Farbe bekennen - in aller Öffentlichkeit, etwas, was Gerd Brachmann so gar nicht behagt. Der 47-jährige Vorstandschef und Mitgründer des Unternehmens meidet offizielle Auftritte, gibt keine Interviews und erlaubt keine Fotos.Deshalb ließ er sich bislang selten sehen, meist nur auf der Hauptversammlung: der groß gewachsene Mann mit dem schmalen Schnurrbart und dem dunklen, vollen Haar. Auf der Bilanzpressekonferenz überließ der Schattenmann, der sein Privatleben schützen will, gerne Finanzchef Christian Eigen die Hauptrolle. Doch gestern trat Brachmann in der ehemaligen Gustav-Heinemann-Kaserne in Essen-Kray, wo die Medion-Zentrale sitzt, in den Vordergrund.

Die besten Jobs von allen

Das wundert nicht. Erstmals in der 20-jährigen Firmengeschichte schreibt Medion rote Zahlen. Seit mehreren Jahren warten Investoren und Analysten auf die Trendwende beim einstigen Börsenstar, der Discounter wie Aldi mit Computern und anderen Elektronikgeräten versorgt. Wie es aussieht, müssen sie sich vorerst weiter gedulden.Brachmann hatte keine guten Nachrichten: 65,4 Millionen Euro Fehlbetrag im vergangenen Geschäftsjahr, mehr als prognostiziert. Ursache sind unter anderem Abschreibungen auf schwer verkäufliche Ware und Rückstellungen für Garantiefälle, Dinge, die Medion angekündigt hatte. Ähnlich das Bild beim Umsatz. Seit Jahren sinkt er, alleine im letzten Geschäftsjahr verlor Medion hier eine halbe Milliarde Euro. 1,6 Milliarden Euro setzte die Gruppe 2006 um. 2003 waren es noch fast drei Milliarden Euro.Dennoch, Brachmann übt sich in Zuversicht. "2006 war für Medion ein Jahr der Konsolidierung. Medion ist aus dem Gröbsten raus. Die Restrukturierung greift", versucht er, Investoren zu beruhigen. Und verspricht spätestens für das laufende Jahr wieder bessere Ergebnisse.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Investoren bleiben skeptischDie Investoren bleiben skeptisch. Um über acht Prozent schickten sie gestern die Medion-Aktie nach der Pressekonferenz auf Talfahrt. Vor allem, weil Finanzchef Eigen auch für 2007 einen sinkenden Umsatz prognostizierte.Zwar erholte sich das Papier später wieder, doch so richtig vertrauen mag den Aussagen aus Essen noch keiner. 65 Euro hat die Aktie im Jahr 2000 mal gekostet, zugegebenermaßen ein Boomjahr auf dem Parkett. Gestern notierte sie bei rund neun. Die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz hängte Medion für das vergangene Aktienjahr den Titel "Wertvernichter des Jahres" an.Dabei begann alles so viel versprechend - damals, im Jahr 1983, als Brachmann zusammen mit seinem Geschäftspartner Helmut Linnemann die Firma Brachmann & Linnemann OHG in Essen gründete. Das einfache, aber geniale Geschäftsmodell: der Ankauf von Elektronikgeräten in Asien zu günstigen Preisen und in großen Mengen und der anschließende Weiterverkauf über Filialisten wie Eduscho.Bei einem Besuch im benachbarten Eduscho-Laden soll dem gelernten Rundfunk- und Fernsehtechniker und Groß- und Außenhandelskaufmann die Idee gekommen sein. Genaueres weiß niemand. Denn über den Firmenchef ist nur wenig bekannt.Fest steht, dass er über Jahre genau das richtige Gespür für seine Kunden hatte. So, als Mitte der 80er-Jahre aus Brachmann & Linnemann Medion wurde. Brachmann würzte die bisherige Geschäftsidee mit einem Schuss Kundenservice, einer Geschmacksrichtung, die vor allem bei Discountern großen Beifall fand. Die taten sich beim Thema technischer Kundenservice