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Notfallpatient Medizin

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Das Urteil kam überraschend, dafür umso vernichtender. Es trifft die Privat-Uni Witten/Herdecke ausgerechnet an ihrem Herzstück. Die Medizinerausbildung entspreche nicht den Mindestanforderungen, müsse von Grund auf neu konzipiert oder aber eingestellt werden, heißt es im aktuellen Gutachten des Wissenschaftsrates.
Das Urteil kam überraschend, dafür umso vernichtender. Es trifft die Privat-Uni Witten/Herdecke ausgerechnet an ihrem Herzstück. Die Medizinerausbildung entspreche nicht den Mindestanforderungen, müsse von Grund auf neu konzipiert oder aber eingestellt werden, heißt es im aktuellen Gutachten des Wissenschaftsrates.Hauptkritikpunkte des mächtigen Gremiums, das Empfehlungen für die Landesregierung ausspricht: An der Hochschule werde so gut wie keine Forschung betrieben, und auch das Niveau der Lehre an der einst so hoch gelobten Reformfakultät, die in der Ausbildung auf den frühen Kontakt zum Patienten und auf selbstbestimmtes Lernen setzt, sei allenfalls durchschnittlich. Besser, man gebe den Studiengang gleich auf, sagt Karl Max Einhäupl, Vorsitzender des Wissenschaftsrates, unverblümt. Die NRW-Landesregierung räumt der Wittener Vorzeigefakultät indes eine Gnadenfrist ein: Zum Sommersemester 2006 darf die Universität noch Studienanfänger in Medizin aufnehmen, danach aber müsse ein tragfähiges Konzept her, damit in Witten/Herdecke weiter Ärzte ausgebildet werden dürfen.

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Medizin soll weiterleben
Uni-Präsident Wolfgang Glatthaar gibt sich kämpferisch: ?Ich bin mir sicher, dass wir diese Herausforderung mit Bravour bewältigen können.? Für ihn steht fest: Eine Abschaffung der medizinischen Fakultät kommt nicht in Frage. ?Das ist keine Option ? ohne Wenn und Aber.? Vor allem in der vom Wissenschaftsrat beanstandeten Forschung und Vernetzung mit anderen Instituten will die Uni nachbessern. Im Bereich der Lehre aber weist Glatthaar die Kritik als in vielen Punkten unbegründet zurück. So seien etwa Durchfallquoten von 50 Prozent auf der Basis von zwei Prüfungsteilnehmern ermittelt worden.Zweifelhafte Datenbasis Prominente Schützenhilfe erhält Witten/Herdecke hier von Klaus Landfried, dem ehemaligen Präsidenten der Hochschulrektorenkonferenz: ?Die Frage danach, wie und nach welchen Kriterien die Qualität einer Medizin-Ausbildung zu bewerten ist, wird vom Wissenschaftsrat überhaupt nicht erörtert. Stattdessen wurde mit rein quantitativen Messgrößen gearbeitet, die für sich keine Qualitätsaussagen zulassen?, sagte Landfried gegenüber karriere. Auch Rudolf Henke, stellvertretender Vorsitzender des Marburger Bundes, hätte ein derart harsches Urteil nicht erwartet: ?Vor allem ist erstaunlich, mit welcher aggressiven Haltung die Kritik jetzt vorgetragen wird?, wundert er sich.Finanziell auf dünnem EisDahinter könnte durchaus politisches Kalkül stecken, mutmaßt Henke. Bisher bezieht die Universität 14 Prozent ihres Etats aus Landesmitteln, ab 2006 soll die Förderung eingedampft werden, darüber hinaus ist noch nichts verhandelt. Tatsächlich könnte die Finanzknappheit der Uni das Genick brechen: Fast ein Drittel ihres Haushaltes finanziert sie über Stiftungsgelder. Und Großspender Bertelsmann (1,8 Millionen Euro pro Jahr) hat sich im vergangenen Jahr aus der Förderung zurückgezogen. Leicht wird es Witten/Herdecke jetzt sicher nicht haben, neue Geldgeber aufzutun.
Dieser Artikel ist erschienen am 27.07.2005