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Nur nicht den Ball abgeben

Von Christoph Schlautmann, Handelsblatt
Karstadt-Quelle-Chef Wolfgang Urban löst gerne alle Probleme selbst und verzettelt sich so immer mehr.
Den 14. Juni wird Wolfgang Pokriefke sein Leben lang nicht vergessen. Im Fußballstadion von Schwarz-Weiß Essen steht der Gesamtbetriebsratsvorsitzende von Karstadt-Quelle im Tor seiner Mannschaft, als ihm ein Gegenspieler mit einer ungeschickten Kopfballaktion das Joch- und Nasenbein zertrümmert. Dabei geht es eigentlich um einen guten Zweck: Die Vorstände und Direktoren des Handelskonzerns haben die Arbeitnehmervertreter auf dem grünen Rasen herausgefordert, um von den Eintrittsgeldern ein ?SOS-Kinderdorf? im brasilianischen Rio zu sponsern.Als erstes eilt Konzernchef Wolfgang Urban, selbst Mitspieler im gegnerischen Team, dem schwer Verletzten zu Hilfe. Er versorgt den Bewusstlosen auf dem Spielfeld, bringt ihn in die Klinik, informiert Pokriefkes Ehefrau und hält bis Mitternacht am Bett des Gewerkschafters aus. ?Sein persönliches Engagement hat mich schwer beeindruckt?, wird sich dieser später erinnern.

Die besten Jobs von allen

Am liebsten macht Wolfgang Urban alles selbst. Gerade dann, wenn es irgendwo brennt, ernennt sich der Karstadt-Quelle-Vorstandsvorsitzende gern zum Feuerwehrchef. Und derzeit brennt es im Konzern an allen Ecken und Enden. Dem Konzernlenker, warnen Branchenbeobachter, droht nun die Gefahr, sich beim Löschen böse zu verzetteln.Nur mit Mühe hielten Vertraute den 58-Jährigen im November davon ab, bei der angeschlagenen Touristiktochter Thomas Cook das Ruder selbst zu übernehmen. Nach dem Rauswurf des glücklosen Vorstandsvorsitzenden Stefan Pichler wollte der Bilanzexperte als Finanzchef den Ferienflieger selbst in Form bringen.Wolfgang Urban, einst Profi-Mittelfeldspieler bei Arminia Bielefeld, gibt den Ball bis heute nur ungern ab. Und wer ihn bekommt, bleibt unter ebenso scharfer wie ungeduldiger Beobachtung. ?Die Ansprüche, die Wolfgang Urban an seine Manager stellt, sind weitaus höher als die seines Vorgängers Walter Deuss?, sagt einer seiner Mitarbeiter. Der Konzernchef verschleiße zahlreiche Top-Leute, meint ein anderer. Im August trat Finanzchef Norbert Nelles, 55, ab, der bis dahin als einer der Leistungsträger im Vorstand galt. Zum Jahreswechsel verabschiedete sich zudem Kommunikationsdirektor Thomas Diehl, 37, in die Selbstständigkeit.Schon kurz nach seiner Beförderung an die Konzernspitze im Juli 2000 hatte Urban angekündigt, den Posten des Warenhauschefs an einen geeigneten Nachfolger abzugeben. Daraus wurde lange Zeit nichts. Lieber versuchte er selbst, die seit Jahrzehnten schwächelnde Vertriebsschiene auf Vordermann zu bringen. Ohne Erfolg. Im vergangenen Sommer schließlich konnten ihn seine Berater davon überzeugen, die Führung der Karstadt-Häuser an seinen Vorstandskollegen Helmut Merkel abzutreten. Der müht sich nun seit Juni. Allein im vergangenen Jahr sackte der Umsatz der Sparte um 3,9 Prozent ab. Im laufenden Jahr könnten es ? so konzerninterne Berechnungen ? weitere drei Prozent werden.Die trübe Geschäftsentwicklung steht im krassen Widerspruch zu den vollmundigen Versprechungen Urbans kurz nach seinem Antritt in Essen: Schon 2001 sollte der Umsatz um sieben Prozent klettern ? es wurden aber nur vier. Den Gewinn vor Steuern wollte er bis 2003 auf über 700 Millionen Euro verdreifachen ? stattdessen könnte es nun sogar ein Minus werden.Seine Versprechungen spiegelten schon damals den hohen Erfolgsdruck wider: Hans Meinhardt, Entsandter des Großaktionärs Schickedanz im Karstadt-Quelle-Aufsichtsrat, hatte im Juli 2000 sogar seinen Jagdfreund Walter Deuss in Essen fallen lassen, um Urban auf den Chefposten zu hieven.Der Mann, der zuvor als zweite Metro-Spitze von Aufsichtsratschef Erwin Conradi geschasst wurde, war für Karstadt zunächst ein Glücksfall. Er setzte scharfe Personalschnitte durch, verhandelte mit Lieferanten neu und sparte so 200 bis 300 Millionen Euro ein. Aber den Kundenschwund in seinen Häusern stoppte er nicht. Allein im vergangenen Jahr büßte der Versandhandel über zwei Prozent seiner Erlöse ein. Der Ferienkonzern Thomas Cook, an dem Karstadt und Lufthansa je zur Hälfte beteiligt sind, könnte Urban einen Verlust von bis zu 150 Millionen Euro bescheren.Hauptkonkurrent Metro hingegen legt immer wieder Rekordergebnisse vor ? eine Schmach für Urban, der wegen des polternden Abgangs bei der Metro auf seinen alten Arbeitgeber nicht gut zu sprechen ist.?Mit Urbans Ergebnissen sind wir alles andere als zufrieden?, sagt denn auch ein Aufsichtsrat nicht nur mit Blick auf den Karstadt-Aktienkurs, der seit Dezember von 23,75 auf unter 18 Euro fiel. Eine Ablösung werde im Kontrollgremium dennoch nicht diskutiert, heißt es. Zum einen läuft Urbans Vertrag bis 2009, zum anderen findet sich offenbar niemand, der den schwierigen Job übernehmen könnte.Dass bei Karstadt-Quelle vermutlich kein anderer als Urban selbst den Überblick behält, ist das Werk des Vorstandsvorsitzenden selbst. Während die Metro ihr Geschäft konzentriert, hat er einen Gemischtwarenladen zusammengekauft. Dazu gehören Finanz- und Versicherungsdienste ebenso wie eine Beteiligung am Deutschen Sportfernsehen (DSF), an der Cafékette Starbucks und Fitness-Studios.Das ist seine Idee des ?integrierten Handels- und Dienstleistungskonzerns?. Was sich dahinter verbirgt, wird er nicht müde Skeptikern immer wieder zu erklären. Er legt dann seine Stirn in Falten, schaut seinem Gegenüber über den Rand seiner halben Brille fest in die Augen und spricht verschwörerisch: ?Unsere Aufgabe kann es doch in Zukunft nicht mehr nur sein, Ware zu verkaufen.? Aber ohne dieses Geschäft geht es auch nicht.
Dieser Artikel ist erschienen am 11.02.2004