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Nur keine Hemmungen

Von Martin-W. Buchenau, Handelsblatt
Jürgen Geißinger führt den Autozulieferer Schaeffler mit harter Hand, schießt aber manchmal über das Ziel hinaus.
MÜNCHEN. Jürgen Geißinger ist ein Mann klarer Worte. ?Wir brauchen längere Arbeitszeiten in Deutschland. Ich verstehe die Gewerkschaften nicht, die immer erst längeren Arbeitszeiten zustimmen, wenn dem Unternehmen das Wasser schon bis zum Hals steht. Wir müssen vorher was tun, damit es erst gar nicht dazu kommt?, sagt der promovierte Maschinenbauer in der aktuellen Auseinandersetzung mit den Beschäftigten. Er weiß wohl, dass er damit in der derzeitigen Tarifdiskussion bei VW und Opel für Schlagzeilen sorgt.Geißinger weiß, wovon er spricht. Der 45-Jährige ist Chef der Schaeffler-Gruppe im fränkischen Herzogenaurach. Er führt einen der größten deutschen Automobilzulieferer mit 7 Milliarden Euro Umsatz und über 50 000 Beschäftigten.

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Er hat beim weltweit zweitgrößten Wälzlagerhersteller Karriere gemacht. 1998, zwei Jahre nach dem Tod des Firmeninhabers Georg Schaeffler, wird Geißinger überraschend Chef der Geschäftsleitung der damaligen INA-Gruppe, schon damals einer der größten Nadel- und Wälzlagerhersteller der Welt. Er genießt das volle Vertrauen der Erbin Maria-Elisabeth Schaeffler. Geißinger ist fleißig, sehr fleißig, scheut keinen 20-Stunden-Tag und beantwortet E-Mails seiner Mitarbeiter schnell und direkt. Jeden Monat jettet er zu einem der 80 weltweiten Standorte, schaut nach dem Rechten und geht ins Detail.Die Beziehung zu ihrem Top-Manager bezeichnete die Firmen-Patriarchin einmal als ?engen persönlichen Draht? und ?professionelle Symbiose?. Seit seinem Amtsantritt hat der junge Chef des als verschwiegen geltenden Familienunternehmens mächtig für Furore gesorgt. Ein Jahr nach seinem Start holte er die 50-Prozent-Tochter Luk in den Konzern. Der Kupplungsspezialist ist weltweit in jedem vierten Auto vertreten. 2001 folgte der Coup mit dem Kauf des börsennotierten Konkurrenten FAG Kugelfischer. Er sorgte als erste feindliche Übernahme eines börsennotierten Unternehmens durch ein Familienunternehmen für Wirtschaftsschlagzeilen. ?Wir sind mit der Integration jetzt weitgehend durch?, zieht Geißinger heute Bilanz.Der Schwabe gehört nicht zu den Managern, die lange fackeln, wenn sie einmal eine Entscheidung getroffen haben. Der 45-Jährige liebt das offene Wort, legt die Fakten seiner meist extremen Position offen auf den Tisch. ?Ich diskutiere hart in der Sache?, sagt der promovierte Maschinenbauer mit den hellblauen Augen von sich selbst.Gewerkschafter sehen in ihm einen knallharten Verhandler, der immer versucht, das Maximale herauszuholen, und sich nur sehr widerwillig mit weniger zufrieden gibt. Doch manchmal muss auch Geißinger klein beigeben. 1000 Stellen wollte er bei FAG abbauen und den Standort Eltmann schließen. Herausgekommen ist ein Kompromiss. Der Standort bleibt erhalten, nur 600 Leute müssen gehen. Er schließt sogar einen Beschäftigungspakt für die FAG-Werke bis 2008 ab.Geißinger verhandelte zwar nicht direkt mit den Beschäftigten, war aber als Aufsichtsratschef immer voll informiert. Wer ihn kennt, weiß, dass er sich nicht auf Dauer mit diesem Kompromiss begnügen wird. Im Gegenzug wird er bei den INA-Werken knallhart bleiben. Dort streben die Gewerkschaften ebenfalls eine Regelung für alle Werke in Deutschland an. Im Werk Lahr, das nicht der Tarifbindung unterliegt, hat die Belegschaft auf massiven Druck hin gegen Investitionszusagen bereits der 40-Stundenwoche zugestimmt. Luk arbeitet schon seit langem 40 Stunden.In dieser Woche wird verhandelt. Die Gewerkschaften wollen bei der Arbeitszeit keine Zugeständnisse machen. Geißinger hofft, mit seiner typisch schwäbischen Argumentation ? ?Wir wollen den Leuten nicht an den Geldbeutel? ? durchzukommen. Angesichts der Wettbewerbssituation seien 36 Minuten Mehrarbeit am Tag durchaus zumutbar. Die Gewerkschaften fürchten einen Flächenbrand, wenn sie nachgeben.?Er geht über Menschen hinweg?, sagt FAG-Betriebsratschef Norbert Lehnhard, der Geißinger aus Aufsichtsratssitzungen kennt. Im Umgang sei Geißinger hingegen zwar direkt, aber korrekt.Geißinger hat einen klaren Blick für die Dinge. Dass bei FAG vor der Übernahme durch die INA zu lange zu wenig investiert wurde, geben auch die Beschäftigten zu. Dennoch geht ihm manchmal eine allzu spitze Bemerkung über die Lippen, wenn er beispielsweise Solidaritätskundgebungen vor den Werkstoren in Eltmann als ?Betroffenheitstourismus? bezeichnet. Auch die Ankündigung, ein Produkt aus dem Werk, das sich am solidarischsten mit Eltmann gezeigt hat, nach Eltmann zu verlagern, um mal zu sehen, ?wie es wirklich mit der Solidarität steht?, spricht nicht gerade für einen taktvollen Umgang, der sonst in Familiengesellschaften gepflegt wird.Aber Firmeneignerin Schaeffler gibt dem Manager freie Hand. Er dankt es mit Loyalität. Für die Kampfparolen bei der Auseinandersetzung bei FAG, wo der Firmeneignerin Profitgier unterstellt wird, zeigt er kein Verständnis. ?Das gesamte Vermögen der Familie steckt im Unternehmen.? Jährlich werden aus dem Cash-Flow 600 Millionen Euro investiert. Allerdings hütet die Familie das Geheimnis, wie viel Geld das Unternehmen wirklich verdient und nährt damit unwillkürlich die Begehrlichkeiten bei den Gewerkschaften.Geißinger wird in den Verhandlungen hart bleiben und droht offen mit der Verlagerung ins Ausland.
Dieser Artikel ist erschienen am 03.11.2004