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Nur die Feinsten

Rainer Steppan
Dieter Rickert ist Deutschlands erfolgreichster Headhunter. Unorthodoxe Praktiken und die Affäre um seinen Ex-Partner kratzen das Alleskönner-Image des Consultants nicht an.
Was für ein Höllenlärm im Konzertsaal des traditionsreichen Gürzenich in Köln: Mit schrägen Tönen beschallen ein Klarinettist und ein Computermusiker das Publikum. In der ersten Reihe schreckt der Bundespräsident aus einem Nickerchen hoch, und einige der längst ergrauten Zuhörer verziehen ihre wachsfarbenen Gesichter.

Nicht so der braun gebrannte, hoch gewachsene Dieter Rickert, dessen wacher Blick über das Auditorium streift. Was macht Deutschlands erfolgreichster Headhunter auf der Veranstaltung des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft? Richtig: Er liegt auf der Lauer.

Die besten Jobs von allen


"König der Kopfjäger" - diesen Titel verlieh der Buchautor Kaevan Gazdar dem heute 61-jährigen Rickert. Doch die Bezeichnung passt nicht so recht auf diesen Mann, denn allzu oft jagt er keine Köpfe, sondern Aufträge. Er verbringt einen großen Teil seiner Zeit damit, Kandidaten auf Spitzenposten zu bugsieren, von denen er weiß, dass sie auf einen Wechsel erpicht sind.

Dieses Maklergeschäft betreibt Rickert auf hohem Niveau. Mit "irgendwelchen 400.000-Marks-Leuten" befasse er sich nicht, sagt der Headhunter. Allein schon der Ton, mit dem er über solch "arme Würstchen" spricht, soll keinen Zweifel daran aufkommen lassen, dass er ausschließlich Führungskräfte mit mindestens einer halben Million Mark Jahresgehalt platziert.

Der Grünwalder ist in Wirtschafts-Kreisen bekannter als ein bunter Hund. Nicht nur wegen der Öffentlichkeitsarbeit in eigener Sache. Wichtiger noch sind Rickerts persönliche Kontakte zu den Einflussreichen der deutschen Industrie. Sein Netzwerk knüpfte der Wirtschaftswissenschaftler bereits in den 70-er Jahren als Redenschreiber und Kabinettschef von Hans-Günther Sohl. Der Job beim ehemaligen Thyssen-Vorstandschef und Präsidenten des Bundesverbands der Deutschen Industrie war für Rickert Gold wert. Der Headhunter kennt viele Aufsichtsräte seit dieser Zeit. Und er hat an ihren Karrieren gestrickt, wie bei Bahn-Chef Hartmut Mehdorn, den Rickert einst von Airbus zur RWE-Tochter Heidelberger Druckmaschinen AG lotste. Für die Heidelberger hatte ein Konkurrent monatelang vergeblich nach einem passenden Kandidaten gesucht, als Rickert mit Mehdorn den Treffer landete.

Verständlich, dass sich viele Konkurrenten über Rickert den Mund zerreißen, obwohl sie sich oft selbst nicht an jene Spielregeln halten, die beispielsweise die Frankfurter Vereinigung Deutscher Executive-Search-Berater (VDESB) aufgestellt hat. Nach dem Ehrenkodex dürfen die Consultants erst tätig werden, wenn sie einen Auftrag in der Tasche haben. Auch das so genannte Windhundrennen ist verpönt: die Vergabe eines Suchauftrags an mehrere, wobei oft nur der ein Honorar erhält, dessen Kandidat sticht. Rickert stört s nicht. Er profitiert von seinem Ruf als Mann für schwierige Fälle.

Das Alleskönner-Image festigte Rickert in den Jahren kurz nach dem Fall der Berliner Mauer. Damals suchte die Treuhand händeringend Führungskräfte für ihre Niederlassungen und für die Privatisierung der DDR-Staatsbetriebe. Keine leichte Aufgabe, denn jeder Manager wusste ja, dass die Treuhand nur auf absehbare Zeit existieren und die Betriebe bald in fremde Hände übergehen sollten. Deswegen winkten viele Kandidaten aus dem Westen ab. Dennoch schaffte es Rickert, alle Aufträge in Rekordzeit zu erledigen.

Andere Headhunter hatten das Nachsehen. Wütend protestierte der damalige Vorstandsvorsitzende der VDESB Jürgen B. Mülder bei der Treuhand. Den Personalvorstand der Treuhandanstalt, Alexander Koch, den Rickert auf diesen Posten platziert hatte, bezeichnete Mülder als "Totengräber" der seriösen Personalberaterzunft, weil er mit Rickert "auf Zuruf mit Erfolgshonorar ohne gründliche Recherche und Beratung" zusammen gearbeitet habe.

Bereits 1991 erzielte Rickert zusammen mit seinem damaligen Partner Hubert Johannsmann über 10 Millionen Mark Jahresumsatz, davon etwa ein Drittel mit Aufträgen von der Treuhand. Auch heute noch floriert das Geschäft, obwohl sein Ruf mittlerweile nicht nur wegen unorthodoxer Praktiken gelitten hat. So verschaffte Rickert einer Reihe von Managern lukrative Jobs in der Zentrale der Expo 2000 Hannover GmbH, welche die Weltausstellung zu organisieren hatte.

Den mit 700.000 Mark dotierten Chefposten bekam Konrad Heede, ein pensionierter Finanzmanager. Der Rentner erwies sich als Fehlbesetzung und wurde ebenso mit einer dicken Abfindung entlassen wie andere von Rickert in Hannover untergebrachte Manager. Kritik daran pariert der Headhunter mit der Bemerkung, Heede sei genau der Mann gewesen, den die Auftraggeber bestellt hätten: Ein harter Controller, der über die knappen Budgets wachen sollte. Dass sie nachher einen anderen wollten, sei nicht seine Schuld.

Schlimmer als die Expo-Schlappe dürfte für Rickert der Imageschaden durch den schweren Streit mit seinem Ex-Partner sein, von dem er sich 1998 trennte. Der Düsseldorfer Headhunter Johannsmann, der von Rickert jahrelang alle Aufträge zugeschanzt bekam, die unter der 500.000-Mark-Grenze lagen, versucht bis heute, den Grünwalder bei jeder Gelegenheit zu diskreditieren. Zwar lässt sich Rickert nicht aus der Reserve locken und straft den Düsseldorfer mit Verachtung. Doch denkt sich da mancher, dass es mit der Menschenkenntnis eines Consultants, der mit einem notorischen Intriganten zusammen gearbeitet hat, nicht weit her sein kann.

Trotz der Affäre hat Rickert weiter freien Zugang zu seinen Auftraggebern. Auch hier, im Kölner Gürzenich. Das Konzert ist kaum verklungen, da nimmt der Headhunter einen Mann ins Visier. Es ist Jens Odewald, Ex-Kaufhof-Chef, heute im Aufsichtsrat von Tchibo. Vielleicht kann er jemand aus Rickerts Angebot brauchen.
Dieser Artikel ist erschienen am 15.10.2001