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Nur die eigene Stärke zählt

Von U. Schulte Döinghaus
Wie optimistisch blicken junge Entscheider in ihre berufliche Zukunft? Mit welchen Strategien stellen sich die Manager von morgen ihrer Zukunft, und wie gehen sie mit den aktuellen Herausforderungen ihres Erwerbslebens um? Antworten auf diese Fragen gibt eine aktuelle sozialwissenschaftliche Studie.
Die wissenschaftlich aufwendige Untersuchung ? vor der Studie wurden in vorgeschalteten ?Tiefeninterviews? die Themen herausgefiltert ? wurde Anfang 2007 von der Marktforschungs-firma ?Denkstelle Hamburg? durchgeführt und von der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft Pricewaterhouse-Coopers (PwC) Deutschland in Auftrag gegeben.Warum? Hans Wagener, PwC-Vorstandssprecher, nennt zwei Gründe: ?Die Manager von morgen werden unsere Kunden sein, deren Betrachtung gesellschaftlicher und beruflicher Verhältnisse uns heute schon interessieren muss?. Und: ?Jährlich kommen 1 200 Hochschulabsolventen zu uns. Wie können wir sie einordnen? Worauf müssen wir uns einstellen, was erwarten sie beispielsweise von einer ,Work-Life-Balance???

Die besten Jobs von allen

Derlei Ausbalancierungen, über die zu sprechen neuerdings in Mode gekommen ist, scheinen die Manager von morgen aber eher nüchtern zu betrachten. ?Der geringe Anteil der ,Work-Life-Balancer? hat mich schon etwas überrascht?, sagt Wagener. Offenbar ist die Bereitschaft künftiger Manager erheblich, privat durchaus erhebliche Einschränkungen hinzunehmen, um beruflich voranzukommen. Dahinter steckt nicht (nur) pure Erfolgslust, sondern auch die ?Angst vor Arbeitslosigkeit?, die inzwischen auch vor den kommenden Eliten nicht Halt mache, wie die Studie konstatiert. Drei von vier Jungmanagern haben ihr zufolge Angst, ihren Arbeitsplatz zu verlieren.Auf soziale Sicherungssysteme verlassen sie sich nicht, sondern auf ihre eigenen Stärken, ihr eigenes Können. Dieses Vertrauen in die eigene Leistungsfähigkeit ist unter den Nachwuchsführungskräften so weit und stark verbreitet wie kaum eine andere Haltung. Sie ist zugleich gepaart mit einer überraschenden Fortschrittsgläubigkeit, mit fester Zuversicht, dass gesellschaftliche und wirtschaftliche Probleme lösbar sind.Auslandsaufenthalte, Auslandsstudium und -jobs ? das Leben und Arbeiten in der Fremde ist für die Manager von morgen quasi zur Selbstverständlichkeit geworden, besonders bei den Jüngeren. Jeder dritte Trainee, so ergibt die Studie, hat schon einmal darüber nachgedacht, aus Deutschland wegzugehen.Das Vertrauen in die Kompetenz des demokratischen Systems in Deutschland ist davon übrigens nicht berührt. Ihm trauen die meisten Befragten zu, wirtschaftliche und gesellschaftliche Probleme zu lösen. Nur jeder zehnte Nachwuchsmanager ist offen skeptisch, erwartet von der Demokratie nichts Gutes. Ängste und Erwartungen sind zugleich die Motoren einer Lebens- und Berufsplanung, die entweder so gut wie gar nicht stattfindet oder allenfalls in Fünf- oder Sechs-Jahres-Zyklen.Lesen Sie weiter auf Seite 2: ?Wait and see? ? so lautet bei vielen das Motto. Einer der befragten Nachwuchsmanager sagt: ?Ich habe keine Ahnung, ob ich das, was ich jetzt mache, mein ganzes Leben lang machen werde. Mich reizen noch viele andere Dinge, und ich kann mir gut vorstellen, dass ich noch einmal etwas ganz anderes mache. Vielleicht etwas, was es jetzt noch gar nicht gibt.?So oder so ähnlich argumentieren fast alle Nachwuchsführungskräfte: durchweg mit gut entwickeltem Selbstbewusstsein, was die eigenen Stärken und Möglichkeiten angeht. Mit überschaubaren Ziel- und Zeitkorridoren im Blick. Und mit einer abwartend-skeptischen Gelassenheit, in der sich Gespür für das Machbare mit einer positiven ?Da schaun mer mal?-Attitüde verbindet. ?Ich warte ab?, so ein Befragter im Originalton, ?was in Zukunft passiert, irgendwie komme ich schon klar. Warum soll ich mir den Kopf über Dinge zerbrechen, die dann doch nicht eintreten??Die ?Wait and see?-Methode nennen die Verfasser diese weit verbreitete Haltung. Sie gehört zu den 33 ?Strategiesplittern? ? das sind strategische Handlungsmöglichkeiten, mit denen die befragten Führungsnachwuchskräfte in ihren beruflichen und privaten Lebensläufen rechnen, mal mehr und mal weniger. ?Die Verantwortung jeder Generation für sich selbst? ist eine dieser eher nüchternen Haltungen wie auch ?die Verkleinerung bestimmter Probleme?, das ?ständige Sich-offen-Halten? oder ?die Stärkung der Familie als Gegengewicht zu beruflichen Risiken?.Ob sie erst als Trainee am blutigen Anfang ihrer Laufbahn stehen oder ob sie als knapp 40-Jährige schon Führungsverantwortung haben ? Familie hat für die Manager von morgen Priorität. Ein befragter Boss in spe: ?Ich bin in einer wunderbaren Familie groß geworden, und was ich heute bin, ist ohne mein Familienleben gar nicht denkbar.?Die Wertschätzung der Familie hat aber auch noch einen anderen gesellschaftlichen Hintergrund, sagt Wagner. Viele künftige Führungsverantwortliche und Leistungsträger hätten Scheidungs- und Trennungserfahrungen im eigenen Elternhaus traumatisch erlebt und wüssten den Wert der Familie heute umso besser zu schätzen. Sie empfinden ? ganz modern ? die Familie als emotionalen Schutzraum, der es ermögliche, so die Studie, den beruflichen und gesellschaftlichen Herausforderungen gewachsen zu sein.
Dieser Artikel ist erschienen am 25.07.2007