bis dato schwer. Als es "Gerd", wie ihn viele Mitarbeiter nennen, 1996 dann gelang, die Aldi-Brüder davon zu überzeugen, einen Personalcomputer in das Sortiment aufzunehmen, war der Durchbruch da.Vor allem die billigen und gut ausgestatteten PCs und Laptops von Aldi verbinden viele Kunden mit dem Namen Medion. Die Rechner sind es allerdings auch, die Medion seit Jahren Probleme bereiten: der anhaltende Preisverfall und die wachsende Konkurrenz von Billiganbietern. Da wundert es nicht, dass Analysten und Marktforscher Brachmanns Geschäftsmodell seit längerem in Zweifel ziehen.Das Modethema Billig-PC ist in ihren Augen schon lange durch. 15 Prozent weniger Rechner haben die Essener nach Berechnungen der Marktforscher von der Gartner-Group im vergangenen Jahr abgesetzt. Damit zählt Medion zu den größten Verlierern im deutschen Markt.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Hewlett-Packard auf der Gewinnerseite Auf der Gewinnerseite steht vor allem Hewlett-Packard. Das zeigt Brachmanns ganzes Dilemma: Hersteller wie HP drängen selbst in das Billigsegment.Zudem ist Brachmann Opfer ebenjener Faktoren im Handel geworden, die ihn groß gemacht haben: der Kampf um den besten Preis und die niedrigsten Kosten. Lange Zeit funktionierte die Idee des Medion-Gründers.Doch als der Absatz bröckelte, zeigte sich die hässliche Seite des Modells. Denn während immer weniger Geräte an den Kassen von Aldi und Co vorbeigeschoben wurden, blieb Medion auf den hohen Kosten für die Belieferung der vielen, vielen Filialen sitzen.Brachmann hat die Probleme erkannt. Bereits seit längerem lassen er und sein Finanzchef die Finger von unrentablen Geschäften, trennen sich von Randbereichen, gehen insgesamt viel selektiver vor. So verkaufte er zwar in der ersten Aktion dieses Jahres weniger Laptops bei Aldi als zuvor. Doch dafür waren die Geräte vergleichsweise hochpreisig.Zudem feilt Brachmann an neuen Geschäftsideen. Er will Medion zu einem Unternehmen machen, das frühzeitig Trends erkennt und diese aufgreift. Das klingt für ein Handelshaus ambitioniert.Aber so ganz falsch scheint Brachmann nicht zu liegen. Kein Geringerer als Microsoft-Gründer Bill Gates präsentierte vor kurzem auf der Consumer Electronics Show in Las Vegas den neuen mobilen Minirechner von Medion, den "Ultraportable PC".Daneben setzt der öffentlichkeitsscheue Medion-Chef, der schon mal bei einer Tour mit seiner Harley-Davidson vom Geschäft abschaltet, auf Dienstleistungen wie den Download von digitalen Inhalten oder Fotodienste, um die Umsatzausfälle zu kompensieren."Unser Geschäftsmodell funktioniert", wird der begnadete Verkäufer nicht müde zu betonen. Doch der Beweis steht nach wie vor aus. Medion müsse mit den nächsten Quartalszahlen erst wieder zeigen, dass das Geschäftsmodell nachhaltig und überlebensfähig sei, merken die Experten vom Bankhaus Lampe kritisch an.Lesen Sie weiter auf Seite 4: Vita von Gerd BrachmannVita von Gerd Brachmann1959 wird er in Bochum geboren. Nach dem Fachabitur absolviert er eine Ausbildung zum Radio- und Fernsehtechniker sowie zum Groß- und Außenhandelskaufmann.1983 gründet er in Essen die Brachmann & Linnemann OHG, den Vorläufer des Elektronikunternehmens Medion.1998 wandelt er Medion in eine AG um und wird Vorstandschef. Medion beliefert Discounter wie Aldi mit Elektronikgeräten. Brachmann wohnt mit seiner Frau, drei Töchtern und Sohn in Essen.
Dieser Artikel ist erschienen am 29.03.2007